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Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 1: Sprachsystemgeschichte

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Klaas-Hinrich Ehlers

Der erste Band der mecklenburgischen Sprachgeschichte rekonstruiert den Strukturwandel der regional gebundenen Varietäten des Deutschen im Norden Mecklenburgs. An ausgewählten Variablen aus der Phonetik/Phonologie, Morphosyntax und Lexik wird die diachrone Entwicklung des Niederdeutschen und des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer kontaktlinguistischen Wechselwirkung mit dem überregionalen Standard herausgearbeitet. Erstmals in der modernen Regionalsprachenforschung bezieht die Studie auch die Herkunftsvarietäten der vielen Vertriebenen ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land kamen. Die korpusbasierten Variationsanalysen zeigen die sprachlichen Folgen auf, die die Vertriebenenimmigration für die sprachlichen Ausgleichsprozesse in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen hatte.

Dieses Buch ist mit dem Johannes-Sass-Preis 2018 ausgezeichnet worden.

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1. Gegenstand der Untersuchung

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1.  Gegenstand der Untersuchung

1.1  Die sprachlichen Folgen der Vertreibung der Deutschen für die Zuwanderungs­gebiete: eine Forschungslücke

Während der Zeit des Nationalsozialismus war Deutschland zum „Zentrum der europäischen Massenzwangswanderung“ (Bade / Oltmer 2007: 155) geworden, das Zwangsrekrutierungen, Deportationen, Umsiedlungen, Kriegsgefangennahmen und ethnische Säuberungen über ganz Europa verbreitete. Die militärischen und politischen Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkrieges setzten dann auch innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung Mittel- und Osteuropas Migrationsbewegungen ungekannten Ausmaßes in Gang. Schon in den letzten Kriegsjahren wurden Flucht vor Gewalt und gewaltsame Vertreibungen, die zuvor vom Dritten Reich ausgegangen waren, zu einem Schicksal, das nun auch die Deutschen selbst ereilte. Mit der behördlich veranlassten Evakuierung der bombenbedrohten Städte des Deutschen Reiches wurde die städtische Wohnbevölkerung ab 1943 erstmals zu Hunderttausenden zum Ortswechsel in ländliche Gebiete bewegt. Ab Oktober 1944 setzte dann die Flucht der deutschen Bevölkerung Ostpreußens und Pommerns vor der heranrückenden Roten Armee ein. Es folgten ab Frühjahr 1945 die von gewaltsamen Übergriffen begleiteten, sogenannten „wilden Vertreibungen“ der Deutschen aus den östlichen Siedlungsgebieten innerhalb und außerhalb der ehemaligen Reichsgrenzen. Dieser ersten Vertreibungswelle schloss sich ab Juli 1945 als zweiter Migrationsschub die systematische Zwangsaussiedlung der dort noch verbliebenen oder der dorthin bei Kriegsende zurückgewanderten deutschen Bevölkerungsteile an. Durch Flucht und Vertreibung wurden die ehemals weit ausgedehnten und dialektal reich gegliederten deutschen Sprachregionen Mittelost- und Osteuropas von deutschsprachigen Bewohnern weitgehend geräumt.

Für die Aufnahmegebiete dieser Zwangsmigrationen, also für die spätere BRD und DDR, bedeuteten Flucht und Vertreibung, dass mehr als zwölf Millionen Menschen, die zwischen Herbst 1944 und Ende 1946 dort eintrafen, untergebracht, medizinisch versorgt und ernährt werden mussten. Die Flüchtlinge und Vertriebenen ihrerseits mussten sich in den Aufnahmegebieten in Lebens- und Arbeitswelten integrieren, die von Zerstörung und ← 15 | 16 → tiefgreifenden politischen Systembrüchen geprägt waren. Die amerikanische wie die sowjetische Militäradministration waren gleichermaßen bestrebt, keine geschlossenen Ansiedlungen von Vertriebenen gleicher Herkunft entstehen zu lassen. Sie sorgten im Sinne einer zukünftigen Integration der Zuwanderer für eine möglichst weiträumige Verteilung der eintreffenden Transporte, soweit sich dies in den chaotischen Verhältnissen in den ersten Monaten nach Kriegsende durchsetzen ließ.2 Dieses Verteilungsprinzip führte zu einer nahezu vollständigen sozialen und räumlichen Durchmischung der Herkunftsgruppen in den Einwanderungsgebieten.

Man hat Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges „mit den Bevölkerungsverschiebungen vergl[i]chen, die in Deutschland im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg stattgefunden haben“ (Moser 1956: 141), oder mit der Völkerwanderung der germanischen Stämme in der Spätantike gleichgesetzt (Leopold 1970 [1959]: 340). Auch wenn man diesen Vergleichen nur bedingt folgen möchte, kann man doch sagen, dass der zahlenmäßig unerhört große und zeitlich extrem abrupte Migrationsschub aus der Perspektive der betroffenen Individuen wie der deutschen Gesellschaft fraglos zu den folgenreichsten Umbrüchen der neueren deutschen Geschichte gehört. Dieser gesellschaftsgeschichtliche Umbruch markierte zugleich eine tiefe Zäsur in der jüngeren Sprachgeschichte des Deutschen. Sie zog sich nicht nur in Gestalt millionenfacher Brüche durch die Sprachbiographien der Betroffenen, sondern verschob den Raum der deutschen Sprachlandschaft als Ganzen und wälzte die Struktur der Sprechergemeinschaften dort vollständig um.

Die zeitgenössische Germanistik war sich durchaus bewusst, dass Flucht und Vertreibung nicht nur katastrophale Folgen für den Bestand der ehemaligen deutschen Dialekte der östlichen Vertreibungsgebiete haben würden, sondern auch in den Zuwanderungsgebieten im Westen „bestimmt einen starken Wandel der Volkssprache und vielleicht teilweise das Aufgeben der Mundart“ (Krauß 1950: 33) nach sich ziehen würden. In dem erwarteten bzw. befürchteten Sprachwandel und Dialektverlust wurde nicht selten sogar der genuine Gegenstand der bundesdeutschen Dialektforschung nach dem Krieg gesehen. Hugo Moser beispielsweise, der 1956 die erste ← 16 | 17 → umfassende Erörterung zum Zusammenhang von „Umsiedlung und Sprachwandel“ vorlegte, verschrieb der germanistischen Linguistik seiner Zeit ausdrücklich das folgende Forschungsprogramm:

Die Forschung sollte nicht nur das versinkende sprachliche und volkskundliche Gut der Heimatverwiesenen vor seinem Untergang energisch und planvoll erfassen und aufnehmen, sondern auch die Mischungsvorgänge, die sich ihr noch nie in solcher Breite und Eindringlichkeit dargeboten haben, in ihren einzelnen Phasen verfolgen. (Moser 1956: 141)

„Die Mundartforschung“, so schrieb auch der Leiter des Preußischen Wörterbuchs 1957, „hat vielleicht nie so günstige Gelegenheit gehabt, sprachlichen Wandel und sprachlichen Ausgleich zu beobachten und zu registrieren wie in unserer Gegenwart“ (Riemann 1957: 28). Diese „günstige Gelegenheit“ hat die zeitgenössische Germanistik also sehr wohl erkannt, aber in ihrer Forschungspraxis nahezu vollständig verpasst.3 Die westdeutsche Sprachwissenschaft der 1950er und der 1960er Jahre verlegte sich angesichts des drohenden Untergangs der ostdeutschen Herkunftsdialekte der Vertriebenen vorrangig auf rekonstruktive und dokumentarische Schwerpunkte, die sich vor allem in lexikographischen Großprojekten zu den Dialekten der Vertreibungsgebiete manifestierten. Hier ging es, wie von Moser (1956: 141) gefordert, darum, in Dialektwörterbüchern „das versinkende sprachliche und volkskundliche Gut der Heimatverwiesenen vor seinem Untergang energisch und planvoll [zu] erfassen“.4 Die in den Sozialwissenschaften durchaus vorhandenen Ansätze einer damals so genannten „Eingliederungsforschung“5 beschränkten sich in der Sprachwissenschaft dagegen nur auf sporadische und überdies episodische Beobachtungen zu ← 17 | 18 → Sprachwechsel und Mehrsprachigkeit unter den Zuwanderern.6 Sprachliche „Mischungsvorgänge“ (Moser 1956: 141) und Verschiebungen im Varietätengefüge der Aufnahmegebiete blieben nahezu unbeachtet.

