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Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 1: Sprachsystemgeschichte

Series:

Klaas-Hinrich Ehlers

Der erste Band der mecklenburgischen Sprachgeschichte rekonstruiert den Strukturwandel der regional gebundenen Varietäten des Deutschen im Norden Mecklenburgs. An ausgewählten Variablen aus der Phonetik/Phonologie, Morphosyntax und Lexik wird die diachrone Entwicklung des Niederdeutschen und des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer kontaktlinguistischen Wechselwirkung mit dem überregionalen Standard herausgearbeitet. Erstmals in der modernen Regionalsprachenforschung bezieht die Studie auch die Herkunftsvarietäten der vielen Vertriebenen ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land kamen. Die korpusbasierten Variationsanalysen zeigen die sprachlichen Folgen auf, die die Vertriebenenimmigration für die sprachlichen Ausgleichsprozesse in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen hatte.

Dieses Buch ist mit dem Johannes-Sass-Preis 2018 ausgezeichnet worden.

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2. Empirische Grundlagen

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2.  Empirische Grundlagen

Die Abschnitte des folgenden Kapitels sollen klären, auf welche empirischen Grundlagen sich meine Rekonstruktion der Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache stützt. Dabei sind sowohl die Art der empirischen Daten und die leitenden Zielsetzungen ihrer Erhebung zu bestimmen als auch die Verfahren ihrer Gewinnung, Aufbereitung und Auswertung zu erläutern. In den Teilabschnitten unter 2.1 wird zunächst dargestellt, wo und auf welche Weise ich meine grundlegenden Daten erhoben habe. Auch stelle ich die Gesamtstichprobe meiner 90 Gewährspersonen in ihrem Aufbau vor. Dabei werden insbesondere die sozialen Vergleichs­gruppen innerhalb des Samples voneinander abgegrenzt, deren unterschiedliche Redeweise, unterschiedlicher Sprachgebrauch und unterschiedliches Sprachbewusstsein analysiert werden sollen, um daraus Rückschlüsse auf den Sprachwandel und die Dynamik des Varietäten­kontaktes zu ziehen. Es schließt sich eine Beschreibung der Transkriptionsweisen an, mit denen die hochdeutschbasierten und die niederdeutschen Äußerungen der Gewährspersonen verschriftlicht wurden.

Die Abschnitte 2.1.1 bis 2.1.4 umreißen also die allgemeinen empirischen Grundlagen meiner mecklenburgischen Sprachgeschichte. Für das spezielle Erkenntnisinteresse der Sprachsystem­geschichte, die über merkmalbezogene Analysen variierender Sprachstrukturen rekonstruiert werden soll, ist es allerdings notwendig, homogene Teilkorpora aus dem Gesamtkonvolut meiner Sprachaufnahmen herauszugreifen: ein Teilkorpus für die Sprachanalyse der regiolektalen Äußerungen und eines für die Sprachanalyse der niederdeutschen Äußerungen meiner Gewährspersonen. Diese beiden Teilkorpora bilden, ergänzt um historische Sprachdaten, also die spezielle Datengrundlage der Sprachsystem­geschichte, die in diesem Band im Zentrum steht. Sie werden jeweils in eigenen Abschnitten des Kapitels 2.2 beschrieben.

In den Teilabschnitten unter 2.3 wird sodann das methodische Vorgehen bei der sprachlichen Analyse und der quantitativen Auswertung des niederdeutschen und des regiolektalen Teilkorpus erläutert. Die Darstellung beschränkt sich hier also ausschließlich auf die Methoden der ← 41 | 42 → Sprachanalyse, auf deren Grundlage in diesem Band der strukturelle Varietätenwandel – die Sprachsystemgeschichte – nachgezeichnet wird. Die im zweiten Band folgende Rekonstruktion der Sprachgebrauchs­geschichte und der Sprachbewusstseins­geschichte wird sich auf die breitere Datengrundlage des gesamten Interviewkorpus und auf dessen qualitative Inhaltsanalyse stützen. Nähere Erläuterungen zu den empirischen Grundlagen der Sprachgebrauchs- und der Sprachbewusstseinsgeschichte werde ich in den einleitenden Kapiteln zum zweiten Band meiner Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache geben.

2.1  Erhebung, Struktur und Aufbereitung der zugrundeliegenden Daten

2.1.1  Das Untersuchungsgebiet und die Fokusorte

Das Untersuchungsgebiet dieser Studie ist bewusst eng begrenzt angelegt, um areallinguistische Differenzen innerhalb der Erhebungsregion möglichst klein zu halten. Die Auswahl des Erhebungsgebietes sollte allerdings ermöglichen, die sprachlichen Verhältnisse in Ortschaften unterschiedlicher Größe miteinander zu vergleichen. Es war zu überprüfen, ob die Größe der Ortschaften und der davon abhängige Charakter und die Dichte der sozialen Netzwerke wichtige Bedingungsfaktoren für die Entwicklung der Regionalsprache darstellen und die kontaktlinguistischen Prozesse zwischen dem Sprachgebrauch der alteingesessenen Bevölkerung und dem der zugewanderten Vertriebenen beeinflussen. Als Fokusorte der Untersuchung wurden die Großstadt Rostock, die etwa 25 Kilometer südlich davon gelegene Kleinstadt Schwaan und die westlich von beiden Ortschaften gelegenen Dörfer Satow und Jürgenshagen ausgewählt. Um die vom Tourismus geprägten, besonderen Sprachverhältnisse von Ostseebädern mit berücksichtigen zu können, wurde auch das kleine Ostseebad Nienhagen in die Untersuchung einbezogen, das in der Nachkriegszeit zunächst noch einen stark agrarischen Charakter hatte (vgl. Karte 2.1.1-1).

Die Auswahl dieser fünf Fokusorte erlaubt mir auch den Rückbezug auf ältere bzw. andere empirische Studien zur selben zentralmecklenburgischen Region. So argumentiert die Pionierarbeit zum regionalsprachlichen Spektrum in Mecklenburg von Dahl (1974: 343) auf der Basis von „Erhebungen aus der weiteren und näheren Umgebung von Rostock sowie aus Rostock selbst“. ← 42 | 43 →

Karte 2.1.1-1: Die fünf Fokusorte der Untersuchung in Mecklenburg (Sternsymbole) und vorpommersche Vergleichsorte (erstellt mit www.regionalsprache.de)

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Rostock ist auch einer der norddeutschen Untersuchungsorte für die soziolinguistische Fragenbogen­erhebung von Huesmann (1998). Die Kleinstadt Schwaan war dagegen ein Untersuchungsort für den Norddeutschen Sprachatlas, der wertvolle Informationen zur situativen Sprachvarianz im Regiolekt von Ortsbewohnerinnen der mittleren Generation bietet (Elmentaler / Rosenberg 2015 a). Die Ergebnisse dieser vorliegenden Studien zu Rostock und Schwaan werden bei der Interpretation meiner Aufnahmedaten stets mit herangezogen und können helfen, das Bild vom Sprachwandel in der Untersuchungsregion zu verdichten. In Rostock wurden neuerdings auch durch das Marburger Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas im Rahmen des Langzeitprojektes REDE Sprachaufnahmen angefertigt,33 deren Analyse später in die großräumige Untersuchung regionalsprachlicher ← 43 | 44 → Spektren eingehen wird. Hier bieten sich also für die Zukunft Anknüpfungspunkte mit Ergebnissen meiner Untersuchung.

Die bei weitem meisten meiner Gewährsleute habe ich in den genannten fünf Fokusorten aufgesucht und befragt. Gelegentlich wurden auch Personen aus der unmittelbaren Umgebung der Fokus-Ortschaften bzw. aus ihren heute meist eingemeindeten Ortsteilen interviewt: so etwa Personen aus Groß Gischow (bei Jürgenshagen), Püschow, Reinshagen und Heiligenhagen (bei Satow) oder Letschow, Wiendorf und Sabel (bei Schwaan). Zum Fokusort Rostock zählen hier auch die nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht eingemeindeten Ortsteile wie Lichtenhagen, Lütten Klein, Reutershagen, Dierkow, Brinkmannsdorf, Biestow und Warnemünde. Alle Untersuchungsorte liegen im heutigen Landkreis Rostock oder sie gehören zur kreisfreien Hansestadt Rostock.34 In seiner Nord-Süd-Achse hat mein Erhebungsgebiet eine Ausdehnung von nur etwa 30 Kilometern, in west-östlicher Richtung erstreckt es sich über etwa 20 Kilometer. In vereinzelten Fällen wird als Vergleichsort in Vorpommern die Kleinstadt Gützkow bei Greifswald betrachtet.

Dialektgeographisch liegt mein Untersuchungsgebiet im ostniederdeutschen Raum bzw. im „nordostniederdeutschen“ Dialektgebiet (Lameli 2016: 147). Das hier gesprochene Niederdeutsch ist der mecklenburgisch-vorpommersche Dialekt, der im Westen an das Nordniederdeutsche bzw. an das Holsteinische und Nordniedersächsische, im Süden an das Brandenburgische und im Osten an das Mittelpommersche angrenzt (vgl. Karte 2.1.1-2). Innerhalb des Mecklenburgisch-Vorpommerschen, das trotz seiner großräumigen Verbreitung allgemein als nur wenig binnendifferenziert gilt (Gundlach 1988: 425), kann das Niederdeutsch des Erhebungsgebietes mit Teuchert (1942: VII) genauer als zentralmecklenburgisch charakterisiert werden, da es sich mit einigen Merkmalen vom Vorpommerschen im Osten und von der „westmecklenburgischen Untermundart“ im äußersten (Süd-)Westen Mecklenburgs abhebt.35 ← 44 | 45 →

Karte 2.1.1-2: Die Fokusorte der Untersuchung innerhalb der niederdeutschen Dialektland­schaft. Die senkrecht bzw. waagerecht schraffierten Kartenflächen veranschaulichen die Übergangsgebiete zwischen den Dialektregionen (auf der Basis der Karte „Einteilung der deutschen Dialekte“ von Peter Wiesinger (1983 a) erstellt mit www.regionalsprache.de)

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In den vorläufigen Ergebnissen der aktuellen Befragung des Instituts für niederdeutsche Sprache und des Instituts für Deutsche Sprache zeichnet sich ab, dass mein Untersuchungs­gebiet innerhalb des Landes Mecklenburg-Vorpommern zu den vergleichsweise dialektstärksten Regionen gehört.36 Der ← 45 | 46 → Anteil der Befragten, die sich selbst eine sehr gute oder gute aktive Niederdeutschkompetenz zusprechen, liegt in Rostock-Stadt und im Landkreis Rostock deutlich höher als im Landesdurchschnitt oder etwa gegenüber vorpommerschen Vergleichsregionen. Der mecklenburgische Basisdialekt ist in Teilen der Bevölkerung meines Untersuchungsgebietes also durchaus noch verbreitet und kann bzw. muss in die regional fokussierte mecklenburgische Sprachgeschichte der zurückliegenden Jahrzehnte einbezogen werden.

Die in Mecklenburg-Vorpommern gesprochene regionale Umgangssprache, die sich scharf vom vergleichsweise standardfernen berlin-brandenburgischen Regiolekt im Süden abhebt, weist eine gewisse ost-westliche Binnengliederung auf (Rosenberg 2017: 28). Während Vorpommern und der (Süd-)Osten Mecklenburgs schon traditionell unter berlin-brandenburgischem Einfluss stehen (Ehlers im Druck a), zeigen die zentralen und westlichen Gebiete Mecklenburgs im Regiolekt „große Ähnlichkeit“ (Lauf 1996: 200) mit der nordniedersächsischen bzw. mit der hamburgischen Umgangssprache (Mihm 2000: 2116). Mein Untersuchungsgebiet ist in diesem, in das westniederdeutsche Areal hinüberreichenden regiolektalen Großraum zu verorten. Eine genauere, diachronisch dynamische Abgrenzung des Regiolekts meines Erhebungsgebietes in der umgebenden Regiolektlandschaft wird eines der Ziele meiner Studie sein.

Die Problematik der sprachlichen Folgen der Immigration von Flüchtlingen und Vertriebenen lässt sich an den Verhältnissen meines Untersuchungsgebietes mit besonderer Deutlichkeit herausarbeiten, denn hier war der Anteil der Zuwanderer an der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg deutschlandweit am höchsten. Innerhalb der sowjetischen Besatzungszone, die anteilig die meisten der aus dem Osten hereinströmenden Flüchtlinge und Vertriebenen aufnahm, wurde das dünnbesiedelte und landwirtschaftlich geprägte Mecklenburg-Vorpommern in der unmittelbaren Nachkriegszeit seinerseits „zum primären Aufnahmegebiet“.37 Im September 1945 lag der prozentuale Anteil der Evakuierten, Geflohenen und Vertriebenen an der ← 46 | 47 → Gesamtbevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns bei durchschnittlich 56 % (Wille 1993 b: 34). Bis April 1946 war dieser Wert zwischenzeitlich auf 43,9 % gesunken, hielt aber gerade im damaligen Kreis Güstrow, zu dem auch die Kleinstadt Schwaan zählte, den landesweit höchsten Anteil von 58,2 % ortsfremden Zuwanderern. Im benachbarten Kreis Rostock waren zur selben Zeit immerhin 52,3 % der Wohnbevölkerung Flüchtlinge und Vertriebene.38 Die Bevölkerung meines Untersuchungsgebietes umfasste also in der unmittelbaren Nachkriegszeit zwischenzeitlich mehr Flüchtlinge und Vertriebene als Alteingesessene. Auch wenn in den Folgejahren viele der Zuwanderer weiter in den Westen abwanderten, blieb bei zunächst noch anhaltendem Zustrom weiterer Vertriebener aus dem Osten der Anteil der Vertriebenen und Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern lange Zeit mehr oder weniger stabil. Noch im März 1949 lag er bei dem hohen Wert von 43,3 % (Hoff­mann / ­Wille / Meinicke 1993: 19). Unter diesen extremen Migrations­verhältnissen dürften sich die kontaktlinguistischen Konsequenzen, die sich für die deutschen Aufnahmegebiete durch die Ansiedlung von über zwölf Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen allgemein ergaben, in meinem Untersuchungsgebiet in besonders zugespitzter Form abzeichnen.

Das Erhebungsgebiet bei Rostock ist überdies in besonderer Weise prädestiniert, um zu beobachten, inwieweit die tiefgreifende sozio-ökonomische Modernisierung, die die Nach­kriegs­jahrzehnte im ‚Wirtschaftswunderland‘ der BRD ebenso wie in der ‚Aufsteiger­gesellschaft‘ DDR prägte, die regionalsprachliche Entwicklung nach 1945 beeinflusste. Die seit 1948 forcierte Industrialisierung Rostocks insbesondere im Schiffbau und seiner Zulieferindustrie führte zu einem rasanten Wachstum der Stadt, die sich großflächig über ihre kleinen Anrainergemeinden ausbreitete. Schon im ersten Nachkriegsjahrzehnt hatte sich die Einwohnerzahl Rostocks von 72.787 im Juni 1945 auf 150.004 im Dezember 1955 mehr als verdoppelt. Weitere 15 Jahre später war die Gesamtzahl von 200.000 Einwohnern fast erreicht (Chronik der Stadt Rostock 1978: 6, 31, 64). Dem enormen Arbeitskräftebedarf der maritimen Industrie Rostocks war freilich durch den Zuzug in die großen ← 47 | 48 → Neubauviertel der Stadt nicht nachzukommen. Ein hoher Prozentsatz der Belegschaften etwa auf den Werften (auf der Warnowwerft um 1950 etwa 40 %) musste als „Tagespendler aus den umliegenden Gemeinden“ (Rusche 1993: 144) über die rasch verdichtete Nahverkehrsinfrastruktur an die Großstadt herangeführt werden. Der Wiederaufbau und Ausbau des teilweise demontierten Eisenbahnnetzes und der Bau der Autobahnen A 19 (1978) und A 20 (ab 1992) rückte dann auch die weitere Umgebung Rostocks näher an die Großstadt heran. Mein nach 1945 noch weitgehend agrarisch geprägtes Untersuchungsgebiet im Landkreis Rostock wurde in den Nachkriegsjahrzehnten zu einem Teil des urbanen Verflechtungsraumes der „Wirtschaftsmetropole“ (Landeskundlich-historisches Lexikon 2007: 557). Hier zeigten sich ausgesprochen starke Modernisierungstendenzen auf gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet, die in weniger ausgeprägter Form auch andere Landesteile seit dem Zweiten Weltkrieg bestimmten.

2.1.2  Die Datenerhebung: Feldzugang, Aufnahmesituation und die Teile des Interviewgesprächs

Den Zugang zu den lokalen Kommunikationsgemeinschaften meiner mecklenburgischen Fokusorte verdanke ich ganz überwiegend der engagierten Vermittlungstätigkeit meiner „Schlüsselinformanten“39, die vor Ort weitläufig vernetzt sind und die dort eine soziale Anerkennung genießen, die es ihnen ermöglichte, andere Ortsbewohner zur Beteiligung an meinem Forschungsvorhaben zu motivieren. Über die Kontaktaufnahme mit örtlichen Vereinen oder Institutionen (Schule, Verwaltung, Betriebe) ist es mir gelungen, in allen Fokusorten ein oder mehrere derartige ‚Navigatoren durch die Ortsgemeinschaften‘ zur Mithilfe zu gewinnen, die mir dann die Kontaktdaten von potentiellen Interviewpartnern vermittelten. Auch eine Reihe der Personen, mit denen schließlich ein Interview zustande kam, hat mir weitere mögliche Gesprächspartner aus ihrem Bekanntenkreis empfohlen. So vergrößerte sich die Zahl meiner Gewährspersonen am jeweiligen Ort partiell auch nach dem sogenannten Schneeballsystem. Nach insgesamt 90 Interviewgesprächen habe ich die Erhebung abgeschlossen. ← 48 | 49 →

Mit allen potentiellen Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern habe ich zunächst per Telefon einen ersten Kontakt geknüpft und dabei die Zielsetzung und das Vorgehen meines Forschungsprojekts kurz umrissen. Wenn das Telefonat ergab, dass die jeweiligen Gesprächs­partner dem Profil meiner gesuchten Zeitzeugen entsprachen und bereit waren an der Befragung teilzunehmen, wurde ein Gesprächstermin vereinbart. Um die Vertrauensbasis zu stärken und die Verbindlichkeit der Verabredung zu erhöhen, habe ich den Gesprächstermin dann noch einmal in einem Brief bestätigt, dem ich auch mein einseitiges Rundschreiben mit dem Titel „Forschungsprojekt zur mecklenburgischen Sprachen­geschichte der Nachkriegszeit sucht Zeitzeugen!“ beigelegt habe. Das offiziell gestaltete Rundschreiben ist zum Teil auch vorab über meine Schlüsselinformanten verbreitet worden. Es skizzierte das Forschungsvorhaben in knapper Form und begründete mit den folgenden Worten, wieso die Rekonstruktion der mecklenburgischen Sprach­geschichte auf Zeitzeugenberichte angewiesen sei:

Für diese Sprachgeschichte ist nicht nur das traditionelle Nebeneinander von Hochdeutsch und Plattdeutsch kennzeichnend. Gerade in Mecklenburg sind auch die vielen Menschen zu berücksichtigen, die nach dem Krieg als Flüchtlinge und sogenannte Umsiedler ins Land kamen und ihre eigenen Heimatdialekte mitbrachten. Über die vielfältigen Kontakte und Mischungen zwischen plattdeutschen, hoch­deutschen, schlesischen, pommerschen, sudetendeutschen usw. Sprachvarianten ist der Sprachwissenschaft bis heute kaum etwas bekannt. Auch die neuere Geschichte des mecklenburgischen Platt ist wenig erforscht. Um diese Sprachgeschichte zwischen 1945 und heute nachvollziehen zu können, bin ich auf Zeitzeugen angewiesen. Ich möchte dabei die Berichte von alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburgern um die Berichte der neu angesiedelten Menschen ergänzen.

Außerdem enthielt das Rundschreiben eine kurze Vorstellung meiner Person, meine Kontaktdaten, eine Beschreibung der gesuchten Interviewpartner, vor allem aber die Bitte, mir als Zeitzeuge ein etwa zweistündiges Interview zu gewähren. Den Empfängern wurde auch versichert, dass „alle Aufnahmen der Gespräche streng vertraulich behandelt und ausschließlich unter sprachlichen und geschichtlichen Gesichtspunkten ausgewertet“ würden. In dem Rundschreiben wurde überdies angekündigt, dass diese Anonymität der Gewährspersonen beim Gesprächstermin zusätzlich „in rechtsverbindlicher, schriftlicher Form zugesichert“ werde. ← 49 | 50 →

Die Interviews fanden nahezu ausnahmslos in den Wohnungen der Gewährspersonen, also in ihrem vertrauten Lebensumfeld und ihrer üblicherweise nähesprachlichen Kommuni­kations­­sphäre statt.40 Um eine möglichst alltägliche und informelle Gesprächsatmosphäre zu erreichen, habe ich meine Gewährspersonen im Vorhinein ausdrücklich ermuntert, eine weitere Person aus ihrer Familie oder ihrem Freundeskreis zu dem Gespräch einzuladen. Bei gut der Hälfte der geführten Interviews war eine weitere vertraute Person anwesend, die sich selbstverständlich auch gelegentlich in das Gespräch einbrachte. Bei sechs Interviews habe ich beide Gesprächspartner (meist Ehepaare) als Probanden in meine Stichprobe aufgenommen und entsprechend detailliert befragt bzw. mit ihnen jeweils unabhängig voneinander die zugehörigen Sprachtests durchgeführt.

