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Wege zu einer erklärungsorientierten Linguistik im systemtheoretischen Paradigma

Grundlagentheoretische Untersuchungen

Series:

Walther Kindt

Was der Verhaltensbiologie gelungen ist – nämlich die Entwicklung von einer beschreibenden zu einer erklärenden Wissenschaft – das sollte auch Ziel der Linguistik sein. Der Autor zeigt auf, wie sich dieses Ziel im systemtheoretischen Rahmen erreichen lässt. Zunächst ist das Grundlagenproblem unzureichender Begriffsdefinitionen und Testverfahren zu lösen, um zu korrekten Beschreibungen und induktiv abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten zu gelangen. Dadurch lassen sich bereits viele neue Erkenntnisse gewinnen. Sodann kann man für empirisch ermittelte Sachverhalte nach Erklärungen suchen, die auf allgemeinen Prinzipien oder Erwartungen beruhen. Diese Suche ist unter anderem dann zumeist erfolgreich, wenn sie durch Symmetriebrüche und eine konsequente Faktorenanalyse erleichtert wird.

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3. Beispiele für Erkenntnisse durch eine empirische Systemerforschung

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3.Beispiele für Erkenntnisse durch eine empirische Systemerforschung

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Welche Aufgaben bei der empirischen Erforschung eines Systems S = <T,Z,X,E> durchgeführt werden müssen, ist im Wesentlichen durch seine Komponenten vorbestimmt, also insbesondere durch die Wirkungsweise der Effektrelation E sowie durch die Eigenschaften der Objekte aus X und der Zustände aus Z. Zentrales Forschungsziel muss es also sein herauszufinden, von welchen Faktoren die Input-Output-Zuordnungen und Zustandsänderungen von S jeweils abhängen und welchen Regeln, gemäß der genaueren Unterscheidung im vorigen Kapitel, Prinzipien und Strategien sie folgen. Dabei gibt es zu Beginn der Forschung eine gewisse Priorität für die Untersuchung empirisch unmittelbar zugänglicher Zustands-und Objektstrukturen, weil die zu beschreibenden Systemeffekte i.Allg. mit bestimmten strukturellen Eigenschaften dieser Entitäten verbunden sind. So kann man sich im Fall eines äußerungsproduzierenden Systems zunächst auf die Analyse der Abhängigkeit sprachlicher Outputs von externen Inputobjekten und schon bekannten Kontextinformationen konzentrieren. Dabei bildet z.B. die Vorgehensweise der strukturalistischen Linguistik mit ihren Ergebnissen partiell auch für die Forschung in einem explizit systemtheoretisch orientierten Paradigma eine relevante Grundlage. Allerdings sind nicht alle bisher mit Tests ermittelten Strukturaussagen für eine Modellierung der realen Sprachverarbeitungsprozesse einschlägig. Vielmehr müssen diese Aussagen und die für sie angewendeten Verfahren vor der angestrebten Theorieformulierung noch einmal systematisch überprüft werden, weil z.B. bestimmte Resultate der gängigen Konstituententests problematisch sind und weil man auch nicht versucht hat, vorliegende Testmängel zu beseitigen (vgl. Abschnitt 1.1). Besonders erstaunlich ist aber, dass die in der Dependenzgrammatik postulierten einseitigen Abhängigkeitsbeziehungen nur introspektiv begründet und überhaupt nicht mit Tests überprüft wurden. Nur so lässt sich nämlich präzise bestimmen, welche Konstituenten in einem Satz in welcher Hinsicht voneinander abhängig sind (vgl. Abschnitt 6.3, Kapitel 8 und Kindt 2016b: 361ff.). Z.B. zeigt sich schon für den Satz Ich arbeite bei Anwendung eines geeignet definierten Tilgungstests nicht nur eine einseitige, sondern eine wechselseitige Vorkommensabhängigkeit von Subjekt und finitem Verb. Aber auch hinsichtlich der Werte in den Kategorien von Numerus und Person sind Subjekt und Verb wechselseitig voneinander abhängig, was sich mit einem Variationstest nachweisen lässt. So erfordert ein Austausch von ich durch er eine Änderung der Verbform, um einen korrekten Satz zu erhalten. Umgekehrt ergibt sich, dass das Subjekt vom Verb abhängt. Insgesamt gesehen liegt also entgegen den Aussagen in der Dependenzgrammatik – wie schon in Kapitel 1 erwähnt wurde – eine wechselseitige syntaktische Abhängigkeit zwischen Subjekt und Verb vor. Überdies bildet die eben exemplarisch verwendete Variationsmethode generell ein sehr wichtiges Verfahren zur Ermittlung aller Arten von Abhängigkeitsbeziehungen in Systemen, wie nachfolgend an zwei Untersuchungen demonstriert werden soll. Das müsste nicht besonders hervorgehoben werden, wenn diese Methode in der Linguistik durchgängig und konsequent angewendet würde, um kommunikative Phänomene zu erfassen. Deshalb ist es auch bedauerlich, dass eine methodologisch so interessante Arbeit wie die von Karl Verner (1877) zu den sog. Laut(verschiebungs)gesetzen gegenwärtig nicht mehr zur linguistischen Standardlektüre gehört. An ihr lässt sich nämlich demonstrieren, wie man in Korpusuntersuchungen durch eine systematische Suche mit der Variationsmethode sog. ‚versteckte‘ Variablen auffinden und dann zugehörige interessante Sachverhalte erklären kann. Dazu soll im folgenden Abschnitt die Vorgehensweise von Verner in ihren für eine systemtheoretische Betrachtung wesentlichen Punkten vorgestellt werden (vgl. hierzu auch Kindt und Wirrer 1978).