Seit dem Ende der 1960er Jahre wurden die sprachlichen Ausgleichsprozesse, die nach der Immigration der Vertriebenen einsetzten, für Jahrzehnte völlig aus dem Forschungshorizont der bundesdeutschen Linguistik ausgeblendet. Obwohl die Flüchtlinge und Vertriebenen in der DDR durchschnittlich einen viel größeren Anteil an der Bevölkerung ausmachten als in der BRD, wurden die sprachlichen Nachwirkungen dieser allgegenwärtigen Zuwanderung auch für die DDR-Germanistik nie zu einer eigenen Forschungsfrage. Die beiden monographischen Orts- bzw. Regionalstudien von Erdmann (1992) und Holuba (2000) kamen um Jahrzehnte später und zogen in der Germanistik keine Vergleichsstudien oder breitere Kontroversen nach sich.7 Heute kennen Einführungen in die Migrationslinguistik oder in die Sprachkontakt­forschung das von seinen Dimensionen und Wirkungen her herausragendste Migrations- und Sprachkontaktgeschehen der jüngeren deutschen Sprachgeschichte gar nicht mehr – selbst dort nicht, wo sie explizit die Geschichte des Deutschen behandeln.8 ← 18 | 19 →

Die außerordentlich umfangreiche geschichtswissenschaftliche Forschung zur Integration der Vertriebenen in die Aufnahmegesellschaften der BRD und DDR legt den Schwerpunkt auf Leitlinien und administrative Maßnahmen der Vertriebenenpolitik einerseits, und andererseits auf strukturelle und soziale, zum Teil auch identifikatorische Aspekte der Integration. Sprachlichen Aspekten der Vertriebenenintegration werden in der zeitgeschichtlichen Forschung dagegen allenfalls Randbemerkungen gewidmet. Beispielhaft sei hier nur auf den Regionen vergleichenden Sammelband Integrationen von Krauss (Hrsg. 2008) oder auf die aktuelle Untersuchung von König zu Flüchtlingen und Vertriebenen in der DDR-Aufbaugeneration verwiesen, der als „zentrale integrative Momente für Flüchtlinge und Vertriebene […] Ernährung, Wohnung, Arbeit und Kontakte“ (König 2014: 393) identifiziert, auf die sprachlichen Probleme und Anpassungsstrategien seiner Gewährspersonen aber nur beiläufig zu sprechen kommt. Selbst dort, wo Analysen der „kulturellen Integration von Umsiedlern“ im Zentrum stehen, wird die sprachliche Akkulturation der Vertriebenen nicht als eigener historischer Forschungsgegenstand in Betracht gezogen (Vierneisel Hrsg. 2006). Die von Wille (1993 a: 10) geforderte Einbeziehung von Sprachwissenschaftlern in die zeithistorische Forschung zur Integration der Vertriebenen bleibt bis heute Desiderat.

Da die sprachlichen Folgen der Vertreibung für die Zuwanderungsgebiete nie mehr als punktuell und kaum je auf breiter empirischer Basis erforscht wurden, tradieren Darstellungen zur Geschichte der deutschen Sprache bis heute unhinterfragt Befunde, die bereits in den 1950er Jahren aufgestellt worden sind. Hier steht an zentraler Stelle die schon früh entwickelte Hypothese, es gebe einen engen Zusammenhang zwischen der Zuwanderung der Flüchtlinge und Vertriebenen und dem Dialektabbau bzw. der Nivellierung regionalsprachlicher Spezifika in den Aufnahmeregionen der Vertreibung. Schon Moser hatte resümiert, die „Sprache der Heimatverwiesenen“ habe einen gewissen „Einfluß auf die heimischen Formen der Hoch- wie der Volkssprache“:

Sie fördert das Vordringen der Schriftsprache, sie beschleunigt den Rückgang des Niederdeutschen und verstärkt die schon bestehenden Tendenzen zur Verwischung der örtlichen Mundartunterschiede, zur Bildung von landschaftlichen Ausgleichssprachen, wie wir sie als medium languages in den Vereinigten Staaten und in England schon treffen. (Moser 1956: 140) ← 19 | 20 →

Die vordergründig plausible These, dass die Immigration der Vertriebenen in den Zuwanderungsgebieten der BRD und DDR die langfristig wirkende „Tendenz zur Hoch- und Gemeinsprache und damit die Zurückdrängung der örtlichen und landschaftlichen Besonderheiten wesentlich verstärkt“ (Polenz 1972: 174) und damit „teilweise zum Dialektverlust“ (Polenz 1999: 447) geführt habe, ist seit Jahrzehnten kanonische Lehrmeinung auch der internationalen Germanistik und Linguistik. Wie schon Leopold (1970 [1959]: 344–345) so führen internationale Autoren auch später das „levelling-out of some regionalisms in Standard-German“ (Clyne 1984: 60), den „process of dialect levelling“ (Barbour / Stevenson 1990: 52) oder den „loss of dialect“9 in der jüngeren deutschen Sprachgeschichte zu wesentlichen Teilen auf die Immigration der Flüchtlinge und Vertriebenen zurück. So heißt es auch neuerdings in der History of German von Salmons:

For the German language, the large population movements after the war promoted the shift away from dialect in some areas, such as Schleswig-Holstein, where refugees at a point reached nearly half the population. (Salmons 2012: 288)

Schon die frühen Publikationen zur sprachlichen „Eingliederung“ der Vertriebenen kamen darin überein, dass der immigrationsbeschleunigte Abbau der autochthonen Ortsdialekte gerade in den norddeutschen Regionen „große Einbrüche in die niederdeutsche gesprochene Volkssprache“ (Moser 1956: 138–139) nach sich gezogen bzw. zu einer „unerwartet radikalen Abkehr vom Plattdeutschen“ (Steiner 1957: 150) geführt habe. Die aus dem Kontext der US-amerikanischen Soziolinguistik stammende empirische Studie von Erdmann spitzte diesen Befund später noch zu. In einer Untersuchungsregion bei Lüneburg habe die Ansiedlung der Vertriebenen demnach zu einem sozialen Trauma in der ansässigen Sprechergemeinschaft geführt und „in a matter of months“ (Erdmann 1992: 20) den Rückzug des Niederdeutschen aus den meisten seiner früheren Verwendungsbereiche bewirkt:

The forced and sudden massive immigration of non-LG [Low German] speakers into the target area after World War II caused a social trauma in the speech community by changing its social texture and disrupting a formerly stable diglossia of LG and StG [Standard German], thus leading to a language shift in the first speaker generation. Predominant usage of StG displaced LG in almost all speech domains it formerly controlled. In the second speaker generation abandonment of ← 20 | 21 → LG becomes the rule, and loss of communication competence in LG characterizes the language situation in the third and youngest speaker generation. (Erdmann 1992: 87)

Für das Niederdeutsche in Mecklenburg sehen auch Gundlach (1988: 436) und Schönfeld (1989: 140) in der massenhaften Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen einen der Hauptgründe für den stark beschleunigten Sprachwechsel vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen: „After 1945 the decline of dialect has been added to considerably by the great influx of refugees and others to the area.“10 In den Städten im Norden der DDR habe „die umfangreiche Zuwanderung [überdies] den Rückgang des städtischen Dialekts und lokaler sprachlicher Mittel in der Standardsprache“ (Schönfeld 1989: 167–168) befördert.

Wenn von einem unmittelbaren Zusammenhang zwischen Immigrationsdruck und Dialektabbau ausgegangen wird, kann kaum verwundern, dass nach dem Zweiten Weltkrieg gerade das Niederdeutsche in besonderem Maße unter den Folgen der Vertreibung gelitten haben soll. In den agrarischen Regionen Norddeutschlands erreichte der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung durchweg die höchsten Prozentwerte im gesamtdeutschen Vergleich. Noch 1950 waren 33 % der Einwohner Schleswig-Holsteins und 27,2 % der Einwohner Niedersachsens zugewanderte Vertriebene. Außer in Bayern (21 %) lagen die Anteile der Vertriebenen in den anderen Ländern der jungen Bundesrepublik weit unter 20 % (Kossert 2008: 59). In der Sowjetischen Besatzungszone, die besonders viele Vertriebene aufzunehmen hatte, machten die Immigranten 1949 in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg zwischen 23 % und 24,8 % der Gesamtbevölkerung aus. Unter allen Aufnahmegebieten stand Mecklenburg-Vorpommern mit einem Anteil von 43,3 % Vertriebener unter dem mit Abstand größten Immigrationsdruck.11 ← 21 | 22 →

Es gibt aber auch für die besonders stark von der Zuwanderung betroffenen ostniederdeutschen Regionen eine Reihe von Indizien, die der These eines einfachen Bedingungs­zusammenhanges von massenhafter Immigration und Dialektverlust zuwiderlaufen. So konnten wir bei den Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas in Mecklenburg-Vorpommern die Beobachtung machen, dass ein durchaus erheblicher Teil der Zuwanderer nach 1945 im Kindes- bis jungen Erwachsenenalter das Niederdeutsch ihrer Zufluchtsorte erworben und langjährig gesprochen hat bzw. bis heute spricht. Gezielte Nacherhebungen in der Vorbereitungsphase meiner hier vorliegenden Untersuchung bestätigten diese ersten Beobachtungen schnell (Ehlers 2013). Für die ländlichen Regionen der niederdeutschen Dialektgebiete in Sachsen- Anhalt bringt Föllner präzise Erhebungsdaten. Bei einer Fragebogenerhebung unter allen erwachsenen Bewohnern von sechzehn Dörfern der Börde und der Altmark ergab sich in der Mitte der 1990er Jahre, dass von den dorthin vertriebenen Zuwanderern „rund ein Viertel den Dialekt gut oder sehr gut beherrscht“ (Föllner 1998: 12). In einzelnen Ortschaften, so zeigen nachfolgende sprachbiographische Interviews, liegt der Anteil der niederdeutschkompetenten Vertriebenen mitunter deutlich höher:

Viele der im Ereigniszeitraum jüngeren Vertriebenen haben […] den Dialekt erlernt, so daß mehr als 50 % derjenigen Mitglieder aus der Erlebnisgeneration, die heute noch befragt werden konnten, eine aktive plattdeutsche Sprachkompetenz aufweisen.12 ← 22 | 23 →

Eine „Zäsur“ in der Verwendung des Niederdeutschen und den Sprachwechsel zum Hochdeutschen verlegen die befragten Dorfbewohner überdies erst in „den Zeitraum vom Ende der fünfziger und dem Anfang der sechziger Jahre“ (Föllner 2000: 168), also keineswegs in die Zeit der großen Zuwanderungswelle nach dem Krieg. In den von Föllner und von mir untersuchten Ortschaften hat das Niederdeutsche durch die Zuwanderung der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg also zumindest kurzfristig sogar eine wachsende Sprecherzahl gewonnen.13

Schon in der älteren Fachliteratur zu den Sprachverhältnissen der Nachkriegszeit finden sich immer wieder Mitteilungen, dass immigrierte Vertriebene den Dialekt ihres jeweiligen Zuwanderungsortes gelernt hätten und zum Teil sogar mit Staunen erregender Kompetenz beherrschten. Insbesondere von bidialektalen bzw. dreisprachigen (Standarddeutsch, Herkunftsdialekt, Zieldialekt) Kindern und Jugendlichen unter den Vertriebenen wird häufiger berichtet. Derartige Berichte über die schnelle und sehr gute Adaption der autochthonen Mundarten der Einwanderungsgebiete finden sich bemerkenswerter Weise auch in Darstellungen, die im Übrigen die Vertriebenenimmigration insgesamt für den Rückgang des Dialektgebrauchs verantwortlich machen. Die berichteten Beobachtungen werden dort aber nur als Ausnahmefälle verbucht und ihnen wird nicht systematisch nachgegangen.14 ← 23 | 24 →

Aber die kanonische Annahme eines Bedingungszusammenhanges zwischen der massenhaften Zuwanderung von Vertriebenen und dem Abbau regionaler Sprachformen bezieht sich nicht nur auf die Entwicklung der Basisdialekte, sondern wurde gelegentlich auch für „den Rückgang des städtischen Dialekts und lokaler sprachlicher Mittel in der Standardsprache“ (Schönfeld 1989: 167–168) verantwortlich gemacht. So stellt schon Leopold (1970 [1959]: 347–348) fest, dass im Varietätenkontakt nach 1945 bei einem Aufeinandertreffen von regiolektalem Wortgut aus den Vertreibungsgebieten und Lexemen des Regiolekts15 der Zuwanderungsgebiete der „process of compromise“ bei Zuwanderern wie Alteingesessenen letztlich auf ein gemeinsames Ausweichen auf standardgemäße Lexik hinauslaufe. Clyne (1984: 60) verallgemeinert ähnlich: „this great migration […] may have contributed to a levelling-out of some regionalisms in Standard German“. ← 24 | 25 →

Auch hier gibt es zumindest für Mecklenburg-Vorpommern zuwiderlaufende Indizien. Gernentz (1980: 135) beobachtet, dass sich die Kinder der Vertriebenen und vertriebene Jugendliche so sehr an die Umgangssprache der Alteingesessenen angepasst hätten, dass es schon „in den sechziger Jahren – von Ausnahmen abgesehen – kaum noch möglich gewesen [sei], nach dem individuellen Sprachgebrauch zwischen Einheimischen und Zugezogenen zu unterscheiden“. Bei Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas stellte sich heraus, dass gerade die Nachkommen von Vertriebenen auffallend häufig Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer Interviewsprache verwenden und dabei zum Teil sogar eine stärker ‚mecklenburgisch‘ markierte Redeweise zeigen als gleichaltrigen Vergleichspersonen aus alteingesessenen Familien (Ehlers 2013). Meine später fortgesetzten Untersuchungen bestätigen diese auffallenden Tendenz zur standarddivergenten Übernahme von Merkmalen des mecklenburgischen Regiolekts in den Vertriebenenfamilien, die teilweise bis zur hyperfrequenten Verwendung regionalsprachlicher Marker reicht. Die These von der raschen und umfassenden Nivellierung regionaler Charakteristika im Sprachgebrauch der Zuwanderungsgebiete der Vertreibung ist also auch für den Bereich der regiolektalen Sprachlagen zu relativieren.

Offensichtlich führte die massive Immigration der Vertriebenen jedenfalls in manchen Zuwanderungsgebieten sogar zu einer kurz- oder auch längerfristigen Retardation der laufenden überregionalen Ausgleichsprozesse. In diesen Gebieten brachte die Immigration der Flüchtlinge und Vertriebenen erstens eine wachsende Zahl von Sprechern der lokalen autochthonen Basisdialekte mit sich. Und sie unterstützte zweitens eine Konservierung bzw. eventuell sogar zunehmende Gebrauchsfrequenz von Merkmalen des autochthonen Regiolekts in den standardnahen Sprachlagen. Diese Befunde lassen es geboten erscheinen, die hergebrachten Annahmen eines einfachen Bedingungsverhältnisses zwischen Vertriebenen­zuwanderung und Dialektabbau bzw. zwischen Vertriebenenzuwanderung und standard­konvergentem Varietätenausgleich auf breiter empirischer Basis zu überprüfen, solange die letzten Zeit- und Sprachzeugen der Nachkriegszeit noch leben und befragbar sind. Die überkommenen Vorstellungen vom Verlauf der deutschen Sprachgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte, insbesondere die Annahmen über die Entwicklungen der Nonstandard­varietäten, bedürfen dringend einer zeitlichen, regionalen und sozialen Differenzierung. ← 25 | 26 →

1.2  Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache: Worum geht es?

Eine komplexitätsadäquate Sprachgeschichte des Deutschen, die „neben der Sprachlichkeit auch die Sprachgemeinschaft und das sprachliche Handeln thematisiert“, hat nach Mattheier (1995: 14, 17) idealerweise die vier Dimensionen der „Sprach­systemgeschichte“, der „Sprach­gebrauchs­geschichte“, der „Sprach­bewusstseins­geschichte“ und der „Sprachkontakt­geschichte“ zu umspannen. Die Analyse der strukturellen Veränderungen auf den Ebenen des Sprachsystems „von den Lauten bis in den Satzbereich“16 steht auch nach Mattheiers Modell im Zentrum der sprachhistorischen Analyse. Die Sprachsystemgeschichte wird dabei dezidiert aus ihrer traditionellen Fokussierung auf die Entwicklung der Standardsprache gelöst und auf „strukturelle Beschreibungen aller in einem raumzeitlichen Zusammenhang faßbaren Varietäten und Sprachstile und auch ihrer Wechselbeziehungen zueinander“ (Mattheier 1995: 15–16) ausgedehnt. Unter der Perspektive der Sprachgebrauchsgeschichte sind sodann die „Veränderungen in den soziosituativen Verwendungsweisen“ (ebd.: 15) dieser Varietäten und Sprachstile zu beobachten. In der Dimension der Sprachbewusstseinsgeschichte steht „das systematische und das unsystematische Sprachwissen und die unterschiedlichen Handlungs- bzw. Urteilsmotivationen“ beim einzelnen Sprecher wie in der Sprachgemeinschaft im Zentrum der Untersuchung. Der historische Wandel von Spracheinstellungen und Sprach­wahrnehmungen ist in die Sprachgeschichte einzubeziehen, um deren Relevanz „für die Steuerung von Sprach- und Sprachgebrauchs­wandel“ (ebd.: 16) Rechnung zu tragen.

Schließlich hat die Sprachhistoriographie nach Mattheier zu berücksichtigen, dass der Sprachwandel des Deutschen stets in „direkten Wechselwirkungen“ mit der Geschichte der europäischen Nachbarsprachen stand und hier einerseits „sprachliche[n] Beeinflussungen auf den verschiedenen Ebenen“ und andererseits „soziolinguistischen Wechselwirkungen“ (Mattheier 1995: 7) unterlag. Als Beobachtungsfelder einer Sprachkontaktgeschichte des Deutschen nennt Mattheier beispielhaft die „Emanzipation von der europäischen Kultursprache Latein“, „dann jedoch auch die Ausbildung ← 26 | 27 → der derzeit vorliegenden Sprachgrenzen des deutschen Sprachraumes und die Entwicklungsdynamik an diesen Grenzen heute“ (Mattheier 1995: 17). Hier wäre zu präzisieren, dass die Sprachkontakte mit „den umgebenden Sprach­gemeinschaften“ (ebd.) keineswegs nur an den Außengrenzen des deutschen Sprachraumes zu verorten sind, sondern etwa durch kulturellen Austausch und nicht zuletzt durch die zahllosen Migrationsbewegungen der Geschichte stets auch in das Innere dieses Sprachraumes eingeholt worden sind. Eine deutsche Sprachgeschichte, die eine Historiographie der nationalen Standardvarietät unterschreiten soll, wird überdies gerade auch die Kontakte zwischen den Nonstandardvarietäten des Deutschen in den Gegenstandsbereich der Sprachkontaktgeschichte einzubeziehen haben.17

Das anspruchsvolle Programm einer deutschen Sprachgeschichte, die sprachstrukturelle, soziolinguistische, perzeptionslinguistische und kontaktlinguistische Aspekte des Sprachwandels engführt, ist schon aus forschungspraktischen Gründen einstweilen am ehesten mit einer kleinräumigen bzw. lokalen Fokussierung der Beobachtungsfelder einzulösen. Eine enge Begrenzung des Untersuchungsgebietes erleichtert es, empirische Daten zu allen vier Dimensionen des Sprachwandels in hinreichender Dichte zu aggregieren, die wechselseitig aufeinander bezogen und miteinander trianguliert werden können.