Die Interviews und Sprachtests habe ich bis auf wenige Ausnahmen allein durchgeführt. In einigen wenigen Fällen waren zusätzlich einzelne Studentinnen von der Universität Rostock oder der Universität Frankfurt (Oder) beim Gespräch anwesend, die gelegentlich auch die Interviewführung übernahmen. Dies war insbesondere bei den vier Interviews der Fall, die ich schon im Rahmen der Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas in Schwaan durchgeführt habe.41 Diese vier Interviews und einige andere Gespräche, die aus Zeitgründen nicht zum Abschluss gebracht werden konnten, habe ich jeweils durch einen zweiten Besuch vor Ort oder durch ein späteres Telefoninterview mit der betreffenden Gewährsperson ergänzt, in dem gezielt Nachfragen zu einzelnen Themenkreisen gestellt wurden. Ich habe mich bemüht, durch Verhalten und Kleidung (an der Garderobe abgelegtes Jackett, offener Hemdkragen) eine immer gleiche semiformelle Anfangsphase des Gesprächs zu etablieren. Die Gespräche mit meinen Zeitzeugen dauerten dann je nach deren Motivation und Zeit mindestens eine Stunde, in der Regel gut zwei Stunden, in manchen Fällen aber durchaus auch über drei Stunden. Während derart langer Gespräche werden anfangs eventuell noch bestehende Unsicherheit oder Beklommenheit gegenüber dem unbekannten Gast bald abgebaut und in aller Regel eine sehr entspannte, halbformelle Gesprächssituation erreicht. ← 50 | 51 →

Die geschilderte Aufnahmesituation in privater Umgebung und mit möglichst wenig formeller Rahmung wurde angestrebt, um die für qualitative Befragungen optimalen Bedingungen zu gewährleisten.42 Andererseits sollte mit dieser Situierung der Sprachaufnahmen ein Gesprächsrahmen geschaffen werden, in dem die Gewährspersonen weitgehend von ihrem standardsprachlich orientierten self-monitoring abrückten und zu einer Sprechlage der regionalen Umgangssprache übergingen, die ihrerseits als objektsprachliche Datengrundlage für die Analyse des mecklenburgischen Regiolekts dienen konnte. In drei Fällen haben die Gewährsleute über lange Passagen des Interviews auch auf Niederdeutsch gesprochen.

Die Aufzeichnung der Interviews erfolgte durch einen Handy Recorder des Typs Zoom H2, der in den an Nebengeräuschen armen Aufnahmesituationen auch im mp3-Aufnahme­modus exzellente Tonqualität liefert. Ein optimaler mp3-Aufnahmemodus („variable bitrate“) wurde gewählt, um die betreffenden Audiodateien in der gemeinsamen Auswertung mit der studentischen Arbeitsgruppe schnell speichern und transferieren zu können. Das nur 10 x 6 x 3 cm messende Aufnahmegerät wurde während der Interviews etwas abseits zwischen den Dingen auf dem Küchen- oder Wohnzimmertisch platziert, an dem die Gespräche in der Regel stattfanden, und wurde von den Gewährspersonen schon bald nicht mehr beachtet. Die Interviews habe ich sämtlich im Zeitraum von 2010 bis 2015 aufgezeichnet. Die vier schon 2008 in Vorbereitung zum Norddeutschen Sprachatlas in Schwaan geführten Interviews wurden jeweils durch persönliche Nacherhebungen vor Ort oder durch Telefoninterviews im angegebenen Zeitraum ergänzt. Das Interviewkorpus meiner Untersuchung stammt also aus einem sehr kompakten Zeitabschnitt, zeitliche Differenzierungen innerhalb dieses Daten­materials, die für den Sprachwandel relevant sein könnten, sind auszuschließen. ← 51 | 52 →

Für die Erhebung der Datengrundlage meiner Untersuchung wurde eine Kombination quantitativer und qualitativer Verfahren gewählt. Eine vollständige Erhebungssequenz bestand dabei aus sechs im Gesprächsverlauf deutlich voneinander abgegrenzten Erhebungsteilen: einem narrativen Interview zur Biographie der Zeitzeugen nach 1945, einem leitfadengestützten Interview zu ihrer Sprachbiographie, einem Übersetzungstest, einer kurzen freien Erzählung im Basisdialekt, einer standardisierten Befragung zu Kenntnis und Gebrauch ausgewählter Lexeme der Herkunftsregiolekte der Vertriebenen und schließlich aus der Erhebung der wesentlichen soziodemographischen Metadaten zur jeweiligen Gewährsperson (vgl. Tab. 2.1.2-1). Die Tonaufzeichnungen jedes dieser Erhebungsteile wurden in einer eigenen Audiodatei abgespeichert. In einer Reihe von Fällen musste die Erhebungssequenz um einige Bestandteile verkürzt werden, etwa aus Zeitgründen oder wenn die Gewährsperson nicht über ausreichende Dialektkompetenz für den Übersetzungstest oder die Dialekterzählung verfügte.

Tabelle 2.1.2-1: Der Aufbau der Erhebungssequenz

ErhebungsteilGegenstand

1. narratives Interview zur Biographie

Lebenssituation nach 1945

weiterer Verlauf der Biographie

Nachfragen zu materiellen und sozialen Lebens­umständen

2. leitfadengestütztes Interview zur Sprachbiographie

Entwicklung des Sprachgebrauchs der Gewährs­person und in ihrem sozialen Umfeld

Sprachwissen, Spracheinstellungen

3. Übersetzungstest, „Wenkersätze“

Dialektkompetenz

Sprachprobe im intendierten Dialekt

4. Dialekterzählung

Freie Dialekterzählung zu Themen aus dem häuslichen Bereich

5. semasiologische Befragung zur Lexik der Herkunftsregiolekte der Vertriebenen

Kenntnis und Gebrauch ausgewählter regiolektaler Lexeme aus den Vertreibungsgebieten

6. Erhebung soziodemographischer Metadaten zur Gewährsperson

Eckdaten zu Lebenslauf und Bildungskarriere ← 52 | 53 →

Die Erhebungssequenz eröffnete jeweils das narrative Interview zur Biographie, mit dem die subjektive Strukturierung der biographischen Ereignisse, die für die Befragten relevanten lebensgeschichtlichen Konflikte und markanten Kennzeichen ihrer Lebensumstände sowie ihre individuellen Bewertungen des Nachkriegsgeschehens und seiner örtlichen Protagonisten erfasst werden sollten. Die zeitliche Fokussierung der biographischen Interviews lag auf den lebensgeschichtlichen Entwicklungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese zeitliche Begrenzung ergab sich einerseits natürlich aus dem vorrangigen Interesse meines Forschungsvorhabens an den sprachlichen Folgen der Immigration der Vertriebenen in den mecklenburgischen Zuwanderungsgebieten. Andererseits sollte der vorgegebene Zeitrahmen die Zeitzeugen von vornherein davon entlasten, über eventuell traumatische Erlebnisse aus Krieg und Vertreibung erzählen zu müssen. Der initiale Erzählimpuls in Interviews mit Angehörigen der Vorkriegsgeneration lautete entsprechend: „Bitte erzählen Sie mir, wie es Ihnen und Ihrer Familie in den Jahren nach dem Krieg ergangen ist“. Befragte aus der Nachkriegsgeneration wurden mit der Bitte, zu „erzählen, wie Sie aufgewachsen sind“, zur biographischen Erzählung aufgefordert. In beiden Fällen wurden die Gewährspersonen später zusätzlich gebeten, ihren weiteren Lebensverlauf zu schildern, wenn sie sich in ihrer biographischen Erzählung auf die unmittelbare Nachkriegszeit oder ihre frühe Kindheit beschränkten. Die erzählte Zeit der Biographien sollte idealerweise bis an die Gegenwart heranreichen, um Daten auch für die jüngere Vergangenheit zu gewinnen.

In der Nachfragephase dieser narrativen Interviews wurden die Gesprächspartner gebeten, Passagen, die dem Interviewer unklar geblieben waren oder zu wenig detailliert erschienen, noch einmal genauer zu entfalten. Das biographische Interview wurde schließlich um eine kurze, leitfadengestützte Befragung zur materiellen Situation der Familie, zu ihrem lokalen Lebensumfeld und speziell zum Zusammenleben von Alteingesessenen und ← 53 | 54 → Vertriebenen am Ort ergänzt. Mit diesen „‚externen‘ Nachfragen“43 konnten über die Erzählinhalte hinaus, die die Befragten von sich aus relevant gemacht hatten, systematisch Informationen zu den materiellen und sozialen Verhältnissen am Erhebungsort elizitiert werden, die aus der Perspektive des Forschungsprojekts bedeutsam erschienen.

An das biographische Interview schloss sich im Erhebungsverlauf eine leitfadengestützte Befragung zur Sprachbiographie der Gewährspersonen an. Die Vorgabe eines Leitfadens mit standardisierten Fragen war darauf gerichtet, möglichst von allen interviewten Zeitzeugen vergleichbare Stellungnahmen zu bestimmten Aspekten des Varietätengebrauchs in ihren Familien und ihrem weiteren Lebensumfeld zu gewinnen, die sich in der Auswertung mit örtlichen, altersmäßigen oder sozialen Differenzierungen innerhalb der Gesamtstichprobe korrelieren ließen. Repräsentativität konnte zwar auch mit der großen Stichprobe von 90 Gewährspersonen nicht erreicht werden, durch die standardisierte Befragung wurde aber angestrebt, Aussagen zu den mecklenburgischen Sprachverhältnissen in hoher Dichte und Detailliertheit zu gewinnen, die in der Auswertung eine wechselseitige Triangulation und interpretatorische Ausdifferenzierung erlauben würden.

Zum Auftakt des sprachbiographischen Interviews wurden die Gewährspersonen gebeten, ihre Varietätenkompetenz zu charakterisieren. Der Leitfaden des Interviews folgte sodann in lebensgeschichtlicher Stufenfolge dem Sprachgebrauch der Befragten und ihres sozialen Umfeldes von der vorschulischen Kindheit über Schulzeit und Jugend, über das Berufsleben bis hin zur Gegenwart des Interviewgesprächs. Für jede der Phasen der Sprachbiographie wurde differenziert nach dem Varietätengebrauch in verschiedenen Kommunikationsdomänen gefragt. Abschließend wurde die Gewährsperson gebeten, Veränderungen oder spezifische Entwicklungen in ihrem Sprachgebrauch retrospektiv zu resümieren. Eine Fragepalette zu Sprachwissen und Spracheinstellungen schloss das sprachbiographische Interview ab. ← 54 | 55 →

Der ursprünglich ausgearbeitete Interviewleitfaden44 erwies sich insbesondere im Hinblick auf das erfragte Sprachverhalten von Personen aus dem Umfeld der Interviewpartner schnell als zu detailliert und setzte der Gesprächsführung unerwünscht starke zeitliche und thematische Restriktionen. Der Leitfaden wurde daher schon nach einer kurzen Erprobungsphase nur noch als hilfreicher Orientierungsrahmen für die lebensgeschichtliche und thematische Strukturierung der Interviews genutzt, innerhalb dessen die Befragten einen größeren Spielraum für eigene Gesprächsinitiativen hatten. Auch die offenere Interviewführung bot gleichwohl die Gelegenheit, eine Reihe von standardisierten Frage etwa zur Varietäten­kompetenz, zum Spracherwerb oder zu Spracheinstellungen an die Interviewpartner zu richten. Ihre Antworten auf diese standardisierten Fragen lassen sich somit über nahezu die gesamte Stichprobe der Befragten vergleichen.

Für die Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten haben die beiden Interviews eine doppelte Relevanz. Sie werden einerseits inhaltlich analysiert als detaillierte metasprachliche Ausführungen zu den sprachlichen Verhältnissen im Erhebungsgebiet und ihren biographischen und sozialgeschichtlichen Rahmenbedingungen (im zweiten Band dieser Studie). Die Interviews werden andererseits aber auch als umfangreiche objektsprachliche Manifestationen des regiolektalen Sprachgebrauchs in meinem Untersuchungsgebiet einer merkmalorientierten Sprachanalyse unterzogen, deren quantitativen Ergebnisse im vorliegenden Band vorgestellt werden.

An die beiden meist sehr ausführlichen Interviews schlossen sich einige kürzere Sprachtests an. Den Anfang machte ein Übersetzungstest, bei dem die Gewährspersonen standarddeutsche Satzvorlagen aus dem Stegreif in den Basisdialekt – Niederdeutsch oder den jeweiligen Herkunftsdialekt – übertragen sollten. Als Übersetzungsvorlage dienten im Wesentlichen die Erhebungsvorlagen, die bereits Georg Wenker bei seiner Fragebogenerhebung zum Sprachatlas des Deutschen Reiches um 1880 verwendet hatte und die der deutschen Dialektologie seither eine wichtige historische Bezugsgröße bieten. ← 55 | 56 → Den Zeitzeugen wurden die 40 historischen „Wenkersätze“, die ich um fünf speziell auf das mecklenburgische Niederdeutsch ausgerichtete Satzvorlagen erweitert habe, in schriftlicher, gut lesbarer Form vorgelegt. Diese schriftliche Vorlage habe ich dann zusätzlich Satz für Satz vorgelesen und die Gewährsperson jeweils um eine spontane, mündliche Übersetzung in „Ihren“ Herkunfts-Dialekt bzw. in das „Schwaaner / Jürgenshäger / Satower / Nienhäger / Rostocker Niederdeutsch“ gebeten.45 Den Gewährs­personen wurde im Vorhinein kurz die Herkunft der zum Teil archaisch anmutenden Testsätze aus der Erhebung Georg Wenkers erläutert. Und sie wurden ausdrücklich ermuntert, die hochdeutschen Satzvorlagen ruhig sehr frei zu übersetzen, so dass ein „natürlicher“ Dialekt das Ergebnis wäre. Die Dialektübersetzung fungierte innerhalb der Erhebung als Kompetenztest und bot andererseits die stark standardisierte Datengrundlage für die Variablenanalyse des intendierten Dialekts.46

Wenn die Zeit nicht zu sehr fortgeschritten war, wurden die dialektkompetenten Gewährspersonen sodann um eine kurze freie Erzählung im Dialekt gebeten. Als Themen der Erzählung wurden meist der Ablauf des Weihnachtsfests oder die Zubereitung von Gerichten bei Familienfeierlichkeiten vorgeschlagen. Es wurden bewusst diese Themenvorschläge aus dem häuslichen Umfeld gewählt, weil davon ausgegangen werden kann, dass das private Umfeld für heutige Sprecher noch am ehesten mit Dialektgebrauch verbunden ist.47 Andererseits war zu erwarten, dass bei der Darstellung von Festgestaltung und familiären Koch­gewohnheiten kulturelle Differenzen zwischen Alteingesessenen und Vertriebenen hervortreten oder sogar ausdrücklich thematisiert werden würden.48

Als dritter Sprachtests, der inspiriert durch die ersten Interviews erst in der Anfangsphase der Befragungen entwickelt worden ist, wurde den Gewährspersonen ein semasiologischer Fragebogen zu Kenntnis und ← 56 | 57 → Gebrauch von Lexemen vorgelegt, die in den schlesischen, böhmisch-mährischen und slowakischen Vertreibungsgebieten großräumig verbreitet waren und in starkem Kontrast zu mecklenburgischen bzw. standardsprachlichen Wortentsprechungen stehen (z. B. Karfiol ‚Blumenkohl‘). Den Interviewpartnern – aus alteingesessenen Familien wie aus Vertriebenenfamilien – wurden dabei zehn ausgewählte Lexeme in einer Wortliste schriftlich vorgelegt, einzeln vorgelesen und jeweils nach der Bedeutung und gegebenenfalls dem Gebrauch des Wortes in ihrem Umfeld gefragt. Auf diese Weise sollte ermittelt werden, ob und inwieweit der Wortschatz aus den Herkunftsgebieten der Zuwanderer in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen tradiert wird.49

Das Ende des Interviewgesprächs markierte das Aufzeichnen der Eckdaten zur Biographie der betreffenden Gewährsperson: mit Fragen zum Lebenslauf, Wohnortswechsel, Familienstand und zur Bildungskarriere. Die Gesprächspartner wurden abschließend um die Unterzeichnung einer schriftlichen Einverständniserklärung gebeten, mit der sie gestatteten, die erhobenen Daten in anonymisierter Form in Forschung und Lehre zu verwenden. Sie bekamen ihrerseits in schriftlicher Form die Wahrung ihrer Anonymität zugesichert. Als symbolischen Dank für ihre wertvolle Unterstützung wurde den Gewährspersonen zum Abschied ein Keramikbecher mit Konfekt überreicht. Alljährlich werden sie in einem Neujahrsrundbrief über den aktuellen Stand der Projekt-Arbeiten informiert, was einzelne meiner ehemaligen Gesprächspartner veranlasst, mich ihrerseits mit Informationen zum neueren Ortsgeschehen oder regionalen Ereignissen zu versehen.

2.1.3  Die Gesamtstichprobe: Aufbau und Vergleichsgruppen

Da als Forschungsfrage der Untersuchung die Entwicklung der Varietätenkontakte in den mecklenburgischen Zuwanderungsgebieten der Vertreibung vorgegeben war, schien es wenig sinnvoll, Gewährspersonen für inhaltliche und sprachliche Gegebenheiten nach dem Zufallsprinzip zu suchen. Es wurde stattdessen von Anfang an gezielt am Aufbau einer Gesamtstichprobe gearbeitet, innerhalb derer das Sprachverhalten und die ← 57 | 58 → Spracheinstellungen spezifischer sozialer Gruppen miteinander verglichen werden können. Die Gesamtstichprobe meiner Untersuchung sollte Vergleiche entlang der Dimensionen des Alters der Gewährspersonen, der regionalen Herkunft der Gewährspersonen und nach der Größe bzw. Urbanität ihrer Wohnorte ermöglichen. Diese Kriterien gaben zugleich die Leitlinien für die Suche nach geeigneten Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern vor. Die Probanden sollten demnach überwiegend den folgenden sozialen Gruppen zugehören:

Gesucht wurde erstens nach Gewährspersonen aus zwei deutlich unterschiedenen Alterskohorten.

Sie sollten zweitens aus Familien alteingesessener Bewohner des Untersuchungsgebietes oder aus Familien hierhin zugewanderter Vertriebener stammen.

Und sie sollten drittens möglichst ortsfest in Ortschaften wohnen, die sich der Größe und ihrer sozialen Struktur nach den drei Siedlungstypen Großstadt, Kleinstadt und Dorf zuordnen lassen (vgl. Tab. 2.1.3-1).

Der Aufbau der Gesamtstichprobe will also keineswegs Repräsentativität für die heutige Wohnbevölkerung meines Untersuchungsgebietes erreichen, sondern soll einen für die Forschungsfrage relevanten Ausschnitt aus ihrer heterogenen Sprachwirklichkeit dokumentieren und dabei einige der wichtigsten sozialen Bedingungszusammenhänge dieser Sprachverhältnisse abbilden. Innerhalb der Vergleichsgruppen der Gesamtstichprobe habe ich allerdings eine möglichst breite und gleichmäßig verteilte Streuung der Befragten angestrebt. Insgesamt habe ich mit 90 Gewährspersonen Interviews und Sprachtests durchgeführt.

Tabelle 2.1.3-1: Soziale Vergleichsgruppen innerhalb der Gesamtstichprobe

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Die ältere der beiden Altersgruppen in meiner Gesamtstichprobe lässt sich wie folgt charakterisieren: Da Varietäten­kontakte sowohl auf basisdialektaler als auch auf regiolektaler Ebene beobachtet werden sollen, wurde die ältere Alterskohorte meiner Probanden auf die Geburtsjahrgänge 1920 bis 1939 eingegrenzt. Selbst solche Personen aus dieser Altersgruppe, die vorschulisch noch ausschließlich im jeweiligen Basisdialekt sozialisiert wurden, sind also bis Kriegsende in der Schule bereits mit einer – wahrscheinlich regional geprägten – Form des Standarddeutschen in Berührung gekommen und hatten spätestens zu diesem Zeitpunkt begonnen diese Varietät zu erwerben. Sie verfügten bei Kriegsende also – gegebenenfalls neben einer mehr oder weniger ausgeprägten Dialektkompetenz – auch über eine mindestens rudimentäre Kompetenz im hochdeutschen Regiolekt bzw. im Standarddeutschen.

