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Wege zu einer erklärungsorientierten Linguistik im systemtheoretischen Paradigma

Grundlagentheoretische Untersuchungen

Series:

Walther Kindt

Was der Verhaltensbiologie gelungen ist – nämlich die Entwicklung von einer beschreibenden zu einer erklärenden Wissenschaft – das sollte auch Ziel der Linguistik sein. Der Autor zeigt auf, wie sich dieses Ziel im systemtheoretischen Rahmen erreichen lässt. Zunächst ist das Grundlagenproblem unzureichender Begriffsdefinitionen und Testverfahren zu lösen, um zu korrekten Beschreibungen und induktiv abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten zu gelangen. Dadurch lassen sich bereits viele neue Erkenntnisse gewinnen. Sodann kann man für empirisch ermittelte Sachverhalte nach Erklärungen suchen, die auf allgemeinen Prinzipien oder Erwartungen beruhen. Diese Suche ist unter anderem dann zumeist erfolgreich, wenn sie durch Symmetriebrüche und eine konsequente Faktorenanalyse erleichtert wird.

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1. Thematische Einführung

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1.Thematische Einführung

1.1Einleitung und Motivation

Vor etwa 50 Jahren begann für die Sprachwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland eine bemerkenswerte Phase des Aufbruchs, die auch „Linguistikboom“ genannt wurde und an deren Anfang 1966 u.a. die Einrichtung des überregionalen Linguistischen Kolloquiums stand. Die Teilnehmer des ersten Kolloquiums, junge Wissenschaftler/innen und Studierende aus den Philologien, waren mit dem dortigen Arbeitsstil von „unkritischer Faktenhuberei und schöngeistigen Spekulationen“ unzufrieden und wollten ihm das Ziel entgegensetzen, „zu exakten und empirisch überprüfbaren Aussagen zu kommen“ (vgl. Kürschner 1976: 3– 4). Ausgangspunkt für den Linguistikboom war der Umstand, dass die Forschungsergebnisse u.a. von Chomsky (1965), Montague (1970) und Searle (1969) neue Entwicklungsperspektiven insbesondere für die Bereiche von Syntax, Semantik, Pragmatik und Kommunikationsanalyse versprachen. Das motivierte eine starke Verlagerung der Aktivitäten in Forschung und Lehre von der traditionellen und von der historischen Sprachbetrachtung hin zu einer relativ systematisch vorgehenden synchronen Linguistik. Zugleich wurden an den Universitäten entsprechend nominierte Stellen eingerichtet. Schon 1971/72 förderten Kultusministerien und Volkshochschulen einiger Bundesländer das verstärkte Interesse an dieser Art der Linguistik mit dem Fortbildungsangebot „Funkkolleg Sprache. Eine Einführung in die moderne Linguistik“, das immerhin 16.950 Teilnehmer/innen hatte und dessen schriftliche Version auch lange als universitärer Einführungstext diente. Sehr schnell wurden zudem Inhalte und Terminologien neuerer Grammatiktheorien in Schulbücher übernommen und im Bundesland Nordrhein-Westfalen war sogar ursprünglich geplant, Linguistik als Schulfach einzuführen. Insgesamt gesehen war man angesichts der erhofften forschungs-und gesellschaftspolitischen Relevanz der neu konzipierten Sprachwissenschaft sehr euphorisch gestimmt. Zum Beispiel hieß es im Klappentext der 1973 in dritter Auflage erschienenen deutschen Übersetzung „Einführung in die moderne Linguistik“ des Buchs von Lyons (1968):

Die Linguistik ist für die meisten Wissenschaftsgebiete und für die Praxis vieler Berufe in einem Maße bedeutsam geworden, das man sich noch vor einem Jahrzehnt nicht hat vorstellen können. Literaturwissenschaftler und Historiker, Psychologen und Anthropologen, Soziologen und Politologen, Juristen und Naturwissenschaftlersie alle müssen sich heute mit Fragen der Sprachwissenschaft auseinandersetzen.

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Diese Einschätzung war seinerzeit natürlich eine bloße Wunschvorstellung oder eine zu Werbezwecken formulierte Übertreibung. Trotzdem kann man fragen, was aus dem Linguistikboom in Deutschland geworden ist und welchen gesellschaftlichen Stellenwert die Linguistik heute hat. Auf diese Frage soll im Folgenden näher eingegangen werden.

1.1.1Zur Entwicklung und Situation der Gegenwartslinguistik

Wenn man die zitierte Klappentext-Aussage als Prognose liest, dann wäre immerhin denkbar, dass die Forschungsergebnisse der Linguistik mittlerweile auf ein ähnliches Interesse in der Öffentlichkeit stoßen wie die Resultate z.B. aus Biologie, Politologie und Psychologie, dass in bestimmten Praxisfeldern schon maßgeblich von linguistischen Erkenntnissen zur Verbesserung von Kommunikation Gebrauch gemacht wird und dass ein intensiver Informationsaustausch mit den im Klappentext genannten Wissenschaften besteht. All das trifft m.E. nicht zu. Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Kontakte zu Informatik, Literaturwissenschaft, Logik, Psychologie und Soziologie. Auch an linguistischen Untersuchungsergebnissen zur Lösung kommunikativer Probleme in Alltag und Beruf mangelt es nicht. Trotzdem ist der Einfluss der Linguistik auf ihre Nachbardisziplinen und auf gesellschaftlich relevante Diskussionen bisher relativ gering geblieben. Das gilt sogar für die Bemühungen um eine Lösung der sprachwissenschaftlichen Probleme bei der umstrittenen Rechtschreibreform. Schließlich wird auch in den Medien insgesamt gesehen nur selten über Erkenntnisse aus der Linguistik berichtet und erfahrungsgemäß gelingt es Linguisten/innen nur gelegentlich, eigene Forschungsergebnisse zu aktuellen Themen in Zeitungen, Magazinen oder in Funk und Fernsehen unterzubringen.

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Eine seltene und zugleich problematische Ausnahme von der geringen medialen Präsenz machte im Jahr 2017 das vieldiskutierte Buch „Politisches Framing. Wie sich eine Nation ihr Denken einredet – und daraus Politik macht.“, in dem die Linguistin Elisabeth Wehling (2016) u.a. die aus einem Experiment unzulässig abgeleitete These aufstellte, für menschliches Denken und Entscheiden sei entgegen landläufiger Meinungen nicht rationales Argumentieren über Fakten ausschlaggebend, sondern ausschließlich der Einfluss sprachlich evozierter latenter Deutungsrahmen (Frames) (vgl. S. 45 und 46). Diese in ihrer Monokausalitätsannahme empirisch leicht zu widerlegende und auf Unkenntnis der Resultate der linguistischen Argumentationsforschung beruhende These war in den Medien vermutlich deshalb so erfolgreich, weil sie einige für die sog. ‚postfaktischen‘ Zeiten typische politische Phänomene plausibel zu erklären schien (wie z.B. die Wirkung von Kampfbegriffen wie Lügenpresse) und das betraf auch die zumeist unerwartete Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. Genauso fragwürdig wie Wehlings These war die Anwendung des Framingansatzes in einem 2017 von Wehling für die Arbeitsgemeinschaft öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten (ARD) erstellten internen Gutachten. Dieses sog. Framing-Manual „Unser freier, gemeinsamer Rundfunk ARD“ wurde nach einer bereits laufenden politischen Debatte über einzelne problematische Textstellen am 17.2.2019 auf dem Blog „Netzpolitik.org“ vollständig veröffentlicht und dadurch genauer diskutierbar. In dem Manual macht Wehling u.a. sehr viele Formulierungsvorschläge, mit denen die ARD ihre ‚Gemeinwohlorientierung‘ als moralisch positive Eigenschaft hervorheben und sich gegen kommerzielle Privatsender abgrenzen könne. Insbesondere von dem Vorschlag, diese Sender „medienkapitalistische Heuschrecken“ zu nennen (S. 22), distanzierte sich die Generalsekretärin der ARD noch am 17.2.19 in einer Presseerklärung. Außerdem spielte sie die Bedeutung des Manuals mit der Aussage herunter, es sei lediglich eine nicht als Handlungsanweisung zu verstehende Diskussionsgrundlage, sondern diene in ARD-internen Workshops nur dazu, Mitarbeiter/innen bei medienpolitischen Themen „für den verantwortungsvollen Umgang mit Sprache zu sensibilisieren“. Allerdings ändert diese Rückstufung der Relevanz des Manuals nichts daran, dass Wehling wichtige Sachverhalte stark verkürzt oder sogar falsch darstellt und dass ihre Aussagen teilweise ‚schönfärberisch‘ sind. Das mögen folgende drei Beispiele belegen. Erstens behauptet Wehling mehrfach, Infrastruktur und Programmgestaltung der ARD seien demokratisch legitimiert und durch die Beteiligung von Bürger/innen geprägt (vgl. S. 46, 50, 56, 61). Tatsächlich besitzen die Bürger/innen jedoch kaum direkte Möglichkeiten einer Einflussnahme auf Personalentscheidungen, Sendungsauswahl und Sendezeiten der ARD. Zweitens postuliert die Autorin: Die zugehörige „demokratischmediale Infrastruktur […] richtet sich aus an dem Anspruch der Bürger auf gute Information und bildende und sinnstiftende Unterhaltung und Kultur […]“ (S. 28). Kann man den Unterhaltungssendungen in der ARD denn wirklich generell bescheinigen, sie seien bildend und sinnstiftend? Noch gravierender ist drittens, dass Wehling einige, von ihr offensichtlich nicht genauer linguistisch überprüfte Behauptungen über den Aufruf von Frames durch bestimmte Wörter aufstellt. So handelt es sich z.B. bei dem Frame, der im Zusammenhang mit Rundfunk-oder Fernsehprogrammen durch das Wort Angebot aktiviert wird, nicht zwangsläufig um die Konstellation eines Verkaufs „von Ware gegen Geld“, der „Anliegen und Handlungen der ARD unmoralisch“ machen würde (vgl. S. 14). Denn sonst wäre es z.B. auch unangemessen, an Universitäten vom jeweiligen Studien-und Lehr-bzw. Veranstaltungsangebot zu sprechen.

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Trotz dieses Negativbeispiels bildet die politische Kommunikation einen der wenigen Bereiche, in denen die linguistische Expertise zu aktuellen Themen neben den Einschätzungen aus anderen Wissenschaften, also in diesem Fall aus Politologie und Rhetorik, manchmal schon öffentlich erfolgreich waren und gelegentlich sogar medial gefragt sind. Oft wird dann aber erwartet, dass man kurzfristig eine Analyse der kommunikativen Besonderheiten der betreffenden Sachverhalte anbieten kann. Ein mich selbst betreffendes Beispiel dieser Art bildete am 16.11.1995 eine Anfrage der Journalistin Doris Köpf (der späteren Ehefrau des Politikers Gerhard Schröder), die seinerzeit für das Ressort Innenpolitik des Magazins FOCUS tätig war. Am Vormittag des 16.11. hatten die Delegierten des SPD-Parteitags in Mannheim den damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine trotz fehlender Bewerbung und für politische Beobachter überraschend mit großer Mehrheit zum neuen Parteivorsitzenden gewählt und den zuletzt glücklos agierenden Rudolf Scharping von diesem Posten abgelöst. Grund für diese Wahl war offensichtlich eine Rede von Lafontaine am Vortag, mit der er die Delegierten begeistert hatte und die einige Parteifreunde dazu veranlasste, ihn zu einer Kandidatur für den Parteivorsitz aufzufordern. Aber mit welchen rhetorischen Mitteln hatte Lafontaine in seiner Rede diese Wirkung erreicht? Das wollte Frau Köpf für die Ausgabe des FOCUS am 20.11. genauer wissen und deshalb sollte ich ihr zur Erklärung von Lafontaines Wahl bis zum Abend des 17.11. entsprechende Ergebnisse einer Redeanalyse zuschicken. Tatsächlich konnte ich mit linguistischen Methoden am Wortprotokoll der Rede nachweisen, dass Lafontaine zwei, nicht ohne weiteres in ihrem Zusammenhang erkennbare Strategien angewendet hatte, um sich als Nachfolger von Scharping zu empfehlen. Einerseits sollte er in seiner Rede eigentlich nur über die Arbeit einer Antragskommission berichten. Zusätzlich beschäftigte er sich aber im Stil einer Beratungsrede maßgeblich mit der Frage, wie die SPD ihre damalige Krise durch ein offensives Vertreten bestimmter Visionen und positiv besetzter Ziele überwinden könne. Andererseits fehlte im Schlussteil der Rede der rhetorisch erwartbare Aufruf zum Handeln. Stattdessen formulierte Lafontaine mit der Abschlussäußerung

Ihr seht also, liebe Genossinnen und Genossen [], es gibt noch Politikentwürfe, für die wir uns begeistern können. Wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern.

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eine Gesetzmäßigkeit zu der Frage, wie sich bei Menschen die wünschenswerte Begeisterung erzeugen lässt. Die Delegierten sollten also selbst die folgende, von Lafontaine nicht verbalisierte, aber implizit nahegelegte Inferenz (Schlussfolgerung) ziehen: Als nächster Parteivorsitzender eigne sich besonders gut jemand, der (wie er und anders als Scharping) mit seiner eigenen Begeisterung für die politischen Ziele der SPD auch andere Menschen begeistern könne. Lafontaine selbst war die Anwendung dieser Inferenzstrategie laut einer persönlichen Mitteilung auf meine Anfrage hin auch bewusst. In Kurzfassung wurden meine Analyseresultate dann im FOCUS wiedergegeben. Eine ausführliche Version dieser Analyse und ihrer Erklärung für die Wahl Lafontaines erschien später in der Frankfurter Rundschau (vgl. Kindt 1995a, b).

Abgesehen von solchen Einzelbeispielen beschränkt sich die öffentliche Berichterstattung über linguistische Aussagen zu verbaler Kommunikation und Sprachverwendung – polemisch gesagt – i.W. auf die regelmäßigen, aber relativ belanglosen Meldungen über die jeweilige Wahl des Worts des Jahres durch eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache sowie über die Wahl des Unworts des Jahres durch die sog. Sprachkritische Aktion. Für den so skizzierten relativ geringen medialen Stellenwert der Linguistik gibt es generell gesehen sicherlich verschiedene Gründe; auf einige von ihnen soll nachfolgend mit konkreten Beispielen näher eingegangen werden.

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Dass in den Medien nur selten über Forschungsergebnisse aus den klassischen Teilgebieten der Linguistik berichtet wird, hängt vermutlich u.a. mit dem weit verbreiteten mangelnden Interesse an sprachwissenschaftlichen und speziell an grammatiktheoretischen Fragen zusammen. Dieses Desinteresse ist leicht zu erklären. Warum sollten sich Menschen auch bemühen, Genaueres über Regeln und Funktionen von Sprache und Kommunikation zu erfahren, wenn sie aufgrund des Erwerbs ihrer Muttersprache doch in gewisser Weise selbst Experten in Sachen Kommunikation sind? Jedenfalls kennen sie die einschlägigen syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln insoweit, dass sie diese Regeln, ohne genauer darüber nachzudenken, zumeist problem-und mühelos intuitiv anwenden können, und das genügt ihnen normalerweise. Genauer betrachtet reicht ihr intuitives Wissen allerdings nicht aus, um zu verhindern, dass sie bisweilen – wie sogar Wehling beim Wort Angebot – Fehlurteile über kommunikative Sachverhalte fällen oder dass sie sich manchmal kommunikationsstrategisch ungeschickt verhalten. Insofern wäre es wünschenswert, wenn die Öffentlichkeit häufiger über bestimmte linguistische Erkenntnisse informiert würde, um ein entsprechendes Fehlverhalten erkennen und vermeiden zu können. So wurde in der Linguistik z.B. nachgewiesen, dass Kommunikationsbeteiligte manchmal bestimmte und teilweise auch in der Ratgeberliteratur verpönte, aber trotzdem mit einer wichtigen Funktion verbundene sprachliche Formulierungen oder Wörter in den Äußerungen anderer als unnötig kritisieren, die sie, ohne es zu merken, selbst oft verwenden. Ein amüsantes Beispiel dafür war: Auf der Frankfurter Buchmesse 2016 richtete der sog. Soundpoet Dirk Hülstrunk ein Büro für „überflüssige Worte“ ein, in dem Besucher für ein von ihnen als unnötig eingestuftes Wort einen Fantasiebegriff eintauschen konnten. Der meistgenannte ‚überflüssige‘ Spitzenreiter war die Partikel eigentlich. Auch wenn Hülstrunk mit seiner Aktion vielleicht vorrangig auf die Problematik der über 300.000 Neuerscheinungen auf der Messe hinweisen wollte, kann man ernsthaft fragen, ob diese Partikel eigentlich überflüssig ist. Und die linguistische Antwort auf diese Frage heißt: Die Partikel eigentlich ist eigentlich (d.h. entgegen dem äußeren Anschein) nicht überflüssig. Sie besitzt nämlich – wie die beiden vorausgehenden Sätze plausibel machen und wie man z.B. im DUDEN-Universalwörterbuch erfahren kann – verschiedene relevante konzessive Bedeutungen.