3.1Die Suche nach einer versteckten Variablen bei der Ermittlung von Lautgesetzen

3.1.1Zur Formulierung der Gesetze der ersten Lautverschiebung

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Bereits in der Antike wurde Sprachwandel (so etwa im „Kratylos“ von Platon) als dynamisches Phänomen thematisiert und für den Fall der Schriftsprache theoretisch auf Buchstabenänderungen in Wörtern zurückgeführt, also u.a. auf eine Buchstabentilgung (detractio) oder -ersetzung (immutatio). Eine besondere Blütezeit hatte die historische Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert mit einer relativ eindrucksvollen Theorieentwicklung durch die Formulierung verschiedener Lautgesetze. Bei einem systematischen Vergleich verschiedener indogermanischer Sprachen stellten Forscher nämlich seinerzeit für zahlreiche bedeutungsgleiche oder bedeutungsähnliche Wörter auffällige lautliche Entsprechungen fest. Das führte 1822 zur Formulierung der Gesetze der sog. ersten (oder germanischen) Lautverschiebung durch Jacob Grimm (vgl. etwa Wirrer 2009: 243f.). Z.B. liefert schon ein Vergleich des lateinischen Worts pater mit dem englischen Wort father und dem deutschen Wort Vater ein erstes verallgemeinerbares Indiz für eine (unter bestimmten Bedingungen nachweisbare) Phonemverschiebung des indoeuropäischen stimmlosen Phonems /p/(als externem Systeminput) zum stimmlosen Phonem /f/(als externem Output) in den germanischen Sprachen. Statt von einer Verschiebung sollte man neutraler von einer Ersetzung sprechen; der erste Begriff hat sich aber wegen der vermuteten sprachgeschichtlichen Entwicklung der germanischen aus den indoeuropäischen Sprachen durchgesetzt. Die damalige Entdeckung unterschiedlicher Gesetze der Laut-bzw. Phonemverschiebung kann auch aus heutiger Sicht noch als großer Erfolg der historischen Linguistik gelten. Das Ziel, entsprechende Gesetze aufzustellen und empirisch zu überprüfen, setzt zunächst eine ausreichende Kenntnis und Beschreibung der miteinander verglichenen Sprachen voraus. Sodann muss man semantisch korrespondierende Wortpaare in diesen Sprachen suchen, die eine derartige Verschiebung aufweisen, sonst aber – wie das bei pater und Vater der Fall ist – lautlich weitgehend übereinstimmen. Wenn sich eine solche Art der Verschiebung an mehreren oder sogar an vielen Wortpaaren nachweisen lässt, dann darf man diesen Befund induktiv generalisieren und ein entsprechendes Lautgesetz aufstellen. Um die so grob umrissene Vorgehensweise genauer zu beschreiben, sind wieder die Wahl eines systemtheoretischen Rahmens und eine entsprechende Reformulierung zweckmäßig.