Meine älteste Gewährsperson wurde 1921 geboren, die drei jüngsten Angehörigen dieser Altersgruppe kamen 1939 zur Welt. Die Gruppe der vor dem Zweiten Weltkrieg geborenen Gewährsleute umfasst 58 Personen. Im Gruppendurchschnitt lag das Geburtsdatum dieser Gewährspersonen in der ersten Jahreshälfte 1931. Zum Kriegsende 1945 waren diese Personen demnach durchschnittlich 13 Jahre alt. Die sprachliche Primärsozialisation hatten meine Probanden also bereits vor dem erzwungenen Beginn der binnendeutschen Varietätenkontakte jeweils in der Region abgeschlossen, in der sie aufgewachsen sind. Bei den meisten Gewährspersonen dieser Altersgruppe war überdies die schulische Sekundär­sozialisation und damit der Erwerb einer standardnahen Varietät bereits sehr weit fortgeschritten oder schon abgeschlossen, als sie vertreibungsbedingt mit arealen Varietäten des Deutschen in Kontakt kamen, die ihnen zuvor unbekannt waren. Lebensgeschichtlich hatte der größte Teil der Angehörigen dieser Alterskohorte die sensitive Phase für einen akzentfreien Zweitspracherwerb bereits überschritten, als sie ihr Sprachverhalten in die wechselseitigen Synchronisierungs­prozesse zwischen den basisdialektalen und regiolektalen Kontaktvarietäten im Mecklenburg der Nachkriegszeit einzubringen begannen.50 In der Mitte meiner von 2010 bis 2015 währenden Erhebungszeit waren die Angehörigen ← 59 | 60 → dieser Alterskohorte im Durchschnitt 82 Jahre alt. Auch die jüngsten Angehörigen dieser Altersgruppe waren zur Zeit ihrer Befragung schon lange aus dem Berufsleben ausgeschieden.

Die zweite Alterskohorte von Probanden wurde zeitlich so umgrenzt, dass sie potentiell die Nachkommen von Zugehörigen der älteren Kohorte umfassen konnte. Diese jüngere Alterskohorte in meiner Stichprobe schließt die Geburtsjahrgänge von 1950 bis 1969 ein, sie umfasst insgesamt 30 Personen. Im Fall von sechs Interviewpartnern, die vor 1940 geboren wurden, konnten tatsächlich die leiblichen Kinder in die Untersuchung einbezogen werden. Unabhängig von derartigen konkreten verwandtschaftlichen Abfolgen soll die Gegenüberstellung einer „Vor­kriegs­­generation“ und einer „Nachkriegsgeneration“ von Gewährspersonen es ermög­lichen, Prozesse sprachlicher Tradierung und Veränderung über die zeitliche Struktur einer hypostasierten familialen Generationsfolge nachzuzeichnen. Im Gruppendurchschnitt liegt das Geburtsdatum der Angehörigen der jüngeren Alterskohorte etwa in der Jahresmitte 1957. Zur Halbzeit meiner von 2010 bis 2015 dauernde Erhebungszeit waren die Angehörigen dieser Altersgruppe also durchschnittlich 56 Jahre alt. Sie standen zur Zeit ihrer Befragung somit bereits im letzten Drittel ihres Berufsleben und hatten zu einem kleinen Teil sogar schon das Rentenalter erreicht.

Beide Alterskohorten meiner Erhebung kann man im makrosoziologisch-historischen Sinne von „Generation“51 als „Vorkriegsgeneration“ und „Nachkriegsgeneration“ voneinander abgrenzen. Die Angehörigen einer Generation teilen jeweils ähnliche Erfahrungshorizonte, da sie im Laufe ihres Lebens mit den gleichen politischen, gesellschaftlichen, aber auch sprachlichen Entwicklungen konfrontiert waren. Die Lebenserfahrungen der Vorkriegs­generation werden folglich in vielerlei Hinsicht von den Erfahrungen der Nachkriegsgeneration abweichen. In dem feiner ausdifferenzierten Generationenmodell der DDR-Geschichte von Ahbe und Gries (2006: 502) würde die ältere Kohorte meiner Stichprobe überwiegend der „Aufbaugeneration“ zuzuordnen sein, deren Kindheit und Jugend durch Nationalsozialismus, Krieg, Vertreibung und die Notzeit der Nachkriegsjahre ← 60 | 61 → gekennzeichnet war. Ihr Berufsleben begannen die Angehörigen dieser Altersgruppe in der Aufbauphase der DDR und schlossen es etwa mit dem Ende der DDR ab. Die jüngere Alterskohorte meiner Untersuchung deckt sich weitgehend mit der „integrierten Generation“ der DDR-Gesellschaft, reicht aber auch in die „entgrenzte Generation“ hinein. Diese Altersgruppe wuchs in einer wirtschaftlich und gesellschaftlich konsolidierten DDR heran, mit der sich besonders die Älteren der Gruppe vielfach auch ideologisch identifizierten, während für jüngere Vertreter der Gruppe nach Ahbe / Gries (2006: 531­–556) eine zunehmende Entideologisierung und Westorientierung typisch waren. Für die Nachkriegsgeneration meiner Stichprobe brachte der Systemwechsel von der DDR zur Bundesrepublik meist einen einschneidenden Bruch der Berufs- und Bildungs­karrieren mit sich. Es wird (im zweiten Teil dieser Studie) zu prüfen sein, inwieweit die generations­spezifischen gesellschaftlichen Erfahrungen mit dem Sprachverhalten und Spracheinstellungen der jeweiligen Alterskohorten korrespondieren.52

Mit 58 Personen ist die Altersgruppe der Vorkriegsgeneration in meiner Gesamtstichprobe fast doppelt so häufig vertreten wie die Nachkriegsgeneration mit 30 Befragten.53 Diese zahlen­mäßige Asymmetrie unterstreicht, dass sich die Zusammensetzung der Gesamtstichprobe vor allem an den Forschungszielen meines Projekts orientiert und keinesfalls Anspruch auf Repräsentativität für die Bevölkerung des Untersuchungsgebietes erhebt, zumal ja auch der große Bevölkerungsanteil der 1970 und später geborenen Mecklenburger gar nicht berücksichtigt ist.54 Die Fokussierung auf die älteren und ältesten Geburtsjahrgänge hat natürlich schlicht auch arbeitsökonomische Gründe. Die starke Gewichtung besonders auf die Vorkriegsgeneration folgt aber auch aus meinem Bemühen, die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen der unmittelbaren Nachkriegszeit in möglichst ← 61 | 62 → großem Umfang zu bergen, solange sie noch zu befragen sind. Eine ganze Reihe meiner Gewährspersonen aus dieser älteren Alterskohorte ist inzwischen bereits verstorben. Die Befragung der Vorkriegsgeneration ist für mein Forschungs­vorhaben schließlich deshalb von besonderer Relevanz, weil die Lebensspannen und die Sprach­biographien der vor 1940 geborenen Personen den gesamten Untersuchungszeitraum seit dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart abdecken und noch in die unmittelbare Vorgeschichte dieser Nachkriegsentwicklungen zurückreichen.

Eine weitere wichtige Vergleichsdimension innerhalb der Gesamtstichprobe meiner Befragten wird durch die Gegenüberstellung von „Alteingesessenen“ und „Vertriebenen“ eröffnet (vgl. Tab. 2.1.3-1). Auch im Hinblick auf die regionale Herkunft der Gewährspersonen folgte der Aufbau der Stichprobe meiner Forschungsfrage. Um die 1945 einsetzenden Sprachkontaktprozesse klar konturieren zu können, habe ich für die Gruppe der Vertriebenen nur solche Personen aufgesucht und befragt, die vor ihrer Zuwanderung keinen längeren Kontakt mit dem Niederdeutschen oder einem norddeutschen Regiolekt gehabt haben konnten, weil sie aus mittel- oder oberdeutschen Dialektregionen stammen. Flüchtlinge und Vertriebene aus Pommern und Preußen wurden in der Vergleichsgruppe der Vertriebenen deshalb nicht berücksichtigt. Die befragten Vertriebenen der Vorkriegsgeneration stammen aus Schlesien, den böhmischen Ländern und der Slowakei (27 Personen). Neben Gewährspersonen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit aus den genannten Vertreibungsgebieten umgesiedelt wurden, sind auch die in Mecklenburg-Vorpommern geborenen Nachkommen derartiger Zuwanderer befragt worden (15 Personen). Als Repräsentanten der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien werden hier solche Personen berücksichtigt, von deren Eltern mindestens ein Elternteil aus den südöstlichen Vertreibungsgebieten stammt. Im Verlauf der Auswertung wird gelegentlich zwischen Personen mit einem vertriebenen Elternteil und solchen mit beiden Eltern aus den genannten Vertreibungsgebieten zu differenzieren sein, denn ihr Sprachverhalten weist zum Teil bemerkenswerte Unterschiede auf.

Da es in dieser Untersuchung um die Beobachtung langfristiger Sprachkontaktprozesse geht, sind aus der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen in erster Linie solche Personen berücksichtigt worden, die seit ihrer Zuwanderung 1945 / 1946 ohne längere Unterbrechung im Untersuchungsgebiet gelebt haben. Nur in zwei Fällen wurden auch Vertriebene aus dieser Altersgruppe ← 62 | 63 → interviewt, die zunächst in anderen Landesteilen Mecklenburg-Vorpommerns angesiedelt wurden und erst in späterer Zeit in das Untersuchungsgebiet bei Rostock zugezogen sind. Bei den Nachkommen von Vertriebenen wurden bis auf eine Ausnahme nur solche Personen berücksichtigt, die in meinem Erhebungsgebiet geboren wurden und ihr Leben ohne große Unterbrechung dort verbracht haben. Aus Vergleichsgründen wurde ausnahmsweise auch ein Sohn schlesischer Eltern interviewt, der im vorpommerschen Vergleichsort Gützkow aufgewachsen ist und lebt.

Die zahlenmäßige Repräsentanz der befragten Angehörigen von Vertriebenenfamilien und solchen aus alteingesessenen Familien ist in der Gesamtstichprobe ebenso wie innerhalb der verglichenen Alterskohorten nahezu ausgeglichen. Den insgesamt 42 befragten Angehörigen von Vertriebenenfamilien stehen in der Stichprobe 41 Angehörige alteingesessener mecklenburgischer Familien gegenüber. Als Alteingesessene der Vorkriegsgeneration sind solche Gewährsleute befragt worden, die vor 1940 im Untersuchungsgebiet geboren wurden und dort bis heute möglichst kontinuierlich gewohnt haben (26 Personen).55 Selbstredend ist auch hier die Nachkommengeneration in der Stichprobe vertreten. Die Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen setzt sich mit einer Ausnahme aus Personen zusammen, deren beide Eltern vor 1940 in Mecklenburg geboren wurden, die selbst im Erhebungsgebiet aufgewachsen sind und dort seither ohne größere Unterbrechungen ansässig sind (15 Personen). In einem Fall ist eine Gewährsperson zunächst im Süden des Landkreises Rostock aufgewachsen und erst aus Berufsgründen in das Erhebungsgebiet umgezogen.

Zusätzlich zu den Gewährsleuten, die sich im Sinne dieser Studie als „Vertriebene“ oder „Alteingesessene“ bzw. als deren Nachkommen identifizieren lassen, habe ich auch sieben weitere Personen interviewt, die diesen nach ihrer regionalen Herkunft unterschiedenen Vergleichsgruppen nicht ohne Einschränkungen zuzuordnen sind. Diese Zeitzeugen sind zusätzlich befragt worden, weil sie aus ihrer Berufserfahrung wertvolle Auskunft über die sprachlichen Verhältnissen in wichtigen Institutionen in den jeweiligen Ortschaften geben konnten: etwa über die Schule, die Kommunalverwaltung, ← 63 | 64 → die Kirche, den Kulturbetrieb oder große ortsansässige Wirtschaftsunternehmen. Wenn ich bei meiner Suche nach geeigneten Zeitzeugen auf derartige Gewährspersonen gestoßen bin, sind sie in die Gesamtstichprobe aufgenommen worden, obwohl sie beispielsweise aus Ostpreußen oder der Neumark vertrieben wurden oder aber schon in den 1930er Jahren als Kind schlesischer Arbeitsmigranten in das Untersuchungsgebiet zugewandert sind und daher nicht als „Vertriebene“ im oben genannten Sinn gelten können. Interviewt wurden aus denselben Gründen auch drei Personen, die vor dem Krieg in einer mecklenburgischen Region außerhalb der Erhebungsregion aufgewachsen und erst später zugezogen sind oder deren Eltern als Binnenmigranten innerhalb der DDR in das Untersuchungsgebiet immigrierten, wo sie selbst dann geboren wurden. Als „Alteingesessene“ im strikten Sinne der oben abgegrenzten Vergleichsgruppe können auch sie nicht gelten. All diese zusätzlichen Zeitzeugen haben aber langjährig im Untersuchungsgebiet gelebt und können deshalb aus eigener Erfahrung detailliert über ihr dortiges sprachliches Umfeld berichten.

Tabelle 2.1.3-2: Vergleichsgruppen nach regionaler Herkunft und Alter mit ihrer Siglenbezeichnung und ihrer zahlenmäßigen Repräsentanz in der Gesamtstichprobe

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Tabelle 2.1.3-2 und Abbildung 2.1.3-1 geben einen Überblick über die zahlenmäßige Repräsentanz der Herkunftsgruppen bzw. der Alterskohorten in der Gesamtstichprobe. Dort wird auch noch einmal erkennbar, dass die Herkunftsgruppen in der jeweiligen Altersstufe unter den Befragten nahezu völlig gleichstark vertreten sind.

Abbildung 2.1.3-1: Zusammensetzung der Gesamtstichprobe nach Herkunfts- bzw. Altersgruppen (A: Alteingesessene der Vorkriegsgeneration, AA: Alteingesessene der Nachkriegsgeneration, V: Vertriebene der Vorkriegsgeneration, VV, VA: Nachkriegs­generation der Familien Vertriebener, Z: zusätzliche Zeitzeugen)

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Um die wichtige Vergleichsdimension der regionalen Herkunft der Gewährspersonen jederzeit kenntlich zu machen, wird die jeweilige Herkunft beim Nachweis von Zitaten aus den Interviews oder bei der Erörterung von Charakteristika ihres persönlichen Sprachgebrauchs stets mit der Angabe einer Sigle angeführt (vgl. Tab. 2.1.3-2). Da auch die Position der Zeitzeugen in den beiden verglichenen Alterskohorten für die Leser stets erkennbar sein soll, wird zusätzlich auch immer das Geburtsjahr der betreffenden Gewährsperson genannt, wenn auf einzelne Personen aus der Stichprobe referiert wird.

Die einzelnen Gewährspersonen werden in dieser Studie also in anonymisierter Kurzform durch die folgenden Angaben identifiziert: ← 65 | 66 →

Herr / Frau56 > laufende Nummer der Aufnahme > (Geburtsjahr > Sigle der Herkunftsregion)

Also beispielsweise:

Herr 01 (1932 V)

Frau 07 (1936 A)

Herr 46 (1954 VV)

Frau 83 (1954 VA)

Frau 84 (1966 AA)

Herr 87 (1964 Z)

Abschließend soll noch die Differenzierung der Gesamtstichprobe nach dem Urbanitätsgrad der Wohnorte meiner Gewährspersonen angesprochen werden. In die Stichprobe meiner Untersuchung wurden wie gesagt grundsätzlich nur solche Personen einbezogen, die große Teile ihres Lebens im mecklenburgischen Erhebungsgebiet in Rostock und Umgebung (bzw. im Einzelfall: im vorpommerschen Vergleichsort Gützkow) gewohnt haben und deshalb aus langjähriger eigener Anschauung über die sozialen und sprachlichen Verhältnisse dort Auskunft geben können. Da ein Vergleich der Sprachentwicklungen in lokalen Kommunikationsräumen von unterschiedlichem Urbanitätsgrad angestrebt war, wurden die Interviews und Sprachtests in aller Regel in den fünf Fokusorten der Untersuchung bzw. in deren unmittelbarer Umgebung durchgeführt (vgl. Abschnitt 2.1.1). Gesucht wurde vor allem nach Probanden, die idealerweise ihr ganzes Leben seit der Geburt bzw. seit ihrer Zuwanderung nach dem Krieg in diesen Fokusorten gewohnt haben. Derartig dauerhaft ortstreue Gewährspersonen konnten in für mich überraschend großer Zahl gefunden werden.

Der Lebensweg anderer Ortsbewohner hat dagegen über mehrere örtliche Stationen im Erhebungsgebiet geführt und dabei gegebenenfalls auch in ← 66 | 67 → verschiedenen Fokusorten unterschiedlicher Größe Halt gemacht. Auch Personen, bei denen ein solcher Ortswechsel innerhalb des Untersuchungsgebietes einmal stattgefunden hat und die daher jeweils lange Phasen ihres Lebens in zwei der Fokusorte verbracht haben, sind in die Gesamtstichprobe aufgenommen worden. So habe ich beispielsweise eine Person in die Befragung einbezogen, die Kindheit und Jugend in der Großstadt Rostock verbracht und dann in das Dorf Satow geheiratet hat, oder eine andere, die im Ostseebad Nienhagen aufwuchs und dann aus Berufsgründen in die Kleinstadt Schwaan umgezogen ist. Bei der inhaltlichen Auswertung der biographischen und sprachbiographischen Interviews werden dann über die Filterfunktion der verwendeten Analysesoftware MAXQDA die ortsbezogenen Aussagen all derjenigen Gewährspersonen zusammengeführt, die im betreffenden Fokusort entweder ihr ganzes Leben oder zumindest lange Phasen ihres Lebens verbracht haben. Die Rekonstruktion der Sprachgebrauchs- und der Sprachbewusstseinsgeschichte kann sich auf diese Weise für jeden der Fokusorte auf Teilsamples von Personen stützen, die über die Lebens- und Sprachverhältnisse am Ort aus langjähriger Erfahrung und eigener Beteiligung berichten können.

Für die Rekonstruktion der Sprachsystemgeschichte, die ja unter anderem nach strukturellen Differenzen im Sprachgebrauch in Ortschaften unterschiedlicher Größe fragt, sind strengere Kriterien an die zugrundeliegende Stichprobe zu stellen. Hier wurde die Teilstichprobe auf Personen begrenzt, die seit 1945 / 1946 bzw. seit ihrer Geburt nach 1950 möglichst ohne größere Unterbrechung an einem und demselben Ort gelebt haben. Aus den aufgezeichneten dialektalen und regiolektalen Äußerungen dieser besonders ortstreuen Bewohnern der Großstadt Rostock, der Kleinstadt Schwaan oder der dörflichen Fokusorte werden spezielle Teilkorpora für die quantitative Variablenanalyse zusammengestellt. Die Datengrundlagen für die sprachliche Analyse des Regiolekts und des niederdeutschen Dialekts beschreiben die Abschnitte 2.2.1 und 2.2.2.

2.1.4  Transkription und Nachweis von Zitaten

Um meine umfangreichen Tonaufnahmen analysieren zu können, mussten die Tondokumente zunächst verschriftlicht werden. Für die Entscheidungen, in welchem Transkriptionssystem, in welchem Transkriptionsformat und mit Hilfe welcher Transkriptionssoftware die Verschrift­lichung der Audiodateien ← 67 | 68 → erfolgen sollte, war in erster Linie die Überlegung ausschlaggebend, welche Datengrundlage dem Erkenntnisinteresse meiner Untersuchung am angemessensten wäre. Bei einem Aufnahmekorpus von über 200 Stunden Umfang war auch der erwartbar sehr große Arbeitsaufwand vorab in Rechnung zu ziehen. Schließlich sollten die Transkripte der Aufnahmen, aus denen vor allem im zweiten Band meiner mecklenburgischen Sprachgeschichte häufiger und umfänglicher zu zitieren sein wird, auch für einen breiteren, nicht unbedingt phonetisch geschulten Adressatenkreis mühelos zu lesen sein.57

Die biographischen und die sprachbiographischen Interviews meiner 90 Gewährs­personen erfüllen in meinem Forschungsvorhaben eine doppelte Funktion als empirische Basis: Sie sollen einerseits als subjektive Sprachdaten zum Sprachgebrauch, zur Sprachwahrnehmung und zu den sozialgeschichtlichen Hintergründen der Varietätenkontakte einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen werden. Andererseits sollen die – überwiegend hochdeutsch geführten – Interviews als objektive Sprachdaten für die quantitativen Variablenanalysen zum regiolektalen Sprachgebrauch in Mecklenburg ausgewertet werden. Die niederdeutschen Wenkerübersetzungen und freien Dialekterzählungen fungieren dagegen (abgesehen von einzelnen metasprachlichen Randbemerkungen der Gewährspersonen) ausschließlich als Grundlage für die Variablenanalyse des Niederdeutschen. Niederdeutsche Passagen in den Interviews, die in der Regel nur kurz ausfallen, werden natürlich bei der Inhaltsanalyse dieser Gespräche mit berücksichtigt.