Wichtiger als für eine Klärung von Wortbedeutungen kann linguistisches Wissen aber bei der Aufklärung und Lösung komplexerer Kommunikationsprobleme sein. Eine entsprechende Hilfestellung wäre etwa bei der bekannten Kontroverse über die umstrittenen Äußerungen des Autors Martin Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998 nützlich gewesen. In seiner Dankesrede hatte Walser – ohne Personen und konkrete Situationen zu nennen – behauptet, das Thema „Auschwitz“ diene mittlerweile öfter einer „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ und verkomme so zu einer jederzeit einsetzbaren „Moralkeule“. Daraufhin wurde ihm von Kritikern eine „geistige Brandstiftung“ vorgeworfen. Walser wies die Kritik mit dem Argument zurück, er sei falsch verstanden worden, was sich daran zeige, dass ihm viele Rezipienten zugestimmt und seine Interpretation geteilt hätten. Dass ein Autor, der sich ständig mit dem Schreiben von Texten beschäftigt, sprachtheoretisch so unreflektiert argumentiert, ist eigentlich erstaunlich. Erst 17 Jahre später räumte Walser in einem Interview ein, es sei „vielleicht leichtsinnig“ von ihm gewesen, „von der Instrumentalisierung des Holocaust zu sprechen, ohne Namen zu nennen“; gedacht habe er aber an Günter Grass, Joschka Fischer und Walter Jens (vgl. SPIEGEL ONLINE 1.5.2015). Linguistisch interessant ist an diesem Beispiel zweierlei: Der Umstand, dass eine größere Zahl von Menschen eine Äußerung genauso versteht wie man selbst, beweist natürlich nicht, dass nur diese Interpretation legitim ist. Und wenn jemand eine Aussage über bestimmte Handlungen einiger Personen machen will, aber den Geltungsbereich der Aussage nicht entsprechend einschränkt, dann ist es nicht verwunderlich, dass die Aussage als allgemeiner geltend verstanden wird und dass sich auch andere, von ihm eigentlich nicht gemeinte Personen angegriffen fühlen. Auf beide Sachverhalte hätte man Walser schon 1998 hinweisen können. Nach einer Einschätzung von Linguisten/innen wurde aber m.W. in der öffentlichen Diskussion über Walsers Äußerungen seinerzeit nicht gefragt.

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Das Bild von der Linguistik in der Öffentlichkeit ist allerdings nicht nur durch fehlendes Interesse und Unkenntnis geprägt. Vielmehr gab es schon bald nach Beginn des Linguistikbooms in der öffentlichen Diskussion mehrfach Äußerungen, die für bestimmte, teilweise bis heute formulierte und teilweise selbst verschuldete negative Einstellungen gegenüber der ‚modernen Linguistik‘, ihrer Sicht auf Sprache und ihrer Vorgehensweise charakteristisch sind. Das soll mit einigen, historisch interessanten Beispielen illustriert werden. Ein erheblicher Imageschaden für die Linguistik entstand u.a. durch die von Kultusministerien, Schulbuchautoren und Verlagen wenig durchdachte und später weitgehend rückgängig gemachte Einführung neuerer grammatiktheoretischer Konzepte in Schulbücher und Lehrpläne. Sie stieß zwangsläufig auf Ablehnung. Das zeigen exemplarisch folgende Aussagen aus der Klage eines Lateinlehrers, die am 27.11. 1978 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgedruckt wurde.

Neuerdings sollen wir Schüler der Mittelstufe mit folgendem Vokabular traktieren: Verbalphrase und Nominalphrase, Kohärenz, Morphem und Lexem, Thema und Rhema, Konstituentenstruktur, Konnektor, Basisglied, Valenz, Dependenz, konstitutive Angabe usw. usw. Das Wörterbuch des traditionellen Unmenschen ist sanft dagegen. Natürlich können neue gute Oberbegriffe die grammatische Terminologie vereinfachen, doch insgesamt werden wir Lehrer und unsere Schüler – vor allem aber wir Lehrer für unsere Schüler – vor dem modernen Wald hochgezüchteter Fachausdrücke zurückschaudern []. Dies wird zehnjährigen Schülern abverlangt! Ihre Sprachbücher sehen streckenweise aus wie die Mendelschen Abstammungstabellen oder der Schaltplan eines Wasserwerks. Seelenlos und sprachfeindlich dringt das naturwissenschaftliche Kürzelsystem in die Sprachbücher ein. Aber die Sprache ist nun mal kein naturwissenschaftlich Beherrschbares.

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Reduziert man den gesamten Artikel auf seinen sachlichen Kern, dann ging es in ihm um drei Einwände: Die herkömmlichen grammatischen Kategorien seien für den Sprachunterricht zumal in der Mittelstufe ausreichend; zudem würden Schüler bei einer genaueren Beschäftigung mit linguistischen Ansätzen nicht durch sie interessierende Erkenntnisse belohnt; und schließlich sei Sprache nicht mit formalen naturwissenschaftlichen Methoden erfassbar. Diese Einwände erfordern eine genauere Betrachtung. Teils lassen sich widerlegen und teils stellen sie sich als berechtigt heraus. Grundsätzlich sollte man bei einer Einführung neuer Beschreibungskategorien immer nach ihrem Nutzen fragen. Das geschieht in der Linguistik aber nicht immer und deshalb werden manchmal auch die Probleme dieser Kategorien nicht erkannt. Jedenfalls wäre seinerzeit allenfalls die Einführung einiger der von dem Lateinlehrer genannten Begriffe sinnvoll gewesen. Zum Beispiel wird mit dem Valenzkonzept ja der für Regelformulierungen wichtige Umstand angesprochen, dass Verben jeweils seriell mit bestimmten Arten von Satzgliedern kombiniert werden müssen oder können. Eine Verwendung des Dependenzbegriffs ist im schulischen Grammatikunterricht dagegen nicht erforderlich. Ohnehin erweisen sich die in linguistischen Lehrbüchern immer noch unkritisch von Tesnière (1959) übernommenen Aussagen über Dependenzbeziehungen bei einer angemessenen Definition des Dependenzbegriffs und bei genauerer Analyse dieser Beziehungen als zu undifferenziert (vgl. Kapitel 8 und Kindt 2016b: 361ff.). So hängt nicht nur das Subjekt vom finiten Verb ab, sondern es gilt auch das Umgekehrte. Weiterhin rechtfertigt sich z.B. die Verwendung des Nominalphrasenkonzepts damit, dass Nominalphrasen eine syntaktische Grundeinheit für die Formulierung von Satzgliedern bilden, die bei einer genaueren Sprachbeschreibung deshalb vor den Kategorien „Subjekt“ und „Objekt“ eingeführt werden sollte. Dagegen benötigt man den Verbalphrasenbegriff vorerst nicht, weil es für die Einstufung einer Äußerung als elementarer Satz ausreicht zu überprüfen, ob alle valenzmäßig erforderlichen Verbstellen besetzt sind und ansonsten nur zum Verb passende Satzglieder vorkommen. Überdies bilden Verbalphrasen entgegen gängiger Aussagen in der Linguistik gar nicht immer Konstituenten (s.u.). Was nun den wünschenswerten Erkenntnisgewinn betrifft: Hier lassen sich sicherlich einige erklärungswürdige grammatik-und semantiktheoretische Phänomene finden, die auch Schüler/innen interessieren könnten. So würde es z.B. nützlich für sie sein, frühzeitig zu erfahren, welche Effekte variierende Wortstellungen auf die Wahl von Thema (als dem, worüber gesprochen wird) und Rhema (als dem, was ausgesagt wird) haben. Schließlich ist zu fragen: Wie kam der Autor eigentlich trotz fehlender Kenntnisse über die Modellierungskapazität formaler Systeme zu der mit dem Indikator nun mal als ‚unabänderliche Wahrheit‘ behaupteten Aussage, Sprache sei nicht naturwissenschaftlich erfassbar? Hier übernahm er offensichtlich ein gängiges Vorurteil, das in den Worten des Romanisten Wandruska (1975: 319) besagt: Formallinguistische Systeme seien ihrem Gegenstand nicht angemessen, weil sie ein falsches Bild von menschlichen Sprachen vermittelten. Letztlich basiert dieses bis heute noch weit verbreitete Vorurteil auf der Klischeevorstellung einer angeblich prinzipiellen Differenz von Natur-und Geisteswissenschaften. Unabhängig davon war es weder erforderlich noch zweckmäßig, in Schulbüchern der Mittelstufe Satzstrukturen formal als sog. Bäume zu repräsentieren und syntaktische Regeln als Kategorienersetzungen vom Typ S → NP+VP darzustellen.

Auch in anderen Zusammenhängen hinterließen Linguisten/innen seinerzeit offensichtlich nicht immer einen positiven Eindruck. Z. B. bekamen Linguistik-Studierende der Universität Bielefeld, die sich für die Möglichkeiten einer beruflichen Tätigkeit außerhalb von Schule und Hochschule interessierten, 1979 in der Zentralstelle für Akademikerarbeitsvermittlung u.a. zu hören:

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Linguisten sind bunte Papageien. Haben schlechte Erfahrungen mit denen gemacht. Lin-guisten vermehren sich wie Kartoffeln, durch Knollenbildung, für den hochschulinternen Gebrauch. Alles graue Theorie.

Wenig ermutigend war 1980 auch eine Auskunft des Norddeutschen Rundfunks zu den Aussichten einer Mitarbeit von Linguistikabsolventen/innen:

Schlecht. Bisher haben die Linguisten ihre Absichten noch schwerer verständlich machen können, als unsere Nachrichten offenbar sind.

Als ein letztes Beispiel für kritische Einschätzungen der Linguistik in der damaligen Zeit sei ein 1981 erschienener dpa-Bericht über die 4. Jahrestagung der 1978 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS) zitiert, weil er schon einige Probleme ansprach, die auch heute noch ungelöst sind. Unter der Überschrift „Linguisten – als Exoten belächelt. Die Sprachwissenschaft im Elfenbeinturm“ schrieb der Autor seinerzeit:

Sie können sich nicht darüber einigen, was sie eigentlich wollen, fordern aber eine stärkere Berücksichtigung ihrer Disziplin in der Schule – die Linguisten. Kaum eine Wissenschaft hat so viele Probleme mit sich selbst: Rund 70 Jahre nach Begründung der neuen Lehre von der Sprache durch Ferdinand de Saussure, dem Vater der strukturalistischen Linguistik, haben die Sprachforscher noch immer große Schwierigkeiten mit der Definition dessen, was eigentlich ihr Aufgabenbereich ist. Auch die Abgrenzung zu anderen Fächern fällt den von Wissenschaftskollegen oftmals als Exoten belächelten Sprachexperten schwer. [] Zu alledem scheinen sich die 200 Vertreter der kleinen Wissenschafts-Riege in ihrer Außenseiterrolle auch noch recht wohl zu fühlen. Daß die Forscher sich nicht nur über Funktion, Stellenwert und Methoden ihres Forschens, sondern auch über dessen Gegenstand nicht einigen können, ist selbst für abgehobene Universitätsdiskussionen eine Seltenheit – für Linguisten fast schon Tradition.

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Welche Beobachtungen auf der 4. Jahrestagung den Autor zu seiner polemischen Darstellung veranlasste, lässt sich jetzt nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls unterließ er es, neben seiner teilweise legitimen Kritik auf die seinerzeit unbestreitbaren Fortschritte der neueren Linguistik in Syntax, Semantik und Pragmatik hinzuweisen. Vergleichbar negative Reaktionen sind mir in den vergangenen Jahren in Berichten der Medien nicht aufgefallen, was darauf hindeutet, dass in heutiger Zeit vielleicht insgesamt ein neutraleres Bild von Linguisten/innen und ihrer Disziplin vorherrscht. Unabhängig davon muss man einräumen, dass der Autor des dpa-Berichts schon damals bestimmte, gegenwärtig immer noch berechtigte zentrale Kritikpunkte formulierte, die auch einen wichtigen Ausgangspunkt für die Überlegungen in der vorliegenden Monographie bilden. Insbesondere gibt es in der Linguistik nach wie vor verschiedene Lager mit teilweise konträren Auffassungen über Untersuchungsgegenstände, Forschungsziele, Theorien und Methoden. So bezweifeln z.B. einige Gesprächsforscher/innen den generellen Stellenwert des Satzbegriffs und behaupten, Sätze bildeten zwar für die geschriebene, nicht aber für die gesprochene Sprache eine Grundeinheit und deshalb seien Satzgrammatiken auch für die Modellierung von mündlicher Kommunikation irrelevant. Diese Behauptung lässt sich für den größten Teil mündlicher Äußerungen empirisch widerlegen; trotzdem muss dann geklärt werden, wie diejenigen Äußerungen zu erfassen sind, die keine Sätze zu sein scheinen (vgl. Kindt 1994a, 2007b). Auch bei der Frage, wie der Satzbegriff zu definieren ist, werden ganz unterschiedliche Positionen vertreten bis hin zu den beiden inadäquaten Auffassungen, man könne für diesen Begriff überhaupt keine allgemein akzeptierte Definition angeben bzw. er sei erst im Rahmen von bereits ausgearbeiteten Grammatikmodellen explizierbar. In Wirklichkeit benötigt man – nach wissenschaftslogisch gängiger Sicht – zunächst eine partielle Satzdefinition, weil mit ihr schon bestimmte sprachliche Einheiten als Sätze identifiziert werden müssen, um danach empirisch untersuchen zu können, welche grammatischen Regeln für diese Sätze gelten. Dieser theoriendynamische Aspekt wird in Abschnitt 3.2 genauer dargestellt. Zu solchen theoretischen Grundlagenproblemen kommt hinzu, dass auch die Zuverlässigkeit der verwendeten Analysemethoden und ihrer Ergebnisse nicht immer garantiert ist. Insofern sind es maßgeblich wissenschaftslogische und konzeptionelle Probleme, die den wünschenswerten Erkenntnisfortschritt in verschiedenen Bereichen der Linguistik behindern (vgl. auch Kindt 2010). Um ihre Lösung hat man sich aber bisher auch zu wenig bemüht und müsste dazu u.a. die einschlägigen wissenschaftstheoretischen Erkenntnisse berücksichtigen (vgl. etwa Stegmüller 1980). Deshalb ist es m.E. an der Zeit, alle solche Probleme systematischer als bisher anzugehen. Das gilt auch für das linguistische Paradegebiet der Grammatiktheorie, der Sternefeld und Richter (2012) m.E. zu Recht eine Krise attestieren, weil die Vielfalt der theoretischen Ansätze „keine positiven Auswirkungen auf die Entwicklung der Disziplin“ mehr habe und ein „(Miss-)Verhältnis zwischen Abstraktion, Empirie und Erklärung“ bestehe (S. 265). Diese Kritik macht auf ein weiteres, für die nachfolgende Argumentation zentrales Problem aufmerksam: Die linguistische Forschung ist generell zu wenig auf die Ermittlung kausaler und funktionaler Erklärungen für relevante kommunikative Phänomene hin ausgerichtet. Aber gerade solche Erklärungen könnten auch für Diskussionen außerhalb der Linguistik von Interesse sein. Deshalb sollten sich Untersuchungen in der Linguistik stärker als bisher darum bemühen, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des empirisch beobachtbaren Kommunikationsverhaltens aufzufinden. Außerdem wird die Suche nach Erklärungen durch eine grundlagentheoretisch systematischere ←22 | 23→ Vorgehensweise erleichtert. Letzteres soll nachfolgend im Vorgriff auf spätere Diskussionen schon an einem Beispiel illustriert werden.