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Für jedes in einer Untersuchung über Phonemverschiebungen betrachtete geordnete Paar <L1,L2> zweier Sprachen L1 und L2 sollte ein eigenes System angesetzt werden, das die entsprechenden Verschiebungen in verwandten bzw. korrespondierenden Wörtern beim Übergang von L1 zu L2 beschreibt. Als externe Inputobjekte eines solchen Systems dienen deshalb die gesprochenen Wörter von L1 und als externe Outputobjekte die jeweils korrespondierenden Wörter von L2. Das Ziel der Systemerforschung besteht dann darin, aus dem Vergleich der betreffenden Input-Output-Zuordnungen auf die Verarbeitungsregeln des jeweiligen Systems rückzuschließen, die zugehörigen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und als Endresultat ein Modell der Sprachveränderung bei <L1,L2> zu erstellen. Der Einfachheit halber soll angenommen werden, dass die Korrespondenzrelation eine Funktion bildet, dass also zu jedem Wort der Inputsprache L1 höchstens ein korrespondierendes Wort der Outputsprache L2 gehört. Unter dieser Voraussetzung ist auch die Effektrelation E eine Funktion. Außerdem kann sie im anvisierten Modell als einstellige Funktion angesetzt werden, die zwar auch für bestimmte systeminterne Objekte definiert wird, sonst aber weder zustands-noch zeitabhängig ist. Die Verarbeitung eines externen Inputs x bis zum Erreichen des externen Outputs y als dem zu x korrespondierenden Wort lässt sich dann in drei Schritte zerlegen. Beim ersten Schritt wird dem Inputwort x mithilfe von E als interner Output x’ die zum Wort gehörige Phonemfolge zugeordnet. Um diesen Schritt brauchten sich die Sprachforscher seinerzeit aber nicht zu kümmern, weil die für eine Analyse herangezogenen Sprachdokumente von L1 als schriftliche Repräsentationen vorlagen und x’ somit aufgrund der von den Forschern unterstellten Graphem-Phonem-Zuordnungen ermittelt wurde. Der entscheidende Verarbeitungsschritt ist der zweite. Bei ihm dient x’ als Input und zwar wird x’ mit E ein aus zwei Komponenten bestehender interner Output <y’, f> zugeordnet. Dabei ist y’ die zum externen Output y gehörige Phonemfolge und f eine Stellenzuordnungsfunktion, die erstmals von Kindt und Wirrer (1976: 80f.)) als eine für die Formulierung von Gesetzen der Phonemverschiebung notwendige Information eingeführt wurde. Dass man in der historischen Linguistik das Erfordernis einer solchen Stellenzuordnung nicht erkannt hat, stellt einen gravierenden theoretischen Mangel dar, wie noch genauer begründet werden soll. Beim Übergang von x’ zu y’ können im Prinzip alle bekannten Verarbeitungsregeln der Erhaltung, Tilgung, Verschiebung und Einfügung von Phonemen angewendet werden; ggf. müssen aber auch Besonderheiten der Wortbildung von y berücksichtigt werden. Auf welche phonetischen und historischen Ursachen die Nutzung solcher Regeln und die betreffenden Wortbildungsprozesse zurückzuführen sind, lässt sich dem System natürlich nicht entnehmen. Der dritte und letzte Verarbeitungsschritt dient dazu, x’ als internem Input mit E den externen Output y, also das zu x korrespondierende gesprochene Wort, zuzuordnen. Der Output, der anstelle von y tatsächlich empirisch beobachtet und als zu x korrespondierend angenommen wurde, ist allerdings die in den schriftsprachlichen Sprachdokumenten von L2 vorliegende Transkription von y. Aus ihr lassen sich jedoch bei Kenntnis der einschlägigen Graphem-Phonem-Zuordnungen y’ und y rekonstruieren.

3.1.2Verschiedene Probleme der Lautgesetze-Theorie

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Mit der Formulierung, Überprüfung und Interpretation der Gesetze der ersten Lautverschiebung sind allerdings verschiedene Probleme verbunden. Nicht hinterfragt werden soll hier die Korrektheit der unterstellten Graphem-Phonem-Zuordnungen. Auch auf das Problem einer Deutung der Gesetze als Beschreibung faktischer Sprachentwicklungsprozesse wird nur kurz eingegangen. Natürlich dürfen semantische Korrespondenzen und lautliche Entsprechungen z.B. zwischen lateinischen und englischen Wörtern nicht zu dem Fehlurteil verleiten, dass sich die englische aus der lateinischen Sprache entwickelt habe. In der historischen Linguistik wurde allerdings die Existenz einer allen beteiligten Sprachen gemeinsamen und zeitlich vorausgehenden indoeuropäischen Ursprache sowie einer germanischen Ursprache angenommen, von denen her die Entwicklung zu den jeweiligen Einzelsprachen ausgegangen sei. Für eine Formulierung der betreffenden Gesetze ist diese empirisch problematische Annahme aber auch nicht erforderlich: Wenn also z.B. das Gesetz aufgestellt wird, dass sich das indoeuropäische Phonem /p/unter bestimmten Bedingungen zum germanischen Phonem /f/verschiebt, dann kann man das auch als die verkürzt formulierte Aussage interpretieren, dass diese Verschiebung jeweils für Sprachpaare aus einer indoeuropäischen und einer germanischen Sprache gilt, sofern bei ihnen keine einzelsprachlichen Sonderentwicklungen vorliegen. Tatsächlich sind die sprachspezifischen Korrespondenzen nicht so homogen, wie das die Formulierung der Gesetze der ersten Lautverschiebung zunächst nahelegt. Z.B. korrespondiert das althochdeutsche Wort bruoder (mit der Bedeutung ‚Bruder‘) zwar zum altindischen bhrátar konform mit dem Gesetz der Verschiebung des aspirierten stimmhaften Plosivs /bh/zum stimmhaften Plosiv /b/, aber das altgriechische phrátêr und das lateinische frater zeigen statt einer Phonemerhaltung eine dem Gesetz nicht entsprechende Verschiebung von /bh/zum stimmlosen /f/. Dagegen korrespondiert das althochdeutsche Wort breman (‚brummen‘) zum lateinischen fremo und zum altgriechischen brémô. Üblicherweise nimmt man in solchen Fällen an, dass es auch ein korrespondierendes altindisches oder zumindest einer anderen indoeuropäischen Vorgängersprache angehöriges Wort mit anlautendem Phonem /bh/gegeben hat. Demzufolge hat sich das /bh/in diesem Wort dann aus nicht ersichtlichen Gründen im korrespondierenden griechischen Wort genauso wie im Althochdeutschen zu /b/verschoben, während im lateinischen Wort mit der Verschiebung von /bh/zu /f/eine Sonderentwicklung vorliegt.