Für die Verschriftlichung der meist hochdeutschbasierten Interviews und der niederdeutschen Sprachtests und Kurzerzählungen waren unterschiedliche Vorgehensweisen geboten. Zunächst soll auf die Transkription der Interviews eingegangen werden: Da unter inhaltsanalytischen wie unter variablenanalytischen Aspekten in erster Linie die Äußerungen der Gewährspersonen Gegenstand der Untersuchung sind, wurden diese Interviewäußerungen im Zeilenformat transkribiert. Die Gesprächsbeiträge des Interviewers sowie gegebenenfalls weiterer Gesprächsteilnehmer werden nur in Form von kurzen Paraphrasen in das Transkript aufgenommen. Auch Interviewpassagen, die für die sprachlichen und sozialen Verhältnisse im Lebensumfeld der Zeitzeugen inhaltlich nicht relevant sind – wie z. B. ← 68 | 69 → Gesprächspassagen zur Anreise des Interviewers – werden in den Transkripten nur stichwortartig paraphrasiert.58 Die nur paraphrasierten Kontexte der Äußerungen der Gewährspersonen können in der Auswertung in den mit den Transkripten verlinkten Audiodateien jederzeit nachträglich abgehört und in der Interpretation berücksichtigt werden. Bei Bedarf kann der zeitliche Verlauf von Ausschnitten der Gesprächsinteraktion später punktuell im Partiturformat verschriftlicht werden. Im Großen und Ganzen bietet die ‚monologische‘ Verschriftlichung der Interviews im Zeilenformat den direktesten und am wenigsten aufwendigen Zugang zur zentralen Datengrundlage meiner Untersuchung. Für die Transkription im Zeilenformat bot sich die Software F4 an,59 die eine komfortable Verschriftlichung auch sehr umfangreicher Audiodateien ermöglicht und die Transkripte fortlaufend mit der Tonspur verlinkt. Die F4-Transkripte sind außerdem leicht in die Auswertungssoftware MAXQDA zu importieren.

Die Interviews der Gewährspersonen wurden standardorthographisch verschriftlicht. Standardorthographische Transkripte sind sehr leicht zu erstellen und optimal lesbar. Überdies generiert die orthographische Standardisierung Transkripte, in denen für die phonetische Variablenanalyse vergleichbare sprachliche Kontexte über Volltextsuchroutinen aufgefunden und auf ihre konkrete lautliche Realisierung in der verlinkten Audiospur abgehört werden können. Standarddivergente Lautrealisierungen werden also erst in der nachträglichen Codierung der Transkripte erfasst. Auch allegrosprachliche Laut- und Morphemreduktionen, die in schneller Spontansprache in sehr großräumiger Verteilung oft hochfrequent auftreten, wurden aus Gründen der Lesbarkeit und Vereinheitlichung in den Transkripten standardisiert.60 Eine Äußerung wie beispielsweise „könn‘ ← 69 | 70 → Se ma‘ sehn“ wird im standardorthographischen Transkript demnach als „können Sie mal sehen“ umgesetzt. Für die Transkription der allegrosprachlichen Phänomene wurden ebenso wie für die Verschriftlichung anderer spontansprachlicher Phänomene (z. B. Übersprechen von Wortgrenzen, Konstruktionsbrüche, Planungsindikatoren) spezielle Regelungen getroffen, die in einem Transkriptionshandbuch niedergelegt wurden.61 Diese Regelungen sind im Anhang dieses Bandes abgedruckt (vgl. Abschnitt 9.2.1).

Morphologische und syntaktische Besonderheiten der Zeitzeugenäußerungen, die sich nicht auf Allegrosprechweise zurückführen lassen, wurden dagegen bei der Verschriftlichung nicht standardisiert, auch wenn sie von der kodifizierten Norm, etwa der Duden-Grammatik, abweichen (z. B. „mit so große Augen“). Die beibehaltenen morphologischen oder syntaktischen Nonstandardformen sind in den Transkripten einfach aufzusuchen und können so bei der Frage nach morphosyntaktischen Spezifika des mecklenburgischen Regiolekts Berücksichtigung finden. Konstruktionsbrüche, Reformulierungen und Wiederholungen wurden in die Verschriftlichung überführt, um den Verlauf der Argumentationen und Narrationen der Gewährspersonen abzubilden. Sprechpausen und prosodische Merkmale der Äußerungen haben wir im Sinne der leichteren Lesbarkeit in der Verschriftlichung nicht notiert, auf sie kann bei der Interpretation bestimmter Gesprächszüge bei Bedarf gesondert eingegangen werden. Die einzelnen Äußerungen der Gewährspersonen werden durch schließende Satzzeichen (Punkt, Fragezeichen, Ausrufezeichen) voneinander abgegrenzt. Auf äußerungsinterne Zeichensetzung wurde verzichtet, um die Transkriptionsarbeit von syntaktischen Interpretationsfragen möglichst weitgehend zu ← 70 | 71 → entlasten. Die fehlende äußerungsinterne Zeichensetzung soll bei Zitaten aus den Interviews überdies den spontansprachlichen Charakter der jeweiligen Äußerungen für die Leserinnen und Leser jederzeit kenntlich machen.

Bei der Transkription des umfangreichen Interviewkorpus haben mich studentische Hilfskräfte unterstützt. Jedes erstellte Transkript wurde dabei in anschließenden Korrekturgängen von mindestens einer weiteren Person kontrolliert und auf der Basis des Transkriptionshandbuches korrigiert. Stellten sich bei der späteren inhalts- und variablen­analytischen Auswertung der Interviews noch Ungenauigkeiten der Verschriftlichung heraus, so wurden diese in weiteren Korrekturversionen bereinigt. Die niederdeutschen Passagen in den Interviews wurden im Ersttranskript gekennzeichnet und in einem eigenen Arbeitsgang von niederdeutschkompetenten Projektmitgliedern nach den im Folgenden beschriebenen Konventionen verschriftlicht.

Bei der Verschriftlichung der niederdeutschen Wenkerübersetzungen und anderen niederdeutsche Sprachproben sind wir anders vorgegangen als bei den überwiegend hochdeutschbasierten Interviews: Die Wenkerübersetzungen und kurzen Erzählungen wurden ebenso wie einige historische niederdeutsche Tondokumente mit Hilfe der EXMARaLDA-Software transkribiert, die ebenfalls eine Verlinkung von Text und Audiospur ermöglicht.62 Anders als die F4-Software können in der Bearbeitung mit EXMARaLDA die Transkripte einfach wortweise segmentiert und so beispielsweise synoptische Darstellungen der verschiedenen Übersetzungsvarianten für die hochdeutschen Satzvorlagen erstellt werden. Auch hier wurde im Zeilenformat transkribiert. Die Partiturstruktur, die der Partitureditor von EXMARaLDA vorgibt, habe ich hauptsächlich für die Einrichtung von Kommentar- und Annotationszeilen für die Variablenanalyse des Niederdeutschen genutzt. Dabei werden sprachliche Merkmale, die in den Wortsegmenten der Transkriptionszeile auftreten, in den jeweiligen parallel laufenden Annotationsspuren mit Siglen codiert oder kurz kommentiert. Als Transkriptionssystem für das Niederdeutsche, auch für die niederdeutschen Passagen der Interviews, wurde eine literarische Umschrift gewählt, die mit Mitteln der Standard­orthographie die dialektale Lautlichkeit näherungsweise abbildet und dabei gut lesbar bleibt. ← 71 | 72 → Die Konventionen für die literarische Umschrift des Niederdeutsche lehnen sich mit einigen Modifikationen an die einfachen Orthographieregeln an, die Herrmann-Winter (1999: 11–12) für das mecklenburgisch-vorpommersche Niederdeutsch ausgearbeitet hat. Die Transkriptions­konventionen für die niederdeutschen Äußerungen der Gewährspersonen finden sich ebenfalls im Anhang dieses Bandes (vgl. Abschnitt 9.2.2). Wo die genaue phonetische Realisierung für die Dateninterpretation von Bedeutung ist, wird punktuell auch mit einer IPA-Transkription der betreffenden niederdeutschen Wörter bzw. Äußerungen gearbeitet.

Die Interviewgespräche mit den meisten meiner Gewährspersonen umfassen – wie in Abschnitt 2.1.2 dargestellt – maximal sechs verschiedene Erhebungsteile: biographisches Interview, sprachbiographisches Interview, Wenkerübersetzung, Dialekterzählung, semasio­logische Befragung, Metadaten zur Person. Einige zusätzliche Zeitzeugen (Personensigle Z) habe ich gezielt zum Sprachgebrauch in lokalen Institutionen (Schule, Kirche, Verwaltung) oder zur Ortsgeschichte befragt. Die Aufzeichnungen all dieser Erhebungsteile wurden jeweils in einer eigenen Audiodatei abgespeichert und in einer entsprechenden Transkriptdatei verschriftlicht. Die Tonaufzeichnungen zur Erhebung der soziodemographischen Daten der einzelnen Gewährspersonen sind allerdings nicht transkribiert, sondern nur tabellarisch ausgewertet worden. Ebenso wurden die Aufnahmen der semasiologischen Befragung der Gewährs­personen nicht durchgängig verschriftlicht, sondern nur knappe Schlüsselzitate aus den jeweiligen Aufnahmen in eine Excel-Tabelle zur Auswertung aufgenommen. Für jede Gewährsperson wurden die zugehörigen Audiodateien, Transkripte und Tabellen in einem gesonderten Dateiordner abgelegt.

Wie werden nun Zitate aus diesem großen und intern gegliederten Korpus nachgewiesen? Bei Nachweis von zitierten Passagen gebe ich zunächst die in Abschnitt 2.3.3 vorgestellten Personensiglen an und verweise sodann auf den Erhebungsteil, aus dem die betreffende Äußerung der Gewährsperson stammt. Dabei verwende ich die folgenden Kürzel für die verschiedenen Erhebungsteile:

BI: biographisches Interview

SP: sprachbiographisches Interview

WN: Wenkerübersetzung ins Niederdeutsche

WD: Wenkerübersetzung in den Herkunftsdialekt

EN: Dialekterzählung auf Niederdeutsch ← 72 | 73 →

ED: Dialekterzählung im Herkunftsdialekt

SE: Semasiologische Befragung

SO: Sonderthema, Sprachgebrauch in Institutionen, Ortsgeschichte

Gelegentlich musste die Aufnahme eines Erhebungsteils unterbrochen werden, etwa weil die Gewährsperson zwischenzeitlich einen Telefonanruf entgegennahm. Einige Male habe ich ein begonnenes Interview durch telefonische Nachfragen ergänzt oder bei einem zweiten Besuch vor Ort fortgesetzt. In diesen Fällen wurden für den jeweiligen Erhebungsteil zwei (mitunter drei) Audiodateien abgespeichert und entsprechende Einzeltranskripte angefertigt, die laufend durchnummeriert werden. Mit der Kürzel „BI2“ beziehe ich mich beispielsweise auf den zweiten Teil des biographischen Interviews einer Gewährsperson. Zitate aus den langen Interviews werden zusätzlich durch die Angabe des Absatzes bzw. der Absätze im betreffenden Transkript identifiziert (z. B. SP: 23–24). Bei Zitaten aus den Wenkerübersetzungen nenne ich die Nummer des jeweiligen Wenkersatzes. Passagen aus den durchweg sehr kurzen Dialekterzählungen (EN, ED) werden ohne Angabe des Absatzes im Transkript nachgewiesen.

Zwei Beispiele sollen die vollständige Form der Quellenangabe verdeutlichen, mit denen in dieser Studie auf Passagen aus dem Transkriptkorpus verwiesen wird: Der Nachweis eines Gesprächsbeitrags, den eine 1930 geborene Vertriebene in ihrem biographischen Interview geäußert hat und der im Absatz 15 des zugehörigen Transkripts verschriftlicht wurde, lautet etwa wie folgt:

Frau 29 (1930 V, BI: 15)

Wenn beispielsweise auf eine längere Äußerung eines 1950 geborenen Angehörigen einer alteingesessenen mecklenburgischen Familie im zweiten Teil seines sprachbiographischen Interviews verwiesen werden soll, könnte die Quellenangabe die folgende Form haben:

Herr 58 (1950 AA, SP2: 23–24)

Das Korpus der Transkripte wird zusammen mit den Audiodateien nach Abschluss meiner Auswertungen für die nachhaltige Nutzung archiviert und für die interdisziplinäre Forschung zugänglich gemacht. ← 73 | 74 →

2.2  Datengrundlage für die Sprachsystemgeschichte

2.2.1  Das regiolektale Korpus: Interviews ortstreuer Gewährspersonen und historische Sprachdokumente

Die Datengrundlage für die sprachliche Analyse des mecklenburgischen Regiolekts bildet in meiner Studie hauptsächlich die hochdeutsche Sprachlage, in der meine Gewährspersonen mit mir im biographischen und sprachbiographischen Interview gesprochen haben. Die Interview­sprache meiner Gewährsleute weist eine mehr oder weniger große Fülle nichtstandard­sprachlicher, regional gebundener Merkmale auf, die als kennzeichnend für den Regiolekt in Mecklenburg gelten können oder aber charakteristisch für die Herkunftsvarietäten der Vertriebenen sind. Dabei ist klar, dass die Interviewsprache nur einen schmalen Ausschnitt aus dem variativen Spektrum des Regiolekts der jeweiligen Gewährsperson repräsentiert. Da die Gesprächssituation meiner Erhebung als semiformell charakterisiert werden kann (vgl. Abschnitt 2.1.2), ist davon auszugehen, dass die Interviewsprache meiner Zeitzeugen eher eine vergleichsweise standardnahe Sprechlage innerhalb ihres regiolektalen Sprachgebrauchs darstellt und sie in informellen Freundes- oder Familien­gesprächen wohl eine merklich standardfernere Redeweise wählen würden als gegenüber mir, dem zunächst unbekannten Interviewer. Dieser Umstand wird bei der Auswertung meiner Befunde zu berücksichtigen sein.

Die Begrenzung der Datengrundlage auf die Probandenäußerungen in einer einzigen, immer gleichen Gesprächssituation legt das spezielle Forschungsinteresse meiner Studie nahe. Anders als die aktuellen Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas oder zum Marburger REDE-Projekt zielt meine Studie nicht auf die Erfassung situativer Varianzen innerhalb der regiolektalen Spektren sprachlicher Großräume,63 sondern auf die Ermittlung sozialer und diachroner Differenzen im regiolektalen Sprachgebrauch der ← 74 | 75 → Bevölkerung eines kleinen Untersuchungsgebietes. Es ist davon auszugehen, dass sich derartige Differenzen in den unterschiedlichen Redeweisen verschiedener Gewährspersonen in einer durchgängig vergleichbaren Erhebungssituation am deutlichsten abzeichnen. Da die soziale und diachrone Varianz des Regiolekts im Vordergrund des Forschungsinteresses steht, sollten Effekte seiner situativen Variabilität durch die einheitliche Erhebungssituation möglichst weitgehend herausgefiltert werden. Um die soziale und diachrone (gegebenenfalls auch örtliche) Heterogenität des Regiolekts in meinem Erhebungsgebiet in den Befunden angemessen abbilden zu können, musste die Gesamtstichprobe pro Untersuchungsort außerdem wesentlich größer ausfallen als in den genannten Forschungsprojekten zur situativen Sprachvarianz.64 Die Vorgabe einer einzigen, stets gleichen Erhebungssituation ermöglicht es mir, mit arbeitsökonomisch vertretbarem Aufwand Varianzen im regiolektalen Sprachgebrauch von Vergleichsgruppen der ortsansässigen Bevölkerung über eine sehr große, intern differenzierte Stichprobe auszumachen. Von der merkmalbezogenen Analyse der Interviewsprache meiner Gewährspersonen ist einerseits ein genauer Aufschluss über die verschiedenen Ausprägungen des Regiolekts innerhalb der alteingesessenen Bevölkerung meines Untersuchungsgebietes zu erwarten. Andererseits dürften sich in der Interviewsprache meiner Gewährspersonen auch die strukturellen Folgen der Varietätenkontakte im regiolektalen Bereich niederschlagen, also sich etwa sprachliche Konvergenzen zwischen den ← 75 | 76 → regionalen Umgangssprachen der Alteingesessenen und der Zuwanderer erkennen lassen oder Reliktformen aus den Regiolekten der Herkunftsgebiete der Vertriebenen im heutigen Sprachgebrauch der Befragten nachzuweisen sein.

Allerdings waren nicht alle 90 aufgezeichneten Interviews als Grundlage für die sprachliche Analyse des Regiolekts geeignet. Einige der älteren Gewährspersonen leiden altersbedingt unter leichten physiologischen Beeinträchtigungen ihrer Artikulation. Als Zeitzeugenberichte sind ihre Interviews von großem Wert für die inhaltliche Auswertung, für eine phonetische Analyse kommen sie aber nicht in Frage. Auch einige kürzere Interviews, insbesondere der zusätzlichen Zeitzeugen (Sigle Z), sowie die Interviews mit einem überwiegenden Anteil von niederdeutschen Passagen konnten in der Auswertung nicht berücksichtigt werden, da sich die quantitative Analyse regiolektaler Merkmale auf eine möglichst hohe Belegzahl pro Gewährsperson stützen sollte. Vor allem im Bereich morpho­syntaktischer Merkmale sind in kürzeren Interviews mitunter nur wenige Belegkontexte aufzufinden.

Vor allem aber mussten die verglichenen Alters- und Herkunftsgruppen der Gewährspersonen in Hinblick auf ihre Ortsbindung homogenisiert und für die Sprachanalyse auf solche Probanden begrenzt werden, die seit 1945 / 1946 bzw. seit ihrer Geburt in den 1950er und 1960er Jahren ohne längere Unterbrechungen in einem der drei Kommunikationsräume Großstadt, Kleinstadt oder Dorf leben. Um die Sprachdynamik des Regiolekts in den drei verschiedenen Kommunikationsräumen rekonstruieren und klar kontrastieren zu können, wurde eine Teilstichprobe von dauerhaft ortsfesten Bewohnern der Großstadt Rostock, der Kleinstadt Schwaan und der Dörfer Jürgenshagen, Satow und Nienhagen zusammengestellt.65 In jedem dieser Orte bzw. Ortstypen sollten die nach Alter und nach regionaler Herkunft differenzierten sozialen Vergleichsgruppen jeweils ← 76 | 77 → mit vier Gewährspersonen vertreten sein, um wenigstens bis zu einem gewissen Grade auch die interpersonelle Varianz innerhalb der Gruppen erfassen zu können. Pro Ort bzw. Ortstyp sollte sich die sprachliche Analyse des Regiolekts also idealerweise auf 16 Gewährspersonen stützen.

Diese Anzahl von Probanden konnte allerdings in Rostock nicht ganz erreicht werden, weil sich trotz intensiver Bemühungen in vertretbarem Zeitrahmen dort nicht vier in Rostock geborene und lebenslang ortsfeste Nachkommen von Vertriebenen finden ließen. Die Teilstichprobe ortfester Probanden, deren Interviews die Datengrundlage für die Analyse des Regiolekts bilden, umfasst also insgesamt 44 Personen und gliedert sich in elf Untergruppen (vgl. Tab. 2.2.1-1).

Tabelle 2.2.1-1: Teilstichprobe ortsfester Gewährspersonen für die sprachliche Analyse des Regiolekts in ihrer Zusammensetzung

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Die Analyse regiolektaler Merkmale stützt sich in erster Linie auf die sprachbiographischen Interviews dieser 44 Gewährspersonen. Im Verlauf der Erhebungsgespräche folgten die sprachbiographischen Interviews nach den einleitenden biographischen Interviews. Zum Zeitpunkt ihres Beginns hatte sich die Interviewsituation längst entspannt und sich durchweg ein gelöstes, semiformelles Gesprächsklima eingestellt, in dem die Gewährspersonen zu einer weniger standardsprachlich orientierten Umgangssprache übergegangen waren. Für die quantitative Analyse der meist hochfrequenten phonetischen Merkmale finden sich in den sprachbiographischen Interviews in der Regel schon ausreichend viele Belege (in der Regel 60–80 Belege pro Gewährsperson). Bei den seltener auftretenden morphosyntaktischen Variablen werden zusätzlich zu den sprachbiographischen Interviews der Probanden auch deren biographische Interviews als Datenkorpus herangezogen, um möglichst hohe Belegzahlen für die untersuchten Phänomene zu erreichen. ← 77 | 78 →

Die Analyse der regiolektalen Sprachdaten aus meinen Interviews kann glücklicherweise wenigstens stichpunktartig erweitert werden um die Auswertung historischer Tonaufzeichnungen des mecklenburgischen Regiolekts. Diese Dokumente ermöglichen es, die in apparent time beobachteten diachronen Prozesse mit Aufnahmen der frühen 1960er Jahre abzugleichen: Im Jahr 1961 sind unter der Leitung von Alan Pfeffer und Walter Lohnes an räumlich weit gestreuten Orten in der BRD, DDR, Österreich und der Schweiz zahlreiche Tonaufzeichnungen gemacht worden, um die deutsche Umgangssprache in ihrer regionalen Ausgliederung zu dokumentieren.66 In diesem sogenannten „Pfeffer-Korpus“, das im Archiv für gesprochene Sprache des Instituts für Deutsche Sprache über das Internet zugänglich ist, finden sich auch fünf geeignete Aufnahmen aus Rostock und der näheren Umgebung.67 Bei diesen fünf Aufnahmen handelt es sich um Interviews zu Themen aus dem Lebens- und Arbeitsumfeld der Gewährspersonen, sie stimmen also in Gesprächssituation und Themenkreisen mit den von mir geführten Interviews weitgehend überein. Allerdings ist die situative Rahmung dieser Interviews förmlicher als in meinen Gesprächen, was sich beispielsweise in der verwendeten Lexik niederschlägt, die sich mitunter stark an der Schriftsprache orientiert und teilweise in dieser Form auch vom Interviewer vorgegeben wird.68 Auch sind die Interviews recht kurz ← 78 | 79 → und daher einer quantitativen Sprachanalyse nur eingeschränkt zugänglich. Sie stammen überdies von Personen aus einer breiten Spanne von Geburtsjahrgängen (1892–1947), die sich nur in zwei Fällen der hier abgegrenzten Alterskohorte der Vorkriegsgeneration zuordnen lassen. Abgesehen von diesen geringen Einschränkungen vermitteln die fünf Aufnahmen des Pfeffer-Korpus aber einen sehr wertvollen akustischen Eindruck von der Variationsbreite des regiolektalen Sprachgebrauchs in meinem Untersuchungsgebiet für einen Zeitschnitt, der meinen eigenen Aufnahmen dort um gut 50 Jahre vorauf liegt.