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Die Linguistik ist eine empirische Wissenschaft, in der mit der Untersuchung von Kommunikation Gegenstände der sozialen Realität erforscht werden. Das bedeutet, dass sie mit spezifischen und partiell sehr schwierigen Problemen teilnehmerbezogener Theorien zu tun hat, die eine wissenschaftslogisch und methodisch besondere Vorgehensweise erfordern, wie später noch genauer zu begründen ist. Zugleich zeigt die Analyse vieler Fragestellungen in Syntax, Semantik und Pragmatik, dass es wünschenswert ist, einen einheitlichen und allgemeineren theoretischen Rahmen als bisher üblich zugrunde zu legen, um bestimmte wichtige Aspekte der Verarbeitung von Sprache und Kommunikation angemessen erfassen zu können. Das betrifft insbesondere die ständig mit dynamischen Entscheidungsprozessen verbundene Bildung syntaktischer, semantischer und pragmatischer Strukturen in Produktion und Rezeption. Diese bisher nur unzureichend berücksichtigte Dynamik ist eigentlich ein faszinierendes Phänomen, für dessen Behandlung spezielle systemtheoretische Modelle erforderlich sind. Unabhängig davon benötigt man in der Linguistik aber generell präzise formulierte empirische Methoden in einem geeigneten theoretischen Rahmen, um korrekte Ergebnisse über die jeweils zu erforschenden Sprach-und Kommunikationsstrukturen sowie deren Funktionen zu erhalten. Ein prototypisches Beispiel für Probleme im Theorie-und Empiriebereich betrifft sogar schon die Ermittlung syntaktischer Strukturen. Dass sich der Aufbau solcher Strukturen bei der inkrementellen, also schrittweisen Produktion und Rezeption von Äußerungen jeweils im Rahmen eines dynamischen Systems vollzieht und dass die Inkrementalität einen entscheidenden Einfluss auf die Verarbeitungsresultate hat, ist eigentlich evident. Trotzdem wird dieser Vorgang in gängigen Grammatiktheorien zumeist nicht entsprechend modelliert und deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich dann bestimmte kommunikative Phänomene weder thematisieren noch angemessen erfassen lassen. Zumindest sollte man aber die Frage beantworten, welche Eigenschaften und Relationen in diesem System einschlägig und deshalb unbedingt zu berücksichtigen sind. So ist zwar seit langem bekannt, dass die Beziehungen von Konstituenz und Dependenz bzw. Valenz gleichermaßen wichtig für die Bildung syntaktischer Strukturen sind. Diese Einsicht führt aber bisher nicht dazu, dass man in Grammatikmodellen generell von zweidimensionalen Verknüpfungsstrukturen ausgeht und die Verarbeitung beider, partiell voneinander unabhängiger Beziehungen in einem entsprechenden System erfasst. Außerdem gibt man sich bei der Strukturermittlung teilweise mit der Anwendung empirisch unzureichender Methoden zufrieden und die immer wieder konstatierte Unzulänglichkeit der verwendeten Konstituententests (so z.B. bei Müller 2013: 11) wird nicht zum Anlass für eine Methodenrevision genommen. Auch für die empirische Ermittlung von Dependenzbeziehungen fehlte bislang eine adäquate Operationalisierung (vgl. Kindt 2016b: 361ff.).

Die eben genannten Probleme wirken sich zwangsläufig negativ auf die Modellierung bestimmter grammatischer Konstruktionen aus. Ein Paradebeispiel dafür bilden die verschiedenen sog. Koordinationsellipsen, also Satzgliedkoordinationen in distributiver Lesart, Gappingkonstruktionen, Links-und Rechtsausklammerungen aus Koordinationen sowie Subjektbinnenellipsen. Auch die sog. Frage-Antwort-Ellipsen sind in diesem Zusammenhang zu diskutieren. Handelt es sich bei diesen Konstruktionen also wirklich um Ellipsen in einem strikten Sinne, also um Phänomene der Auslassung, oder liegen ihnen bisher nicht erkannte grammatische Regeln zugrunde? Jedenfalls stellen diese Konstruktionen schon deshalb eine besondere Herausforderung für die linguistische Forschung dar, weil sie verschiedene erklärungswürdige Eigenschaften besitzen. Ein Beispiel für eine Gappingkonstruktion bildet der Satz

(1/1a) Maria wohnt in Hamburg und Karl in Berlin.

Einerseits kann man Sätze wie (1/1a) „elementar“ nennen, weil sie nicht mehrere, also mindestens zwei Haupt-oder Nebensätze enthalten. Andererseits liegt ihnen bereits ein dynamisches Phänomen zugrunde. Wer nämlich einen Satz wie (1/1a) äußert, hat sich aus bestimmten, empirisch zu erforschenden Gründen dafür entschieden, nicht die längere nichtelementare Satzvariante, also Maria wohnt in Hamburg und Karl wohnt in Berlin, zu produzieren. Das (angebliche) Fehlen eines oder mehrerer Satzglieder im zweiten Konjunkt von Gappingkonstruktionen (also in (1/1a) die ‚Auslassung‘ des finiten Verbs wohnt im Konjunkt Karl in Berlin) wird in Grammatiktheorien nach wie vor zumeist mit der Modellvorstellung zu erfassen versucht, dass Rezipierende diese Satzglieder (oder die zugehörigen Bedeutungen) ohne Schwierigkeiten aus dem Kotext (d.h. aus dem vorausgehenden oder nachfolgenden verbalen Kontext) entnehmen und selbst an der betreffenden Stelle ergänzen können, um die normativ gewünschte Vollständigkeit des zweiten Konjunkts bzw. der intendierten Mitteilung herzustellen. Diese Art der Modellierung ist bei Gappingkonstruktionen allerdings nicht ohne weiteres mit anderen ihrer Eigenschaften kompatibel, wie folgende Beispiele belegen.

(1/1b) Maria wohnt in Hamburg und ich in Berlin.

(1/1c) Maria wohnt in Hamburg und Karl möbliert.

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Warum – so sollte man fragen – ist (1/1b) ein korrekter Satz, obwohl im zweiten Konjunkt ich in Berlin statt wohnt eigentlich wohne eingefügt werden müsste, um das Konjunkt zu einem korrekten Teilsatz zu vervollständigen? Und wie ist zu erklären, dass (1/1c) intuitiv beurteilt nur eingeschränkt akzeptabel ist, obwohl eine Einfügung von wohnt in das zweite Konjunkt von (1/1c) akzeptabel wäre und (1/1c) syntaktisch korrekt machen würde (vgl. zur Begründung von Akzeptabilitätsurteilen auch Kindt (2016b: 351)). (1/1b) und (1/1c) sprechen also gegen einen Auslassungsansatz und als Alternative kommt eine in gängigen Grammatikmodellen nicht vorgesehene Verknüpfungsmodellierung infrage. Bei ihr geht man z.B. für (1/1a) und (1/1b) einerseits von einer Verknüpfung der zueinander korrespondierenden Satzgliedsequenzen Maria in Hamburg und Karl in Berlin bzw. ich in Berlin zu einer Koordinationskonstituente einer bisher nicht berücksichtigten Art aus. Andererseits wird angenommen, dass die Satzglieder mit derselben grammatischen Funktion, also Maria und Karl bzw. ich sowie in Hamburg und in Berlin jeweils valenzbezogen miteinander verknüpft werden. Die Akzeptabilität von (1/1b) ist dann damit zu erklären, dass wegen der parallelen Valenzverknüpfung von Maria und ich auch eine indirekte serielle Valenzverknüpfung von ich mit dem Verb wohnt zustande kommt, bei der aber nicht auf die Einhaltung der Kongruenzbedingung hinsichtlich der Person geachtet werden muss, weil diese Bedingung im ersten Konjunkt für Maria und wohnt erfüllt wurde. Außerdem lässt sich die eingeschränkte Akzeptabilität von (1/1c) schon auf die fehlende syntaktische Parallelität der Satzglieder in Hamburg und möbliert zurückführen. Auch Müller (2013: 11) hatte ursprünglich aufgrund einer Anwendung des zu den üblichen Analyseverfahren gehörigen Koordinationstests die in Grammatiktheorien bisher nicht vorgesehene Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass parallele Satzgliedsequenzen in Gappingkonstruktionen Konstituenten bilden. Später schloss er diese, auch aufgrund der Ähnlichkeit dieser Sequenzen eigentlich naheliegende Möglichkeit aber mit dem zunächst als plausibel erscheinenden Gegenargument aus, sie sei mit den Ergebnissen anderer Tests unvereinbar. Außerdem lieferten die grammatiktheoretisch gängigen Tests generell keine hinreichenden Bedingungen für das Vorliegen von Konstituenten, sondern nur Indizien. Dabei hätte letztere, in der Syntaxliteratur stereotyp wiederholte Aussage eigentlich der Anlass für eine kritische Methodenreflektion sein müssen.

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Wenn zwei verschiedene Modellierungsansätze für ein Phänomen miteinander konkurrieren, dann sollte man versuchen, empirisch eine Entscheidung zwischen ihnen herbeizuführen. Um nun die Erklärungsadäquatheit von Auslassungs-und Verknüpfungsansatz für Gappingkonstruktionen zu überprüfen, wurde 1993 von Günther et al. folgendes Verarbeitungszeitexperiment durchgeführt. Wenn gemäß Auslassungsannahme im sog. elliptischen Konjunkt eines Gappings bestimmte Satzglieder und insbesondere das finite Verb fehlen, dann sind sie oder die zugehörigen semantischen Informationen bei der Rezeption dieses Konjunkts zu ergänzen. Das wiederum müsste an der Äußerungsstelle, bei der Rezipienten die Auslassung bemerken, zu einer längeren Verarbeitungszeit führen. Dagegen ist bei einer Koordination der parallelen Satzgliedsequenzen an dieser Stelle keine zusätzliche Verarbeitungszeit erforderlich. Tatsächlich erwies sich letztere Prognose als empirisch korrekt und das deutet darauf hin, dass Gappingkonstruktionen aus Effizienzgründen ihren vollständigeren Varianten vorgezogen werden. Trotzdem blieb seinerzeit noch unklar, wie sich ein Verknüpfungsansatz grammatiktheoretisch im Detail begründen lässt. Zur Beantwortung dieser Frage liegen mittlerweile mehrere Arbeiten vor (vgl. insbesondere Kindt 2016b) und sie weisen mithilfe präzisierter strukturalistischer Methoden nach, welche syntaktische Struktur Gappingkonstruktionen haben. Dabei bestätigt sich die Vermutung, dass die parallelen Satzgliedsequenzen in ihnen eine grammatiktheoretisch bisher nicht berücksichtigte Art von Konstituenten bilden, die man „schwach“ nennen kann, weil sie anders als die mit den gängigen Tests ermittelten Konstituenten semantisch unabgeschlossen sind und nur die Koinzidenz der von ihnen bezeichneten Teilsachverhalte garantieren. Deshalb kann auch die sog. Verbalphrase wohnt in Hamburg in (1/1a) entgegen der üblichen Annahme keine Konstituente von (1/1a) sein; denn ihre Ersetzung z.B. durch arbeitet führt zu einer grammatisch inkorrekten Äußerung. Außerdem werden die Satzglieder des zweiten Konjunkts mit den jeweils korrespondierenden des ersten Konjunkts durch „parallel“ zu nennende Valenzverknüpfungen verbunden und dadurch werden sie indirekt auch seriell mit dem finiten Verb wohnt verknüpft. Dabei ermöglicht die Inkrementalität der Verarbeitung eine Trennung der beiden Teilaussagen von (1/1a). Schon der Effekt, dass die Satzglieder des zweiten Konjunkts von denen des ersten syntaktisch abhängen, war in der Grammatikforschung wegen unzureichender Dependenzanalysen aber nicht erkannt worden. Das Gleiche gilt z.B. in der (angeblich) elliptischen Frage-Antwort-Sequenz Wer hat das gesagt? Ich. für die Kasus-Abhängigkeit der Nominalphrase Ich vom Pronomen Wer. Wegen dieser Abhängigkeit bildet diese Sequenz eindeutig einen Satz (vgl. Kindt 1985a: 186). Das ist eine Hypothese, die Linguistik-Gutachter übrigens seinerzeit für ‚unsinnig‘ hielten. Schließlich lässt sich auch die semantische Struktur von Konstruktionen wie (1/1a) nicht mehr durch eine Unterteilung in Thema und Rhema bzw. in Topik und Kommentar (nach heutiger Terminologie) erfassen und deshalb müssen Informationsstrukturen auf einer neuen theoretischen Grundlage untersucht werden.

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1.1.2Überblick über die behandelten Themen

Die eben angesprochene und nur unzureichend geklärte Ermittlung syntaktischer Strukturen bildet ein typisches Beispiel für grundlagentheoretische Probleme der Gegenwartslinguistik. Eine Lösung dieser Probleme lässt sich aber nur in einem geeigneten systemtheoretischen Ansatz unter Berücksichtigung allgemeiner Prinzipien der Strukturbildung sowie durch eine konsequente empirische Forschung erreichen. Insofern bedarf es eines entsprechenden Paradigmenwechsels. Diese These wird im zweiten Teil von Kapitel 1 in Abschnitt 1.2 zunächst an drei typischen Beispielen plausibel gemacht. Bei ihnen geht es um die Problematik der Verwendung des bilateralen Zeichenbegriffs, um den unzulänglichen Umgang mit den Tests zur Ermittlung von Konstituentenstrukturen und um Widersprüche in der Sprechakttheorie. Anschließend wird die These mit zehn in linguistischer Forschung zu berücksichtigenden generellen Eigenschaften von Sprache und Kommunikation begründet. Noch eindeutiger lässt sich die Notwendigkeit einer systemtheoretischen Fundierung der Linguistik aber an der durchgängigen aktualgenetischen Dynamik von Sprachverarbeitungsprozessen erkennen. Dazu werden am Ende von Kapitel 1 verschiedene Beispiele der Rezeption von Äußerungen des Deutschen analysiert. Diese Analyse belegt, dass die betreffenden dynamischen Prozesse der Strukturbildung maßgeblich auf den für die verschiedenen Sprachebenen bestehenden Erwartungen von Korrektheit, Vollständigkeit und Effizienz beruhen sowie generell auf Normalfall-Prinzipien. Zu diesen Prinzipien gehören z.B. auch das Prinzip der Grundabfolge für Satzglieder und die aus der Wahrnehmungspsychologie bekannten Gestaltprinzipien. Dementsprechend ist zu berücksichtigen, dass Strukturentscheidungen oft mithilfe von (ggf. zu revidierenden) nichtmonotonen Schlüssen getroffen werden.

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Mit Kapitel 2 beginnt die systematische Theorieentwicklung. Nach einer Einführung des Theoriebegriffs werden in Abschnitt 2.1 die gängigen mengen-und strukturtheoretischen Grundlagen für eine Systemdefinition dargestellt und verschiedene Vorschläge für linguistisch wünschenswerte Modifikationen gemacht. Danach ist es in Abschnitt 2.2 möglich, den für die Linguistik relevanten Systemtyp des sequenziellen Systems zu definieren. Eine solche Definition benötigt man insbesondere dann, wenn bestimmte dynamische Eigenschaften von Systemen modelliert werden sollen. Einer Demonstration dieses Sachverhalts dient die anschließende Diskussion über die Problematik der Vagheit natürlichsprachiger Wörter. Dazu wird an einer Modellrechnung für die Verwendung des Worts alt gezeigt, wie sich die Toleranz gegenüber Bedeutungserweiterungen für dieses Wort so beschränken lässt, dass ein zu dem berühmten Sorites-Paradox analoger Widerspruch vermieden wird. Zugleich illustriert die Modellrechnung, dass beim Gebrauch von Wörtern mit vager Bedeutung ein sog. Hysteresiseffekt auftreten kann, wie er insbesondere aus der Physik bekannt ist.

In dem umfangreichen Kapitel 3 wird am Beispiel verschiedener linguistischer Forschungsthemen im Detail dargestellt, welche methodologischen Konsequenzen die Wahl einer systemtheoretischen Konzeption für die empirische Vorgehensweise hat. Grundsätzlich geht es i.Allg. um das Ziel, durch Untersuchungen zu erkennen, in welcher Weise ein beobachtetes oder indirekt erschlossenes Outputverhalten des betrachteten Systems von bestimmten ursächlichen Faktoren abhängt und durch welche Prinzipien die jeweiligen Abhängigkeitsbeziehungen bestimmt sind. Für die Beantwortung solcher Fragen benötigt man spezielle empirische Verfahren. Eines von ihnen ist die Methode der systematischen Variation. Aufgabe des ersten Teils von Kapitels 3 ist es, die Relevanz dieser Methode für die Ermittlung der jeweiligen Abhängigkeitsbeziehungen deutlich zu machen. Zunächst wird an Beispielen gezeigt, dass sich die in der Dependenzgrammatik gemachten Aussagen über die Abhängigkeitsverhältnisse in Sätzen bei Anwendung der Variationsmethode teilweise als falsch und teilweise als zu undifferenziert herausstellen. Insofern ist es bedauerlich, dass in der Gegenwartslinguistik eine besonders wichtige Arbeit aus der historischen Sprachwissenschaft in Vergessenheit geraten ist, in der Karl Verner 1877 mit der Variationsmethode das nach ihm benannte Lautgesetz nachwies. Vielleicht hätte eine Kenntnis dieser Arbeit und ihrer Methodik zu einer Überprüfung der betreffenden dependenzgrammatischen Aussagen und anderer problematischer linguistischer Hypothesen führen können. Um die Leistung Verners zu würdigen, wird seine Argumentation in Abschnitt 3.1 dargestellt und analysiert. Dabei zeigt sich auch ein interessantes theoriendynamisches Problem, nämlich eine Wechselbeziehung zwischen Gegenstandsdefinition und Theoriebildung, die bei einer mangelnden logischen Kontrolle zirkuläre Argumentationen verursachen kann. Auf dieses Problem geht Abschnitt 3.2 zunächst am Beispiel der Lautgesetze ein und es wird geklärt, wie sich das betreffende Problem vermeiden lässt. Anschließend greift Abschnitt 3.2 das schon in Kapitel 1 thematisierte theoriendynamische Problem einer Definition des Satzbegriffs wieder auf und zeigt exemplarisch, dass man auch dieses Problem mit einer Durchführung von aufeinander folgenden getrennten Schritten der Begriffsexplikation und der grammatikbezogenen Theoriebildung lösen kann.