Eine regionale Fokussierung der Sprachgeschichte begründet sich aber vor allem sprachtheoretisch aus dem „sprachliche[n] Raum-Apriori“ (Schmidt / Herrgen 2011: 58). Die Dynamik des Sprachwandels nimmt demnach in den punktuellen Synchronisierungsakten ihren Ausgang, mit denen Gesprächspartner ihr stets partiell unterschiedliches Sprachwissen und Sprachverhalten in der Interaktion aneinander angleichen, „weil sie sich in der Kommunikation von einem übergeordneten Kooperationsprinzip leiten lassen“ (Mikrosynchronisierung, short-term accommodation).18 ← 27 | 28 → Wenn Gruppen von Individuen in ihrem örtlichen Lebensumfeld „über einen längeren Zeitabschnitt an Situationen teilhaben, die für jeden der Beteiligten einen hohen Stellenwert haben“ (Schmidt / Herrgen 2011: 31), führt dies zu Folgen von gleichgerichteten Synchronisierungsakten, in denen ein gemeinsames gruppen- und situationsspezifisches Sprachwissen und Sprachverhalten herausgebildet, verstetigt und wieder modifiziert wird (Meso­synchronisierungen, long-term accommodation).19 Die Herausbildung und der Wandel derartiger gruppen- und situationsbezogener Sprachkonventionen, die als Varietäten beschrieben werden können, sind an Intensität, Dauer, Häufigkeit und soziale Relevanz der Interaktionen in den Kommunikationsgemeinschaften vor Ort gebunden und deshalb immer auch „areal determiniert“ (Schmidt / Herrgen 2011: 58). Daher kann eine regional basierte Sprachgeschichte in den Konzepten der Stadt als „sprachlicher Varianzraum“ (Schröder 2015: 27) oder des „Kommunikationsraumes“ (Krefeld 2004: 26) der Stadtsprachenforschung und der Migrations­linguistik einen adäquaten Beschreibungsrahmen für die diachronen Prozesse finden, innerhalb dessen vor allem die varietäre und soziale Heterogenität der Sprechergemeinschaft im Vordergrund steht. Beide Forschungsansätze können der regionalen Sprachhistoriographie den Impuls vermitteln, in die Rekonstruktion der lokalen bzw. regionalen Varietätendynamik nicht nur die autochthonen Sprecherinnen und Sprecher, sondern auch den Sprachgebrauch ortsansässiger Zuwanderer einzubeziehen.

Auch die Entwicklung der deutschen Sprache selbst bringt es mit sich, dass eine regionale Sprachhistoriographie des Deutschen im 20. Jahrhundert nicht mehr „vor allem den jeweiligen landschaftlichen Beitrag zur ← 28 | 29 → Entwicklung oder Übernahme hoch- und literatursprachlicher Varianten des Deutschen zu beschreiben“ hat (Besch et al. 1998: XXXVII).20 Gegenstand einer regionalen Sprachgeschichte des Deutschen im 20. Jahrhundert kann vielmehr nur die Dynamik sein, die die regionalen Varietäten unter dem Dach der längst etablierten Standardsprache entfalten. Für „die Gesamtheit räumlich gebundener Sprache unterhalb der normierten Standardsprache“ (Lenz 2007: 1) hat die moderne Regionalsprachenforschung den umfassenden Begriff der „Regional­sprache“ geprägt:

Der neu gewonnene Gegenstand ‚Regionalsprache‘ umfasst das areal abgrenzbare Gesamt an nicht-standardsprachlichen Varietäten und Sprechlagen, sowohl großräumig verbreitete Regiolekte als auch kleinräumige Dialekte, und bezieht damit die üblicherweise als Umgangssprachen bezeichneten Varietäten ein, die nun sowohl zu den Dialekten als auch zur Standardsprache ins Verhältnis gesetzt werden und in die Modellierung der Regionalsprache einbezogen werden. (Schröder 2015: 25–26)

Eine Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache umfasst also idealerweise die diachrone Dynamik „des gesamten Spektrums regionaler Variation zwischen den Polen Standardsprache und Basisdialekt“ (Schmidt 1998: 167). Sie hat insbesondere die Entwicklungen der basisdialektalen und der regiolektalen Sprachlagen in der Region Mecklenburg nachzuzeichnen und die Wechselwirkungen zwischen diesen Entwicklungen untereinander und in ihrem Verhältnis zur überdachenden Standardvarietät zu beleuchten.

Bis heute liegen „zur Genese und Entwicklung norddeutscher regionaler Sprachformen und des (hochdeutschen) Norddeutschen insgesamt nur wenige Arbeiten vor“ (Schröder 2015: 51), wenn man einmal von den überwiegend auf die Formengeschichte des Niederdeutschen fokussierten Arbeiten der traditionellen Dialektologie absieht.21 Gerade für Mecklenburg-Vorpommern ← 29 | 30 → ist die Forschungslage allerdings vergleichsweise günstig. Hier kann eine historische Regionalsprachenforschung einige Ergebnisse soziolinguistischer Untersuchungen zur vertikalen Varietätenschichtung unterhalb der „Literatursprache“ aufgreifen, mit denen die DDR-Linguistik die sprachlichen Auswirkungen gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse empirisch zu erfassen suchte. Die klassischen Arbeiten von Dahl (1974) und Herrmann-Winter (1974, 1979) erbrachten merkmalbezogene Analysen zur vertikalen Gliederung des Varietäten­raumes im Umkreis von Rostock und Greifswald. Für die Rekonstruktion des Varietätenwandels in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bieten die Ergebnisse dieser Forschungstradition, die sich später leider ausschließlich auf das Niederdeutsche verlegte, wertvolle Momentaufnahmen aus den 1970er Jahren.

Erst die Dissertation von Huesmann (1998) nimmt dann unter anderem für zwei mecklenburgische Ortspunkte wieder das regionalsprachliche Spektrum in seiner ganzen variativen Spannweite in den Blick. Hier werden – allerdings ausschließlich auf Basis eines Varietätenzensus – erstmals areale Kompetenzverteilungen auch im standardnahen Bereich erhoben und im Vergleich der Großstadt Rostock und der Kleinstadt Sternberg die Abhängigkeit der Varietätenlagen vom Urbanitätsgrad der örtlichen Kommunikationsräume erwiesen. Aus dem Zusammenhang des Marburger Projekts „Regionalsprache.de (REDE)“22 ging schließlich die Untersuchung von Kehrein hervor, die das regionalsprachliche Spektrum für das vorpommersche Stralsund präzise vermisst und merkmalanalytisch charakterisiert.23 Hier werden wie bei Dahl und Herrmann-Winter auch diachronische Fragen angesprochen. Die Datengrundlage geht bei Kehrein auf die Befragung von nur vier Gewährspersonen dreier Altersstufen zurück, deren Sprachverhalten allerdings in fünf bzw. sechs verschiedenen Erhebungssituationen beobachtet wird (Kehrein 2012: 75–76). Auch der erste Band des Norddeutschen Sprachatlas (NOSA) (Elmentaler / Rosenberg 2015 a) dokumentiert für ← 30 | 31 → Mecklenburg-Vorpommern ebenso wie für andere Regionen Norddeutschlands die situative Varianz innerhalb der regiolektalen Sprachlagen. Für die Kleinstädte Schwaan und Gützkow erarbeitet der Atlas anhand der Sprachdaten von je vier etwa gleichaltrigen Gewährspersonen pro Erhebungsort ein Bild von der arealen Merkmalsgliederung des Regiolekts in Mecklenburg-Vorpommern. Auf der Basis der bisher vorliegenden Untersuchungen stellt Rosenberg (2017) einen ersten kompakten Gesamtüberblick über die Struktur und die historische Entwicklung der Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern zusammen.24

Die angeführte Forschungsliteratur zur Regionalsprache in Mecklenburg-Vorpommern ist insgesamt durch einige Perspektivverengungen charakterisiert, die in ähnlicher Weise auch die bisherige Regionalsprachenforschung zu anderen Arealen kennzeichnen und entsprechende Forschungsdesiderate erkennen lassen:

  1. Morphosyntaktische Merkmale spielen in der Forschung zum mecklenburgischen Regiolekt bislang eine deutlich untergeordnete Rolle. Und sie standen auch in der Dialektographie des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch weit hinter der Untersuchung von Lexik und Lautlichkeit zurück.25 ← 31 | 32 →
  2. Die Sprachverhältnisse im ländlichen Raum finden wenig bis keine Beachtung. Der ländliche Raum war das Forschungsfeld der klassischen Dialektologie, die moderne Regional­sprachenforschung zu Mecklenburg-Vorpommern nimmt dagegen vorrangig die kleinstädtischen und städtischen Kommunikationsräume in den Blick.
  3. In all den oben genannten Arbeiten zu den Varietätenkonstellationen in Mecklenburg-Vorpommern werden diachronische Fragestellungen allenfalls auf sprachstrukturelle Entwicklungen bezogen. Auf gezielte komplementäre Erhebungen zur Sprachgebrauchs-, zur Sprachbewusstseins- und zur Sprachkontaktgeschichte wird dagegen in der Regionalsprachenforschung durchgängig verzichtet.26
  4. In keiner der genannten Untersuchungen wird die massive Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen in die Region berücksichtigt und die mit Kriegsende einsetzenden Varietätenkontakte in die Beschreibung der regionalen Varietätendynamik einbezogen. Die Ausblendung der Vertriebenenimmigration aus der Regionalsprachen­forschung ist für eine Region, in der nach dem Krieg etwa die Hälfte der Wohnbevölkerung aus ortsfremden Zuwanderern bestand, natürlich besonders realitätsfern.