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Von den weiteren logischen Problemen der Theorie der Lautgesetze sollen hier zunächst noch vier angesprochen werden. Erstens ist zu kritisieren, dass in der Theorie nicht auch systematisch und explizit versucht wird, Gesetze zu formulieren, die Aussagen über die Beibehaltung, Tilgung und Einfügung von Phonemen beim Übergang von einer zu einer anderen Sprache bzw. Sprachfamilie machen. Solche Gesetze würden nämlich bei der Erkennung von zueinander korrespondierenden Wörtern helfen. Zweitens gelten Gesetze für Phonemverschiebungen und andere Übergangsformen nur für den Fall, dass eine solche Korrespondenz überhaupt vorliegt. Will man also ein aufgestelltes Gesetz für ein vorgegebenes Wortpaar überprüfen, dann muss man mithilfe bestimmter Kriterien schon die Gesetzesprämisse nachwiesen haben, dass die Wörter dieses Paars korrespondieren. Dieses Problem ist noch im Zusammenhang mit dem Thema der Theoriendynamik zu diskutieren (s. Abschnitt 3.2). Drittens sollte bei der Gesetzesformulierung in der jeweiligen Konklusion präzise angegeben werden, auf welche Stellen in den beiden korrespondierenden Wörtern sich die postulierte Phonemverschiebung oder -erhaltung bezieht. Dabei kann man wegen möglicher Phonemtilgungen und/oder -einfügungen nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass jeweils dieselbe/n Stelle/n in den beiden Phonemfolgen betroffen sind. Betrachtet man z.B. das lateinische Wort genu mit der Bedeutung ‚Knie‘ und das offensichtlich korrespondierende, weil bedeutungsgleiche gotische Wort kniu, dann bezieht sich die gesetzeskonforme Verschiebung von /g/zu /k/zwar auf dieselbe Stelle (nämlich auf die Position 1) in den beiden Phonemfolgen, nicht aber die Erhaltung des Phonems /n/, weil durch die Tilgung des Phonems /e/im gotischen Wort die Stellenzuordnung <3,2> anzusetzen ist. Viertens schließlich wurde für die Gesetze der ersten Lautverschiebung teilweise nicht genau genug formuliert, für welche lautlichen Umgebungen ihre Aussagen gelten. Das betrifft auch die drei hier diskutierten Gesetze der von den stimmlosen Phonemen /p/, /t/und /k/ausgehenden Verschiebungen. Denn entgegen der Gesetze bleiben diese Phoneme u.a. am Wortanfang bei Kombination mit einem vorausgehenden /s/erhalten. Das sieht man z.B. an Tripeln aus lateinischen, althochdeutschen und hochdeutschen Wörtern wie specere-spehan-spähen, starestan-stehen und scabere-scaban-schaben. Schließlich gibt es eine weitere, noch gravierendere Einschränkung für die drei Gesetze, die nachfolgend genauer betrachtet wird.

3.1.3Verners Vorgehensweise zur Erklärung rekurrenter Ausnahmen

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Als ein aus systemtheoretischer Sicht besonderer Höhepunkt der historischen Linguistik kann die bereits erwähnte Arbeit des Junggrammatikers Karl Verner (1877) gelten. Ausgangspunkt für die Untersuchung von Verner war der Sachverhalt, dass es zu den drei die indoeuropäischen stimmlosen Plosive /p/, /t/und /k/betreffenden Gesetzen der ersten Lautverschiebung im Fall der Inlautstellung im Wort jeweils eine umfangreiche Klasse von Ausnahmen gibt. Zwar wird z.B. das Phonem /p/im griechischen Wort népodes und im entsprechenden lateinischen Wort nepos (‚Nachkomme‘) im Einklang mit den Gesetzen der ersten Lautverschiebung beim englischen Wort nephew und beim hochdeutschen Wort Neffe zum Phonem /f/verschoben. Aber das Analoge gilt z.B. nicht für das /p/im griechischen Zahlwort heptá bzw. im lateinischen septem. Denn im dazu korrespondierenden und bedeutungsgleichen gotischen Wort seban findet man ebenso wie im hochdeutschen sieben statt dem stimmlosen /f/das stimmhafte /b/vor. Angesichts dieser Beispiele ist bereits zu vermuten, dass die Position des Wortakzents einen Einfluss auf die Lautverschiebung haben könnte. Diese Vermutung sollte also überprüft werden. Allerdings handelt es sich bei den Lautgesetzen ohnehin nicht um ausnahmslos geltende, sondern um statistische Gesetzmäßigkeiten, für deren Geltung aber keine genauen Häufigkeitsgrade angegeben wurden und die somit nur einen unspezifizierten Normalfall beschreiben. Die Zahl der Ausnahmen zu den drei genannten Gesetzen ist jedoch jeweils so groß, dass Verner zu Recht der Auffassung war, man könne diese Ausnahmen nicht als Zufallserscheinung werten. Folglich war eine entsprechende Theorierevision erforderlich und deshalb wollte Verner eine Erklärung für die abweichenden Phonemverschiebungen finden (er selbst sprach von Differenzierung). Also suchte er systematisch nach einer entsprechenden ursächlichen Kotextvariable; allerdings hätten auch mehrere miteinander interagierende Faktoren für die zahlreichen Ausnahmen verantwortlich sein können.