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Der Hauptteil von Kapitel 3 soll in Abschnitt 3.3 und 3.4 exemplarisch deutlich machen, dass eine Anwendung der Variationsmethode auch bei gängigen linguistischen Fragestellungen zu neuen Einsichten verhilft. Dazu wird in Abschnitt 3.3 ein spezielles Wortstellungsphänomen des Deutschen untersucht, nämlich die Abfolge von Dativ-und Akkusativobjekten im Mittelfeld. Einerseits erbringt die Variationsmethode Erkenntnisse darüber, welche Präzedenzprinzipien den jeweiligen Standardabfolgen zugrunde liegen und wie sich davon abweichende Abfolgen erklären lassen. Andererseits führt diese Methode zu einer Entdeckung von zwei sog. Symmetriebrüchen, einem aus der Physik bekannten Phänomen. Symmetriebrüche sollten immer ein Anlass dafür sein, nach einer ‚versteckten‘ Variable zu suchen, die einen für die jeweilige Abhängigkeitsbeziehung ursächlichen Faktor bildet. Tatsächlich sind die beiden beobachteten Symmetriebrüche darauf zurückzuführen, dass auch das Gewicht der Präzedenzprinzipien und ihrer Kombination eine wichtige Rolle für Akzeptabilitätseinschränkungen von Äußerungen spielt.

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Abschnitt 3.4 dient dann einer Untersuchung der satzinternen Beziehungen zwischen Wortstellung, Akzentuierung und Informationsstruktur. In der vorliegenden linguistischen Literatur wird für eine solche Untersuchung das informationsstrukturelle Konzept des sog. Fokus eingeführt. Die in jüngster Zeit vorrangige Charakterisierung dieses Konzepts als Anzeige semantischer Alternativen erweist sich allerdings als zu eng und liefert deshalb keine notwendige Definitionsbedingung. Ohnehin wäre es empirisch oft schwierig, mit dem Alternativen-Kriterium eindeutige Urteile über das Vorliegen und die semantische Funktion eines Fokus fällen zu wollen. Trotzdem ist es legitim, nach dieser Funktion zu fragen, und diesbezüglich wird angenommen, dass mit einem Fokus oft bestimmte bedeutungserweiternde Inferenzen verbunden sind, die sich zwar auch auf die Anzeige von Alternativen beziehen können, aber nicht müssen. Ausgelöst wird die Inferenzbildung dadurch, dass die Aufmerksamkeitsausrichtung auf den Fokus eine Informationsergänzung erwarten lässt; diesem Effekt liegt also eine semantische Vollständigkeitserwartung zugrunde. Hinsichtlich einer Definition des Fokusbegriffs schließt die in Abschnitt 3.4 vertretene Position dagegen wieder stärker an die sprachwissenschaftlich frühe Auffassung von Paul (1880) an, dass das zum Fragewort einer vorausgehenden Frage korrespondierendes Satzglied ein sog. „psychologisches Prädikat“ im Antwortsatz bildet. Statt von einem psychologischen Prädikat oder von einem Fokus soll hier aber von einer prädikativ hervorgehobenen Konstituente (kurz PHKO) gesprochen werden. Daraus resultiert zwar noch keine Definition des PHKO-Begriffs. Mit der Frage-Antwort-Korrespondenz ist aber theoriendynamisch schon eine hinreichende und leicht überprüfbare Bedingung für das Vorliegen einer PHKO gegeben. Demzufolge kann als Nächstes untersucht werden, welche Auswirkungen eine durch Befragung erreichte prädikative Hervorhebung eines Dativ-oder Akkusativobjekts im Mittelfeld auf die Akzeptabilität unterschiedlicher Abfolgen der beiden Objekte hat und wie sich diese Auswirkungen mit einem PHKO-bezogenen Präzedenzprinzip und seiner Interaktion mit den anderen Prinzipien erklären lassen. Anschließend wird nachgewiesen, dass man nur auf eine PHKO einen starken steigend-fallenden Akzent ohne Einschränkung der Akzeptabilität setzen kann. Umgekehrt gilt, dass ein so akzentuiertes Satzglied in syntaktisch akzeptablen Sätzen auch ohne vorherige Befragung eine PHKO bildet. Außerdem zeigt sich: Die Position des Akzents innerhalb des Satzglieds beeinflusst seine referenzsemantische Verarbeitung, die Bildung von Inferenzen und die eventuelle Anzeige von Alternativen. Das wichtigste Ergebnis von Abschnitt 3.4 besagt aber, dass prädikativ hervorgehobene Satzglieder ihren Namen zu Recht tragen. Wenn nämlich z.B. das Dativobjekt im Aussagesatz AS Maria zeigt das Buch dem Lehrer durch Befragung und/oder Akzentuierung und/oder durch seine Endposition hervorgehoben wird, dann trifft zwar nicht die gängige Annahme zu, dass AS dieselbe Bedeutung hat wie der Pseudospalt-satz Derjenige, dem Maria das Buch zeigt, ist der Lehrer. AS lässt sich aber in etwa mit Maria zeigt das Buch bestimmten Personen und eine von ihnen ist der Lehrer paraphrasieren. Genauer zeigt eine Strukturanalyse erstens, dass das hervorgehobene Dativobjekt gemäß einem gestalttheoretischen Differenzprinzip nicht in üblicher Weise mit dem finiten Verb und dem Akkusativobjekt zu einer, eine semantische Einheit bildenden Prädikatkonstituente verknüpft wird. Vielmehr liegt eine implizite koordinative Verknüpfung des aus Verb und Akkusativobjekt bestehenden Teilprädikats mit dem Teilprädikat des in prädikativer Funktion verwendeten Dativobjekts vor. Zweitens unterscheidet sich auch die Valenzverknüpfung des Verbs mit dem Dativobjekt semantisch von der Verknüpfung mit einem nicht hervorgehobenen Objekt.

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Ein weiteres, in diesem Zusammenhang relevantes Untersuchungsthema betrifft die Frage, welche informationsstrukturelle Funktion die sog. Gradpartikeln bzgl. einer prädikativen Hervorhebung von Satzgliedern haben. Für eine Antwort auf diese Frage macht die Diskussion in Abschnitt 3.4 am Beispiel des online-Systems grammis des Instituts für deutsche Sprache (Mannheim) deutlich, dass die Auskünfte, die man dort zu diesem Thema erhält, unzureichend sind, weil nicht berücksichtigt wird, dass Gradpartikeln ganz unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Das zeigt eine Analyse der Verwendung der Partikeln auch, nur, ausgerechnet, wenigstens, sogar, selbst und der ebenfalls als Gradpartikel eingestuften Satzgliednegation. Insbesondere fehlen bei grammis Informationen über die mit den Partikeln jeweils verbundenen spezifischen Inferenzen. Genauer zu untersuchen sind zudem noch andere informationsstrukturelle Einflussfaktoren wie z.B. Korrekturen und der Unterschied in der semantischen Struktur von Satzgliedkoordinationen mit bzw. ohne prädikativ hervorgehobene Konjunkte. Vor allem befasst sich Abschnitt 3.4 abschließend mit dem in der Forschung über Informationsstrukturen vernachlässigten Fall einer Erfragung von Satzgliedern durch zwei W-Fragen. Das führt zwangsläufig zu einer Untersuchung der Informationsstrukturen von Gappingkonstruktionen sowie der zugehörigen Beziehungen zu Wortstellung und Akzentuierung. Dabei ergeben sich verschiedene neue Erkenntnisse über diese Konstruktionen. Sie betreffen u.a. die Rolle fallend-steigender Akzente und die spezielle Topikfunktion entsprechend akzentuierter Satzglieder in den Konjunkten, weiterhin die in Gappingsätzen geltenden Präzedenzprinzipien sowie schließlich die semantische Struktur solcher Sätze.

Kapitel 3 endet in Abschnitt 3.5 mit der zusammenfassenden Darstellung einer empirischen Untersuchung zu einer speziellen verständigungsstrategischen Fragestellung. Wenn es wie in dieser Untersuchung um die Erforschung semantischer Verarbeitungsprozesse geht, dann reicht für die Anwendung der Variationsmethode ein Bezug auf zugehörige intuitive Urteile von Befragten nicht mehr aus. Für solche Fälle wird eine integrierte Methodenkonzeption vorgeschlagen und exemplarisch konkretisiert. Nach dieser Konzeption sollte die Untersuchung der betreffenden Fragestellung mit der qualitativen Analyse eines geeigneten und ggf. experimentell erstellten Korpus beginnen, um eine oder mehrere erste Hypothesen über die im Vorfeld vermutete Abhängigkeit des zu erforschenden kommunikativen Verhaltens von bestimmten Faktoren aufstellen zu können. Sofern unterschiedliche Ausprägungen dieses Verhalten häufig im Korpus vorkommen, lohnt sich anschließend eine quantitative Auswertung; evtl. lassen sich die aufgestellten Hypothesen dann noch präzisieren. Für eine Hypothesenüberprüfung ist die Durchführung eines oder mehrerer Experimente erforderlich, in denen die hypothetisch unterstellten Einflussfaktoren systematisch variiert werden. Das konnte in der dargestellten Untersuchung aber bei einem Faktor nicht direkt geschehen, weil er eine Eigenschaft der mentalen Zustände von Versuchspersonen betrifft. Deshalb wurde ersatzweise ein externer Inputfaktor variiert, von dem aus anderen psycholinguistischen Untersuchungen bekannt war, dass er die betreffende mentale Eigenschaft in gewünschter Weise beeinflusst. Günstigenfalls bestätigen die Ergebnisse der experimentellen Untersuchung die aufgestellt(n) Hypothese(n) oder die Hypothese(n) lassen sich noch modifizieren. Wenn durch die Ergebnisse außerdem eine quantitative Abhängigkeitsbeziehung zwischen Inputfaktoren und Outputverhalten vorliegt, dann kann man in einem weiteren Schritt auf der Grundlage der ermittelten diskreten Messpunkte nach dem z.B. aus der Physik bekannten Verfahren ein geeignetes mathematisches Modell erstellen. Solche Modelle werden abschließend noch evaluiert sowie ggf. optimiert und durch Computersimulationen erweitert.

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In Kapitel 4 wird genauer begründet, warum die systemtheoretische Forschungskonzeption eine wünschenswerte und relevante Grundlage für die Linguistik bilden kann. Zunächst skizziert Abschnitt 4.1 noch einmal zusammenfassend, wo Probleme und wichtige Anschlussstellen einiger etablierter linguistischer Ansätze in Syntax, Semantik und Pragmatik für eine solche Konzeption liegen. Im Detail wird dabei auf die wichtigsten Probleme der üblichen Anwendung strukturalistischer Tests eingegangen und es wird gezeigt, wie sich die betreffenden Probleme u.a. durch eine Präzisierung der Testbedingungen vermeiden lassen. Abschnitt 4.2 gibt danach einen Überblick über Charakteristika der hier anvisierten Forschungskonzeption. Sie betreffen den Gegenstandsbereich, die generellen Forschungsziele und Fragestellungen, die erforderlichen Hintergrundtheorien und die verwendeten Methoden. Abschließend wird in Abschnitt 4.3 noch einmal an Beispielen illustriert, in welcher Hinsicht sich Fragestellungen, Vorgehensweisen und Ziele der dargestellten Konzeption von der Forschungspraxis in der klassischen Linguistik unterscheiden. U.a. geht es in der Analyse einer Alltagserzählung um die gestalttheoretisch wichtige Rolle von Gliederungssignalen bei der Bildung von Makro-und Mikrostrukturen, um dynamische Aspekte der Sprachverarbeitung auf den Ebenen von Phonologie, Syntax, Semantik und Pragmatik sowie exemplarisch um zugehörige Modellierungsfragen. Speziell ergeben sich aus zugehörigen Strukturanalysen neue Erkenntnisse über Vor-und Nachfeldkonstruktionen. Dabei stellt sich z.B. heraus, dass es einen in Grammatiken bisher nicht betrachteten Typ von positionsrestringierten Konstituenten gibt, der u.a. bei sog. Linksversetzungen zusammen mit dem ihnen nachfolgenden Pronomen auftritt. Weiterhin wird das Problem der grammatischen Beziehung zwischen Frage-und Antwortkonstituenten in ‚elliptischen‘ Konstruktionen gelöst; bei ihnen geht es in Wirklichkeit um Nachfeldbesetzungen. Eine wichtige Rolle spielt das Nachfeld auch für Satzgliedkoordinationen und Gappingkonstruktionen. Schließlich wird an der Analyse eines Slogans im Detail aufgezeigt, wie sich die Mehrdeutigkeit von Wörtern mithilfe bestimmter semantischer Prinzipien und alltagslogischer Schlussregeln wie dem aristotelischen Konsequenztopos auflösen lässt.

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Kapitel 5 stellt dar, wie sich auf systemtheoretischer Grundlage eine entsprechend differenzierte Semiotik als Ausgangspunkt für die Linguistik formulieren lässt. Dazu wird in Abschnitt 5.1 auf Probleme einer Explikation des Zeichenbegriffs und auf entsprechende Lösungsmöglichkeiten hingewiesen. Abschnitt 5.2 geht noch einmal genauer auf die Kritik am bilateralen Zeichenbegriff ein. In Abschnitt 5.3 wird dann systematisch diskutiert, welche Äußerungseinheiten natürlicher Sprachen überhaupt als Zeichen welcher Art gelten können. Abschnitt 5.4 weist auf die in der Literatur vorfindliche Vermischung von Zeichen-und Anzeichenbegriff hin und begründet die Notwendigkeit einer differenzierteren Behandlung der drei Zeichentypen Index, Ikon und Symbol. Schließlich werden in Abschnitt 5.5 und 5.6 aus genereller semiotischer Sicht einige Aussagen über die kommunikative Funktion und die dynamische Verarbeitung von Zeichen gemacht.

Kapitel 6 soll zwar exemplarisch, aber systematischer als in den vorausgegangenen Ausführungen die zentrale Rolle der aktualgenetischen Dynamik mit den ihr zugrundeliegenden Prinzipien für die Resultate von Sprachverarbeitung am Beispiel der Rezeption aufzeigen. Das ist nur möglich, wenn man die durchgängige Inkrementalität und Kontextabhängigkeit der jeweiligen Rezeptionsprozesse berücksichtigt. Auf diese Weise lassen sich verschiedene neue Erkenntnisse über die realen Strukturbildungsprozesse gewinnen. Im Einzelnen wird in Abschnitt 6.1 auf die primären Aufgaben der Segmentierung von Äußerungen einerseits in Wörter und Sätze und andererseits in Grapheme bzw. Phoneme eingegangen. Außerdem geht es um die Frage, inwieweit die im Strukturalismus vorgesehenen morphologischen Zerlegungen von Wörtern für die Rezeption empirisch relevant sind. Abschnitt 6.2 diskutiert am Beispiel von Wörtern und elementaren Phrasen die Aufgabe der grammatischen Kategorisierung. Dabei zeigt sich, dass die Durchführung dieser Aufgabe schon in starkem Maße von den für diese beiden Einheiten in den jeweiligen Äußerungen bestehenden Verknüpfungsmöglichkeiten abhängt. Die Verknüpfungsaufgabe selbst wird in Abschnitt 6.3 am Beispiel von Nominalkomposita und elementaren Nominalphrasen genauer untersucht. Dabei sind einerseits gängige Annahmen über die Konstituentenstruktur dieser Einheiten zu überprüfen und teilweise zu modifizieren. Andererseits ermöglicht der zweidimensionale grammatiktheoretische Ansatz eine gründlichere Strukturanalyse hinsichtlich der zugehörigen Valenzverknüpfungen.

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In Kapitel 7 werden bestimmte verknüpfungsdynamische Probleme im Hinblick auf Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der jeweils zugrundeliegenden Mehrdeutigkeit diskutiert. In Abschnitt 7.1 geht es um das Phänomen des sog. PP-Attachments und seinen Zusammenhang mit den Faktoren von linearer Distanz und grammatischer Zusammengehörigkeit. Abschnitt 7.2 behandelt das Problem diskontinuierlicher Verknüpfungen. Genauer eingegangen wird u.a. auf diskontinuierliche Koordinationskonstruktionen sowie auf Nachfeld-Ausklammerungen 2. Ordnung, die zwar normativ als grammatisch inkorrekt gelten, die in der mündlichen Kommunikation aber häufig und problemlos verwendet werden. Eine weitere in Abschnitt 7.3 angesprochene und empirisch wichtige Art von Mehrdeutigkeit betrifft unterschiedliche Gruppierungsmöglichkeiten von Konstituenten. Sie beruht häufig auf der inkrementellen Rezeption von Äußerungen. Schließlich geht es in Abschnitt 7.4 um dynamische Prozesse, bei denen für zwei Konstituenten unterschiedliche Arten der Verknüpfung zulässig sind. Genauer untersucht werden die Verknüpfungsmöglichkeiten für Genitivattribute und präpositionale Satzglieder sowie die besonderen Valenzverknüpfungen von Dativobjekt und Subjekt. Insbesondere ermöglichen die in Kapitel 3 gewonnenen Erkenntnisse über Informationsstrukturen auch eine neue Erklärung für den in früheren Arbeiten entdeckten Symmetriebruch bei sog. Subjektbinnenellipsen.