2.2.2  Das niederdeutsche Korpus: intendierter Ortsdialekt der dialekt­kompetentesten Gewährspersonen und historische Sprachdokumente

Die Entwicklungen im mecklenburgischen Niederdeutsch und die auf der Ebene dieses Dialekts ablaufenden kontaktlinguistischen Prozesse werden in dieser Studie in erster Linie auf der Basis des mündlichen Niederdeutsch untersucht, das meine Gewährspersonen bei ihren Übertragungen der sogenannten „Wenkersätze“ produziert haben. Hierbei handelt es sich um 40 hochdeutsche Testsätze, die Georg Wenker in den Jahren 1876 bis 1887 in seiner großangelegten Fragebogenerhebung zur Vorbereitung des Sprachatlas des Deutschen Reiches verwendet hatte. Wenker verschickte seine Fragebögen damals an ein engmaschiges Netz von Schulorten innerhalb des Deutschen Reiches und angrenzender deutscher Sprachregionen und bat die dortigen Dorfschullehrer, die Sätze möglichst unter Mitwirkung der Schüler schriftlich in den jeweiligen Ortsdialekt zu übersetzen.69 Die hochdeutschen Sätze waren so aufgebaut, dass bei ihrer Übersetzung typische Merkmale der verschiedenen deutschen Dialekte hervortreten sollten. Ich habe für meine Untersuchung ← 79 | 80 → diese 40 historischen Wenkersätze als Übersetzungsvorlage unverändert übernommen, sie aber um fünf zusätzliche Testsätze erweitert, mit denen speziell Merkmale des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch abgefragt werden konnten.70 Das Ziel dieser Erweiterung war, die Zahl der Belegkontexte für die spezifischen Kennzeichen des Mecklenburgisch-Vorpommerschen im Korpus zu erhöhen. Die 45 hochdeutschen Satzvorlagen habe ich meinen Gewährspersonen schriftlich auf einem Bogen ausgehändigt und zusätzlich Satz für Satz vorgelesen. Ihre spontanen mündlichen Übertragungen der Sätze ins örtliche Niederdeutsch wurden aufgezeichnet, transkribiert und einer quantitativen Variablenanalyse unterzogen.

Mit der Übersetzung kontextfreier Einzelsätze, die stilistisch und inhaltlich überdies zum Teil reichlich archaisch wirken, kann selbstverständlich kein spontaner Sprachgebrauch erhoben werden. Vielmehr ist zu vermuten, dass die schriftlich vorliegende und mündlich vorgelesene hochdeutsche Übersetzungsvorlage durch ihre massive Präsenz in der Aufnahmesituation einen sprachlichen Einfluss auf die niederdeutschen Übertragungen der Probanden haben könnte. So ist einerseits damit zu rechnen, dass die Testsituation das Auftreten standarddeutscher Interferenzen in den Übersetzungen befördert. Andererseits bemühen sich die Gewährspersonen, auf die Bitte, die Satzvorlagen in das ortstypische Niederdeutsch zu übertragen, in der Regel um ein normorientiertes „Sonntagsplatt“ (Wesche 1963: 367), das bewusster als ihr alltäglicher Niederdeutschgebrauch auf Divergenz gegenüber dem Standarddeutschen ausgelegt ist:

Intentional wird es dem Informanten darum gehen, eine Ortsnorm zu verwirklichen, die ihm auf dem Wege der sprachlichen Sozialisation zugewachsen ist. Es steht also zu vermuten, daß umgangssprachnahe Realisierungen möglichst vermieden und daß statt dessen gewissermaßen im ‚antiquarischen Teil‘ des Sprachgedächtnisses nach den angemessenen Mundartformen gefahndet wird. (Macha 1991: 86) ← 80 | 81 →

Das Ergebnis der Wenkerübersetzungen ist demnach also ein dem Einfluss der standardsprachlichen Übersetzungsvorlage widerstrebender „intendierter Ortsdialekt“ (ebd.). Unter vorsichtiger Berücksichtigung der standardsprachlichen Erhebungssituation bieten die Wenker­übersetzungen in der Auswertung eine Fülle wertvoller Anhaltspunkte dafür, welche Dialektvarianten die Probanden auf der Basis ihrer individuellen Dialektkompetenz für ortstypisch halten.

Angewandt auf eine größere Zahl von Gewährspersonen hat das standardisierte Erhebungsverfahren der Wenkerübersetzungen den großen Vorteil, gerade die „Heterogenität von Sprache“ und gegebenenfalls auch ihre „Variation an einem Ortspunkt“ (Lenz 2004: 114) sichtbar zu machen. Damit bietet sich die Wenkerübersetzung nicht nur als Methode der Areallinguistik, sondern auch für soziolinguistische Dialektuntersuchungen an. Die Vorgabe der immer gleichen und situationsentbundenen Übersetzungskontexte ermöglicht einen punktgenauen Vergleich der individuellen Dialektkompetenzen innerhalb sozialer Gruppen und über ihre Grenzen hinweg. In diesem Sinne werden die aufgenommenen Wenkerübersetzungen der Gewährspersonen für eine Variationsanalyse des gegenwärtigen Niederdeutsch in meinem Untersuchungsgebiet genutzt.

Die lange Tradition des Erhebungsverfahrens der Wenkerübersetzungen in der deutschen Dialektologie macht es überdies möglich, aktuelle Befunde zum intendierten Dialekt in ein diachronisches Verhältnis zu den Ergebnissen älterer, gleich oder ähnlich durchgeführter Übersetzungstests zu setzen. Selbst für die historischen Fragebögen Georg Wenkers belegen Vergleiche mit aktuellen Dialektaufnahmen aus den entsprechenden Orten, dass „eine diachronische Interpretation des Wenker-Materials möglich und ergiebig ist“ (Lenz 2004: 124), wenn bei der Auswertung berücksichtigt wird, dass die sprachlichen Ausgangsdaten hier zusätzlich durch die Laienverschriftlichung des aufzeichnenden Lehrers gefiltert bzw. transformiert werden:

Die Originalfragebögen des DSA [Deutscher Sprachatlas] enthalten Momentaufnahmen dialektalen Sprachgebrauchs zum Zeitpunkt des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Damit existiert eine – zugegeben partiell defizitäre – historische Folie, die bei aller Brechung doch als Reflex tatsächlichen Sprachverhaltens gelten darf. (Macha 1991: 86) ← 81 | 82 →

Meine aktuellen Aufzeichnungen mündlicher und spontaner Wenkerübersetzungen erbringen niederdeutsches Sprachmaterial, das unter anderem vor dieser historischen Folie diachronisch konturiert werden kann.

Die Auswahl geeigneter Probanden für die Wenkerübersetzungen steht freilich heute mehr denn je vor einem grundsätzlichen Problem: Der Gebrauch des Niederdeutschen geht spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts selbst in den Domänen der privaten Kommunikation immer weiter zurück, wo es zunehmend durch die Verwendung der schriftgestützten hochdeutschen Regiolekte abgelöst wird. Dieser Prozess scheint sich in Mecklenburg-Vorpommern vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – also just im Berichtzeitraum meiner Untersuchung – stark beschleunigt zu haben.71 Mit dem abnehmenden alltäglichen Gebrauch geht ein fortschreitender Verlust der produktiven Dialektkompetenz einher.72 Da im Zuge dieser Entwicklung die Tradierung des Dialekts an die jüngeren Generationen stark eingeschränkt wird, ist die Variable des Alters einer Gewährspersonen heute zunehmend an die Variable seiner Dialektkompetenz „gekoppelt“ (Hansen-Jaax 1995: 91). Jüngere Gewährspersonen verfügen mit großer Wahrscheinlichkeit über eine geringere Niederdeutschkompetenz als ältere. Aber auch bei Personen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Niederdeutsche noch als Erstsprache erworben haben, es aber im Alltag schon lange gar nicht mehr aktiv verwenden, ist durchaus mit einem partiellen Kompetenzverlust zu rechnen (language attrition).73 ← 82 | 83 →

Die miteinander verschränkten Prozesse der Gebrauchs- und der Kompetenzreduktion sollen im zweiten Teil dieser Studie im Detail nachgezeichnet werden. An dieser Stelle ist nur auf die grundsätzliche methodologische Schwierigkeit hinzuweisen, dass eine Sprachsystem­geschichte des mecklenburgischen Niederdeutsch im 20. Jahrhundert nicht (mehr) vollständig von Prozessen des Kompetenzverlusts zu trennen ist. Es ist bei manifesten Neuerungen im gegenwärtigen Niederdeutsch nur noch schwierig zu differenzieren, „whether they are indicative of processes of change, showing clear directions, or whether there is a great deal of uncertainty when using Low German so that different forms can be used parallel“.74 In der gegenwärtigen Sprachsituation in Mecklenburg kann sich eine Untersuchung des Strukturwandels im Niederdeutschen nicht mehr auf fraglos vollkompetente Probanden stützen, sondern sie muss sich auf die vergleichsweise besten Sprecher verlassen. Ein Abgleich von niederdeutschen Sprachproben großer Probandengruppen kann dabei helfen, individuelle Unsicherheiten, die mitunter auch die relativ besten Sprecher zeigen, von überindividuellen Wandlungstendenzen zu scheiden, die sich in Übereinstimmungen bei einer Mehrzahl von Probanden manifestieren.

In dieser Untersuchung werden also aus der Menge von aufgezeichneten Wenkerübersetzungen nur diejenigen für die sprachliche Analyse des Niederdeutschen herangezogen, deren Sprecher über die vergleichsweise beste Dialektkompetenz verfügen. Sie sind es, die in Zeiten stark zurückgehenden Dialektgebrauchs den aktuellen Entwicklungsstand des mecklenburgischen Niederdeutsch in der Vorkriegs- und in der Nachkriegsgeneration der Bewohner meines Untersuchungsgebietes repräsentieren. Die Angehörigen dieser beiden Alterskohorten haben ihre Niederdeutschkompetenz dabei in aller Regel noch ausschließlich ungesteuert in ihrem unmittelbaren ← 83 | 84 → Lebensumfeld erworben und sie stehen daher für eine noch ungesteuerte intergenerationelle Tradierung des Niederdeutschen. Dagegen wäre bei den Vertretern jüngerer und jüngster Bevölkerungsgruppen zunehmend damit zu rechnen, dass ihnen ihre eventuell vorhandenen Dialektkompetenzen bereits gezielt im Rahmen von institutionellen Bildungsangeboten vermittelt wurden. Mit diesen veränderten Spracherwerbsmustern unterliegt der Sprachwandel des mecklenburgischen Niederdeutsch in jüngster Zeit zum Teil dem Einfluss ganz neuer Sprachvermittler und Normierungsinstanzen, die eine eigene Betrachtung erforderten.75

Die Bewertung der Niederdeutschkompetenz meiner Gewährspersonen soll in dieser Studie nicht allein auf ihre subjektiven Selbsteinschätzungen gegründet werden.76 Deshalb habe ich mit dem folgenden merkmalgestützten Verfahren der Kompetenzmessung gearbeitet: Als Maßstab zur Beurteilung der Niederdeutschkompetenz meiner Interviewpartner wurden stichprobenartig drei längere Testsätze aus den niederdeutschen Wenkerübersetzungen von zehn alteingesessenen Gewährspersonen der Vorkriegsgeneration gewählt, die vorschulisch noch monovarietär im Niederdeutschen sozialisiert wurden und in bestimmten Domänen bis heute mehr oder weniger regelmäßig Niederdeutsch sprechen.77 Die Wenkerübersetzungen aller anderen Gewährspersonen wurden sodann mit den Übersetzungsstichproben dieser Referenzgruppe abgeglichen. Auch die Wenkerübersetzungen der zehn Referenzpersonen variieren – wie zu erwarten – zum Teil erheblich und ← 84 | 85 → weisen auch verschiedene hochdeutsche Interferenzen auf. Als Richtschnur für die vergleichende Beurteilung der Niederdeutsch­kompetenz kamen daher nur solche sprachlichen Merkmale der niederdeutschen Übersetzungen in Frage, bei denen die zehn ausgewählten Referenzpersonen völlig übereinstimmten. Die übereinstimmenden Merkmale werden somit als sprachliche Norm innerhalb des kleinen Bezugskorpus des intendieren Niederdeutsch der Referenzgruppe angesehen.

Jedes phonetische oder morphologische Merkmal des Niederdeutschen, das die zehn alteingesessenen Mecklenburger in ihren Übersetzungen der drei Sätze bei den entsprechenden Lexemen übereinstimmend realisierten, wurde mit einem Punkt notiert.78 Die Zahl der zum Vergleich herangezogenen Merkmale ergab maximal 44 Punkte für die drei Testsätze.79 Die Übersetzungen der drei Testsätze durch die anderen Probanden wurde jeweils entsprechend im Hinblick auf die Realisierung dieser 44 Merkmale bepunktet. Den Gewährspersonen, deren eigenen niederdeutschen Übertragungen der drei Testsätze die 44 Merkmale ebenfalls aufwiesen, wurde eine Niederdeutschkompetenz von 100 % zugesprochen. Die Punktzahl von 44 konnte allerdings immer dann nicht erreicht werden, wenn eine ← 85 | 86 → Gewährsperson die Vorlage lückenhaft übersetzte (z. B. de Mann statt de gaude Mann) oder wenn sie auf niederdeutsche Wörter zurückgriff, die nicht mit dem Hochdeutschen kontrastieren (z. B. in dat Is inbroken statt op dat Is inbroken). In diesen Fällen wurde die maximal erreichbare Punktzahl für die Ermittlung des prozentualen Kompetenzindex zugrunde gelegt. Beispielsweise wird bei 40 realisierten Punkten von 42 maximal erreichbaren Punkten eine relative Niederdeutsch­kompetenz von 95,2 % bestimmt.

Für die sprachliche Analyse des intendierten Niederdeutsch meiner Gewährspersonen habe ich auf der Basis dieser merkmalbezogenen Kompetenzermittlung eine Teilstichprobe von all denjenigen Personen zusammengestellt, die in ihren niederdeutschen Übertragungen der drei Testsätze mindestens 85 % der maximal erreichbaren Punkte zugewiesen bekamen, also die im Kompetenztest mindestens 85 % der Kompetenz der Referenzgruppe erreichten. In diese Teilstichprobe wurden auch drei Ehepartner meiner Gewährspersonen mit einbezogen, die bei dem Interviewgespräch anwesend waren und mit denen ich separat die Wenkerübersetzungen aufgezeichnet habe. Die Teilstichprobe der Personen, denen in meinem Testverfahren ein Index der Niederdeutschkompetenz von mindestens 85 % zugemessen werden konnte, umfasst insgesamt 52 Personen. Diese repräsentieren die Gewährspersonen mit der vergleichsweise besten Niederdeutschkompetenz, die ich in meinem Untersuchungsgebiet im Laufe meiner mehrjährigen Recherchen in der älteren und ältesten Altersgruppe der Bevölkerung aufgefunden habe. Den Aufbau dieser Teilstichprobe veranschaulicht Tabelle 2.2.2-1:

Tabelle 2.2.2-1: Aufbau der Teilstichprobe der vergleichsweise niederdeutschkompetentesten Gewährspersonen nach Altersgruppen und regionaler Herkunft

  Teilstichprobe niederdeutschkompetenter Gewährspersonen
aus alteingesessenen Familienaus Familien Vertriebener
Vorkriegsgeneration24 Personen 13 Personen
Nachkriegsgeneration9 Personen 6 Personen

Die stark abnehmende Zahl von niederdeutschkompetenten Gewährspersonen in der Nachkriegsgeneration meiner Teilstichprobe spiegelt die typische Entwicklung der Niederdeutschkompetenz in den Altersgruppen ← 86 | 87 → der mecklenburgischen Bevölkerung wider, auf die im zweiten Band dieser Studie noch genauer einzugehen sein wird.

Da die Untergruppen der Teilstichprobe zur Sprachanalyse des Niederdeutschen zum Teil nur wenige Personen umfassen, schien es nicht sinnvoll, sie jeweils noch durchgehend nach der Größe des Wohnorts der Gewährspersonen auszudifferenzieren. Nur bei der zahlenstarken Gruppe der niederdeutschkompetenten Alteingesessenen der Vorkriegs­generation werden in der Auswertung der Variablenanalyse jeweils die Befunde für eine Teilgruppe ortsfester Großstädter (5 Personen), ortsfester Kleinstädter (6 Personen) und ortsfester Dorfbewohner (5 Personen) miteinander ins Verhältnis gesetzt.

Neben den 52 Wenkerübersetzungen, die den intendierten niederdeutschen Ortsdialekt repräsentieren, kann ich bei der Analyse des mecklenburgischen Niederdeutsch gelegentlich auch auf die freien Dialekterzählungen zurückgreifen, die ich von einigen Gewährspersonen aufgezeichnet habe. Allerdings haben diese Erzählungen durchweg nur wenige Minuten Länge und konnten aus Zeitgründen auch nur von insgesamt 17 Probanden aufgenommen werden. Sie können also nicht systematisch in die quantitative Variablenanalyse des Niederdeutschen einbezogen werden.80 Sie werden daher nur sporadisch als spontansprachliche Belege für bestimmte Varianten berücksichtigt, die im Übrigen an den Wenkerübersetzungen untersucht werden.

Bei der Sprachanalyse des mecklenburgischen Niederdeutsch kann ich aber in größerem Umfang als bei der Analyse des Regiolekts neben meinen eigenen Aufnahmen zusätzlich historische Sprachdokumente heranziehen. Hier sind an erster Stelle die historischen Fragebögen aus den Erhebungen Georg Wenkers zum Sprachatlas des Deutschen Reiches zu nennen, die 1879–1880 in meinem Untersuchungsgebiet durch die Lehrer der örtlichen Schulen ausgefüllt wurden. Auch wenn die Laienverschriftlichung der Lautlichkeit der damaligen Dialektübersetzungen mitunter Interpretationsprobleme aufwirft und eine Reihe phonetischer Phänomene – wie z. B. die Realisierung des prävokalischen r – gar nicht systematisch verschriftlicht wurde, bieten die historischen Wenkerbögen doch eine Fülle ← 87 | 88 → von Vergleichs­möglichkeiten mit phonetischen und morphosyntaktischen Befunden aus den von mir aufgezeichneten Übertragungen derselben Satzvorlagen. Damit können die in der Gegenwart in apparent time beobachteten Entwicklungen des mecklenburgischen Niederdeutsch auf einen Sprachstand zurückbezogen werden, der meinen Aufnahmen um mehr als 130 Jahre vorausliegt. Für derartige diachronische Vergleiche wurde ein Kontrastkorpus von 25 historischen Wenkerbögen aus meinem Untersuchungsgebiet zusammengestellt und merkmalbezogen ausgewertet.81 Durch die Berücksichtigung einer größeren Anzahl historischer Wenkerbögen aus meinem kleinen Untersuchungsgebiet wird versucht, die „Variabilität auch des historischen Mundartstandes“ (Macha 1991: 92) zu erfassen. Ausgewählt wurden dabei Wenkerbögen aus den Fokusorten dieser Untersuchung und aus Schulorten in deren näherer Umgebung.82 Es wurden nur solche Bögen ausgewertet, die Lehrer ausgefüllt hatten, die selbst aus Mecklenburg stammten, bei denen also eine Vertrautheit mit dem mecklenburgischen Niederdeutsch vorausgesetzt werden konnte.83

Auch im Bereich von Tonaufzeichnungen reichen die historischen Dokumente für das mecklenburgische Niederdeutsch weiter zurück als für ← 88 | 89 → den Regiolekt. Im Jahr 1937 überreichte der Reichsbund der deutschen Beamten Adolf Hitler eine Sammlung von 300 Schallplatten mit technisch hochprofessionell aufgezeichneten Dialektaufnahmen aus dem gesamten Reichs­gebiet. Die von Walter Mitzka und Bernhard Martin sprachwissenschaftlich betreuten Aufnahmen dieses Lautdenkmals reichsdeutscher Mundarten sollten die landschaftstypischen Eigenheiten der deutschen Dialekte dokumentieren. Die einzelnen Aufnahmen fingieren dabei – auf der Basis schriftlicher Textvorgaben – kurze mündliche Redebeiträge oder Gespräche zu alltäglichen, volkskundlichen oder politischen Themenkreisen.84 Entgegen dem Anschein, den die Aufnahmen des Lautdenkmals erwecken wollen, handelt es sich dort nicht um spontansprachliche Dialektäußerungen, sondern eindeutig um Dokumente intendierter Dialekte. Zwei dieser Aufnahmen stammen aus meinem Untersuchungsgebiet bzw. aus dessen Nähe und bieten trotz der inszenierten Aufnahmesituation einen wertvollen Eindruck vom Klang des mecklenburgischen Niederdeutsch, wie es seinerzeit von Personen gesprochen wurde, deren Geburtsjahre selbst noch im 19. Jahrhundert lagen. In der Aufnahme aus dem etwa 13 Kilometer südöstlich von Schwaan gelegenen Sarmstorf spricht ein 1871 geborener Zeichenlehrer über seinen Kleingarten.85 In der Aufnahme aus Warnemünde unterhalten sich ein Buchdrucker (geb. 1882) und ein Fischermeister (geb. 1898) über Techniken der Seefischerei.86 Beide Aufnahmen werden hier zum Vergleich mit meinen etwa 80 Jahre später entstandenen Tonaufnahmen des intendierten Niederdeutsch herangezogen.