3.1.3.1Korpuswahl und Identifizierung der versteckten Variable

Als übersichtliche und homogene Datenbasis, in der die Verschiebungsunterschiede jedenfalls für die Phoneme /k/und /t/auftreten, wählte Verner die starke Konjugation germanischer Verben. Z.B. kommt das zum lateinischen Verb pacisci korrespondierende althochdeutsche Verb fahan (‚fangen‘) sowohl mit dem Stamm fah-als auch mit fang-vor: Das Phonem des Stammauslauts zeigt also den relevanten Unterschied in der Verschiebung von /k/zu /h/bzw. zu /g/. Zunächst müsste explizit überprüft werden, ob die allgemeinen grammatischen Faktoren (Konjugationsklasse, Tempus, Modus, Person, Numerus) für die unterschiedlichen Verschiebungen im Verbparadigma verantwortlich sind. Eine solche Prüfung führte Verner aber nicht explizit durch. Er merkte diesbezüglich nämlich nur an, dass die Differenzierung regelmäßig in der Konjugation auftritt (vgl. S. 109). Konkret folgerte er aus seinen Datenanalysen, dass eine bestimmte Begleiterscheinung der Konjugation Ursache der Differenzierung sein müsse. Zugleich ging er davon aus, dass die indoeuropäische Konjugation auf fünf verschiedenen Bildungsmitteln beruht: Endungswahl, variierender Stammvokal, Augmentbildung, Reduplikation, Akzentsetzung.

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Um nachzuweisen, dass eines dieser Mittel nicht als Ursache für die Differenzierung infrage kommt, muss man – so argumentierte Verner zu Recht – zeigen, dass es mindestens zwei Konjugationsformen eines Verbs gibt, die auf der Anwendung desselben Mittels beruhen, die aber gleichwohl verschiebungsdifferent sind. Beim althochdeutschen Verb slahan (‚schlagen‘) trifft dies z.B. für die beiden mit dem Mittel der Verbendung gebildeten Konjugationsformen slahan und slagan zu, die trotz gleicher Endung einen unterschiedlichen Stammauslaut haben. Nachdem Verner auf diese Weise für die ersten vier Bildungsmittel ausgeschlossen hatte, dass sie für die Differenzierung verantwortlich sind, blieb – so seine Schlussfolgerung – nur der variierende Wortakzent als einzig möglicher Verursachungsfaktor übrig. Diese Folgerung ist aber nur korrekt, wenn mit der von Verner zugrundegelegten Grammatiktheorie alle relevanten Faktoren vollständig erfasst sind und wenn sich alle außer der Akzentsetzung als nicht ursächlich nachweisen lassen.

3.1.3.2Ausnahmenerklärung: Das Vernersche Gesetz

Trotz seiner indirekten Schlussfolgerung konnte Verner bis dahin noch nicht angeben, wie sich die Akzentsetzung genau auf die Phonemverschiebung im Stammauslaut auswirkt. Deshalb führte er anschließend einen systematischen Vergleich zwischen den Konjugationsformen eines altindischen Verbs und den Formen eines verschiebungsdifferenten germanischen bzw. althochdeutschen Verbs durch. Obwohl das althochdeutsche nicht zum altindischen Verb korrespondiert und Verner auch kein entsprechendes Verbpaar mit den Eigenschaften von Korrespondenz und Differenzierung fand, nahm er an, dass das verwendete germanische Verb ein Pendant in einer indoeuropäischen Sprache gehabt haben muss und dass seine Vergleichsergebnisse deshalb aussagekräftig sein könnten. Zugleich war es zweckmäßig, bei dem Vergleich auf ein altindisches Verb zurückzugreifen, weil die Akzentverhältnisse im Altindischen dokumentiert und noch nicht wie in anderen Sprachen durch neuere Entwicklungen überlagert sind. Verners Vorgehensweise war tatsächlich erfolgreich. Es ergab sich nämlich folgende Korrelation: Ist der Stamm des altindischen Verbs akzentuiert und befindet sich der Akzent damit vor dem Stammauslaut, dann gilt für die Phonemverschiebung im Stammauslaut die Aussage des ersten Lautgesetzes; liegt der Akzent dagegen nach dem Stammauslaut auf der Verbendung, dann zeigt der Stammauslaut die abweichende Verschiebung.