Meine vorliegende Untersuchung zum Sprachwandel in Mecklenburg seit dem Zweiten Weltkrieg versteht sich als ein Beitrag zur empirischen Regionalsprachenforschung. Sie nimmt dabei gegenüber den benannten Perspektivverengungen der bisherigen Forschung auch neue Untersuchungshorizonte in den Blick. So setzt meine Studie zur Regionalsprache in Mecklenburg einen vorrangig diachronischen Akzent. Die Erhebung der zugrundeliegenden empirischen Daten und ihre Auswertung sind darauf ausgerichtet, im Anschluss an Mattheier die vier zentralen Teilprozesse der mecklenburgischen Sprach­geschichte – Sprach­systemgeschichte, Sprachgebrauchsgeschichte, Sprachbewusst­seins­geschichte und Sprach­kontakt­geschichte – im Detail nachzuzeichnen und im Gesamtzusammenhang der Unter­suchung interpretativ aufeinander zu beziehen. ← 32 | 33 →

Dabei werden erstmals die allochthonen Varietäten des Deutschen, die die Vertriebenen in die Zuwanderungsgebiete einbrachten, systematisch in die Rekonstruktion der regionalen Varietätendynamik einbezogen. Die komplexen Varietätenkonstellationen, die sich durch den Immigrationsschub am Ende des Zweiten Weltkrieges in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen herausbildeten, sollen rekonstruiert und in ihren funktionalen Verschiebungen und strukturellen Veränderungen bis an die Gegenwart heran nachgezeichnet werden. Die Untersuchung gilt damit sowohl den basisdialektalen als auch den regiolektalen Varietäten aller deutschen Bevölkerungsgruppen und analysiert ihr Verhältnis zueinander in ihrer diachronen Dynamik. Für die lokalen Kommunikationsräume meiner mecklen­burgischen Untersuchungs­region werde ich dabei die dynamischen Wechselwirkungen zwischen den folgenden vier Varietäten bzw. Varietätentypen in Betracht ziehen: 1. die überregionale (mündliche) Standardvarietät, die sich als Orientierungspol vieler diachroner Prozesse in der Region erweist, 2. den großräumigen mecklenburgischen Regiolekt, 3. das lokale mecklenburgische Niederdeutsch sowie 4. die vielfältigen regionalen Varietäten (Basisdialekte und Regiolekte), die vor 1945 in den südostdeutschen Vertreibungsgebieten gesprochen wurden und als Herkunftsvarietäten (heritage languages) der Zuwanderer in die Sprachkontaktsituation in Mecklenburg eingebracht worden sind.

Um die Auswirkungen unterschiedlicher Dichten und Reichweiten kommunikativer Netzwerke auf den Verlauf des Varietätenkontaktes erfassen zu können, wird die Untersuchung an ausgewählten Ortschaften von unterschiedlicher Größe bzw. von unterschiedlichem Urbanitätsgrad durchgeführt (Großstadt, Kleinstadt, Dorf). Die ländlichen Kommunikations­räume bzw. die sozialen Stadt-Land-Differenzen werden hier also gezielt in die Untersuchung einbezogen und auf ihre Relevanz für die regionalsprachliche Dynamik befragt.27 Dabei ist im Detail zu ← 33 | 34 → beobachten, inwieweit die Modernisierung und Mobilisierung der deutschen Nachkriegsgesellschaft sprachgebrauchsgeschichtliche Verschiebungen in den Domänen der lokalen Kommunikationsräume zur Folge hatten und gegebenenfalls sogar Reichweite und Charakter dieser Räume selbst maßgeblich modifizierten. Für die Gegenwart stellt sich nicht zuletzt die Frage, ob sich nach dem starken Strukturwandel der dörflichen Kommunikations­räume überhaupt noch sprachliche Stadt-Land-Differenzen in den Daten ausmachen lassen. Dem Ortstyp Kleinstadt soll in dieser regionalen Sprachgeschichte ein besonderes Augenmerk gelten, um die in der Literatur mehrfach beschriebene Rolle der Kleinstädte „als ‚Hüterinnen‘ der Dialekte“28 zu überprüfen. In diesem Zusammenhang wird wenigstens ein punktuelles Schlaglicht auch auf die besonderen Varietätenverhältnisse und die spezielle Kontaktdynamik in den vom Tourismus geprägten Ostseebädern geworfen.

Mit dem Vergleich des Varietätengebrauchs einer zwischen 1920 und 1939 geborenen Alterskohorte Alteingesessener und Vertriebener und dem Varietätengebrauch ihrer zwischen 1950 und 1969 geborenen Nachkommen reicht der Untersuchungszeitraum meiner Studie in die Frühzeit der Herausbildung des Regiolekts aus dem alten „landschaftlichen Hochdeutsch“ zurück. Erst mit der zunehmenden Verbreitung des Radios in den 1930er Jahren war nach Schmidt / Herrgen (2011: 65–67) die ehemalige großlandschaftliche Aussprachenorm der Schriftsprache gegenüber der neuen überregionalen Rundfunkaussprache zu einer regional markierten Nonstandardvarietät – eben dem Regiolekt – funktional herabgesunken. Der Untersuchungszeitraum meiner Studie umfasst demnach die gesamte Entwicklungs­geschichte der Regiolekte vom Beginn ihrer Umwertung zu Nonstandardvarietäten bis in die Gegenwart. ← 34 | 35 →

Für die Basisdialekte begreift der Untersuchungszeitraum noch die unmittelbare Vorgeschichte des radikal beschleunigten „decline of German dialects“ (Leopold 1970 [1959]) mit ein, der sich zwar schon im 19. Jahrhundert anbahnte, der nach Ansicht vieler Linguisten „aber erst im Gefolge des Zweiten Weltkriegs breit zum Durchbruch gelangte“.29 Auch „Erwerb, Funktion und Verbreitung des Niederdeutschen haben sich vor allem seit der Mitte des [20.] Jahrhunderts drastisch verändert.“30 Der Zeitrahmen meiner Sprachgeschichte, die in der Zwischenkriegszeit ihren Ausgang nimmt und sich auf die sieben Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg erstreckt, umspannt damit eine Periode der deutschen Sprachgeschichte, in der ältere Entwicklungstendenzen im regionalen Varietätengefüge kulminieren und stark an Dynamik gewinnen. Die Ausdehnung des Berichtszeitraums von den 1920er und 1930er Jahren bis in die Gegenwart ermöglicht zugleich auch die Überprüfung der These von einem unmittelbaren Zusammenhang von Dialektabbau und Vertriebenen­immigration (vgl. Abschnitt 1.1). Für die diachronische Untersuchung des mecklenburgischen Niederdeutsch konnte zusätzlich auf historische Wenkerbögen aus der Untersuchungsregion zurückgegriffen und der zeitliche Horizont der Untersuchung damit sogar bis in das ausgehende 19. Jahrhundert vorverlagert werden.

Das in Gesprächen mit 90 Gewährspersonen erhobene umfangreiche Korpus von Interviews und Sprachtests bietet eine tragfähige Datengrundlage sowohl für funktionale als auch für strukturelle Fragestellungen des Varietätenwandels: Es ermöglicht einerseits im Sinne einer historischen Soziolinguistik, Pragmatik und Perzeptionslinguistik die funktionellen Verschiebungen innerhalb der lokalen Varietätenkonstellationen nachzuzeichnen. Das Korpus bietet andererseits eine solide empirische Grundlage, um in Anlehnung etwa an Hinskens / Auer / Kerswill (2005) die strukturellen Konvergenzprozesse präzise zu bestimmen, die unter den gegebenen ← 35 | 36 → soziolinguistischen Bedingungen zwischen den autochthonen und allochthonen Kontaktvarietäten in horizontaler und vertikaler Ebene einsetzten.