Im Jahr 1962 wurden von der Akademie der Wissenschaften und der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen der flächendeckenden „Tonbandaufnahme der deutschen Mundarten in der Deutschen Demokratischen Republik“ auch in meinem mecklenburgischen Untersuchungs­gebiet Dialektaufzeichnungen angefertigt. Ziel der Erhebung war damals die „Erfassung der beharrsamsten Stufe der Mundart bzw. der der Mundart ← 89 | 90 → am nächsten stehenden Stufe der Umgangssprache“, wobei „die jeweils bodenständigsten Teile der Bevölkerung“ als Probanden vorgezogen wurden.87 Aus diesem Aufnahmekorpus, das heute im „Archiv für Gesprochenes Deutsch“ am Institut für Deutsche Sprache archiviert ist, werden Aufnahmen von sechs Personen aus den Dörfern Retschow (nördlich von Satow) und Letschow (heute Ortsteil von Schwaan) zum historischen Vergleich mit meinen aktuellen Befunden herangezogen.88 Es handelt sich dabei einerseits um Aufnahmen von intendiertem Niederdeutsch, das mit einem an die historischen Wenkersätze angelehnten Übersetzungstest elizitiert wurde, und andererseits um Aufnahmen von langen freien Erzählungen ← 90 | 91 → bzw. Interviews auf Niederdeutsch.89 Für den real-time-Vergleich mit meinen heutigen Aufnahmen sind besonders die Tondokumente von drei Personen aussagekräftig, deren Geburtsjahre (1929, 1930, 1940) in etwa in die in dieser Studie abgegrenzte Vorkriegsgeneration fallen. Diese drei Aufnahmen dokumentieren, wie Angehörige dieser Altersgruppe am Beginn der 1960er Jahre spontansprachlich niederdeutsch gesprochen bzw. ins ortstypische Niederdeutsch übersetzt haben.

Eine diachronische Vergleichsbasis zu meinen aktuellen Aufnahmen bieten auch die beiden mündlichen Wenkerübersetzungen, die im Jahr 1990 in meinem Fokusort Jürgenshagen aufgezeichnet worden sind.90 Hier wurden die historischen Übersetzungsvorlagen Georg Wenkers zugrunde gelegt. Beide Aufnahmen stammen von Gewährspersonen aus der Vorkriegsgeneration, einem 1926 geborenen Schmied und einem 1924 geborenen Schneider aus Jürgenshagen. Auch hier besteht also eine sehr gute Vergleichbarkeit mit meinen etwa 25 Jahre später entstandenen Aufnahmen aus demselben Fokusort. Die historischen Dokumente zum Niederdeutschen der Region ermöglichen es, die diachronische Perspektive, die die aktuellen Aufzeichnungen aus zwei Alterskohorten eröffnen, bis in das späte 19. Jahrhundert in real-time-Vergleichen zurück zu verlängern. Besonders die historischen Tonaufzeichnungen vermitteln in einer recht dichten Reihe ← 91 | 92 → von Momentaufnahmen aus den 1930er, den 1960er und den 1990er Jahren wertvolle Eindrücke von der Vorgeschichte der heutigen Sprachverhältnisse.

2.3  Methodik der Sprachanalyse

2.3.1  Variablenanalyse und Auswahl der Variablen

Das zentrale methodische Verfahren meiner Untersuchung zum strukturellen Wandel der deutschen Varietäten, die in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen seit 1945 miteinander in Kontakt stehen, ist die quantitative Variationsanalyse. Sie fokussiert dabei auf ausgewählte linguistische Variablen,91 denen im niederdeutschen Ortsdialekt, im regiolektalen Sprachgebrauch der Alteingesessenen und Vertriebenen sowie im überregionalen Standard je unterschiedliche sprachliche Varianten entsprechen. Dabei wird keine umfassende oder gar erschöpfende Darstellung des Repertoires kookkurrierender Varianten angestrebt, die für das mecklenburgische Niederdeutsch oder den mecklenburgischen Regiolekt insgesamt charakteristisch sind.92 Vielmehr beschränkt sich die Analyse auf eine Auswahl einzelner ← 92 | 93 → dialektaler und regiolektaler Merkmale, bei denen zu erwarten war, dass ihr Gebrauch bei den einzelnen Gewährspersonen oder zwischen den sozialen Untergruppen meiner Befragten­stichprobe variieren würde. Für Varianten dieser Merkmale werden die Vor­kommens­­frequenzen im dialektalen oder im regiolektalen Sprachgebrauch meiner Gewährspersonen ermittelt und mit der Frequenz der jeweils entsprechenden Standardvariante in ein quantitatives Verhältnis gesetzt.93 Untersucht wird beispielsweise, mit welcher relativen Häufigkeit anstelle des standardsprachlichen Temporaladverbs dann im mecklenburgischen Regiolekt die Variante denn gebraucht wird. Oder es wird analysiert, in welchen prozentualen Anteilen sich die standardsprachliche, postalveolare Aussprache des Konsonantenclusters s-t [ʃt] und die altdialektale, alveolare Variante der Aussprache [st] im intendierten Niederdeutsch der Gewährspersonen gegenüberstehen.

Diese Frequenzanalysen sollen insbesondere die quantitative Verteilung der Varianten im dialektalen und regiolektalen Sprachgebrauch der nach Alter, Herkunft und Wohnortgröße differenzierten sozialen Gruppen der mecklenburgischen Bevölkerung erfassen. Im Zentrum stehen also die soziale und damit auch die diachrone Varianz sprachlicher Merkmale in den untersuchten Varietäten. Die quantitative Analyse der Verteilung der Varianten über den varietären Sprachgebrauch verschiedener Teilgruppen meiner Stichprobe ermöglicht es, den kontaktinduzierten Sprachwandel in diesen Varietäten an geeigneten Messpunkten – eben den ausgewählten Variablen – exakt nachzuzeichnen. ← 93 | 94 →

Wenn sich die relative Häufigkeit der Verwendung einer Variante im dialektalen oder regiolektalen Sprachgebrauch der hier gegenübergestellten Alterskohorten signifikant unterscheidet, dann wird damit punktuell eine intergenerationelle Umstrukturierung in der betreffenden Varietät erkennbar. Die zum Zeitpunkt der Befragung (in apparent time) feststellbaren Unterschiede im Sprachgebrauch der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration von Sprechern werden also als Indizien für einen intergenerationellen Sprachwandel interpretiert. Obwohl wiederholte Überprüfungen durch real-time-Sprachdaten von verschiedenen Aufnahmezeitpunkten ergeben haben, dass in apparent time erhobenen Befunde zur Diachronie grundsätzlich „solid results“94 erbringen, sind deren Befunde doch stets unter einem Vorbehalt zu interpretieren: Der zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt festgestellte Sprachgebrauch einer älteren Alterskohorte ist keineswegs ohne Einschränkungen mit dem Sprachverhalten ihrer Angehörigen in ihrer zurückliegenden Kindheit und Jugend gleichzusetzen. Ältere Gewährspersonen können ihren Sprachgebrauch schon im Laufe ihrer Lebensspanne erheblich verändert haben.95 So wird sich bei der Variablenanalyse des dialektalen und regiolektalen Sprachgebrauchs der Vertriebenen der Vorkriegsgeneration im Folgenden immer wieder erweisen, dass sie sprachliche Merkmale, die sie aus ihren Herkunftsvarietäten kaum gekannt haben können, im Laufe ihres 70jährigen Zusammenlebens mit alteingesessenen Mecklenburgern in einem bemerkenswerten Ausmaß von diesen übernommen haben. Ebenso ist grundsätzlich davon auszugehen, dass die Angehörigen einer älteren Altersgruppe ← 94 | 95 → sich den sprachlichen Neuerungen, die eine Folgegeneration entwickelt hat, im Laufe ihres Lebens selbst bereits teilweise angepasst haben.

Apparent-time-Vergleiche des Sprachverhaltens verschiedener Altersgruppen tendieren daher dazu, die Geschwindigkeit des Sprachwandels zwischen den Altersstufen zu unterschätzen (Bowie 2015: 41) und sie geben insgesamt kein getreues Abbild der Sprachverhältnisse in Kindheit und Jugend der Angehörigen dieser Altersgruppen. Aber auch wenn sie kein verlässliches Maß für die ‚absolute‘ Geschwindigkeit eines Sprachwandels vermitteln, bleiben sie erstens „still useful for showing the direction of a change“ (ebd.). Und sie lassen zweitens beim Vergleich der Entwicklungen mehrerer Varianten im Sprachgebrauch der Altersgruppen auch die ‚relativen‘ Geschwindigkeiten ihres Abbaus bzw. ihres Ausbaus erkennen. Die auf die apparent-time-Erhebungen gestützten Befunde zur Sprachsystem­geschichte werden in dieser Studie zumindest stichprobenartig durch real-time-Vergleiche heutiger Aufnahmen mit älteren Sprachaufnahmen und Dokumenten überprüft: Ergänzend zur Variablenanalyse des dialektalen und regiolektalen Sprachgebrauchs der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration meiner Gewährspersonen werden historische Sprachdokumente aus der Untersuchungsregion herangezogen und ihrerseits auf die quantitative Verteilung der Varianten der betreffenden Variablen untersucht. Diese historischen (real-time-)Sondierungen können bestätigen, dass sich sprachliche Entwicklungstendenzen, die sich im unterschiedlichen Sprachgebrauch der Alterskohorten in der Gegenwart manifestieren, bereits vor 50 und mehr Jahren in vergleichbaren Dokumenten abgezeichnet haben.

Die quantitative Variablenanalyse wird ebenso genutzt, um Differenzen im Sprachgebrauch der beiden Herkunftsgruppen meines Samples, der Alteingesessenen und der Vertriebenen, zu ermitteln. Die kontrastive Frequenzanalyse zu den Variablenausprägungen im Sprachgebrauch der alteingesessenen Familien und der Vertriebenenfamilien lässt hier genau bestimmen, welche Varianten im Sprachkontakt zwischen den Bevölkerungsgruppen in den je eigenen Varietätengebrauch übernommen wurden bzw. welche Varianten hier langfristig bewahrt bleiben. Auf diese Weise lässt sich der Grad der Varietätenkonvergenz exakt vermessen.96 Die heute ← 95 | 96 → zum Teil noch feststellbaren Unterschiede im Variantengebrauch zwischen Alteingesessenen und Vertriebenen sind dabei als späte Nachklänge von Varietätenkontrasten aufzufassen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit großer Wahrscheinlichkeit sehr viel ausgeprägter waren als in der Gegenwart. Schließlich können unterschiedliche Vorkommenshäufigkeiten von bestimmten Varianten bei Großstädtern, Kleinstädtern und Dorfbewohnern darauf hindeuten, welchen Einfluss die Urbanisierung auf die Varietätendynamik im Untersuchungsgebiet hatte.

Neben der sozialen Verteilung der Varianten wird in dieser Studie stets auch dem individuell variierenden Variantengebrauch zwischen den einzelnen Angehörigen der sozialen Gruppen ein eigenes Augenmerk gelten. Dies nicht nur, um den individuellen Spielräumen der Sprachvariation empirisch Rechnung zu tragen, sondern auch weil die Breite der interpersonellen Varianz Anhaltspunkte für die Normstabilität einer varietären Redeweise gibt:

Wenn eine Variante in ihrer Gebrauchsfrequenz individuell stark schwankt, deutet dies darauf hin, dass sie im lokalen bzw. regionalen Normsystem weniger stark verankert ist, als wenn sie von allen Gewährspersonen gleichermaßen verwendet wird. (Elmentaler / Rosenberg 2015 a: 19)

Die individuelle Varianz in der Ausprägung der Variablen lässt also vorsichtige Rückschlüsse auf die Dynamik des Sprachwandels zu.97

Außer der Frage nach den außersprachlichen Bedingungen für die Frequenz­unterschiede in der Realisierung einzelner Varianten wird von Fall zu Fall geprüft, ob auch innersprachliche Faktoren die Gebrauchshäufigkeit einer Variante bestimmen. So bilden unter Umständen der lautliche Kontext, morphosyntaktische oder lexikalische Faktoren die Rahmenbedingungen dafür, dass die Gewährspersonen in diesen Kontexten eine Variante mehr oder weniger präferieren. Es wird beispielsweise zu zeigen sein, dass die relativen Anteile für die beiden Varianten der Hiattilgung im ← 96 | 97 → mecklenburgischen Niederdeutsch (auf d oder g: schniden ‚schneien‘, bugen ‚bauen‘) in gewissem Maße mit der Qualität des Vokals im Hiat korrelieren oder dass die Wahl zwischen den Tempusvarianten Perfekt und Präteritum im mecklenburgischen Regiolekt offensichtlich auch von der Konjugationsklasse des betreffenden Verbs beeinflusst wird.

Bei der Auswahl geeigneter Variablen für meine Untersuchung spielten zum Teil eigene Beobachtungen während der Interviews und Sprachtests eine Rolle. So war beispielsweise schon nach dem ersten Gehörseindruck während der Interviews davon auszugehen, dass die Verwendung des velaren l oder des apikalen r vor Vokal offensichtlich mit dem Alter und der Herkunft meiner Gesprächspartner variiert. Vor allem aber konnte ich mich auf die bisherigen Befunde der Fachliteratur zum mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch und zum mecklen­burgischen Regiolekt sowie auf übergreifende Darstellungen zur großräumigen Gliederung deutschsprachiger Varietäten stützen. Die Auswahl der untersuchten Variablen folgte für den niederdeutschen Ortsdialekt und den in Mecklenburg gesprochenen Regiolekt den folgenden Gesichtspunkten, die sich aus den Forschungsfragen dieser Studie ergeben:

  1. Um eine tragfähige quantitative Analyse durchführen zu können, wurden nur Variablen gewählt, die in den zugrundeliegenden Teilkorpora in hohen Frequenzen auftreten.98 Phonetische Variablen, die selbst im begrenzten Korpus der Wenker­übersetzungen einer Gewährsperson jeweils noch mehrfach belegt sind, spielen daher in meiner Untersuchung eine größere Rolle als die insgesamt weniger frequenten morphosyntaktischen Variablen. Für das Niederdeutsche und den mecklenburgischen Regiolekt wurden je sechs Variablen aus dem Bereich der Phonetik und Phonologie berücksichtigt, hinzu kommt eine phonetische Variable für die Regiolekte der Herkunftsregionen der Vertriebenen. Das große regiolektale Interviewkorpus wurde auf vier frequente morphosyntaktische Variablen durchsucht (plus eine Variable aus den Herkunftsregiolekten). Im begrenzten Korpus des intendierten Niederdeutsch beschränkt sich ← 97 | 98 → die morphosyntaktische Untersuchung dagegen auf zwei häufiger belegte Variablen (vgl. Abschnitte 5.2.1 und 5.2.2).
  2. Ausgewählt wurden solche Variablen, für deren Ausprägungen im Berichtzeitraum meiner Studie diachrone Veränderungen zu erwarten waren. Hier gilt es festzustellen, ob sich Entwicklungstrends, die bereits die ältere Forschungsliteratur für das Niederdeutsche und für den Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern aufgezeigt hatte, bis in die Gegenwart fortsetzen und ob aktuelle diachronische Befunde zu Nachbarregionen wie Vorpommern oder Schleswig-Holstein in meinem mecklenburgischen Untersuchungsgebiet Parallelen haben. Im Vergleich der Entwicklungsverläufe mehrerer Merkmale einer Varietät lassen sich gegebenenfalls unterschiedliche Geschwindigkeiten und partielle Abbauresistenzen im Gesamt­zusammenhang ihrer Entwicklung herausarbeiten.
  3. Ausgewählt wurden solche Variablen, deren Varianten der Fachliteratur zufolge eine spezifische areale Verbreitung aufweisen bzw. aufwiesen. Der verbale Einheitsplural im Präsens der Verben auf Nasalsuffix –(e)n gilt beispielsweise allgemein als Merkmal des Niederdeutschen im ostniederdeutschen Sprachraum östlich der Elbe. Das velare, sogenannte Ostsee-l ist bzw. war areal nur auf den Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern begrenzt. Die Hiattilgung mit Klusil d gilt allgemein als spezifisch mecklenburgische Variante des Niederdeutschen, die in Vorpommern nicht verbreitet ist. Gebrauchsveränderungen derartiger raumgebundener Varianten eröffnen einen Blick auf diachronische Umstrukturierungen der nordostdeutschen Varietäten­landschaft.
  4. Insbesondere wurden solche Variablen mit regionalen Ausprägungen gewählt, zwischen deren Varianten in den entsprechenden Varietäten im mecklenburgischen Zuwanderungsgebiet und in den mittel- und oberdeutschen Herkunftsgebieten der Vertreibung möglichst deutliche sprachliche Kontraste bestehen. So kontrastieren die norddeutschen Diminutivvarianten auf k- / ch-Suffix (Häuschen, Häusken) stark mit den entsprechenden südostdeutschen l-Varianten des Diminutivs (Häusle, Häuserl). Vor allem anhand von Variablen, deren regionale Ausprägungen einen deutlichen ‚Nord-Süd-Kontrast‘ aufweisen, sind kontaktlinguistische Ausgleichsprozesse oder die Remanenz von Reliktformen im Verhältnis der alteingesessenen und der zugewanderten Bevölkerung meines Untersuchungsgebietes verlässlich zu beobachten. ← 98 | 99 →
  5. Schließlich sollten nach Möglichkeit Variablen aller Sprachebenen in die Untersuchung einbezogen werden, um die systematische Reichweite der kontakt­linguistischen Prozesse und diachronen Veränderungen zu dokumentieren und gegebenenfalls Entwicklungstrends ausmachen zu können, die die sprachlichen Ebenen übergreifen. Von der Variablenauswahl auf phonetischer und auf morphosyntaktischer Ebene war bereits die Rede. Auf der lexikalischen Ebene erweist sich eine Variablenanalyse im spontansprachlichen Interviewkorpus hingegen als schwierig, weil die Verwendung lexikalischer Varianten hier stark von der je individuellen Themensetzung abhängt und daher kaum eine verlässliche Grundlage für quantitative Vergleiche bietet. Zur Analyse der Lexik im regiolektalen Sprachgebrauch habe ich daher eine standardisierte Erhebung durchgeführt und die Gewährsleute zu Kenntnis und Gebrauch von ausgewählten Lexemen aus den Regiolekten der Herkunftsgebiete der Vertriebenen befragt. So konnten stichprobenartig Daten zur lexikalischen Variation im Regiolekt ermittelt werden, die sich quantitativ und qualitativ auswerten lassen. Die standardisierte Erhebungsform der niederdeutschen Wenkerübersetzungen bietet dagegen einen sehr guten Ausgangspunkt, um die Präferenzen der Gewährspersonen für einzelne Lexemvarianten im intendierten Niederdeutsch zu erfassen. Für den Wortschatz des Niederdeutschen waren also – jedenfalls im Rahmen der vorgegebenen Übersetzungsvorlagen – differenzierte, quantitativ gestützte Beobachtungen zur sozialen und diachronen Varianz möglich.

Bei der quantitativen Analyse der nach obigen Gesichtspunkten ausgewählten Variablen stehen in meiner Untersuchung die standardabweichenden Varianten im Vordergrund, die für das mecklenburgische Niederdeutsch oder den dortigen Regiolekt kennzeichnend sind. Wegen der unüberschaubaren Heterogenität der Herkunftsvarietäten der Vertriebenen kann sich die systematische Untersuchung remanenter Merkmale dieser Varietäten nur auf großräumig verbreitete Varianten der Regiolekte der Herkunftsregionen stützen. Das Interviewkorpus wird hier exemplarisch auf die Verwendung süddeutscher l-Diminutive und auf das Vorkommen von Entrundungen bei standardgemäß gerundeten Vordervokalen überprüft, die in den Regiolekten und Dialekten der Vertreibungsgebiete verbreitet waren. Die Reichweite der Tradierung südostdeutsch regiolektaler Wortschatzvarianten in ← 99 | 100 → den Vertriebenenfamilien und gegebenenfalls der Transfer dieser Lexemvarianten in den Sprachgebrauch der alteingesessenen Mecklenburger wird, wie erwähnt, mit einer stichprobenartigen semasiologischen Befragung der Gewährspersonen geprüft.