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Setzt man homogene Verhältnisse voraus, dann ist es wissenschaftslogisch zulässig, aus der für ein einziges Verbpaar von Verner nachgewiesenen Korrelation induktiv eine Gesetzmäßigkeit abzuleiten, die angibt, in welcher Weise die betreffenden Phonemverschiebungen von der Position des Akzents im Altindischen abhängen. Das entsprechende, später nach ihm benannte Vernersche Gesetz überprüfte er in einem letzten Schritt seiner Untersuchung aber noch für Daten außerhalb des Verbparadigmas und er konnte es weitgehend empirisch bestätigen. Z.B. erklärt dieses Gesetz auch die unterschiedliche Phonemverschiebung für die schon genannten griechischen Wörter népodes und heptá bzw. für die lateinischen Wörter nepos und septem. Das jeweils erste Wort korrespondiert nämlich zu dem vor dem /p/akzentuierten altindischen nápat-und das jeweils zweite zu dem (in der vedischen Version) auf der zweiten Silbe akzentuierten Wort saptán. Dass die Akzentpositionen bei altindischen und korrespondierenden griechischen Wörtern übereinstimmen, gilt allerdings nicht generell und deshalb lässt sich das Vernersche Gesetz nur eingeschränkt auf das Griechische als Ausgangssprache anwenden. Dagegen kann man die Geltung des Vernerschen Gesetzes nicht an lateinischen Wörtern demonstrieren, weil z.B. nepos und septem einheitlich auf der ersten Silbe akzentuiert werden (vgl. Kienpointner 2010: 51).

3.1.3.3Ursachen der Verschiebungsunterschiede und Modellentwicklung

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Die abweichenden Phonemverschiebungen sind also mit dem Vernerschen Gesetz erfolgreich erfasst und man kann daran anschließend nach den zugrundeliegenden phonologischen Ursachen für die Differenzierung fragen. Dabei ist schon intuitiv plausibel, dass sich die Akzentposition vor oder nach einem Inlautkonsonanten evtl. unterschiedlich auf dessen mögliche lautliche Veränderung auswirkt. Auch hierzu formulierte Verner schon bestimmte Hypothesen, auf die hier aber nicht eingegangen werden soll. Ohnehin fehlte Verner noch eine empirisch fundierte und der Dynamischen Phonologie zuzurechnende Theorie kanonischer phonologischer Prozesse in Abhängigkeit von den dafür relevanten Faktoren der sprachlichen Umgebung. Deshalb sind auch seine Aussagen zur zeitlichen Reihenfolge der verschiedenen Phonemverschiebungen und zur Existenz des sog. Vorgermanischen problematisch. Allerdings scheint es plausibel zu sein, dass die durch Verners Gesetz erklärte Sonderentwicklung z.B. der Verschiebung von /p/zu /b/nicht gleichzeitig mit der generellen Verschiebung von /b/zu /p/bzw. mit der allgemeinen Tendenz zu einer Konsonantenverhärtung stattfand. Bei der Definition eines Systems zur Modellierung der verschiedenen Phonemverschiebungen inkl. der nun erfassten Differenzierung braucht man sich aber um solche Probleme der zeitlichen Abfolge nicht zu kümmern, weil die Verschiebungen alle quasi simultan jeweils in einem Verarbeitungsschritt durchgeführt werden. Dabei muss im Sinne des Gesetzes von Verner jedoch noch eine Modifikation an der bisherigen Systemformulierung vorgenommen werden. Beim ersten Verarbeitungsschritt des jeweiligen Systems benötigt man für das dem Inputwort x zugeordnete interne Outputresultat x’ stets auch die indoeuropäische bzw. altindische Akzentinformation, um die akzentabhängigen unterschiedlichen Verschiebungsarten in der nachfolgend zugeordneten Phonemfolge y’ erfassen zu können. Die einfachste Möglichkeit einer Repräsentation dieser Information besteht darin, dass man Vokalen in Form eines geordneten Paars einen Akzent zuordnet und dass die Folge x’ ggf. ein solches Vokal-Akzent-Paar als Folgenglied enthält. Insgesamt gesehen muss ein partielles Modell der Verschiebung von /p/, /t/und /k/also drei noch genauer auszuformulierende phonotaktische Kontextbedingungen unterscheiden: ein vorausgehendes /s/, einen nachfolgenden Akzent und die sonstigen regulären Fälle.