Bei einer konsequenten Einbeziehung der Vertriebenenimmigration in die deutsche Sprachhistoriographie des 20. Jahrhunderts sind also erstens die kommunikativen Abbauprozesse im Detail zu rekonstruieren, denen die Herkunftsvarietäten der Zuwanderer unter den sozialgeschichtlichen, soziolinguistischen und perzeptions­linguistischen Bedingungen der jeweiligen Aufnahmeregion unterlagen. Wie genau verlief unter den spezifisch mecklenburgischen Bedingungen in der Generationsfolge der Zuwandererfamilien die Gebrauchs- und Bewusstseinsgeschichte ihrer Herkunftsvarietäten? Aus Perspektive der Sprachsystem­geschichte ist hier ergänzend danach zu fragen, inwieweit sich remanente Strukturmerkmale der Herkunftsvarietäten im Sprachgebrauch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen erhalten haben.

Die regionale Sprachhistoriographie hat zweitens zu untersuchen, ob und gegebenenfalls wie der massive Eintrag allochthoner Varietäten des Deutschen in die Kommunikationsräume der Zuwanderungsgebiete die laufende Entwicklungsdynamik im Varietäten­gefüge der autochthonen Regionalsprache beeinflusste. Auf der Ebene des strukturellen Sprachwandels ist hier zu prüfen, ob es neben der vorherrschenden Advergenz des basisdialektalen und des regiolektalen Sprachgebrauchs der Zuwanderer an die entsprechenden mecklenburgischen Varietäten auch Prozesse wechselseitiger Konvergenz zwischen den Kontaktvarietäten gegeben hat.31 Lassen sich also auch Übernahmen sprachlicher Merkmale der Herkunftsvarietäten der Vertriebenen in das mecklenburgische Niederdeutsch oder in den mecklenburgischen Regiolekt der Alteingesessenen nachweisen? Der Einfluss der Zuwanderer ist auch für die laufenden funktionellen Veränderungen im Sprachgebrauch und in den Sprachbewertungen innerhalb der mecklenburgischen Kommunikationsräume zu ermitteln. ← 36 | 37 →

Drittens kann es für die Sprachhistoriographie sehr aufschlussreich sein, den ungesteuert erworbenen bzw. in langfristigen Synchronisierungsprozessen herausgebildeten Lerner-Varietäten der Zuwanderer ein eigenes Augenmerk zu widmen. Hier ist zu untersuchen, inwieweit die strukturellen Spezifika dieser Lerner-Varietäten, die beispielsweise aus selektiver Variantenreduktion oder zum Teil aus hyperfrequenten Merkmalsausprägungen resultieren, über die wechselseitigen Mesosynchronisierungen in der Kommunikation mit den Alteingesessenen ihrerseits den Strukturwandel der autochthonen Varietäten beeinflusst haben könnten. Die Lerner-Varietäten der Vertriebenen können auch einen perzeptionslinguistischen Blick auf den Sprachstand der Aufnahmegesellschaft zum Zeitpunkt der Immigration eröffnen. So lässt der Befund, dass bemerkenswert viele Vertriebene das Niederdeutsch ihrer Zufluchtsorte erworben haben (vgl. Abschnitt 1.1), nicht nur auf die ehemals große Reichweite und hohe soziale Geltung schließen, die der Basisdialekt in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen nach dem Zweiten Weltkrieg noch hatte. Die strukturellen Spezifika dieses Lerner-Niederdeutsch dürften auch spiegeln, welche Merkmale des autochthonen Basisdialekts den Zuwanderern in der Erwerbsphase als salient und als soziopragmatisch relevant erschienen.

Aus arbeitstechnischen Gründen werde ich die Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache in zwei in sich abgeschlossenen Einzelbänden nachzeichnen. Durchgängiges Rückgrat der Darstellung ist dabei in beiden Bänden die Sprachkontaktgeschichte, also die Entwicklung der Varietätenkontakte im Zusammenleben der alteingesessenen Mecklen­burgerinnen und Mecklenburger und der zugewanderten Vertriebenen und ihrer jeweiligen Nachkommen.

Der hier vorliegende erste Band hat die Sprachsystemgeschichte zum Gegenstand und beleuchtet die strukturellen Entwicklungen der räumlich gebundenen Varietäten des Deutschen, die in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen seit dem Zweiten Weltkrieg in engem Kontakt stehen. Der strukturelle Sprachwandel wird dabei nicht nur auf der lautlichen Ebene nachvollzogen, auf den sich die bisherige Regionalsprachenforschung zumeist konzentrierte, sondern es werden auch diachrone Veränderungen im Bereich der Morphosyntax nachgezeichnet. Auch der Wandel der dialektalen und der regiolektalen Lexik wird zumindest exemplarisch in die Analyse einbezogen. Die Untersuchung des Strukturwandels der ← 37 | 38 → Varietäten erfolgt dabei auf dem Wege einer frequentiellen Analyse der Variation ausgewählter Merkmale verschiedener Sprachebenen und kann sich im umfangreichen Aufnahmekorpus auf hohe Belegzahlen stützen.32 Die Variationsanalyse ausgewählter sprachlicher Merkmale ermöglicht es auch, den Grad und die Breite der strukturellen Konvergenzen bzw. Advergenzen exakt auszumessen, mit dem sich die Kontaktvarietäten in den Jahrzehnten des Untersuchungs­zeitraumes einander angenähert haben. Die Sprachsystemgeschichte wird hier also in erster Linie über die quantitativen Verhältnisse der Sprachvariation rekonstruiert.

Um die Vergleichsebenen der Variablenanalysen möglichst homogen zu halten, werden dabei jeweils nur situationsspezifische Ausschnitte aus dem Spektrum der dialektalen und regiolektalen Sprachlagen der Gewährspersonen betrachtet: Für das Niederdeutsche wird vor allem das intendierte Niederdeutsch der Wenkerübersetzungen herangezogen, für die regiolektalen Sprachlagen wird die Interviewsprache der Gewährspersonen als Datengrundlage gewählt. Zur Rekonstruktion des Strukturwandels in beiden Varietäten wird der Sprachgebrauch zweier Alterskohorten von Gewährspersonen miteinander verglichen und zusätzlich auf historische Sprachdokumente aus der Untersuchungsregion zurückgegriffen. Wegen der unübersehbaren sprachlichen Heterogenität der Herkunftsgebiete der Vertriebenen kann die Frage nach remanenten Merkmalen der Herkunftsvarietäten nur an wenigen großräumig verbreiteten Kennzeichen der Regiolekte der mittel- und oberdeutschen Gebiete – wiederum in der Interviewsprache der Gewährspersonen – überprüft werden.

Der noch in Vorbereitung befindliche zweite Band meiner Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache wird die Sprachgebrauchsgeschichte und Sprach­bewusstseins­­geschichte der regionalen Kontaktvarietäten im mecklenburgischen Untersuchungs­gebiet rekonstruieren. Der im ersten Band aufgezeigte sprachliche Strukturwandel wird somit im zweiten Band soziolinguistisch und perzeptionslinguistisch kontextualisiert und in seiner Dynamik erklärt. Zunächst sollen dabei die sozialgeschichtlichen Rahmenbedingungen umrissen werden, unter denen der Varietätenkontakt in Mecklenburg zustande kam und sich entwickelte. Sodann wird für drei Kommunikationsräume ← 38 | 39 → unterschiedlicher Urbanitätsgrade der Varietätengebrauch in verschiedenen kommunikativen Domänen zeitlich gestaffelt skizziert. Schließlich werden für das Niederdeutsche, für den mecklenburgischen Regiolekt und die Herkunftsvarietäten der Vertriebenen Kompetenz­verteilungen, Spracherwerbsmuster und Spracheinstellungen im inter­generationellen Wandel nachgezeichnet. Im Gegensatz zur hauptsächlich quantitativ fundierten Sprachsystem­geschichte des vorliegenden Bandes beruhen die soziolinguistischen und perzeptions­linguistischen Befunde des zweiten Bandes vorrangig auf einer qualitativen Analyse der metasprachlichen Äußerungen der Gewährspersonen in den aufgezeichneten Interviews.

Wie ist nun der vorliegende Band zur Sprachsystemgeschichte der mecklenburgischen Regionalsprache aufgebaut? Im einleitenden zweiten Kapitel stelle ich zunächst die Datengrundlage und die Methode ihrer Auswertung vor. Sodann wird in drei großen Kapiteln der Strukturwandel des mecklenburgischen Regiolekts und des mecklenburgischen Niederdeutsch im Varietätenkontakt rekonstruiert sowie die Frage nach strukturellen Relikten der Regiolekte aus den Herkunftsgebieten gestellt (Kapitel 3 bis 5). In jedem dieser drei Kapitel werden kennzeichnende Merkmale der jeweiligen Varietät aus dem Bereich der Phonetik / Phonologie und der Morphosyntax ins Auge gefasst. Im Fall des Niederdeutschen und der Herkunftsregiolekte wird auch der Wortschatzbereich in die Sprachsystemgeschichte einbezogen. Jedem sprachlichen Merkmal dieser drei Sprachebenen wird dabei ein in sich geschlossener Abschnitt gewidmet. Die Abschnitte zu den einzelnen Variablen geben jeweils anfangs einen kurzen Überblick über die Befunde der bisherigen Forschung zur Entwicklung und arealen Verteilung der Varianten. Dabei wird stets ein besonderes Augenmerk auf die bislang vorliegende Forschung zu den Sprachverhältnissen in Mecklenburg und Vorpommern gelegt. Die Abschnitte grenzen dann die jeweilige Variable in ihrem Untersuchungskontext ab und erläutern das konkrete Vorgehen der quantitativen Analyse. Schließlich werden die Ergebnisse meiner Korpusanalyse vorgestellt, mit Befunden aus zusätzlich herangezogenen historischen Sprachdokumenten abgeglichen und vor dem Hintergrund der bisherigen Forschungsliteratur diskutiert. Die Abschnitte zu den einzelnen Merkmalen lassen sich also als geschlossene Einheiten lesen und sind daher auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die nicht an der mecklenburgischen Sprachgeschichte in ihrem ← 39 | 40 → Gesamt­zusammenhang, sondern nur an der arealen Sonderentwicklung einzelner Variablen des Regiolekts oder Dialekts Interesse haben.