Im achten und letzten Kapitel werden – teilweise erneut und anhand von Beispielen – bestimmte wissenschaftslogische Probleme angesprochen, die den bisherigen Umgang der Linguistik mit grundlagentheoretischen Fragen betreffen und die deutlich machen, welche Hürden auf dem Weg zur Entwicklung einer stärker erklärungsorientierten Wissenschaftskonzeption zu überwinden sind. Konkret geht es um Differenzen in der Linguistik über die Wahl des Gegenstandsbereichs, um die jeweilige Rolle der Erforschung von geschriebener und gesprochener Sprache, um unzureichende Begriffsdefinitionen und fehlende Operationalisierungen, um die unkritische Haltung gegenüber zugrundegelegten theoretischen Ansätzen sowie um eine stärkere interdisziplinäre Ausrichtung der Linguistik. Durch die zusammenfassende Darstellung dieser Probleme soll noch einmal die zentrale Argumentation der vorliegenden Arbeit hervorgehoben werden, dass man in der Linguistik teilweise ein anderes Wissenschaftsverständnis benötigt. Zugleich können die vorausgehend gewonnenen konkreten theoretischen und empirischen Ergebnisse – so ist zu hoffen – auch Anlass für weiterführende Untersuchungen im gleichen systemtheoretischen Rahmen sein.

1.2Warum braucht die Linguistik eine systemtheoretische Grundlage?

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Die in dieser Frage enthaltene Forderung nach einer systemtheoretischen Ausrichtung der Linguistik ist nicht prinzipiell neu. Für eine solche Ausrichtung haben sich in der Vergangenheit z.B. schon Nöth 1977, Schweizer 1979, Ballmer 1985, Ballmer und Wildgen 1987, Schnelle 1991 und Strohner 2001 ausgesprochen. Unter dem Stichwort „Systemtheorie“ rangieren allerdings verschiedene Systemkonzepte und sie werden in der Literatur auch unterschiedlich genau ausformuliert. Unabhängig davon fehlt bislang ein systematisch begründeter und in allen linguistischen Teilgebieten konsequent durchgeführter Paradigmenwechsel, der natürlichsprachige Kommunikation als genuines Phänomen des Verhaltens und der Interaktion von Systemen begreift. Dabei geht es um dynamische Input-Output-Systeme, wie man sie schon seit langem in Kybernetik, Mathematik und Physik untersucht; eine zugehörige allgemeine und einfache Definition geben z.B. Hinrichsen und Pritchard (2005) an. Spezielle zeitunabhängige Systeme dieser Art wurden in der Linguistik zwar schon in der Generativen Grammatik eingeführt und untersucht, auch wenn sie dort nicht unter dem Namen „Systemtheorie“ rangieren; gemeint sind die formalen Grammatiken der Chomsky-Hierarchie sowie die dazu korrespondierenden Automaten. Mit diesen Systemen lassen sich jedoch nicht alle empirisch relevanten Eigenschaften der Strukturbildung und Dynamik von grammatischer Sprachverarbeitung erfassen und speziell wird der wichtige Inkrementalitätsaspekt nicht angemessen berücksichtigt. Dagegen versucht man in der Psycholinguistik zwar im Prinzip, alle einschlägigen Aspekte von Verarbeitungsprozessen experimentell zu untersuchen und dabei zu ermitteln, von welchen Faktoren die Verarbeitungsresultate jeweils abhängen. Teilweise fehlt den Untersuchungen aber eine linguistisch genügend differenzierte theoretische Grundlage. Jedenfalls kann man insgesamt gesehen nicht sagen, dass die Linguistik gegenwärtig schon eine allgemein akzeptierte und konsequent praktizierte systemtheoretische Ausrichtung hat. Denn hierzu müsste in allen ihren Teilgebieten geklärt sein, welche Art von Systemen jeweils betrachtet werden sollen, welche Eigenschaften sie besitzen, welche Verhaltensweisen man in Abhängigkeit von welchen Faktoren untersuchen möchte und für welche Resultate der Anspruch empirischer Korrektheit erhoben wird. Die unzureichende Klärung dieser Fragen führt z.B. dazu, dass Linguistikstudierende, die Vorlesungen über das Teilgebiet der Syntax hören oder zugehörige Lehrbücher lesen, nicht erfahren, welchen empirischen Status die grammatisch konkurrierenden Dependenz-und Konstituentenstrukturen für die Verarbeitung von Äußerungen durch Kommunikationsbeteiligte eigentlich haben, wie sie sich aufgrund welcher Strukturbildungsprinzipen mit welchen Tests weitgehend eindeutig ermitteln lassen und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Handelt es sich bei diesen Strukturen nur um linguistische Konstrukte oder entsprechen sie auch den Verarbeitungsresultaten der Beteiligten? Ist es zumindest für bestimmte Zielsetzungen von Grammatikmodellen ausreichend, nur eine der beiden Strukturarten zu untersuchen, und bei welchen syntaktischen Phänomenen muss man wie bei den im vorigen Abschnitt angesprochenen Gappingkonstruktionen beide Arten berücksichtigen, weil sie partiell voneinander unabhängige Beziehungen erfassen? Wie dem auch sei: Generell gesehen ist u.a. die ungenügende systemtheoretische Fundierung der Linguistik für bestimmte ihrer gegenwärtig noch ungelösten Grundlagenprobleme verantwortlich. Das soll im folgenden Unterabschnitt zunächst an drei Beispielen aus den Teilgebieten Semiotik, Syntax und Pragmatik demonstriert werden.

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1.2.1Drei typische Problembeispiele

Bei einer Analyse der Wissenschaftspraxis in der Linguistik fallen in vielen Teilgebieten bestimmte Grundlagenprobleme auf. Dazu gehören insbesondere: ein zu eng gefasster theoretischer Rahmen mit entsprechenden empirischen Verkürzungen, unzureichende Klärungen zentraler Begriffe, eine unkritische Übernahme tradierter oder von Fachautoritäten vertretener Modellvorstellungen, methodische Unzulänglichkeiten, unberechtigte Monokausalitätsannahmen.

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Ein die Semiotik natürlicher Sprachen betreffendes Beispiel für das Festhalten an inadäquaten Theorieansätzen bildet der Umstand, dass in manchen Linguistiklehrbüchern insbesondere für die Gebiete von Morphologie und Semantik nach wie vor der bilaterale (zweiseitige) Zeichenbegriff von de Saussure als sprachtheoretische Grundlage gewählt wird (s. auch Abschnitt 5.2). Einerseits bleibt dann teilweise unklar, welche bedeutungstragenden sprachlichen Einheiten außer Wörtern als Zeichen in diesem Sinne eingestuft werden sollen. Andererseits bilden Zeichen nach dem bilateralen Konzept eine untrennbare psychische Einheit aus Zeichenausdruck und Zeicheninhalt. An dieser Auffassung ist u.a. zu kritisieren, dass sie den dynamischen Gegebenheiten von Sprachverarbeitung nicht gerecht wird. Anders als bei dem in der Semiotik üblicherweise diskutierten Beispiel von Verkehrszeichen gibt es nämlich bei sprachlichen Zeichen – und das macht gerade ihre Flexibilität und Effizienz aus – i.Allg. keine feste Kopplung zwischen Ausdruck und Inhalt. Vielmehr sind sprachliche Zeichen oft mehrdeutig und zugleich offen für neue Bedeutungen. Deshalb ist es unzweckmäßig, für jeden einem Ausdruck zugeordneten Inhalt eine zugehörige eigenständige Einheit anzusetzen. Das führt schon in der Morphologie zu der theorienökonomisch negativen Konsequenz, dass man z.B. für das deutschsprachige Segment er die Existenz von mindestens 11 verschiedenen Zeichen bzw. Morphemen annehmen muss. Zudem wird in der Morphologie bei Verwendung des bilateralen Zeichenbegriffs teilweise die Unterscheidung zwischen inhaltlicher Bedeutung und grammatischer Funktion verwischt. Als eine noch grundsätzlichere und für die Semantik zentrale Kritik an diesem Zeichenbegriff muss aber geltend gemacht werden, dass die Zuordnung zwischen Zeichenausdruck und -bedeutung empirisch i.Allg. auf einem inkrementell und kontextabhängig zustande kommenden Verarbeitungsprozess der Kommunikationsbeteiligten beruht. Somit bildet dieser aktualgenetisch zu nennende Prozess den primären Untersuchungsgegenstand der Semantik. In Lehrbüchern wird dagegen oft angenommen, man könne bei der Ermittlung der Bedeutungen eines Satzes so verfahren, dass man zunächst die zeichenhaft fixierten Bedeutungen der einzelnen Wörter im Satz betrachtet und dass man danach durch eine der Satzstruktur entsprechende Komposition der Wortbedeutungen die möglichen sog. wortwörtlichen Bedeutungen des ganzen Satzes bestimmt. Diese Annahme übersieht, dass die sukzessive Auswahl der einzelnen Wortbedeutungen und der Art ihrer semantischen Verknüpfung entscheidend durch den jeweils satzintern aufgebauten Kotext gesteuert wird, um die Anzahl naheliegender Satzbedeutungen weitgehend zu begrenzen. Anderenfalls könnte ein Satz, in dem verschiedene Wörter mit mehreren lexikalisierten Standardbedeutungen vorkommen, im Prinzip sehr viele Gesamtbedeutungen haben. Denn selbst im Fall semantisch eindeutiger Verknüpfungen der Wörter und der aus ihnen gebildeten Konstituenten würde ein aus nur sieben zweideutigen Wörtern bestehender Satz schon 27 = 128 mögliche Bedeutungen haben. Als ein Beispiel, an dem sich relativ leicht erkennen lässt, wie man für mehrdeutige Wörter und speziell für Nomina, Verben und Präpositionen jeweils schon im lokalen Kotext eine geeignete Lesart auswählt, sei ohne genauere Analyse folgender Satz genannt: Sie hat die Aufgabe, aus Sicht ihrer Disziplin, einen Artikel über die Geschichte der Umweltbewegung zu schreiben, der in erster Auflage in einem politikwissenschaftlichen Band erscheinen und bald in Druck gehen soll.

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Bei einer naheliegenden systemtheoretischen Konzeptualisierung von Kommunikation lassen sich Kommunikationsbeteiligte und die sie umgebenden externen Situationen jeweils als Input-Output-Systeme auffassen. Betrachtet man z.B. die Konstellation, dass mehrere Rezipienten/innen eine als Input präsentierte sprachliche Äußerung in ihrem System durch bestimmte, erst noch empirisch zu erforschende Operationen verarbeiten, dabei einerseits ihren inneren Zustand verändern und andererseits der Äußerung als Output eine Bedeutung zuordnen, dann darf man nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass die von verschiedenen Rezipierenden zugeordneten Bedeutungen hinreichend ähnlich sind. Zunächst könnten sich nämlich die durchgeführten Operationen voneinander unterscheiden. Weiterhin sind Bedeutungszuordnungen manchmal vom jeweiligen Zustand der Beteiligten abhängig. Und schließlich ist der mögliche Fall zu berücksichtigen, dass während der Äußerungsverarbeitung bestimmte Informationen aus der externen Situation wahrgenommen werden und durch die resultierende Zustandsveränderung Einfluss auf die Bedeutungszuordnung nehmen. Angesichts dieser Verhältnisse generell die Existenz eines konstanten Inhalts als der konzeptuellen Bedeutung von sprachlichen Äußerungen oder Äußerungsteilen anzunehmen, ist selbst bei Konkreta wie Baum (dem von de Saussure als typisch unterstellten Zeichenbeispiel) fragwürdig und diese Annahme kann jedenfalls nicht undifferenziert zur sprachtheoretischen Grundlage von Morphologie und Semantik gemacht werden. Vielmehr muss man zunächst die Prozesse der Bedeutungskonstitution und ihre Prinzipien erforschen und kann danach Aussagen darüber machen, unter welchen Voraussetzungen Rezipierende zu gleichen oder für das jeweilige Kommunikationsziel hinreichend ähnlichen Bedeutungen gelangen.

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Das zweite Problembeispiel thematisiert eine grundlegende, einleitend bereits angesprochene Schwierigkeit der Syntaxforschung. Zweifellos ist die Zuordnung syntaktischer Strukturen zu Sätzen eine zentrale Aufgabe von Grammatikmodellen. Dabei spielen Konstituentenstrukturen deshalb eine wesentliche Rolle, weil sie idealiter den sukzessiven Aufbau von kleineren zu größeren sprachlichen Einheiten empirisch widerspiegeln und damit auch eine wichtige Grundlage für die semantischen Kompositionsprozesse bilden. Zur Ermittlung von Konstituentenstrukturen wurden in der Forschungsrichtung des Strukturalismus verschiedene Tests entwickelt, deren Einsatz jedoch oft nicht zu eindeutigen Ergebnissen führt. Das wird zwar – wie erwähnt – immer wieder beklagt, aber als ein angeblich nicht lösbares Problem hingenommen (so bei Müller 2013: 11). Hätte man nun genauer nach den Gründen für die unbefriedigenden Testergebnisse gesucht, wäre deutlich geworden, dass hierfür teils die mangelnde Eignung der Tests verantwortlich ist, teils ihre unpräzise Formulierung und teils ihre unzureichende Anwendung (vgl. Kindt 2016b: 346ff.). Die Aufgabe einer solchen Ursachenklärung hat man sich jedoch weder in der empirisch orientierten Syntaxforschung noch im strukturalismuskritischen Bereich der Generativen Grammatik gestellt. Vielleicht waren hierfür in letzterem Bereich die negative Einstellung von Chomsky zur Empirie und eine gewisse Autoritätsgläubigkeit ihm gegenüber verantwortlich. Stattdessen werden auch in neueren Grammatikversionen z.B. die in der X-bar-Theorie postulierten, ausschließlich binären und deshalb hochgradig hierarchischen Strukturen zugrunde gelegt. Gegen sie ist u.a. empirisch einzuwenden: Warum wird nicht überprüft, ob Phrasen auch flach strukturiert sein können, und warum wird die Topikalisierung von Satzgliedern, also ihre Voranstellung in die Erstposition, über eine komplexe Hierarchiebildung modelliert? Aus empirischer Sicht sollte man jedenfalls möglichst die Strukturen ermitteln, die durch die Verarbeitungssysteme der Kommunikationsbeteiligten in Produktion und Rezeption selbst zugeordnet werden oder die sich zumindest in dem Sinne als relevant erweisen, dass mit ihnen einschlägige Verarbeitungsresultate erklärbar werden. Hierzu wäre einerseits eine Berücksichtigung allgemeiner Prinzipien der menschlichen Strukturierung von Objekten erforderlich und andererseits eine systematische Untersuchung der Frage, inwieweit die für Äußerungen angenommenen Strukturen mit beobachtbaren Verarbeitungsresultaten korrelieren. So gesehen ist es wenig plausibel, dass nur binäre Konstituentenstrukturen verarbeitungsadäquat sein sollen. Auch nichtsprachliche Objekte unterteilen Menschen nämlich oft in mehr als zwei Teile; z.B. unterscheidet man bei Blumen Blüte, Stengel und Wurzel und diese Dreiteilung ist durch die teils unterschiedlichen, teils gemeinsamen Gestalteigenschaften und Funktionen empirisch begründet. Insofern deutet sich bereits an, dass die bekannten, in der Wahrnehmungspsychologie entdeckten Gestaltprinzipien u.a. der Nähe und der Ähnlichkeit (vgl. etwa Städtler 1998: 407) evtl. auch für die Bildung sprachlicher Strukturen eine zentrale Rolle spielen und dass man sie zur kausalen Erklärung relevanter kommunikativer Phänomene heranziehen kann. Diese Möglichkeit wurde in der Linguistik aber bisher nicht Betracht gezogen.