2.3.2  Codierung und quantitative Auswertung

Weil sich die Datengrundlage zur Untersuchung des Regiolekts (Interviews) und die zur Untersuchung des Niederdeutschen (Wenkerübersetzungen) unterscheiden, wurden auch bei der Auswertung der Korpora unterschiedliche Verfahren gewählt. Die Variablenanalyse des Regiolekts erfolgte mit Unterstützung der Analysesoftware MAXQDA99, die komfortable Tools für die Codierung der mit den Audiodateien verknüpften Interviewtranskripte bietet. Die eigentlich für die qualitative Sozialforschung entwickelte Software ermöglicht auch eine quantitative Auswertung der Codierungen. In Zusammenarbeit mit der studentischen Arbeitsgruppe haben wir im MAXQDA-Programm ein Codesystem ausgearbeitet und in Testläufen erprobt, das die verschiedenen Varianten der ausgewählten Variablen und gegebenenfalls kontextuelle Faktoren über Subcodes erfasst. Die relevanten Belegkontexte für die einzelnen Variablen wurden über die Suchfunktionen des MAXQDA-Programms in den Transkripten aufgefunden, einzeln über Kopfhörer in der entsprechenden Audiodatei abgehört und über das Codesystem kategorisiert. Die phonetischen Varianten wurden dabei auditiv identifiziert. Die morphosyntaktischen Varianten sind anhand der realisierten Morpheme und / oder über die syntaktischen Kontexte diskriminiert worden.

Um die Kriterien und die Verfahrensweise der Codierung in der Arbeitsgruppe zu vereinheitlichen, habe ich für jede Variable ein Codierhandbuch verfasst, in das auch die Erfahrungen jeweils einer vorausgehenden Testphase der Codierung eingingen. In den „Memos“ zum Codesystem wurden die relevanten Varianten zusätzlich genau gegeneinander abgegrenzt und durch Beispiele veranschaulicht, die während der Codierarbeiten mit MAXQDA jederzeit eingesehen werden konnten. Vorabtests zum ‚Einhören‘ in neu bearbeitete Variablen und die gemeinsame Besprechung von Zweifelsfällen ← 100 | 101 → in regelmäßigen Treffen der Arbeitsgruppe dienten der Qualitätssicherung. Schnell oder undeutlich gesprochene Belege, bei denen die Varianten ohrenphonetisch schwierig gegeneinander abzugrenzen waren, haben wir sicherheitshalber grundsätzlich aus der Auswertung ausgeschlossen.100 Die Belege für Variablen, deren Codierung im Arbeitsprozess häufiger Zweifel aufwarf – wie etwa die schwierige auditive Diskriminierung von temporalem dann und denn – wurden bis zu dreimal von verschiedenen Personen abgehört und die Codierung gegebenenfalls korrigiert.

Bei der Variablenanalyse des Niederdeutschen wurde geringfügig anders verfahren. Das sehr viel kleinere Korpus der niederdeutschen Wenkerübersetzungen ist für die Auswertung im Partitureditor des EXMARaLDA- Programms transkribiert und wortweise segmentiert worden.101 Die standardisierte Übersetzungsvorlage ermöglichte im Partitureditor eine Wort-für-Wort-Synopse der Übersetzungs­varianten, die in der Tonspur abgehört werden konnten. Für die Codierung der Variablen wurde hier jeweils eine Annotationszeile eingerichtet, in der dem jeweiligen Wortsegment Siglen für die dort realisierten phonetischen oder morpho­syntaktischen Merkmale zugeordnet wurden. Auch hier sorgte die Orientierung an einem Annotationshandbuch für jede Variable für eine einheitliche und über die Untersuchungszeit gleichbleibende Codierung. Belege, die ohrenphonetisch nicht eindeutig einer Variante zuzuordnen waren, sind auch bei der Untersuchung des Niederdeutschen aus der Auswertung ausgeschlossen worden.

Um die quantitative Variablenanalyse auf eine tragfähige Datenbasis zu stellen, sollte in allen Bereichen der Untersuchung mit möglichst hohen Belegzahlen gearbeitet werden. Dem waren freilich gewisse arbeitsökonomische Grenzen gesetzt. Bei den phonetischen Variablen der regiolektalen Sprachlage wurden je nach Zahl der relevanten Varianten und der über Subcodes erfassten linguistischen Kontexte nach Möglichkeit zwischen 60 bis 100 Belege pro Gewährsperson codiert und in die Auswertung einbezogen. Diese angestrebten maximalen Belegzahlen sind allerdings ← 101 | 102 → nicht bei allen Gewährspersonen in den sprachbiographischen Interviews zu erreichen. Immerhin liegen die Gesamtbelegzahlen selbst bei den am seltensten auftretenden phonetischen Variablen (Realisierung des Plosivs t in intervokalischer Position, Aussprache des Graphemclusters –ng im Wortauslaut) zwischen 1100 und 1500 codierten Belegen im Interviewkorpus. Bei den höherfrequenten phonetischen Variablen konnten dagegen jeweils zwischen 3300 und 3500 Belegkontexte im regiolektalen Gesamtkorpus abgehört und ausgewertet werden.102 Da morphosyntaktische Variablen in der Regel in spontansprachlicher Rede deutlich seltener auftreten als phonetische Variablen, wurden hier neben den sprachbiographischen auch die biographischen Interviews der Gewährspersonen in die Untersuchung einbezogen. Dennoch bewegten sich die Gesamtbelegzahlen im Korpus zum Teil nur bei token-Zahlen von gut 200 (Vergleichspartikel im Komparativ, Diminutivsuffixe), erreichten aber auch Spitzenwerte von über 4200 Belegen (Vergangenheitstempora Perfekt / Präteritum).

Im Korpus der 52 niederdeutschen Wenkerübersetzungen traten die untersuchten Variablen – bedingt durch die begrenzte Übersetzungsvorlage von 45 Testsätzen – jeweils nur mit maximal 4 bis 15 Belegen pro Gewährsperson auf.103 Hier ist die quantitative Datengrundlage also zwangsläufig deutlich weniger kompakt als bei der Variablenanalyse des regiolektalen Sprachgebrauchs. Aber auch im Korpus der Wenkerübersetzungen verspricht die Auswertung von jeweils mehreren hundert Belegkontexten für die einzelnen Merkmale weitreichende Einblicke in ihre Variation unter den 52 niederdeutschkompetenten Probanden.

Die quantitativen Befunde der Codierung sowohl zum Regiolekt als auch zum Niederdeutschen wurden anschließend in eine Excel-Tabelle übertragen und dort für jede Variable die prozentualen Frequenzverhältnisse zwischen standarddivergenten und standard­gemäßen Varianten ermittelt. Um den gruppenspezifischen Variantengebrauch in den sozialen Untergliederungen meiner Stichprobe vergleichen zu können, sind die individuellen Befunde aller Gruppenangehörigen jeweils zu Mittelwerten zusammengefasst ← 102 | 103 → worden. Die so gewonnenen gruppenbezogenen Frequenzprofile werden in den folgenden Abschnitten bei der Ergebnispräsentation zu den einzelnen Variablen durch Säulendiagramme veranschaulicht. Die Säulendiagramme kontrastieren in der Regel den relativen Anteil standardabweichender Varianten im Sprachgebrauch der vier sozialen Vergleichsgruppen: der Vorkriegsgeneration und der Nachkriegsgeneration alteingesessener Familien sowie der Vorkriegsgeneration und der Nachkriegsgeneration der Familien von zugewanderten Vertriebenen. Bei der Diskussion der niederdeutschen Variablen werden ­– wenn möglich – die quantitativen Befunde aus den historischen Wenkerbögen der Region als historischer Vergleichswert in die Diagramme integriert.

Die mittelwertbasierten Säulendiagramme zum regiolektalen Sprachgebrauch werden überall dort durch Box-Plot-Graphiken ergänzt, wo sich innerhalb der sozialen Vergleichs­gruppen größere Unterschiede in der interpersonellen Varianz des Sprachgebrauchs abzeichnen. Die Box-Plot-Diagramme geben ein differenziertes Bild von der Lage und Verteilung der individuellen Frequenzbefunde innerhalb der jeweiligen Alters- oder Herkunftsgruppe der Stichprobe.104 Bei der Darstellung der Ergebnisse der Variablenanalyse zum Niederdeutschen haben wir allerdings auf die Erstellung von Box-Plot-Diagrammen verzichtet, weil hier die jüngeren Alterskohorten mit neun bzw. sechs Personen recht klein sind. Hier werden Auffälligkeiten in der interpersonellen Varianz des Sprachgebrauchs gegebenenfalls im Text thematisiert.

Die Ergebnisse der Frequenzanalyse der regiolektalen Variablen werden jeweils auf ihre statistische Signifikanz getestet. Hierbei wird mit Hilfe der Statistik-Software STATA über eine Varianzanalyse überprüft, ob die ermittelten Unterschiede im Variantengebrauch der vier sozialen Vergleichsgruppen der Stichprobe signifikant sind. Unter der Voraussetzung von Normalverteilung und Varianzhomogenität wird allgemein die einfaktorielle Varianzanalyse (ANOVA) durchgeführt, um die Mittelwerte der vier Gruppen zu vergleichen.105 Treffen beide genannten Grundvoraussetzungen nicht zu, wird die Verteilung mit Hilfe des Kruskal-Wallis-Tests für unabhängige Stichproben als nichtparametrische Alternative zu ANOVA auf ihre signifikanten ← 103 | 104 → Unterschiede überprüft.106 Die Auswertung erfolgt über den Signifikanzwert p. Je näher dieser Wert bei Null liegt, umso wahrscheinlicher kann die Nullhypothese (zwischen den Gruppen besteht kein signifikanter Unterschied) abgelehnt werden. Ein p-Wert von unter 0,05 weist auf eine statistische Signifikanz hin. Wird der Unterschied zweier Varianten des Sprachgebrauchs in der Gesamtgruppe auf Signifikanz hin überprüft, ist die Durchführung eines t-Tests für abhängige Stichproben ausreichend.107 Die Ergebnisse des Signifikanztest werden bei der Erörterung der Befunde zu den einzelnen Variablen jeweils angegeben.

Bei der quantitativen Auswertung des weniger umfangreichen niederdeutschen Korpus war statistische Signifikanz meist nur bei extrem großen Differenzen in der Varianten­ausprägung nachweisbar. Hier erlauben die deutlich geringeren Belegzahlen für die untersuchten Variablen oft nur Tendenzaussagen zur sozialen Verteilung ihrer Varianten und zur diachronischen Entwicklung ihres Gebrauchs. Vielfach stimmen diese Tendenzaussagen aber mit den statistisch validierten Befunden zur Entwicklung des Regiolekts überein und werden durch diese indirekt bestätigt.


33 Vgl. https://www.regionalsprache.de/empirie-stand-der-bearbeitung.aspx (Stand: 2.4.2017).

34 Der heutige Landkreis Rostock ist 2011 aus der Zusammenfassung der Landkreise Güstrow und Bad Doberan gebildet worden. Vgl. https://www.landkreis-rostock.de/landkreis/ (Stand: 4.3.2017).

35 Die „meckl.-vorpomm. Eigentümlichkeiten“ beschreibt in ihrer arealen Binnendifferenzierung und Außen­abgrenzung zu den niederdeutschen Nachbardialekten in kompakter Form Foerste (1954: 2039–2043). Gernentz (1980) gibt eine umfassenden Überblick über die Geschichte und Soziolinguistik des Mecklenburgisch-Vorpommerschen, der allerdings durch aktuellere Untersuchungen zu Teilregionen der mecklenburgisch-vorpommerschen Dialektlandschaft, wie etwa Hansen (2009) und Köhncke (2010), partiell relativiert wird.

36 Ich danke Astrid Adler und Albrecht Plewnia vom Institut für Deutsche Sprache (Mannheim) für den Einblick in die aktuellen Erhebungsdaten, deren endgültige Auswertung zurzeit noch aussteht. Aus ersten publizierten Zwischenergebnissen der Befragung geht hervor, dass Mecklenburg-Vorpommern innerhalb Norddeutschlands das Bundesland mit dem zweithöchsten Anteil an dialektkompetenten Sprechern ist. 20,7 % der Befragten in Mecklenburg-Vorpommern gaben in der repräsentativen Umfrage an, Niederdeutsch gut oder sehr gut sprechen zu können, vgl. Adler et al. (2016: 13, 15).

37 Schwartz (1999: 137). Eine eindrucksvolle Karte zur ungleichen anteiligen Verteilung der Flüchtlinge und Vertriebenen auf die Regionen der damaligen Besatzungszonen bringt Beer (2011: 106).

38 Kossert 2008: 197. Selbst in der bombenverwüsteten Stadt Rostock wohnten im September 1946 anteilig 15,6 % Vertriebene (Seils 2006: 79).

39 Wolff (2010: 337).

40 Nur in zwei Fällen habe ich mich aus organisatorischen Gründen oder auf Wunsch meiner Gewährsperson in einer Gaststätte zum Gespräch verabredet.

41 Vgl. Elmentaler / Rosenberg (2015 a).

42 Lamnek (2005: 392–393) resümiert: „ – Das Interview soll in der gewohnten Umgebung des Befragten stattfinden, um künstliche Situationen und damit Artefakte zu vermeiden. – Die Datenerhebung soll so erfolgen, dass der Interviewende interessierter und engagierter Zuhörer bei den Ausführungen des Befragten ist, der sich als Experte fühlen soll. – Die Natürlichkeit gilt ebenfalls für die Sprache: Die Sprache des Befragten ist die Verständigungsbasis. – Die Datenerhebung ist nur dann zuverlässig und gültig, wenn die Atmosphäre tolerant, permissiv und sanktionsfrei ist.“

43 Hopf (2010: 356) unterscheidet die verständnissichernden Nachfragen zu narrativen Interviews von den eventuell anschließenden ‚externen‘ Nachfragen, „die sich primär aus den Relevanzentscheidungen der Interviewenden ergeben“.

44 Der Interviewleitfaden orientierte sich grundsätzlich an dem Erhebungsinstrument aus dem Projekt „Sprachvariation in Norddeutschland (SiN)“, erweiterte diese Vorlage aber insbesondere um Fragen zu Spracheinstellung und zum spezifischen Verhältnis von Alteingesessenen und Vertriebenen. Auf den Interviewleitfaden wird im zweiten Band dieser Studie genauer einzugehen sein. Zum SiN-Projekt allgemein vgl. https://www.corpora.uni-hamburg.de/sin/startseite.html (Stand: 24.8.2017).

45 Einem kleineren Teil der Gewährspersonen war dieses Vorgehen offenbar zu umständlich und sie haben gleich flüssig von der schriftlichen Vorlage übersetzt.

46 Zur Problematik der Wenkerübersetzungen als Datengrundlage für Sprachanalysen vgl. Abschnitt 2.2.2.

47 Nach der aktuellen repräsentativen Umfrage des Instituts für niederdeutsche Sprache nannten die Teilnehmer in Norddeutschland auf die Frage, „was ihnen als Erstes zum Stichwort Plattdeutsch einfällt“, an erster Stelle Gegebenheiten aus dem Bereich „Familie / Privates“ (25,5 %) (Adler et al. 2016: 22–23).

48 Gewährspersonen, denen diese Themenstellungen nicht zusagten, habe ich ersatzweise gebeten, einen Tagesablauf im Dialekt zu schildern.

49 Details zur Durchführung dieser semasiologischen Befragung und zu ihren Befunden stelle ich in Abschnitt 4.1.1 vor.

50 Das Ende bzw. die Übergangszone der „kritischen“ oder „sensiblen“ Phase des Spracherwerbs wird von der Forschung häufig an den Eintritt der Pubertät, je nach betroffener Sprachebene vielfach aber auch schon auf ein Lebensalter zwischen sechs bis neun Jahren verlegt. Vgl. die Diskussion des Forschungsstands zur „Critical-Period-Hypothese“ bei Esser (2006: 252–263) oder Pearson (2007: 4–7).

51 Vgl. Majce (2002).

52 Einen engen Zusammenhang zwischen den generationsspezifischen Erfahrungen von Flüchtlingen und Vertriebenen und dem Verlauf ihrer sozialen Integration in die DDR-Gesellschaft stellt König (2014) her, lässt dabei aber sprachliche Aspekte der Integration weitgehend unberücksichtigt.

53 Zwei Gewährspersonen, die ich als Experten für die Kommunikation in institutionellen Kontexten befragt habe, wurden in den 1940er Jahre geboren und lassen sich den beiden Alterskohorten daher nicht zuordnen.

54 Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung ist die Gesamtstichprobe dagegen sehr ausgewogen, 44 männlichen Probanden stehen hier 46 Probandinnen gegenüber.

55 Ein Repräsentant dieser Gruppe Alteingesessener ist allerdings im Lauf seines Berufslebens in die nahegelegene Stadt Güstrow gezogen, hat aber stets engen Kontakt zu seinem Geburtsort Jürgenshagen gehalten.

56 Bei der Identifizierung meiner einzelnen Gewährsleute wird stets zwischen weiblichen und männlichen Personen unterschieden. Bei allgemeinen Personenbezeichnungen beschränke ich mich dagegen meist auf die Verwendung des generischen Maskulinums, um die ohnehin häufig sehr differenzierten Bezeichnungen von Personengruppen im Text nicht zusätzlich zu verkomplizieren. Selbstverständlich sind dabei stets sowohl weibliche als auch männliche Gewährspersonen gemeint, die auch zu etwa gleichen Teilen meine Gesamtstichprobe ausmachen.

57 Vgl. die allgemeinen Entscheidungskriterien für die Wahl eines Transkriptionssystems nach Kowal / O’Connell (2010: 439).

58 Paraphrasierte Äußerungen werden im Transkript in eckige Klammern gesetzt und ihre Sprecher mit einem Personenkürzel gekennzeichnet. Die Paraphrasen sollten nach der Vorgabe des Transkriptionshandbuches eher zu detailliert als zu knapp ausgeführt werden und den Verlauf der paraphrasierten Redebeiträge abbilden. Falls die Gewährsperson in ihren eigenen Redebeiträgen Formulierungen des Interviewers wörtlich wiederaufnimmt, sollten diese Formulierungen auch in der Paraphrase der Interviewerbeiträge verwendet werden.

59 Informationen zur Transkriptionssoftware F4 bzw. F5 vgl. https://www.audiotranskription.de/f4 (Stand: 15.5.2017).

60 Während Allegroformen nach Schmidt / Herrgen (2011: 360) „in erster Linie als Markierung für informellen Sprachgebrauch“ dienen, weisen Elmentaler / Rosenberg (2015 b: 448) darauf hin, dass sie in gewissem Maße doch „eine regionale Bindung aufweisen und als Marker für Regionalität fungieren“ können. Die hier im Transkript standardisierten Laut- und Morphemreduktionen dürften wegen ihrer großräumigen Verbreitung aber kaum als spezifische Kennzeichen des mecklenburgischen Regiolekts in Betracht kommen und sie werden daher in der Variablenanalyse nicht berücksichtigt. Bei Bedarf wäre ihre Frequenz im regiolektalen Sprachgebrauch aber auch über das Abhören der standardorthographischen Belege im Transkript zu ermitteln.

61 Hierbei habe ich mich an den Transkriptionskonventionen orientiert, die auch im DFG-Projekt „Sprachvariation in Norddeutschland (SiN)“ verwendet wurden. Zum SiN-Projekt allgemein vgl. die Startseite des Projekts: https://www.corpora.uni-hamburg.de/sin/startseite.html (Stand: 5.9.2017).

62 EXMARaLDA ist ein Software-System zur Verschriftlichung, Verwaltung und Analyse mündlicher Sprachkorpora, zum Programm vgl. http://exmaralda.org/de (16.4.2016).

63 Der Norddeutsche Sprachatlas verzeichnet die Sprachvariation im regiolektalen Bereich in den Erhebungssituationen Vorleseaussprache, Interviewsprache und informelles Tischgespräch (Elmentaler / Rosenberg 2015 a: 70–71). Im REDE-Projekt kommt zur Vorleseaussprache, der Interviewsprache und dem Freundesgespräch als vierte Aufnahmesituation im Regiolekt das Gespräch in der Notrufannahme der Polizei hinzu, vgl. https://www.regionalsprache.de/empirie-aufgabenbereiche.aspx (Stand: 12.4.2017).