3.2Theoriendynamik am Beispiel von Lautgesetzen und Satzdefinition

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In der Linguistik wird nur selten über relevante wissenschaftslogische Aspekte der Entwicklung von Theorien diskutiert. Das hat teilweise erhebliche negative Konsequenzen und bildet auch eine der Ursachen dafür, dass bestimmte grund-lagentheoretische Probleme der Linguistik bisher nicht gelöst wurden (vgl. auch Kindt 2010). Eine Lösung solcher Probleme setzt nämlich oft voraus, dass man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich ein konsistenter und sukzessiver Aufbau von Theorien erreichen lässt. Auch in dieser Monographie kann auf dieses wichtige Thema nur kurz und zunächst anhand von zwei Beispielen eingegangen werden. Am Fall der Lautgesetze lässt sich schon sehr gut demonstrieren, dass es eine relevante Wechselbeziehung zwischen Theoriebildung und Gegenstandsdefinition gibt, die in der Wissenschaftstheorie unter dem Stichwort „Theoriendynamik“ diskutiert wird (vgl. Stegmüller 1980). Bei dieser Beziehung geht es darum, dass sich ein in einem ersten Schritt eingeführter Gegenstandsbereich möglicherweise erweitern lässt, nachdem eine Theorie für ihn erarbeitet wurde. Die Untersuchung des erweiterten Gegenstandsbereichs kann dann wiederum dazu führen, dass sich auch die Theorie weiterentwickeln lässt. Genau dieser Sachverhalt liegt bei den Lautgesetzen vor. Wenn man die in der Literatur für diese Gesetze angegebenen Belegbeispiele kritisch prüft, dann hat man manchmal den Eindruck, dass teilweise zirkulär argumentiert wird. Bei bestimmten Wörtern, die die Geltung der Gesetze stützen sollen, scheint sich nämlich erst nach Anwendung der Gesetze herauszustellen, dass sie miteinander verwandt sind und somit in den Bereich derjenigen Wörter gehören, für die man überprüfen muss, ob die Gesetze gelten. Eine solche Zirkularität lässt sich nur vermeiden, wenn man den Schritt der Hypothesenstützung vom Schritt der Hypothesenverwendung zugunsten einer Erweiterung des Gegenstandsbereichs eindeutig voneinander trennt. Das lässt sich auf folgende Weise erreichen. Als Ausgangspunkt für die Stützung eines Lautgesetzes eignen sich nur solche Wortpaare, die sich höchstens in einem oder zwei Phonemen voneinander unterscheiden und die zudem bedeutungsähnlich sind oder deren Verwandtschaft sich aus anderen Informationen ergibt. Ein auf diese Weise durch genügend viele Belegbeispiele begründetes Gesetz kann anschließend dazu dienen, Aussagen über die Verwandtschaft anderer Wörter zu stützen. In der Literatur wertet man z.B. – wie in Abschnitt 3.1.3 erwähnt – das lateinische Wort pacisci (‚einen Vertrag festmachen‘) und das althochdeutsche Wort fahan (‚fangen‘) als Beleg für das Gesetz, dass aus dem indoeuropäischen /k/das germanische /h/entstand. In ihrer Bedeutung sind sich diese beiden Wörter allerdings nicht so ähnlich, dass man sie ohne weiteres als verwandt einstufen darf (vgl. Kindt und Wirrer 1976: 78). Immerhin liefert die mit dem Gesetz „/p/wird zu /f/“ konforme Entsprechung der beiden Anfangsphoneme aber ein zusätzliches Indiz für die Verwandtschaft der beiden Wörter bzw. genauer der beiden Wortstämme pac und fah. Somit führt die Kenntnis eines bereits gut gestützten Gesetzes zur Erweiterung des bisherigen Gegenstandsbereichs und dann auch zu einer breiteren empirischen Basis für die Entdeckung oder Überprüfung eines neuen Gesetzes. Sobald solche Gesetze aber ausreichend nachgewiesen sind, lassen sie sich auch für eine Formulierung von Prognosen oder Erklärungen verwenden.

Eine wissenschaftslogisch reflektierte theorieabhängige Erweiterung von Gegenstandsbereichen wäre in der Linguistik auch in anderen Fällen erforderlich, bei denen behauptet wird, man könne für sie keine einwandfreien Gegenstandsdefinitionen finden. Das gilt u.a. auch für die in der Einleitung bereits erwähnte und linguistisch zentrale Einführung des Satzbegriffs, die zwar oft und ausgiebig diskutiert worden ist, die aber bisher immer umstritten blieb. Um das Problem einer Definition des Satzbegriffs zu lösen, muss man zunächst eine partielle Explikation mit einer hinreichenden Definitionsbedingung angeben, die nicht schon selbst grammatiktheoretische Kenntnisse voraussetzt. Das ist mit der Charakterisierung von Sätzen als kleinster kommunikativ selbständiger Äußerungseinheit möglich (s. auch Abschnitt 4.3.1) Für den so eingeführten Bereich von Sätzen sollte man dann grammatische Regeln formulieren. Anschließend lässt sich dieser Bereich durch solche noch nicht als Sätze einstufbare Äußerungen erweitern, die mithilfe der gefundenen Regeln zu erzeugen sind. Außerdem kann man Sätze jetzt – nach dem Vorschlag von Bloomfield (1926) – als maximale grammatisch unabhängige Einheiten charakterisieren. In diesem Sinne bilden auch sog. Frage-Antwort-Ellipsen wie z.B.