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Das dritte Beispiel bezieht sich auf die gängige Sprechaktklassifikation in der Pragmatik. Trotz einiger Probleme dieser Klassifikation wird in der einschlägigen Literatur immer wieder versucht, sämtliche Sprechhandlungen in fünf Sprechaktklassen einzuordnen. Auch die dabei auftretenden Widersprüche wurden nicht zum Anlass für die Suche nach einer geeigneteren Taxonomie genommen. Eine gravierende Inkonsistenz betrifft z.B. die Kategorisierung der Sprechhandlung „Erlauben“. Searle und Vanderveken (1985: 202) stufen sie als direktiv ein; bei Rolf (1997: 170– 71) gilt sie als kommissiv und bei Wagner (2001: 215) als deklarativ. Ein solcher Widerspruch sollte theoretische Überlegungen zur Frage herausfordern, welche Handlungsbedingungen eigentlich als klassifikationsrelevant gelten können. Tatsächlich zeigt sich bei einer genaueren Analyse, dass keine der drei Einstufungen Bestand hat. Aus systemtheoretischer Perspektive ist nämlich unmittelbar einsichtig, dass für eine angemessene Sprechaktklassifikation zu berücksichtigen ist, bei welchen der beteiligten Systeme durch eine Sprechhandlung jeweils welche Art der Zustandsänderung eintritt und welche dieser Änderungen das primär angestrebte Handlungsziel bildet. Erlauben ist demzufolge keine direktive Handlung, weil sie mit einer Öffnung des Handlungsspielraums von Adressaten/innen verbunden ist, also mit einer anderen Art der Zustandsänderung als z.B. die Handlung „Befehlen“, die auf eine Einschränkung dieses Spielraums abzielt. Die Einstufung von Erlauben als kommissiv bei Rolf ist aber auch nicht korrekt. Denn er begründet diese Einstufung damit, dass der Sprecher beim Erlauben eine Handlungsverpflichtung übernimmt und zwar die Verpflichtung, auf Sanktionen zu verzichten, wenn durch die adressierte(n) Person(en) von der betreffenden Erlaubnis Gebrauch gemacht wird. Die Übernahme dieser Verpflichtung bildet zwar eine (spielraumeinschränkende) Zustandsänderung für den Sprecher, sie ist aber nicht das primär angestrebte Handlungsziel einer Erlaubnis, sondern nur eine notwendige Voraussetzung dafür. Schließlich bildet Erlauben auch keine deklarative Handlung, weil solche Handlungen systemtheoretisch dadurch von anderen Handlungsklassen zu unterscheiden sind, dass sie das primäre Ziel haben, eine nachhaltige und objektiv überprüfbare Zustandsänderung der externen Situation herzustellen, also z.B. durch Etablierung eines institutionell abgesicherten Sachverhalts (so etwa bei einer Taufe durch Ausstellung einer zugehörigen Urkunde). Zwar wurde auch in der Sprechakttheorie eine ähnliche Explikationsbedingung für deklarative Handlungen formuliert. Aber Wagner erkannte nicht, dass diese Bedingung nicht im alltäglichen Normalfall von Erlauben erfüllt ist. Insgesamt gesehen ergibt sich also, dass die übliche Sprechakt-Taxonomie zumindest durch die Einführung von zwei Klassen für spielraumöffnende Handlungen erweitert werden muss; denn neben einer Spielraumöffnung für Adressaten/innen ist auch die für den Sprecher (z.B. bei der Äußerung Ich erlaube mir…) zu berücksichtigen.

Die Diskussion über die drei angesprochenen Problembeispiele ließe sich noch detaillierter führen. Es dürfte aber schon plausibel geworden sein, dass eine systemtheoretische Konzeptualisierung von Kommunikation zur Lösung bestimmter Grundlagenprobleme der Linguistik beitragen kann. Nur so kann man anschließend auch zu empirisch angemessenen Erklärungen für zugehörige Phänomene gelangen. Deshalb wird in den folgenden beiden Abschnitten noch genauer auf bestimmte Charakteristika einer solchen Konzeptualisierung eingegangen.

1.2.2Zehn systemtheoretisch relevante Eigenschaften von Kommunikation

Das im vorigen Abschnitt skizzierte Konzept des Input-Output-Systems bietet einen allgemeinen theoretischen Rahmen, um präzise über teilnehmerbezogene Eigenschaften von Sprachverarbeitung und Kommunikation sprechen zu können. Das soll jetzt in zehn Punkten konkretisiert werden. Dabei ist es für linguistische Modellierungen – anders als in der Darstellung von Hinrichsen und Pritchard (2005) – zweckmäßig, neben Inputs und Outputs, die der externen Situation angehören, auch solche zuzulassen, die Bestandteile des inneren Systemzustands sind. Der Grund hierfür ist leicht einzusehen: Auch Objekte oder Sachverhalte z.B. aus einem mentalen Modell (vgl. etwa Rickheit et al. 2002: 68f.) können den Ausgangspunkt für die Produktion sprachlicher Äußerungen bilden; umgekehrt sind Äußerungsbedeutungen primär systeminterne und somit nicht unmittelbar beobachtbare Entitäten. Das ist gerade das methodische Hauptproblem einer empirischen Semantik.

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Eine erste wichtige, systemtheoretisch beschreibbare Eigenschaft der Verarbeitung einer sprachlichen Äußerung in Produktion oder Rezeption besteht darin, dass die jeweils betrachteten Kommunikationsbeteiligten in ihrem System gleichzeitig noch andere, nicht äußerungsbezogene Informationen aus der externen Situation oder aus ihrem inneren Zustand als Input wahrnehmen oder dass sie nichtsprachliche Verhaltensreaktionen als Output zeigen können. Relevant sind entsprechende Inputinformationen z.B. über Eigenschaften eines externen Referenten insbesondere dann, wenn die Äußerungsverarbeitung der Beteiligten dadurch in irgendeiner Weise beeinflusst wird. Dagegen sind äußerungsbegleitende Outputreaktionen wie z.B. Gesten evtl. für die Äußerungsrezeption wichtig. Hieraus resultiert bereits eine zweite wesentliche Eigenschaft von Sprachverarbeitung: Sie ist in starkem Maße kontextabhängig.

Bezüglich der Eigenschaft der Kontextabhängigkeit wird ein zweiter Vorteil der Systemtheorie deutlich, nämlich die Möglichkeit, den in der Linguistik oft weder genau definierten, noch einheitlich verwendeten Kontextbegriff zu präzisieren und unterschiedliche Arten kontextueller Einflüsse voneinander zu unterscheiden. Bei grober Unterteilung besteht der Kontext zur Produktion oder Rezeption einer Äußerung aus bestimmten begleitend wahrgenommenen Sachverhalten der externen Situation und/oder des momentanen Beteiligtenzustands. Zu diesem Zustand gehört natürlich insbesondere das Kommunikations-und Weltwissen des/der Beteiligten, aber auch seine/ihre emotionale Befindlichkeit. Dabei sollte man aber einen abstrahierenden Kontextbegriff einführen; d.h. man vernachlässigt von vornherein diejenigen Sachverhalte, von denen schon klar ist, dass sie – zumindest für die jeweilige Fragestellung – keinen Einfluss auf die Sprachverarbeitung haben. So darf i.Allg. angenommen werden, dass es für das Verstehen einer mündlichen Äußerung unerheblich ist, ob die Kommunikation in einem dunklen oder beleuchteten Raum stattfindet. Und welche Teile z.B. des Weltwissens relevant sind, hängt natürlich vom Thema der Kommunikation ab, also u.a. von dem Wissen oder den Annahmen über die in der betreffenden Situation geltenden Sachverhalte Der entsprechende Abstraktionsschritt verfährt dann nach der bekannten mathematischen Methode der Definition einer Äquivalenzrelation und zugehöriger Äquivalenzklassen, also nach derselben Methode, die im Prinzip, wenn auch nicht ganz konsequent, in der Phonologie beim Übergang von Lauten zu Phonemen angewendet wird. Die dritte, ebenfalls für das Kontextkonzept wesentliche Eigenschaft betrifft den Umstand, dass sprachliche und nichtsprachliche Inputs, mit denen Beteiligte vor, während oder kurz nach der gerade betrachteten Äußerungsverarbeitung konfrontiert werden, zu einer Veränderung ihres Zustands führen und auf diese Weise als kontextueller Einfluss auf die momentane Verarbeitung einwirken können. Genau dieser auch für Grammatikmodelle relevante Sachverhalt ist es, der explizit macht, warum die Redeweise vom sprachlichen Kontext (also vom Kotext) legitim ist.

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Eine besonders wichtige, vierte Systemeigenschaft von Sprachverarbeitung ist ihre Inkrementalität. Sie bedeutet, dass Kommunikationsbeteiligte Äußerungen i.Allg. nicht in einem Arbeitsschritt als Ganzes, sondern stückweise produzieren und rezipieren. Die Konsequenzen dieser Eigenschaft sollten im Prinzip alle linguistischen Theorien berücksichtigen, die sich mit Phänomenen der Bildung kommunikativer Strukturen befassen. So fängt die syntaktische, semantische und pragmatische Verarbeitung eines zu rezipierenden längeren Satzes nicht erst an, wenn er vollständig gehört oder gelesen wurde, sondern sie beginnt schon während der partiellen Wahrnehmung von Teilen des Satzes. Diese Verfahrensweise, die u.a. mit der beschränkten Kapazität des menschlichen Arbeitsgedächtnisses zu erklären ist, hat u.a. den Nachteil, dass sich Sprachrezeption unter der Bedingung unvollständiger Information vollzieht und dass Verarbeitungsresultate wie bei den sog. Garden-Path-Sätzen (Holzwegsätzen) evtl. revidiert werden müssen, wenn sich aus bestimmten später rezipierten Äußerungsteilen neue Informationen ergeben. Teilweise lassen sich aber einmal getroffene und in irgendeiner Hinsicht problematische Verarbeitungsentscheidungen nicht mehr rückgängig machen. Umgekehrt kann man dann sagen: Aufgrund der zwangsläufigen Inkrementalität von Sprachverarbeitung sollte Kommunikation so organisiert sein, dass die für einen Verarbeitungsschritt erforderlichen Kontextinformationen möglichst schon vorab oder in der unmittelbaren sprachlichen Umgebung der betreffenden Äußerung formuliert werden, falls sie nicht direkt aus der Situationswahrnehmung oder dem aktivierten Wissensbestand zu entnehmen sind; das zugehörige Verfahren nennt man Kontextkonstitution. Die Inkrementalität von Sprachrezeption lässt sich z.B. in sog. sequenziellen Input-Output-Systemen auf natürliche Weise dadurch erfassen, dass man die nacheinander zu verarbeitenden Teile einer Äußerung als Inputsequenz darstellt, die dem System stückweise präsentiert wird. Zugleich ergibt sich dabei die prinzipielle Möglichkeit zu untersuchen, wie sich das Gesamtresultat einer Äußerungsrezeption je nach Art der inkrementellen Vorgehensweise aus den Verarbeitungsteilresultaten zusammensetzt, wie sich diese Resultate ggf. wechselseitig beeinflussen und welche über die Teilresultate hinausgehenden Ergebnisse auftreten.

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Die fünfte Eigenschaft betrifft die Aufgabenverteilung bei der Sprachverarbeitung. Diesbezüglich geht man in vorliegenden Modellierungsansätzen oft davon aus, dass Sprachverarbeitung modular ist; d.h. man nimmt an, dass für die Bearbeitung spezieller Produktions-und Rezeptionsaufgaben partiell eigenständige Verarbeitungsmodule zur Verfügung stehen, in denen die betreffenden Aufgaben teilweise parallel zueinander und teilweise nacheinander erledigt werden. Allerdings gibt es kontroverse Auffassungen darüber, wie die Modularität genau realisiert wird. Systemtheoretisch lässt sie sich dadurch erfassen, dass man das Verarbeitungssystem der Kommunikationsbeteiligten als Kombination aus mehreren interagierenden Input-Output-Teilsystemen (Module) konzipiert; dabei wirkt dann der Input des Gesamtsystems evtl. anteilig auf bestimmte Module ein und die zugehörigen Outputs fungieren wiederum entweder als Inputs für andere Module usw. oder sie bilden schon Teile des Gesamtoutputs. Dieser Modellierungsansatz macht natürlich noch keine konkreten Aussagen über das komplexe empirische Zusammenspiel der verschiedenen Module; er hat aber den Vorteil, von einem einheitlichen Systemkonzept auszugehen.

Die sechste, hier zu anzuführende relevante Eigenschaft von Sprachverarbeitung ist die für die Durchführung von Reparaturen wichtige Möglichkeiten des Monitoring (vgl. Levelt 1983) und der Anpassung. Darunter ist die Fähigkeit von Kommunikationsbeteiligten zu verstehen, teilweise ihre eigenen in Modulen oder im Gesamtsystem erbrachten Verarbeitungsresultate wahrzunehmen, auf ihre Angemessenheit hin zu überprüfen und ggf. an die bestehenden Erwartungen anzupassen. Insbesondere aufgrund der Inkrementalitätseigenschaft können die Beteiligten auf diese Weise evtl. noch während der Produktion oder Rezeption einer Äußerung eigene oder durch Partner/innen verursachte Formulierungs-oder Verstehensprobleme frühzeitig erkennen und mit einer verbalen Korrektur oder Reparatur zu deren Lösung beitragen. Das geschieht oft schon satzintern mithilfe bestimmter grammatischer Konstruktionen und kann insgesamt zu einem evtl. sogar kooperativ produzierten korrekten Satz führen (vgl. etwa Kindt und Rittgeroth 2009). Die Fähigkeiten von Monitoring und Anpassung lassen sich mit Input-Output-Systemen ohne Schwierigkeiten erfassen, weil im Prinzip jeder Modul-oder Systemoutput sowie jeder Sachverhalt des jeweiligen Systemzustands den Input eines neuen Verarbeitungsschritts bilden kann.

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Die Eigenschaft von Sprachverarbeitung bzw. generell von Input-Output-Systemen, dass sich mit der Verarbeitung jedes Inputs auch der Systemzustand ändern kann, wurde schon im Zusammenhang mit der Diskussion des Kontextkonzepts erwähnt. Diese Eigenschaft soll jetzt noch aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. So wird man aus empirischen Gründen unterschiedliche Arten von Zustandsänderungen voneinander unterscheiden wollen, weil z.B. bei der Äußerungsrezeption evtl. neues Wissen erworben und längerfristig im Gedächtnis gespeichert wird oder weil sich bei der Äußerungsver-arbeitung die emotionale Stimmung von Beteiligten ändern kann. Eine solche Unterscheidung lässt sich natürlich im Prinzip leicht durch eine entsprechende Unterteilung von Systemzuständen erreichen und soll nicht als besonderer Beschreibungsvorteil gewertet werden. Eine relevante siebte Eigenschaft von Sprachverarbeitung besteht aber darin, dass Beteiligte trotz fortwährender Änderungen ihres Zustands bei der Verarbeitung ein und desselben Inputs sehr häufig zu identischen oder ähnlichen Resultaten gelangen. Anderenfalls wäre es auch gar nicht möglich, dass man sehr viele stabile gemeinsame Welterfahrungen macht. Für eine Erfassung dieser Eigenschaft gibt es ebenfalls eine systemtheoretische Beschreibungsmöglichkeit. Grundsätzlich kann man nämlich davon ausgehen, dass sich Sprachverarbeitung in sog. zeitinvarianten Systemen vollzieht, d.h. dass die Verarbeitung eines Inputs im System von Beteiligten bei gleichem Ausgangszustand und gleicher externer Situation weitgehend unabhängig vom Zeitparameter ist. M.a.W. bei vergleichbaren Ausgangsbedingungen sollte es i.Allg. nicht darauf ankommen, ob man z.B. eine Zeitungsmeldung eine Stunde früher oder später liest. Dabei sind zwei Umstände zu berücksichtigen. Einerseits resultiert nicht aus jeder Situations-oder Zustandsänderung ein Kontextwechsel. Andererseits kann man annehmen, dass es einen längerfristig konstant bleibenden Anfangszustand des Systems gibt, in den es nach Abschluss der Verarbeitung einer Inputsequenz zurückkehrt. Ein analoges Beispiel aus der Physik für eine solche Konstellation bilden Pendel, die man durch ein Anstoßen zunächst in Schwingung versetzt, die aber später wieder ihren Ruhezustand erreichen.

Bisher wurden i.W. nur Sprachverarbeitungseigenschaften thematisiert. Eine achte Eigenschaft bzw. Beschreibungsmöglichkeit liegt in der Modellierung von Kommunikation als einer Interaktion der Systeme mehrerer Beteiligter, wobei z.B. der verbale Output eines Systems mittelbar zum Input anderer Systeme wird usf. Dabei muss man für eine Behandlung der Outputübermittlung natürlich auch die Verarbeitung im jeweiligen System der externen Umgebungssituation erfassen. Dieser Aspekt soll jetzt nicht diskutiert werden. Es ist aber sofort einsichtig, dass die beteiligten Umgebungssysteme bei einer mündlichen faceto-face-Kommunikation und einer schriftlichen Kommunikation ganz unterschiedliche Eigenschaften haben.

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Wie ist es überhaupt möglich, dass sich Kommunikationsbeteiligte trotz mehr oder weniger großer Unterschiede ihrer Verarbeitungssysteme und trotz anderer individueller Zustände erfolgreich verständigen können. Während es beim einzelnen System die Invarianzeigenschaft ist, die für eine gewisse Konstanz der Verarbeitungsresultate sorgt, kann systemübergreifend als neunter Punkt die Anpassungseigenschaft einer Resultatangleichung (neuerdings spricht man von „Alignement“) unterstellt werden. Von primärem Interesse sind hier aktualgenetische Verfahren der Angleichung. In der Alignementforschung (vgl. Pickering und Garrod 2004) geht man davon aus, dass bestimmte dynamische Anpassungsprozesse zugunsten ähnlicher Zustände und Verarbeitungsresultate quasi automatisch und implizit in der Kommunikation erfolgen. Zusätzlich kennt man aber aus der Untersuchung kommunikativ manifester Verfahren der Verständigungssicherung viele explizite semantische Angleichungsstrategien (vgl. Kindt und Rittgeroth 2009); als eine dieser Strategien wurde schon die Kontextkonstitution erwähnt. Grundsätzlich werden Äußerungen jedenfalls möglichst von vornherein so formuliert und rezipiert, dass man hinreichend ähnliche Verarbeitungsresultate erreicht. Dieser pauschal beschriebene Sachverhalt genügt aber nicht zur Erklärung der zumeist erfolgreichen Verständigung zwischen den Beteiligten. Zu berücksichtigen ist nämlich auch, dass beim ontogenetischen Spracherwerb und im Zusammenhang mit Sozialisationsprozessen schon eine weitgehende Systemangleichung stattgefunden hat. Sie betrifft zum einen den großen Anteil an gemeinsamem Wissen im individuellen Systemzustand und zum anderen die jeweils angewendeten einheitlichen Verarbeitungsmechanismen. Um letztere zu erfassen, sieht das mathematische Systemkonzept die Existenz einer Übergangsfunktion vor, die im Fall von Sprachproduktion und -rezeption als eine Menge von Verarbeitungsregeln, -prinzipien und -strategien zu modellieren ist. Für die Beschreibung der entsprechenden Mechanismen macht sich überdies positiv bemerkbar, dass man den Regel-, den Prinzipien-und den Strategiebegriff systemtheoretisch präzise definieren kann, während in der linguistischen Literatur oftmals unterschiedliche oder nicht eindeutig definierte Konzepte verwendet werden.