Am Ende jedes der drei großen Varietäten-Kapitel werden die Detailergebnisse zu den verschiedenen Merkmalen in umfassenden Zwischenfazits zusammengeführt und auf übergreifende Tendenzen des Strukturwandels befragt. Diese Zwischenfazits bieten also denjenigen Leserinnen und Lesern, die lediglich eine allgemeine Orientierung über die Entwicklungsdynamik der mecklenburgischen Regionalsprache suchen, einen übersichtlichen Zugang. Ein knappes Schlussfazit beschließt die historiographische Untersuchung in diesem Band. Es folgen Abbildungsverzeichnisse und das Verzeichnis der zitierten Forschungsliteratur. Der beigegebene Anhang informiert über die zugrundeliegenden Transkriptionskonventionen und schlüsselt die Kürzel auf, die bei Zitaten aus dem Interviewkorpus verwendet werden. Im Anhang finden sich auch die Textvorlagen für die Sprachtests, die den Gewährspersonen beim Interviewgespräch ausgehändigt worden sind: Das sind zum einen die sogenannten Wenkersätze, die die hochdeutsche Textgrundlage für die Übersetzungen in den Basisdialekt darstellten. Und das ist zum anderen der semasiologische Fragebogen, mit dem die Tradierung und der Transfer von Lexemen der Herkunftsvarietäten im mecklenburgischen Sprachumfeld ermittelt worden ist.


2 Beer (2011: 104). Vgl. zur Verteilungspraxis im konkreten Fall Baden-Württembergs Grosser (2001: 227–228).

3 Die Gründe für die einseitige Entwicklung der „Vertriebenen-Linguistik“ sind einerseits in der Fachtradition, andererseits auch im gesellschaftlichen und politischen Kontext der Fachentwicklung zu suchen, vgl. Ehlers (2015 d).

4 Vgl. Ehlers (2010: 268–289). In den 1950er Jahren wurden die Arbeiten am Nordsiebenbürgischen, am Schlesischen, am Preußischen, am Sudetendeutschen und am Baltendeutschen Wörterbuch aufgenommen, deren Vorarbeiten meistenteils im Krieg verloren gegangen waren. Einen Ansatz großflächiger Untersuchung von sprachlichen Ausgleichsprozessen bildeten dagegen die breit angelegten Sprachaufnahmen von Eberhard Zwirners Deutschem Spracharchiv, die allerdings über die aufwendige und langjährige Erhebungsphase letztlich nie hinausgekommen sind (vgl. ebd.).

5 Vgl. vor allem das dreibändige Werk von Lemberg / Edding (Hrsg. 1959).

6 Unter diesen Publikationen erheben die Texte von Moser (1956), Leopold (1970 [1959]) und Mackensen (1959) den Anspruch, die sprachlichen Folgen der Vertreibung in umfassender Perspektive zu erörtern. Sie stützen sich aber nur auf die Auswertung von Fallstudien, auf die Ansichten einzelner Gewährspersonen oder auf episodische Reiseeindrücke in Deutschland. Zwei Untersuchungen stechen aus den zeitgenössischen Arbeiten zum Sprachwandel in den Zuwanderungsgebieten heraus: die Totalerhebung zum Varietätengebrauch bei Schulkindern in einer norddeutschen und einer mitteldeutschen Vergleichsregion von Steiner (1957) und die Arbeit von Engel (1958), die zwar wiederum nur auf Basis von Fallbeispielen Vertriebener in Württemberg argumentiert, aber als einzige der damaligen Publikationen tatsächlich Prozesse der Varietätenkonvergenz untersucht.

7 Als kleinere Studien zur sprachlichen Akkulturation der Vertriebenen sind aus späterer Zeit beispielsweise Föllner (2000) oder Goltz (2007) zu nennen.

8 Zum Beispiel Krefeld (2004) und Riehl (2009: 194–207). Schon Clynes früher Forschungsbericht zum Sprachkontakt erwähnt die Varietätenkontaktsituationen nach der Vertreibung nicht, obwohl er überwiegend Anwendungsbeispiele und Arbeitsaufgaben zu bundesdeutschen Sprachverhältnissen zugrunde legt (Clyne 1975). Auch in Nelde (Hrsg. 1980) werden vielfach deutsche Sprachkontaktverhältnisse thematisiert, die sprachlichen Folgen der Vertreibung aber ausgeblendet.

9 Kerswill (2006: 2274) in Anschluss an Auer / Hinskens (1996: 20).

10 Schönfeld (1990: 127), in jüngerer Zeit pflichten dem auch Köhncke (2006: 179) und Hansen (2009: 37) bei.

11 Hoffmann / Wille / Meinicke (1993: 19). Eine kleinräumig detaillierte Kartenübersicht zur Ansiedelung der Zuwanderer zum Stand Oktober 1946 bringt Holz (2004: 7). Demnach lag der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen in weiten Teilen des westlichen und zentralen Mecklenburg zwischen 50 % und 54 % der Bevölkerung, im östlichen Mecklenburg und in Vorpommern gebietsweise zwischen 45 % und 49 %. In Niedersachsen östlich der Weser lebten 1946 30 % bis 34 %, in Schleswig-Holstein in den meisten Gebieten zwischen 35 % und 39 %, in einigen Regionen an der holsteinischen Ostseeküste sogar bis zu 44 % Zuwanderer.

12 Föllner (2000: 169). In der kleinstädtischen und dörflichen Umgebung von Rechlin (Mecklenburgische Seenplatte) stellte Chudnizki (1991: 226–227) in einer Fragebogenerhebung am Ende der 1970er Jahre eine deutlich niedrigere Niederdeutschkompetenz unter den zugewanderten Vertriebenen fest. Auch dort haben die Vertriebenen aber den autochthonen Basisdialekt ihres neuen Lebensumfeldes zum Teil aktiv gelernt: „Beachtenswert ist, daß von den aus nicht niederdeutschen Sprachgebieten Zugezogenen 3,9 % der Sprecher die niederdeutsche Mundart vollständig beherrschen, 24 % der Sprecher beherrschen sie teilweise, während nur 10,1 % der Befragten dieser Gruppe die mundartliche Rede nicht verstehen“. Chudnizki fügt allerdings hinzu, dass auch von den befragten Alteingesessenen dieser Region nur 34,4 % volle aktive Niederdeutschkompetenz hatten.

13 Für Flensburg und Umgebung bestätigt die Untersuchung von Mangelsen (2015: 36), „dass viele Vertriebene den autochthonen Dialekt sowie die regional geprägte Standardvarietät erlernt“ haben. Aus dem ostfriesischen Dorf Campen berichtet Reershemius (2004: 32), dass die Kinder der angesiedelten Vertriebenen das Niederdeutsche „meistens“ erlernt haben und der Niederdeutschgebrauch am Ort von der starken Zuwanderung von Ortsfremden nach 1945 zunächst nicht beeinträchtigt worden sei. Auf ähnliche Befunde zu Niedersachsen geht Stellmacher (1995: 1, 25) ein.

14 Beispielsweise bei Leopold (1970 [1959]: 349–351), Mackensen (1959: 257–258), Moser (1956: 133–134), Riemann (1957: 32). Mackensen (1959: 259) geht sogar so weit, zu folgern, dass in „mundartfesten Gebieten“ die autochthonen Basisdialekte durch die „heimatvertriebene Jugend“ in einem Ausmaß erworben werden, dass sie „nicht gefährdet, sondern eher in ihrem Bestand gestärkt werden“. Er bleibt aber dabei, dass derartige Fälle nicht zu verallgemeinern seien. Selbst die Studie von Erdmann konzediert, dass in der Region Lüneburg im Baugewerbe „construction employees of eastern German descent“ das Niederdeutsche gelernt hätten und im täglichen Berufsleben aktiv sprächen (Erdmann 1992: 44).