64 Der Norddeutsche Sprachatlas stützt sich pro Erhebungsort auf vier Probandinnen der gleichen, mittleren Altersstufe, die auch nach ihrem Bildungsabschluss möglichst eine soziale Mittellage repräsentieren sollten. Soziale Parameter wurden hier bewusst invariant gehalten, vgl. Elmentaler / Rosenberg (2015 a: 68–70). Einziger Erhebungsort in Mecklenburg ist die Kleinstadt Schwaan. Auch das Marburger REDE-Projekt legt pro Erhebungsort nur die Aufnahmen von vier Gewährspersonen zugrunde. Diese vier männlichen Probanden verteilen sich dabei auf drei Generationen, wobei die Altersgruppen zugleich mit Gruppen unterschiedlicher Bildungskarrieren zusammenfallen. Hier wird eine Varianz der sozialen Parameter also gezielt mit in die Datengewinnung einbezogen, allerdings ist eine Altersgruppe / eine soziale Gruppe pro Ort demnach nur durch eine Gewährsperson, in der mittleren Generation durch zwei Gewährspersonen, vertreten. In Mecklenburg wurden bislang vier Untersuchungsorte gewählt: Schwerin, Rostock, Waren und Marlow, vgl. https://www.regionalsprache.de/empirie-aufgabenbereiche.aspx (Stand: 12.4.2017).

65 Auch einige Personen, die innerhalb meiner Fokusorte zwischen zugehörigen Ortsteilen oder zwischen Satow, Jürgenshagen und unmittelbar benachbarten Dörfern ihren Wohnort gewechselt haben, wurden in die Teilstichprobe aufgenommen, weil auch sie ihr Leben dauerhaft innerhalb eines der drei Ortstypen Großstadt, Kleinstadt, Dorf verbracht haben. Gewährspersonen, deren Lebensweg beispielsweise von der Großstadt auf das Dorf oder vom Dorf in die Kleinstadt geführt hat, wurden dagegen im Teilsample zur sprachlichen Analyse des Regiolekts nicht berücksichtigt.

66 Zum Stellenwert dieser Aufnahmen im Rahmen des umfassenden Korpus „Grunddeutsch“ und zu Details dieser Erhebung der „Sprechsprache“ vgl. Pfeffer (1975).

67 Institut für Deutsche Sprache, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017). Die Interview­partner aus meinem Untersuchungsgebiet haben die Personensiglen PF340 (Mann, geb. 1892, Schnapsfabrikant), PF333 (Frau, geb. 1906, Lagerarbeiterin), PF320 (Mann, geb. 1922, Kraftfahrer), PF337 (Frau, geb. 1937, Röntgenassistentin), PF335 (Frau, geb. 1947, Schülerin). Diese Personensiglen werden in den verschiedenen Inhaltsübersichten des digitalen Pfefferkorpus unter der Kategorie „Sonstige Bezeichnungen“ angegeben und verweisen dort auf die entsprechenden Audiodateien, Transkripte und Metadaten der Sprecher. Ich zitiere aus den Interviews dieser fünf Personen bzw. verweise auf sie einfachheitshalber nur mit der Angaben dieser Personensiglen. Weitere Interviews aus dem Pfeffer-Korpus werden hier nicht herangezogen, weil ihre jeweiligen Sprecher nicht überwiegend im Untersuchungsgebiet gelebt haben.

68 Einige Beispiele für diese schriftsprachliche Orientierung: „Wetterfaktoren“, „ein Beispiel einflechten“ (PF320), „Schulzeit vollendet“ (PF322), „häusliche Gemeinschaft“, „Hausarbeit vernachlässigt“ (PF337), „käuflich zu erwerben“ (PF340). Ein Effekt der schriftsprachlichen Orientierung ist wohl auch die hyperkorrekte Tempusform „zu schnell fuhrte“, die eine der Gewährspersonen bei einer Erzählpassage im Interview bildet (PF320). IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF), www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

69 Die ausgefüllten Fragebögen dieser umfassenden dialektgeographischen Erhebung sind heute vollständig in digitalisierter Form einzusehen unter https://www.regionalsprache.de/Wenkerbogen/Katalog.aspx (Stand: 19.5.2017).

70 Die Ergänzungssätze haben den folgenden Wortlaut: Satz 41: Wartet nur, die Kerle werden euch übers Ohr hauen. Satz 42: Fernsehen ist eine gute Sache, hat meine liebe Oma immer gesagt. Satz 43: Die Blumen blühen schon längst, und trotzdem fing es gestern wieder an zu schneien. Satz 44: Zu Mittag setzte sich der Lehrling gern auf den Stuhl bei der Tür und aß sein Brot mit Blutwurst. Satz 45: Das Krähen von eurem Hahn stört die müden Frauen sehr. Die vollständige Vorlage für die Wenkerübersetzung findet sich in Anhang 9.4.

71 Vgl. zu diesem von vielen Autoren bestätigten Befund z. B. Schönfeld (1990: 128) und Herrmann-Winter (1991: 24).

72 „Die Mundart wird immer weniger gesprochen, und zwar zum einen in immer weniger Situationen (Funktionsverlust), zum anderen von immer weniger Menschen (Rückgang der Mundartkompetenz).“ Dieser „Dialektverlust“ führt bei den verbleibenden, heute durchweg bivarietär hochdeutsch-niederdeutsch-kompetenten Sprechern zu einer strukturellen Annäherung des Niederdeutschen an das Standarddeutsche („Dialektverfall“), Peters (2015: 31).

73 Nach der sogenannten „Schwellenwerthypothese“ können Sprecher auf sprachliche Elemente desto schwieriger kognitiv zurückgreifen, je seltener diese im Gebrauch aktiviert werden (Riehl 2009: 88). Auch ehemalige „Vollsprecher“ des Niederdeutschen können in Lebenswelten, in denen dieser Dialekt nicht (mehr) gebraucht wird, partiell zu „Sprachvergessern“ werden (Wirrer 2009: 136–137).

74 Goltz (2010: 244–245). Das methodologische Dilemma, in der gegenwärtigen Sprachsituation des Niederdeutschen singuläre ‚Fehler‘ von breiter durchgesetzten Normverschiebungen zu unterscheiden, beschreibt auch Elmentaler (2009: 346): „Wenn Sprecher eine Varietät immer seltener im Alltag gebrauchen, kann dies zu einem Kompetenzverlust führen – die Sprecher machen ‚Fehler‘. Für die Beschreibung von Dialektwandelprozessen und die Vermittlung des Niederdeutschen in Kindergarten, Schule und Universität ist es grundsätzlich wichtig, solche ‚Fehler‘, also Verstöße gegen die aktuell geltende Dialektnorm, von Dialektwandelprozessen unterscheiden zu können.“

75 Vgl. Arendt / Bieberstedt / Ehlers (2017: 10–11).

76 Die ebenfalls erhobenen Selbsteinschätzungen meiner Gewährspersonen zu ihrer Niederdeutschkompetenz werden im zweiten Teil dieser Studie ausgewertet. Erste Vorabtests ergaben, dass zwischen den subjektiven Selbsteinschätzungen und den Ergebnissen eines merkmalgestützten Übersetzungstests zwar große Übereinstimmungen bestanden, aber in Einzelfällen auch Diskrepanzen zu verzeichnen waren. Eine beispielhafte Gegen­überstellung der Befunde beider Verfahren der Kompetenzmessung gebe ich in Ehlers (2013: 101–105).

77 Als Testsätze wurden die niederdeutschen Übertragungen von Wenkersatz 4 (Der gute alte Mann ist mit dem Pferd auf dem Eis eingebrochen und in das kalte Wasser gefallen), von Wenkersatz 14 (Mein liebes Kind, bleib hier unten stehen, die bösen Gänse beißen dich tot) und von Wenkersatz 16 (Du bist noch nicht groß genug, um eine Flasche Wein allein auszutrinken, du musst erst noch wachsen und größer werden). Ausgewählt wurden also längere Satzvorlagen, die in den Übersetzungen eine Vielzahl von Vergleichsmöglichkeiten bieten.

78 Für die Übersetzung von hochdeutsch Pferd mit niederdeutsch Piirt wurden beispielsweise zwei Punkte vergeben (1. unverschobenes p, 2. mecklenburgische Vokalhebung). Für die zusätzliche Apokopierung des Plosivs im Auslaut (Pir), die einige der Referenzpersonen realisierten, wurde dagegen kein Punkt vergeben, da das Merkmal an diesem Lexem nicht durchgängig bei der gesamten Vergleichsgruppe auftrat. Da die in Piirt durchgängig realisierte mecklenburgische Vokalhebung vor r dagegen bei iirst (‚erst‘) nicht in allen zehn Übersetzungen der Referenzgruppe auftritt, blieb das Merkmal in diesem Lexem unbepunktet. Durch die lexembezogene Bewertung wird der sprachlichen Variation, die selbstverständlich auch die Übersetzungen der zehn Referenzpersonen kennzeichnet, Rechnung getragen.

79 Einige Beispiele für Merkmale, die in den zehn Referenzübersetzungen an den übertragenen Einzellexemen durchgängig auftraten und daher jeweils mit einem Punkt notiert wurden: Übereinstimmend wurden in der Referenzgruppe realisiert z. B. unverschobene Plosive in op, grötter, inbroken, stimmhafter Anlaut in drinken und dout, Monophthonge in Is, ut, op, präfixloses Partizip II in folln und inbroken, Diphthonge in gaut, grout, laif, t-Apokope in nich und is, Rundvokal in büst, Konsonantenassimilation in wassen und unnen, spezifische Vokalrealisierungen in ol, folln, stån, Plural Gois (‚Gänse‘), Frikative in laif und blif, Artikel (Sg. und Pl.) de, Pronomen (Akk.) di.

80 Zehn dieser kurzen Erzählungen stammen von Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration, sechs von Vertriebenen der Vorkriegsgeneration und eine Erzählung konnte mit einem Nachkommen von Vertriebenen aufgenommen werden.

81 Das Korpus umfasst die Bögen aus den folgenden Ortschaften: Berendshagen (laufende Nummer des Wenkerbogens: 48752), Bernitt (48927), Biestow (48592), Börgerende (48528), Damm (48601), Heiligenhagen (48580), Letschow (48762), Neu-Bernitt (48926), Niendorf (48764), Nienhagen (48537), Rederank (48578), Reinshagen (48579), Rethwisch (48530), Retschow (48576), (Rostock) Barnsdorf (48547), (Rostock) Gehlsdorf (48549), (Rostock) Lichtenhagen (48540), (Rostock) Riekdahl (48553), Satow (48755), Schwaan 1 (48763), Schwaan 2 (53091), Schwaan 3 (53092), Vorbeck (48936), Warnemünde (48518), Wiendorf (48765). Die Originalbögen sind als Digitalisate einzusehen in https://www.regionalsprache.de/Wenkerbogen/Katalog.aspx (Stand: 19.5.2017).

82 Aus Jürgenshagen ist kein historischer Wenkerbogen überliefert. Da Georg Wenker seine Untersuchung nur in Dörfern und Kleinstädten durchgeführt hat, ist Rostock in dem Teilkorpus nur über Warnemünde und einige damals unmittelbar benachbarte Dörfer vertreten, die heute allesamt eingemeindet und in das Stadtgebiet der Großstadt integriert sind.

83 So wurde beispielsweise der Wenkerbogen aus Reez (48602) nicht berücksichtigt, der von einem Lehrer aus dem Geburtsort „Steina bei Ziegenhain in Kurhessen“ ausgefüllt wurde. Der Bogen weist einige landschafts­untypische Dialektmerkmale auf.

84 Vgl. Purschke (2017). Ich danke Christoph Purschke sehr herzlich für die Bereitstellung der wertvollen Tondokumente und Transkripte des Lautdenkmals aus meinem Untersuchungsgebiet.

85 Sigle LD60193, aufgezeichnet in Sarmstorf am 15.2.1937, Sprecher: Zeichenlehrer, geboren 1871.

86 Sigle LD60109, aufgezeichnet in Warnemünde am 7.12.1936, Sprecher: Buchdrucker, geboren 1882 und Fischermeister, geb. 1898.

87 Schädlich / Große (1961: 360), anders als bei dem von Eberhard Zwirner geleiteten umfassenden Aufnahmeprojekt in der BRD wurde hier also der Sprachgebrauch der zugewanderten Flüchtlinge und Vertriebenen aus der Untersuchung ausgeblendet, vgl. Ehlers (2015 d). Schädlich / Große (1961) geben eine detaillierte Darstellung des Gesamtprojekts, zu den Aufnahmen speziell in Mecklenburg und zu ersten Befunden zum Niederdeutschen vgl. Gundlach (1967).

88 Institut für Deutsche Sprache, Mannheim, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Korpus „Deutsche Mundarten – DDR“ (DR). Aus Letschow Personen mit den Kennungen DR927 (Molkereiarbeiterin, geb. 1944), DR928 (Genossenschafts­bauer, geb. 1930), DR931 (Landwirt, geb. 1900). Aus Retschow Personen mit den Kennungen DR932 (Landwirt, geb. 1940), DR933 (Landarbeiter / Rentner, geb. 1890), DR934 (Elektriker, geb. 1929). Als „Sprachschicht“ hat der damalige Aufnahmeleiter, Jürgen Gundlach, für vier der genannten Personen „Vollmundart“ angegeben, in den anderen Fällen machte er zur Sprachschicht keine Angabe. Auch diese Aufnahmen sind aber der Sprachschicht „Vollmundart“ zuzuordnen. Weitere Gewährspersonen aus Retschow und Letschow, die damals aufgenommen worden sind, berücksichtige ich hier nicht, weil bei ihnen jeweils ein Elternteil nicht aus Mecklenburg stammte. Ich danke dem Archiv für Gesprochenes Deutsch sehr herzlich für die Bereitstellung der Tondokumente auf CD-ROM. Die Aufnahmen sind unter www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017) zugänglich unter den folgenden Ereignissiglen: DR927: DR--_E_00324_SE_01_A_01_DF_01.WAV; DR928: […] 00324_SE_02 […]; DR931: […] 00324_SE_05 […]; DR932: […] 00350_SE_01 […]; DR933: […] 00350_SE_02 […]; DR934: […] 00350_SE_03 […]. Ich verweise im Folgenden auf die Sprecher und ihre Audiodateien einfachheitshalber ausschließlich mit der Angabe der genannten Personensiglen, die unter der Kategorie „Sonstige Bezeichnungen“ in den verschiedenen Inhaltsübersichten zum Korpus angegeben werden.

89 Die hochdeutsche Übersetzungsvorlage des sogenannten „Festen Textes“ ist abgedruckt in Gundlach (1967: 189) oder in Schädlich / Große (1961: 361). Dieser „Feste Text“ orientiert sich zum Teil an den Vorgaben der historischen Wenkerbögen, bemüht sich aber darum, die Einzelsätze in einen Gesamtzusammenhang eines denkbaren Gesprächs unter Nachbarn zu bringen. Anders als bei den von mir aufgenommenen spontanen Wenkerübersetzungen bekamen die Gewährspersonen 1962 die Übersetzungsvorlage einige Tage vor der Aufnahme ausgehändigt und haben diese zunächst schriftlich übersetzt und dann für die Aufnahme abgelesen.

90 Die Aufnahmen sind in zwei verschiedenen Korpora archiviert und über den Audiokatalog oder über den Ortspunkt Jürgenshagen in der digitalisierten Karte aus Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches unter www.regionalsprache.de zu finden: Im Korpus „MR Deutsche Dialekte“ unter der Personensigle WEG55AW1 (Schmied, geb. 1926) und im Korpus „MR Phonologisch-phonetischer Atlas von Deutschland“ (PAD) unter der Personensigle WEG56AW1 (Schneider, geb. 1924), vgl. https://www.regionalsprache.de/Audio/Katalog.aspx (Stand: 21.5.2017).

91 Nach Auer / Voeste (2012: 261) ist eine Variable „a parameter which conceptualizes a certain pattern of variation in language. It is defined as a set of at least two variants which may be used alternatively.“ Die Varianten stellen ihrerseits „die empirisch fassbaren koexistenten Realisationen von Variablen dar” (Lameli 2004: 22). Die Grundlage der Entsprechung der verschiedenen Varianten, in denen eine Variable z. B. in unterschiedlichen sozialen oder situativen Kontexten realisiert wird, wird allgemein darin gesehen, dass die Lexeme/Morpheme, die sie konstituieren, auf denselben Sachverhalt referieren oder die gleiche grammatische Funktion übernehmen (vgl. die kritische Diskussion dieser Annahme bei Auer / Voeste 2012: 263­–264).

92 Einen Überblick über das Repertoire sprachlicher Merkmale, das die bisherige Forschung als charakteristisch für den mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekt herausgearbeitet hat, gibt Rosenberg (2017: 40–48). Eine einfache Übersicht über das Inventar typischer phonetischer und lexikalischer Varianten des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch bietet z. B. Gundlach (1988: 425–430), vgl. auch die Abgrenzung der „Eigentümlichkeiten“ des Mecklenburgisch-Vorpommerschen von den niederdeutschen Nachbardialekten bei Foerste (1954: 2039–2043). Da es in dieser Studie um die Entwicklung der regional gebundenen Varietäten des Deutschen in Mecklenburg geht, werden nicht-regionale Nonstandardmerkmale, wie allegrosprachliche Varianten, nicht in die Untersuchung einbezogen, obwohl sie selbstverständlich auch in der Interviewsprache meiner Gewährspersonen frequent auftreten. Prozesse der „Destandardisierung“ des nationalen Aussprachestandards, die Spiekermann (2005) im südwestdeutschen Raum am zunehmenden Gebrauch allegrosprachlicher Varianten in sehr formellen Sprechsituationen beobachtet, werden hier also nicht berücksichtigt.

93 Bei der Bestimmung der Standardvarianten orientiere ich mich hauptsächlich an den kodifizierten Beschreibungen der deutschen Standardaussprache und der Standardgrammatik, wie sie im Duden Aussprachewörterbuch (2005) und in der Duden Grammatik (2016) niedergelegt sind. Weitere Grammatiken und Aussprachewörterbücher der deutschen Standardsprache werden von Fall zu Fall hinzugezogen. Wenn sich während des Untersuchungszeitraums dieser Studie Veränderungen in den kodifizierten Standardbeschreibungen ergeben haben, wird dies in der Interpretation der Befunde berücksichtigt.

94 Bowie (2015: 54). Vgl. auch den Forschungsbericht von Cheshire (2005: 1559).

95 Dabei zeigen neuere Untersuchungen, dass der Verlauf des Sprachgebrauchswandels innerhalb der Lebensspanne einer Sprecherbiographie keineswegs immer vorhersehbaren Verlaufsschemata folgt, wie etwa dem häufig aufzeigten „‚normal‘ pattern of age-differentiation“, nach welchem Nonstandardvarianten während der Lebensphase des Berufslebens vorübergehend im Sprachgebrauch zurücktreten (Cheshire 2005: 1555). Gerstenberg / Voeste (2015: 6) resümieren die Ergebnisse mehrerer einschlägiger empirischer Studien zur „linguistic lifespan“, „that there is no teleology behind the variety of possible gradients of linguistic aging. The analysis may reveal regular patterns ex post, but the curse of things does not evolve along pathways which are predictable ex ante.“ Die „intrinsic non-linearity“ des Sprachwandels in verschiedenen Lebensphasen kann schließlich auch umfassen, „that individual linguistic features or skills may indeed remain remarkably stable throughout a whole lifespan” (Gerstenberg / Voeste 2015: 5, 6).

96 Hinskens / Auer / Kerswill (2005: 16) unterstreichen, dass gerade der in der Regel graduelle Charakter von Konvergenz- und Divergenzprozessen die Anwendung quantitativer Analysemethoden erfordert: „[…] independently of whether the dialect features involved are categorical or variable in nature, the convergence and divergence processes will probably proceed gradually – which makes it necessary to apply quantitative techniques in their analysis.“

97 Schon Bellmann (1983: 112) macht darauf aufmerksam, „daß zwar jeder Wandel über ein variatives Stadium abläuft, daß aber nicht notwendigerweise jedes variative Stadium zum Wandel führt, wenigstens nicht innerhalb der uns überschaubaren Zeitspannen“.

98 Dass „nur Variablen mit hoher Auftretenshäufigkeit“ herangezogen werden, kennzeichnet das methodische Vorgehen von Variablenanalysen allgemein (Schmidt / Herrgen 2011: 310).

99 Informationen zur MAXQDA-Software vgl. https://www.maxqda.de (Stand: 20.6.2017).

100 Aus der Auswertung ausgeschlossen wurden auch alle Eigennamen und Toponyme, deren Phonetik unter Umständen besonderen Konventionen folgt, sowie alle Passagen, in denen die Gewährspersonen fremde Redeweisen imitieren.

101 Informationen zu den Transkriptions- und Analysetools der EXMARaLDA-Software www.exmaralda.org (Stand: 20.6.2017).

102 Zum Beispiel bei der Auslautrealisierung von das, dass und was oder bei der Realisierung der standarddeutschen Vokale ü, ö, eu / äu.

103 Die Belegzahlen für die einzelnen Variablen werden selbstverständlich bei der detaillierten Erörterung der Frequenzanalyse jeweils genau angegeben.

104 Vgl. Diaz-Bone (2013: 62–64).

105 Raab-Steiner / Benesch (2012: 159–162).

106 Vgl. Universität Zürich Methodenberatung, online verfügbar unter: http://www.methodenberatung.uzh.ch/de/datenanalyse/unterschiede/zentral/kruskal.html (Stand: 20.6.2017).

107 Diaz-Bone (2013: 180–181).