Als zehnter und letzter Punkt soll eine wichtige, speziell in der Grammatiktheorie bisher kaum berücksichtigte Kommunikationseigenschaft angesprochen werden. Sie besteht darin, dass Beteiligte nicht nur eigene Ziele verfolgen, sondern bei der Bildung kommunikativer Strukturen auch miteinander kooperieren müssen. Das kann sogar die schon erwähnte Produktion gemeinsamer Sätze in der mündlichen Kommunikation betreffen. Im einfachsten Fall beginnt eine Person mit der Produktion eines Satzes und eine andere Person setzt die Satzproduktion fort und vollendet sie. Diese häufig vorkommenden Kooperationen werden in gängigen Grammatiktheorien bisher weder thematisiert noch behandelt und man benötigt für sie natürlich inkrementelle Verarbeitungsmodelle, die innerhalb eines Satzes von einer Äußerungsproduktion auf eine Äußerungsrezeption umschalten können und umgekehrt. In Input-Output-Systemen lässt sich ein solches Verhalten problemlos modellieren, wenn man die einschlägigen kommunikativ manifesten Regeln und Prinzipien der Rederechtsübernahme und übergabe berücksichtigt. Natürlich ist auch die im vorigen Punkt angesprochene Herstellung und Sicherung von Verständigung eine teilweise nur kooperativ zu bewältigende semantische Aufgabe. Und schließlich zeigt die Untersuchung von dialogischer Kommunikation, dass z.B. auch der Aufbau von Makrostrukturen stets einer Kooperation der Beteiligten bedarf, wenn die jeweiligen individuellen Ziele erreicht werden sollen; das gilt sogar für Streitgespräche, bei denen es u.a. zu inkooperativen Verletzungen von Rederechtsregeln kommt.

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Mit der Liste der zehn angeführten Eigenschaften wird kein Anspruch auf eine vollständige Nennung aller systemtheoretisch relevanten Charakteristika von Sprachverarbeitung und Kommunikation erhoben. Ohnehin soll im nächsten Abschnitt mit der Prozessdynamik noch eine weitere, bisher nur indirekt angesprochene Eigenschaft ausführlicher behandelt werden. Schon jetzt dürfte aber plausibel sein, dass es für eine Modellierung entsprechender Eigenschaften zweckmäßig ist, einen systemtheoretischen Rahmen im skizzierten Sinne zugrunde zu legen. Er hilft nämlich zumindest dabei, die jeweils zu untersuchenden Fragestellungen zu präzisieren und genauer theoretisch zu verorten. Zugleich verlangt er, dass man für die empirische Untersuchung von Verarbeitungsphänomenen konsequent vorklärt, welche Einflussfaktoren aus der externen Situation und dem inneren Systemzustand jeweils zu berücksichtigen sind. Natürlich muss auch noch eine explizite Definition für Input-Output-Systeme angegeben werden. Das wird in Kapitel 2 nachgeholt.

1.2.3Aktualgenetische Dynamik als linguistisch zentraler Untersuchungsaspekt

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Eine generelle und besonders wichtige Eigenschaft von Sprachverarbeitung und Kommunikation wurde in den beiden vorigen Abschnitten schon angesprochen, aber noch nicht genauer betrachtet, nämlich ihre Dynamik. Sie hängt insbesondere mit den Eigenschaften der Kontextabhängigkeit, der Inkrementalität, der Prinzipienanwendung und der Erwartungssteuerung zusammen. Mit dem Stichwort „Dynamik“ verbindet man in der Linguistik oft zuerst das Phänomen des Sprachwandels, weil dort der dynamische Aspekt besonders deutlich wird. So bemerkt man in der Alltagskommunikation nicht selten, dass sich bestimmte Redeweisen zunehmend und quasi spontan ausbreiten. Im Gegenwartsdeutschen betrifft dies z.B. die seit einiger Zeit gebräuchliche, und vermutlich aus dem Englischen übernommene Phrase nicht wirklich, die auf Danksagungen folgende verkürzte Reaktion gerne und die Redewendung Da geht noch was. Eine aktuelle Entwicklung ist, dass in politischen Diskussionen der Begriff Narrativ und das zum Wort des Jahres 2016 gekürte postfaktisch verwendet werden. Sprachwandel beruht auf einer komplexen Interaktion von verändertem individuellen und kollektiven Verhalten in einer Kommunikationsgemeinschaft. Auch für die Ausbreitung solcher Veränderungen gibt es systemtheoretische Modelle; sie sind aber bisher auf Anwendungen wie der Ausbreitung von Infektionskrankheiten (vgl. Blanchard 1993) oder der Herausbildung von Überzeugungen in der Gesellschaft (vgl. Kozma und Barrat 2008) hin formuliert. Jedenfalls muss eine systemtheoretisch vollständige Modellierung von dynamischen Prozessen immer danach fragen, welche Faktoren (‚Kräfte‘) eine Verhaltensänderung fördern und welche sie behindern. Beispielsweise wäre es sprachhistorisch interessant, ob man herausfinden kann, warum bestimmte Normierungsversuche für das Deutsche im vergangenen Jahrhundert erfolgreich waren (so die Ersetzung des französischen Worts Trottoir durch Bürgersteig), andere aber dagegen nicht (so die Ersetzung von Lokomotive durch Zieh).

Nachfolgend soll es jedoch weder um Phänomene der phylogenetischen Dynamik wie beim kollektiven Sprachwandel gehen noch um ontogenetische Prozesse wie beim Spracherwerb oder bei anderen zeitlichen Veränderungen des Verarbeitungssystems von Kommunikationsbeteiligten. Vielmehr werden – ganz im Sinne der synchronen Linguistik – Beispiele betrachtet, die sich auf die aktualgenetische Dynamik unmittelbar während der Verarbeitung von Äußerungen beziehen. Dabei genügt es vorerst, sich auf die Betrachtung einfacher Fälle von rezeptionsdynamischen Phänomenen bei der grammatischen und semantischen Strukturbildung zu beschränken. Genereller gesehen ist Sprachverarbeitung aber auf allen linguistischen Ebenen von aktualgenetischen Prozessen zentral betroffen. Das wurde in der Linguistik – trotz aller prinzipiellen Einsicht in die vielfältige Kontextabhängigkeit von Sprachverarbeitung z.B. bei Metaphern und Metonymien – bisher zu wenig berücksichtigt. Dieser Mangel ist möglicherweise einerseits damit zu erklären, dass die aktualgenetische Dynamik von Sprachverarbeitung Kommunikationsbeteiligten oft nicht bewusst wird und auch in linguistischen Lehrbüchern bisher nicht als vorrangig zu behandelndes Problem gilt. Andererseits werden aktualgenetische Prozesse in der Linguistik teilweise zu Unrecht als Performanzphänomene eingestuft, mit denen man sich nicht zu befassen brauche, weil es nur um die Untersuchung von Sprachkompetenz gehe. Dabei ist die Beherrschung dynamischer Prozesse eine besonders erstaunliche kommunikative Fähigkeit und deshalb sollten die ihr zugrunde-liegenden Verfahren systematisch untersucht werden. Genereller gesehen geht mit einer Erforschung der aktualgenetischen Dynamik von Kommunikation aber die Zielsetzung einher, dass man nach einer Erklärung für relevante kommunikative Phänomene sucht und dadurch die Linguistik auch in stärkerem Maße zu einer erklärungsorientierten Wissenschaft machen kann.

Als erstes, noch sehr einfaches Beispiel soll der verarbeitungsdynamische Effekt von folgendem Satz betrachtet werden.

(1/2a) Der Soldat betrat die Wachstube, nachdem er seinen Spind aufgeräumt hatte.

Bei einer Lektüre von (1/2a) werden Leser/innen i.Allg. zunächst sagen, dass an (1/2a) nichts Auffälliges festzustellen ist. Das spricht bereits für die Mühelosigkeit, mit der sie bestimmte dynamische Prozesse bewältigen. Das (1/2a) zugrundeliegende Problem wird aber deutlich, wenn man (1/2a) zu

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(1/2b) Der Soldat holte die Wachstube, nachdem er seinen Spind aufgeräumt hatte.

variiert. Ein Vergleich von (1/2a) und (1/2b) zeigt nämlich, dass es von der Wahl des Verbs bzw. von seiner Bedeutung abhängt, wie das schriftsprachlich präsentierte Kompositum Wachstube zu segmentieren und zu interpretieren ist. Wie lässt sich dieser Effekt erklären? Offensichtlich wird trotz der morphologischen Korrektheit beider Zerlegungsmöglichkeiten des Kompositums jeweils die Segmentierung und die Interpretation gewählt, die im Sinne der Qualitätsmaxime von Grice (1975) zur Darstellung eines mit größerer Wahrscheinlichkeit bestehenden Sachverhalts führen. Neutraler formuliert basiert die Interpretation von (1/2a) und (1/2b) dann auf der Erwartung einer sachlichen Korrektheit der Aussagen von (1/2a) und (1/2b) und dem zugehörigen Prinzip, die dieser Erwartung entsprechende Äußerungsanalyse zu präferieren. Ggf. sind es aber auch auf dieser Erwartung beruhende Kookkurrenzeigenschaften, die schnelle Interpretationsentscheidungen ermöglichen, also z.B. das Wissen, dass das Verb betreten i.Allg. zusammen mit einem ortsbezeichnenden Akkusativobjekt verwendet wird. Zugleich wird deutlich, dass die jeweilige Segmentierung von Wachstube schon während der inkrementellen Verarbeitung der beiden Sätze gewählt wird, nämlich schon bei der Rezeption dieses Kompositums. Dagegen tritt bei einer mündlichen Äußerung von (1/2a) und (1/2b) kein Segmentierungsproblem auf, weil die Teilwörter von Wachstube dann phonetisch unterschiedlich ausgesprochen werden. Unabhängig davon belegen (1/2a) und (1/2b) exemplarisch und im Einklang mit den Aussagen des Strukturalismus, dass die Segmentierung von Texten (im mündliche Kommunikation umfassenden Sinne) in kleinere Einheiten bei der Rezeption eine zentrale Strukturierungsaufgabe bildet. Das betrifft jedenfalls die Unterteilung von Texten in Sätze, die von Sätzen in Satzglieder, die von Satzgliedern in Wörter und partiell die von Wörtern in Morpheme (vgl. hierzu Abschnitt 4.1.2 und 6.1.2). Deshalb ist es linguistisch notwendig, die der Segmentierung zugrundeliegenden Prinzipien zu ermitteln.

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Die Betrachtung mehrdeutiger Wörter und syntaktisch ambiger Konstruktionen hat zwar schon eine lange Tradition in der Linguistik; es wurde aber nicht berücksichtigt, dass Rezipierende ständig mit solchen Desambiguierungen befasst sind. Eine lokale kotextuelle Beeinflussung von Strukturierung und Bedeutungszuordnung wie bei den Sätzen (1/2a) und (1/2b) findet nämlich fortwährend bei der Äußerungsrezeption statt; nur wird das den Beteiligten zumeist selbst nicht bewusst. Deshalb gelten manifeste Beispiele von aktualgenetischer Dynamik auch in der Linguistik manchmal zu Unrecht als Beleg dafür, dass solche Phänomene eher der Ausnahme-als der Normalfall sind. Auffällig ist diese Dynamik dagegen insbesondere bei prägnanten Beispielen inkrementell verarbeiteter Garden-Path-Sätze. Mit bestimmten Arten solcher Sätze beschäftigen sich z.B. auch Bader et al. (2000); ihre Analysen sind aber in verschiedener Hinsicht unzureichend (s.u.). Leicht erklären lässt sich jedenfalls, was bei der Rezeption von folgendem Satz geschieht.

(1/2c) Peter würde gerne das lustig herumspringende Fohlen

fotografierende Mädchen kennenlernen.

Liest man von Satz (1/2c) nur die erste Zeile, dann kann man wegen der Nähe von das zu lustig und aufgrund eines syntaktischen Bildungsmusters und dessen Kongruenzbedingungen zunächst annehmen, dass mit dem Artikel das die Konstituente einer Singular-Nominalphrase beginnt, die mit der Adjektivphrase lustig herumspringende fortgesetzt wird und die mit dem Nomen Fohlen endet. Der anschließende Äußerungsteil fotografierende Mädchen erzwingt dann aber aufgrund der Erwartung von grammatischer Korrektheit von (1/2c) eine andere, durch eine mentale Reparatur zu erreichende syntaktische Analyse, nämlich eine diskontinuierliche Verknüpfung von das mit der Wortsequenz fotografierende Mädchen zu einer Nominalphrase, in die lustig herumspringende Fohlen als eine mit dem Adjektiv fotografierende gehörige Plural-Nominalphrase eingebettet ist.

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An Beispielen wie (1/2c) kann man zunächst die Relevanz von vier grammatiktheoretischen Begriffen deutlich machen. Erstens ist (1/2c) ein grammatisch korrekter Satz, weil (1/2c) im Einklang mit den syntaktischen Regeln für Sätze gebildet wird. Zweitens ist (1/2c) vollständig, weil in (1/2c) keine für einen abgeschlossenen Satz erforderlichen Konstituenten fehlen. Das schließt nicht aus, dass man (1/2c) durch Hinzufügung weiterer Konstituenten noch zu einem längeren Satz ausbauen könnte. Drittens ist (1/2c) wegen der Verarbeitungsschwierigkeit durch das Garden-Path-Problem nicht besonders effizient und eine zweckmäßigere Formulierung wäre Peter würde gerne das Mädchen kennenlernen, das lustig herumspringende Fohlen fotografiert. Viertens kann eine Äußerung kein uneingeschränkt akzeptabler Satz sein, wenn sie eine der drei Erwartungen von syntaktischer Korrektheit, Vollständigkeit und Effizienz nicht erfüllt. Insbesondere ist deshalb ein grammatisch korrekter und vollständiger, aber partiell ineffizienter Satz auch nur eingeschränkt akzeptabel. Das lässt sich allerdings nicht immer durch Akzeptabilitätsbefragungen eindeutig nachweisen. Deshalb ist in solchen Fällen z.B. eine zusätzliche Messung von Verarbeitungszeiten zweckmäßig; ohnehin hat sich dieses Verfahren in der Psycholinguistik speziell für die Erforschung von Rezeptionsprozessen bewährt. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die Einstufung eines Satzes als nicht oder als nur eingeschränkt akzeptabel auch auf der Verletzung von Korrektheits-, Vollständigkeitsoder Effizienzerwartungen semantischer oder pragmatischer Art beruhen kann. Deshalb muss man bei Anwendung von Akzeptabilitätstests immer versuchen, solche Einflüsse in den Testsätzen auszuschalten (vgl. etwa Kindt 2016b: 351).

Weiterhin macht (1/2c) verarbeitungstheoretisch gesehen deutlich, dass eine Klärung der Frage, welche Äußerungsteile aufgrund welcher Verarbeitungsprinzipien bevorzugt zu einer größeren Konstituente verknüpft werden, neben Segmentierung und Klassifikation eine weitere zentrale Aufgabe der Strukturbildung in Texten ist. Dabei werden neben Korrektheitserwartungen auch Prinzipien wie z.B. das in 1.2.1 erwähnte Gestaltprinzip der Nähe herangezogen. Somit beschränkt sich die syntaktische Verarbeitung nicht auf eine Anwendung genereller Konstituentenregeln. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass nicht nur das Zustandekommen einer Verknüpfung zwischen zwei Segmenten, sondern auch die Art der jeweils bevorzugt gewählten Verknüpfung eine wichtige Rolle für den Prozess der Strukturzuordnung spielen. Das zeigt z.B. der Satz

(1/3a) Die neue Schülerin lobte gestern der Deutschlehrer.