15 Seit etwa zwei Jahrzenten wird in der deutschen Sprachwissenschaft der ältere Begriff der „regionalen Umgangssprache“ zunehmend durch den Begriff „Regiolekt“ ersetzt, der den räumlichen Bezug der so bezeichneten standardabweichenden Sprachlagen stärker herausstellt und der terminologisch parallel zu „Dialekt“ gebildet ist: „Regiolekte sind konventionalisierte Variantensets mit einer höheren arealen Reichweite als der der Dialekte und einer geringeren als der der Standardsprache. Hierbei können dialektnähere und standardnähere Sprachlagen situationsspezifisch verwendet werden.“ (Elmentaler / Rosenberg 2015 a: 23). Während Schmidt / Herrgen (2011: 66, 68) bei derartigen Sets von großräumig verbreiteten, standardabweichenden Varianten erst dann von einer „Vollvarietät“ Regiolekt sprechen, wenn sie zumindest partiell auf eigenständigen phonologisch / prosodischen oder morphosyntaktischen Strukturen beruhen, fassen Elmentaler / Rosenberg (2015 b: 449) Regiolekte als „empirische Realitäten im Sprachgebrauch und im Sprachbewusstsein“: „Sie sind als ‚folk languages‘ Ensembles von sprachlichen Merkmalen, die teils systematische Verbreitung zeigen, teils lexematisch gebunden sind und Marker unterschiedlicher Standardferne darstellen.“

Es ist zu beachten, dass es sich bei den hier und im Folgenden mehrfach verwendeten Begriffen der „Standardnähe“ bzw. „Standardferne“ in der Konstellation der drei Kontaktvarietäten Dialekt – Regiolekt – Standard um relative Konzepte handelt. Aus der Perspektive des niederdeutschen Dialekts umfasst der hochdeutschbasierte Regiolekt vergleichsweise „standardnahe“ Sprachlagen. Diese regiolektalen Sprachlagen unterscheiden sich vom überregionalen hochdeutschen Standard aber ihrerseits durch ein Set von regional gebundenen Varianten, die aus der Perspektive des Standards als vergleichsweise „standardfern“ zu bestimmen wären.

16 Mattheier (1995: 15). Die Sprachsystemgeschichte umfasst bei Mattheier aber auch den Strukturwandel der Textsorten und der pragmatischen Routinen.

17 Schon Koch / Oesterreicher (1986: 33) bezeichnen „sprachgeschichtliche Darstellungen, die vom primären Interesse an den Entwicklungen des Schriftstandards abrücken; die ‚Sprachkontakt‘ nicht nur ‚horizontal‘ zwischen Schriftsprachen, sondern auch ‚vertikal‘ (innerhalb einer Sprache und zwischen Sprachen) berücksichtigen“, als Desiderat der Sprachhistoriographie.

18 Schmidt / Herrgen (2011: 29), Trudgill (1986: 3). Die Begriffe perspektivieren jeweils unterschiedliche Problembereiche der wechselseitigen sprachlichen Anpassung. Während der Begriff der „accommodation“ eher ihre sozialpsychologische Dynamik fasst, akzentuiert der Begriff der „Synchronisierung“ vor allem den kognitiven Prozess des „Abgleich[s] von Kompetenzdifferenzen im Performanzakt“ (Schmidt / Herrgen 2011: 37). Mit dem Begriff der „convergence“ referieren Auer / Hinskens (1996: 22) in expliziter Abgrenzung zu „accommodation“ auf die sprachstrukturellen Resultate der sprachlichen Anpassung: „The notion of convergence refers to what can happen linguistically when speakers adapt to the speech of others to reduce differences.”

19 Schmidt / Herrgen (2011: 31), Trudgill (1986: 11). Die Synchronisierung mit den – institutionell oder medial vermittelten ­– überregionalen Normen der Schriftsprache und der Aussprache bezeichnen Schmidt / Herrgen (2011: 32–34) als „Makrosynchronisierung“.

20 In der Forschung zur regionalen Sprachgeschichte ist nach Macha / Neuss / Peters (2000: VII–VIII) der Forschungsschwerpunkt in jüngster Zeit generell auf „die sprachhistorischen Eigengesetzlichkeiten regionaler Entwicklungsverläufe“ verlegt worden. Die herkömmliche Fragestellung der regionalen Sprachgeschichte, „die auf den langen Weg zu einer deutschen Einheitssprache und ihrer räumlichen Verbreitung abzielt“, wird von diesem neuen Forschungsinteresse abgelöst bzw. neu kontextualisiert.

21 Hier wäre an erster Stelle sicher der historische Gesamtüberblick von Foerste (1954) über „die Geschichte der niederdeutschen Mundarten“ zu nennen, der sich seinerseits auf eine lange Reihe älterer historischer Orts- und Landschaftsgrammatiken stützen kann.

22 Vgl. die Beschreibung des Projekts unter https://www.regionalsprache.de (Stand: 12.4.2017).

23 Kehrein (2012: 298–313). Aus dem Zusammenhang des REDE-Projekts stammen auch die Studien zu von Vorberger (2016) und Vorberger (2017) zum Niederdeutsch und Hochdeutsch auf Rügen.

24 Überblicke über die areale Verteilung regiolektaler Merkmale (überwiegend aus dem Bereich der Phonologie und Phonetik) in der gesamten norddeutschen Regiolektlandschaft geben Lauf (1996) und Mihm (2000). Sie grenzen dabei auch den Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern von räumlich benachbarten Regiolekten ab. Den Gesamtzusammenhang der Regionalsprachen im ostniederdeutschen Raum und die geschichtlichen Wechselwirkungen zwischen dem Mecklenburgisch-Vorpommerschen, dem Mittelpommerschen und dem Brandenburgischen skizziere ich in Ehlers (im Druck a).

25 Für die in den letzten Jahrzehnten verstärkten Bestrebungen, die Ebene der Morphosyntax in die Untersuchung der Basisdialekte einzubeziehen, sei für den norddeutschen Raum beispielhaft nur auf die laufenden Forschungsprojekte zur „Syntax hessischer Dialekte (SYHD)“ (vgl. Fleischer / Kasper / Lenz 2012) und das Kieler Projekt „Plattdüütsch hüüt“ verwiesen (vgl. Projektwebsite www.germsem.uni-kiel.de/ndnl, Stand: 16.11.2017). Einen kritischen Forschungsüberblick zur niederdeutschen Syntax geben Berg / Höder / Langhanke (2012), einen Problemaufriss zur norddeutschen „Regiolektsyntax“ skizziert Langhanke (2012) im selben Sammelband zur niederdeutschen Syntax.

26 Mit enger Begrenzung auf das mecklenburgisch-vorpommersche Niederdeutsch sind soziolinguistische und perzeptionslinguistische Aspekte des Sprachwandels allerdings vielfach schon früher untersucht worden, verwiesen sei hier nur auf die monographischen Darstellungen von Gernentz (1980) und Arendt (2010).

27 „Compared to rural communities, urban ones tend to be relatively dynamic and open to outside influences of all kind.” (Hinskens / Auer / Kerswill (2005: 33). Im Rahmen der norddeutschen Regionalsprachenforschung wird dieser allgemeine Befund beispielsweise für die Analyse des Varietätenspektrums in Hamburg als Hypothese zugrunde gelegt, „dass die Urbanisierung des Sprecherumfeldes und der damit einhergehende Wandel der sozialen Netzwerke […] einen entscheidenden Einfluss auf das variative Sprachverhalten sowie auf die Wahrnehmung und Bewertung der verschiedenen niederdeutschen und hochdeutschen Sprachformen“ habe (Bieberstedt / Ruge / Schröder 2016 a: 9). Die Befunde relativierend verweisen Schmidt / Herrgen (2011: 202) auf die erheblichen Zeitverschiebungen von sprachlichen Innovationen zwischen verschiedenen städtischen Zentren, Fishman (1964: 52–53) führt außerdem an, dass gerade die städtischen Eliten zum Teil bewusst sprachkonservativ agierten.

28 Huesmann (1998: 154). Nach Gundlach (1988: 436) hat sich speziell in Mecklenburg-Vorpommern „die Kleinstadt stärker mundartkonservierend verhalten als das Dorf“: „Ein Hort des Plattdeutschen blieben lange die Kleinstädte.“

29 Wiesinger (1999: 298), auch Polenz (1999: 457) setzt den verstärkten „Dialektverlust“ auf die Zeit „seit 1945“ an. Leopold (1970 [1959]: 340) beobachtet: „A radical change in the tempo of this development can be observed in postwar Germany.“

30 Berg (2013: 104). Wegen dieser starken und kurzfristigen Veränderungen lassen sich nach Berg (ebd.) bereits über „die – aus der Perspektive des Sprachwandels betrachtet – relativ kurze Zeitspanne“ der Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg diachrone Entwicklungen im Niederdeutschen feststellen.

31 Zur Unterscheidung von Konvergenz und Advergenz vgl. Mattheier (1996: 34): Er empfiehlt, nur dann von Konvergenz zu sprechen, „wenn beide Varietäten ‚kon-vergieren‘, d. h. sich in Richtung auf eine Misch- oder Zwischenform entwickeln. Von der Bezeichnungslogik her gesehen wäre es durchaus sinnvoll, nur dieses Phänomen als Konvergenz zu bezeichnen. Die bloß formale oder semantischen Annäherung einer Varietät an eine andere dadurch, daß eigene Formen durch andere ersetzt werden, könnte man dann etwa ‚Ad-Vergenz‘ nennen.“

32 Vgl. Abschnitte 2.2.1 und 2.2.2.