Zunächst ist an (1/3a) interessant: Dass die kontextfreie Darbietung von (1/3a) ebenso wie bei (1/2c) evtl. eine syntaktische und semantische Reanalyse erforderlich macht, wird Rezipierenden vermutlich oft nicht bewusst. Jedenfalls präferiert man bei einer inkrementellen Wort-für-Wort-Verarbeitung von (1/3a) für die Sequenz Die neue Schülerin zunächst eine Kategorisierung als Nominativ-Nominalphrase sowie wegen der Nähe und Kongruenz zum finiten Verb lobte eine serielle Valenzverknüpfung mit dem Verb in der syntaktischen und semantischen Funktion als Subjekt. Diese Analyse wird aber später revidiert, weil die Sequenz der Deutschlehrer zugunsten der erwarteten grammatischen Korrektheit von (1/3a) als Nominativ-Singular-Nominalphrase und als Subjekt einzustufen ist. Deshalb muss man die neue Schülerin jetzt als Akkusativ-Objekt mit dem Verb lobte verknüpfen. Dagegen ist die ursprüngliche Analyse offensichtlich kausal durch das Prinzip zu erklären, dass man Satzglieder, die in der Erstposition eines Aussagesatzes stehen und die sich als Nominativ-Nominalphrasen kategorisieren lassen, bevorzugt als Subjekt einstuft, sofern das zumindest vorerst grammatisch zulässig ist. Dieser auch experimentell nachgewiesene Effekt (vgl. schon Hemforth 1993) zeigt sich noch deutlicher bei folgender Variante von (1/3a).

(1/3b) Die neue Schülerin lobte gestern die Deutschlehrerin.

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Auch hier wird eine Subjekteinstufung von Die neue Schülerin durch die Nähe und Kongruenz zu lobte unterstützt. Zugleich kann die Nominalphrase die Deutschlehrerin das vom Verb benötigte Akkusativ-Objekt bilden und deshalb nimmt man anders als in (1/3a) keine Revision der Subjekteinstufung von Die neue Schülerin vor. Dagegen bleibt nach der Aussage von Bader et al. (2000: 35) unklar, welche Nominalphrase das Subjekt und welche das Objekt bildet. Im Unterschied zu (1/3a) wird die Subjektkategorisierung aber manchmal sogar dann noch beibehalten, wenn sie die zu verarbeitende Äußerung als syntaktisch inkorrekt erscheinen lässt. Z.B. liegt es nahe, der Äußerung

(1/4a) Maria hat gestern die Lehrerin eine SMS geschrieben.

einen grammatischen Fehler zu unterstellen, ihn mental zu korrigieren und evtl. explizit zu monieren, es müsse in (1/4a) der Lehrerin statt die Lehrerin heißen. Die Möglichkeit einer syntaktischen Analyse von Maria als Dativ-Objekt und von (1/4a) als zwar grammatisch korrekter, aber nur eingeschränkt akzeptabler Satz wird dann nicht erkannt oder nicht präferiert. Dagegen müsste man nach Auffassung von Bader et al. davon ausgehen, dass die Lehrerin eindeutig als Subjekt erkannt wird. Dabei werden aber zwei wichtige Umstände nicht berücksichtigt. Erstens ist gemäß einer Grundwortstellung (vgl. Abschnitt 3.2.1) erwartbar, dass bei zwei auf das finite Verb folgenden Objekten das erste ein Dativ-Objekt bildet. Zweitens liegt ein typisch dynamischer Effekt vor: Je länger der präferier-ten Kategorisierung und Valenzverknüpfung eines Satzglieds sowie der Unterstützung dieser Analyse durch nachfolgende Satzglieder nicht durch andere syntaktische Informationen eindeutig widersprochen wird, desto stabiler ist die Analyse und desto schwieriger wird eine Restrukturierung. Anders als bei (1/4a) verhält es sich offensichtlich bei

(1/4b) Maria hat gestern der Lehrer eine SMS geschrieben.

Hier stuft man die Nominalphrase Maria vermutlich analog zu (1/3a) vorläufig als Subjekt ein und entscheidet sich später trotz des Reanalyseaufwands zugunsten einer syntaktischen Korrektheit von (1/4b) eindeutig für die Kategorisierung von der Lehrer als Subjekt, obwohl auch eine Analyse als Genetiv-Plural-Phrase möglich wäre, die man dann mental zu dem Lehrer korrigieren müsste. Erklären lässt sich die Subjekteinstufung von der Lehrer evtl. dadurch, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen Einstufung relativ groß ist und jedenfalls größer als bei die Lehrerin in (4/1a).

Angesichts der verschiedenen Beispiele mit Garden-Path-Effekten ist zu fragen, warum man sich bei der Rezeption notwendige Reanalysen nicht dadurch erspart, dass man mit der Kategorisierung mehrdeutiger Segmente so lange wartet, bis feststeht, dass die jeweilige Äußerungseinheit beendet und dann i.Allg. eindeutig analysierbar ist. Das hängt – wie man aus der Psycholinguistik weiß – mit der begrenzten und sparsam zu nutzenden Kapazität des Arbeitsgedächtnisses sowie mit der wünschenswerten Verarbeitungsgeschwindigkeit zusammen.

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Einerseits reicht diese Kapazität ohnehin nicht für die Aufnahme längerer Äußerungen aus, wie schon vor langer Zeit u.a. am Beispiel eingebetteter Relativsätze nachgewiesen wurde (vgl. etwa Engelkamp 1974: 36ff.). Andererseits erweist es sich offensichtlich als effizienter, die für den jeweiligen Kontext und im Normalfall geltenden Verarbeitungsresultate möglichst schnell zu erreichen und dafür in Kauf zu nehmen, dass in seltenen und schon bei der Äußerungsproduktion möglichst zu vermeidenden Ausnahmefällen zusätzliche Verarbeitungszeiten für eine Struktur-und/oder Bedeutungsrevision erforderlich werden. Weiterhin stellt sich die Frage, wie die an den Beispielen (1/3a) -(1/4b) belegte Präferenz für eine Subjektkategorisierung topikalisierter Satzglieder bei der Rezeption zu erklären ist. Als eine erste, vorläufige Antwort auf diese Frage liegt die Annahme nahe, dass Rezipierende Äußerungen zunächst immer so analysieren, wie es dem nach der Vorkommenshäufigkeit wahrscheinlichsten Fall entspricht; anders verhalten sie sich nur, wenn sie schon wissen, dass eine Ausnahme von der zugehörigen Normalfallregularität vorliegt. Deshalb ist es bei einer angemessenen Erforschung von Sprachverarbeitung grundsätzlich erforderlich, das in gängigen Grammatikmodellen nicht erfasste nichtmonotone Schließen (oder sog. Default-Schließen) mithilfe von Normalfallregularitäten oder -prinzipien aus dem Welt-und Kommunikationswissen als rekurrent verwendetes logisches Verfahren zu berücksichtigen (vgl. etwa Kindt 1994b). Bei den diskutierten Beispielen besagt das zugehörige Verarbeitungsprinzip dann, dass man ein Satzglied in der Erstposition von Aussagesätzen, das sich als Nominativ-Nominalphrase analysieren lässt und das kasusmäßig nicht explizit anders markiert oder kotextuell determiniert ist, i.Allg. als Subjekt des Satzes einstuft. Insofern verschiebt sich die Suche nach einer Erklärung auf die Frage, warum Produzenten zumeist die betreffende Reihenfolge präferieren. Diesbezüglich kann man zwar zunächst darauf verweisen, dass in den Sprachen der Welt überwiegend die Abfolge „Subjekt vor Objekt“ realisiert wird. Dieser Umstand liefert aber noch nicht die gewünschte kausale Erklärung. Tatsächlich sind für diese Abfolge wieder bestimmte systemtheoretisch begründbare Sachverhalte verantwortlich, die sich auf den zeitlichen Verlauf des Geschehens, auf zugehörige Fokussierungsstrategien bei der Wahrnehmung der externen Situation oder eines mentalen Modells und auf die unterschiedliche Attraktion der betrachteten Referenzobjekte beziehen. Das kann man an elementaren Aussagesätzen wie z.B.

(1/5) Karl wirft den Stein ins Wasser.

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plausibel machen. Die Wortstellung in (1/5) befolgt nämlich insofern das ikonische Prinzip einer natürlichen Reihenfolge (vgl. Kindt 1994c, 2001a), als die sukzessive Nennung der drei Referenzobjekte dem zeitlichen Ablauf bei der Wahrnehmung der durchgeführten Handlung entspricht: Zunächst nimmt man den Akteur wahr, danach das Wurfobjekt und schließlich das Ziel des Wurfes. Außerdem werden die dem grammatischen Subjekt zugeordneten Referenten/innen vermutlich auch deshalb oft zuerst fokussiert und als Topik von Aussagen gewählt, weil sie in den drei von Osgood et al. (1957) identifizierten emotiven Grunddimensionen oft höhere Werte als die anderen Referenzobjekte besitzen, also in den Dimensionen der Potenz (stark-schwach), der Dynamik (aktiv-passiv) und der Valenz (wichtig-unwichtig). Somit ziehen diese Referenten/innen zwangsläufig eine besondere Aufmerksamkeit auf sich.

Gehören das Prinzip der präferierten Subjektkategorisierung in der Erstposition und ihre Auswirkungen auf die Sprachverarbeitung nun eigentlich zum (impliziten) syntaktischen Wissen von Kommunikationsbeteiligten, also in den Untersuchungsbereich der Grammatiktheorie und somit zur sog. Kompetenzlinguistik? Diese Frage ist aus kommunikationsorientierter Perspektive eindeutig zu bejahen. Die Beteiligten sollten nämlich ‚wissen‘, wie Äußerungen üblicherweise strukturiert und verstanden werden. Und wenn Formulierende in Fällen wie (1/3b) und (1/4a) eine andere grammatische Analyse als die präferierte intendieren, dann wäre es zweckmäßig, dass sie von vornherein eine andere, ihrer Intention besser entsprechende Formulierung verwenden. Satz (1/4a) liefert übrigens auch schon ein Beispiel für ein typisches Trägheitsphänomen dynamischer Systeme: Die ‚Kraft‘ der syntaktischen Korrektheitserwartung reicht bei (1/4a) anders als bei (1/3a) und (1/4b) nicht aus, um die die bereits durchgeführte Kategorisierung von Maria aus der ‚Position‘ der Subjektlesart ‚herauszubewegen‘ und in die ‚Position‘ des Dativ-Objekts zu bringen; das hängt vermutlich damit zusammen, dass die Lehrerin mehrdeutig ist und dass bei ihr anders als bei der Lehrer in (1/4b) die Einstufung als Nominativ-Nominalphrase nicht eindeutig präferiert wird. Einerseits machen die hier zur Phänomenbeschreibung genutzten metaphorischen Termini die Analogie zur Dynamik physikalischer Bewegungsvorgänge deutlich. Andererseits zeigt sich, dass die zur Analyse einsetzbaren Verarbeitungsprinzipien in Konflikt miteinander geraten können und dass dann geklärt werden muss, wie Rezipierende in solchen Fällen verfahren.

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Zugunsten einer systematischen Darstellung soll nach den ersten Beispieldiskussionen noch genauer formuliert werden, was unter aktualgenetischer Dynamik von Sprachverarbeitung zu verstehen ist. Definitionsgemäß kommt ein Sprachverarbeitungsresultat genau dann durch die aktualgenetische Dynamik des Verarbeitungssystems zustande, wenn es durch einen während der Kommunikation vorliegenden Kontexteinfluss verursacht ist, also wenn andere mögliche Kontextbedingungen auch zu einem anderen Resultat hätten führen können. So ist die Subjektkategorisierung der Nominalphrase Maria aufgrund der Erstposition in Satz (1/4a) aktualgenetisch verursacht, weil diese Einstufung hinfällig wird, wenn man z.B. vor Maria den Artikel der einfügt und damit eine Analyse von Maria als Dativ-Objekt erreicht, wie folgender Satz zeigt.

(1/4c) Der Maria hat gestern die Lehrerin eine SMS geschrieben.

Ein ähnlicher Effekt tritt auf, wenn der Satz (1/4a) nicht isoliert präsentiert wird, sondern wenn ihm ein Fragesatz vorausgeht, der eine Erstposition von Dativ-Objekten eher erwartbar macht.

(1/4d) Die Lehrerin hat wem gestern eine SMS geschrieben? Maria hat gestern die Lehrerin eine SMS geschrieben.

Die sog. Echofrage in (1/4d) mit der Nachstellung des Frageworts wem begünstigt nämlich die Wahl einer Informationsstruktur für den Aussagesatz, die man in der Linguistik üblicherweise mit dem Spaltsatz Es ist Maria, der die Lehrerin gestern eine SMS geschrieben hat paraphrasiert (vgl. Abschnitt 3.4). Trotzdem scheint die Einstufung von Maria als Dativ-Objekt erschwert zu sein. Noch schwieriger ist sie möglicherweise bei der Fragesatz-Wortstellung in

(1/4e) Wem hat die Lehrerin gestern eine SMS geschrieben? Maria hat gestern die Lehrerin eine SMS geschrieben.

Grundsätzlich muss man also mehrere Fälle der Herkunft von Kontextinformationen und ihrer Auswirkung auf die Verarbeitung von Segmenten in einem Satz unterscheiden. Bei (1/4a) und (1/3b) stammt die für die Subjektkategorisierung von Maria bzw. Die Schülerin entscheidende Information aus dem Kommunikationswissen und bei (1/2a) und (1/2b) ist es Weltwissen, das (in Verbindung mit allgemeinem Sprachwissen) über die Zerlegung und Interpretation von Wachstube entscheidet. Dagegen zeigt die Voranstellung der Frage in (1/4d), dass Kotextinformationen aus einem vorausgehenden Satz die syntaktische und semantische Analyse eines Segments beeinflussen können. Vielfach sind es aber wie bei (1/3a) und (1/4c) auch satzinterne, vor oder nach dem Segment stehende Informationen, die von vornherein zu einer stabilen Kategorisierung und Interpretation von Segmenten beitragen, ohne dass es zu einem Garden-Path-Effekt kommt. Allerdings geht es dabei nicht immer um eine Desambiguierung von syntaktisch und/oder semantisch mehrdeutigen Segmenten im engeren Sinne, wie folgendes Beispiel zeigt.

(1/6) ein kleiner Elefant/Käfer

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Hier hängt lediglich die Interpretation des kontextrelativen Adjektivs klein von der Bedeutung des Nomens Elefant bzw. Käfer aufgrund von zughörigem Weltwissen ab. Dagegen kommt die Genus-, Kasus-und Numeruszuordnung von Maskulinum, Nominativ und Singular für kleiner durch die Kombination mit ein zustande. Eine noch komplexere Konstellation der Kontextbeeinflussung liegt bei vagen Ausdrücken wie z.B. dem relativen Adjektiv alt vor; auf dieses Problem geht Abschnitt 2.2.3 genauer ein. Weiterhin zeigt der Fall von Garden-Path-Sätzen wie (1/2c) und (1/3a), dass die Interpretation und/oder syntaktische Kategorisierung eines Segments auch nachträglich durch bestimmte, auf das Segment folgende satzinterne Informationen revidiert werden kann. Schließlich lässt sich zumindest die Bedeutung von Segmenten noch durch Informationen aus einer unmittelbar nachfolgenden Äußerung verändern, wie z.B. folgender Witz belegt.

(1/7) Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.

Hypothesen über die Zeit-und Reihenfolgeverhältnisse von Sprachverarbeitung aufzustellen und empirisch zu überprüfen, ist Aufgabe der Psycholinguistik und muss nicht zwangsläufig das Ziel einer strukturalistischen oder generativen Grammatikforschung sein. Die obige Diskussion macht aber deutlich, dass es auch schon mithilfe von Beispiel-und Korpusanalysen möglich ist, bestimmte bislang vernachlässigte Einflussfaktoren und Prinzipien der inkrementellen Sprachverarbeitung zu identifizieren. Insofern sollten adäquate Grammatikmodelle neben generellen syntaktischen Regeln auch die allgemeinen Prinzipien ermitteln, die den dynamischen Prozessen bei der Strukturbildung zugrunde liegen; das gilt auch für die Prinzipien bei der Durchführung mentaler und verbaler Reparaturen. Noch gravierender von dynamischen Prozessen betroffen sind allerdings die in Semantik und Pragmatik zu erforschenden Strukturen, weil dort zusätzlich zur segmentbezogenen Verarbeitung noch sehr oft bestimmte Verfahren der Strukturergänzung zu berücksichtigen sind. Das gilt einerseits z.B. für umgebungsabhängige Ellipsen, deren Bedeutung wie die von

(1/8) Du und tolerant?

empirisch bisher nicht genügend untersucht worden sind (vgl. Kindt 2016a: 22f.) und bei denen sich anders als bei den sog. Koordinationsellipsen auch im strikten Sinne um Ellipsen handelt. Andererseits reichen die Implikaturtheorie von Grice (1975) und die psycholinguistische Inferenztheorie noch nicht aus, um implizit bleibende Folgerungen von Äußerungen wie z.B.

(1/9) Selbst der Rektor kannte den Erlass nicht.

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zu erfassen. Bei (1/9) muss man nämlich wissen, welche inferenzsemantische Rolle die Partikel selbst in der Position vor Nominal-oder Präpositionalphrasen für die Generierung von Inferenzen spielt (s. Abschnitt 3.4.6). Genereller benötigt man für eine Ermittlung von impliziten Schlussfolgerungen und Begründungen vielfach Kenntnisse über logische und topostheoretische Grundlagen sowie über zugehörige sprachliche Indikatoren (vgl. etwa Kindt 2007a).