F: Was hast du beim Bäcker gekauft? A: Einen Apfelkuchen.

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Sätze. Hier liegt nämlich – wie schon in Abschnitt 1.1.1 erwähnt – eine grammatische Abhängigkeit der Antwort vom Vorkommen des vorausgehenden Frageworts und von seinem Kasus vor. Deshalb ist A selbst kein (verkürzter) Satz. Dieser Sachverhalt wurde m.W. erstmals in Kindt (1985a: 185f.) genauer diskutiert und begründet. Vielmehr bilden Frage und Antwort zusammen einen kooperativ produzierten Satz (vgl. auch Kindt 2016b), der in gängigen Grammatiken nicht als solcher diskutiert wird. Zugleich lässt sich das Erfordernis einer Unterscheidung von isoliert betrachteten Sätzen und Textsätzen z.B. an dem aus zwei elementaren Sätzen bestehenden Kurztext

Ich habe gestern einen Apfelkuchen beim Bäcker gekauft. Er hat sehr gut geschmeckt.

verdeutlichen. Bestandteile dieses Textes sind zwar u.a. auch die beiden Sätze Ich habe einen Apfelkuchen gekauft und Ich habe gestern einen Apfelkuchen gekauft. Sie bilden aber keine Sätze des Textes. Man muss also einen absoluten und einen relativen bzw. textbezogenen Satzbegriff voneinander unterscheiden (vgl. Kindt 1994a: 45).

3.3Prinzipien und Einflussfaktoren der Satzgliedabfolge im Deutschen

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Wenn die empirische Untersuchung von Kommunikation und die zugehörige Theorieentwicklung das Ziel haben, die Wirkungsmechanismen der jeweiligen Effektrelation zu erfassen, dann ist die Entdeckung zugehöriger Regularitäten von vorrangigem Interesse. Denn mit ihrer Hilfe kann man zunächst Rückschlüsse auf zugrundeliegende Regeln und Prinzipien ziehen und dann lässt sich auch vorliegendes Kommunikationsverhalten kausal oder funktional erklären sowie zukünftiges Verhalten vorhersagen. Zuvor muss man solches Verhalten also beobachten, um die resultierende Beobachtungsaussagen induktiv generalisieren zu können. In der Linguistik betrifft dies primär Aussagen über Input-Output-Zuordnungen bei der Äußerungsproduktion und -rezeption. So kann man untersuchen, von welchen Faktoren es abhängt, welche Informationen über einen vorliegenden Sachverhalt in welcher Reihenfolge in Äußerungen dargestellt werden. Grammatiktheoretisch geht es dabei – wie in Abschnitt 1.2.3 illustriert wurde – z.B. um eine Ermittlung und Erklärung der Wortstellungsmöglichkeiten in elementaren Aussagesätzen. Zwar hat man in der Linguistik diesbezüglich für das Deutsche mit seiner an sich relativ freien Satzgliedabfolge u.a. mit der Arbeit von Lenerz (1977) aufgrund von Akzeptabilitätsurteilen oder Häufigkeitsbeobachtungen einige, mehr oder weniger gut begründete Prinzipien der Reihenfolge bzw. der Präzedenz formuliert; ein instruktiver Überblick hierzu ist z.B. auch bei Eisenberg (1989: 408ff., 417f.) zu finden. Trotzdem fehlt noch eine empirisch ausreichend fundierte und alle relevanten Aspekte umfassende Wortstellungstheorie. Das gilt sogar für den speziellen Fall elementarer Aussagesätze, die neben einem Subjekt in der Erstposition nur ein finites Verb sowie ein direktes und ein indirektes Objekt (im Weiteren DO und IO) enthalten. Auch für diesen Fall ist trotz zahlreicher Untersuchungen nicht vollständig geklärt, unter welchen Bedingungen jeweils welche Reihenfolge der beiden Objekte welche Ursache hat und mit welchem Effekt sie verbunden ist. An dieser als relativ einfach erscheinenden Fragestellung lässt sich also demonstrieren, dass man die einschlägige Variationsmethode noch vor der Durchführung psycholinguistischer Experimente systematischer als üblich einsetzen sollte, um die mit unterschiedlichen Wortstellungen verbundenen grundlagentheoretischen Probleme zu lösen und angemessene Erklärungen für die jeweils postulierten Präzedenzprinzipien zu finden. Dabei wird mit den nachfolgenden Überlegungen nicht der Anspruch erhoben, schon eine vollständige Darstellung über die verschiedenen relevanten Regularitäten zu geben. Vielmehr geht es darum nachzuweisen, dass sich mit der Variationsmethode neue wortstellungstheoretische Erkenntnisse gewinnen lassen. Deshalb muss man als Erstes überprüfen, ob es möglich und zweckmäßig ist, eine bestimmte Satzgliedfolge als eine Grundabfolge auszuzeichnen.

3.3.1Die Grundabfolge für direkte und indirekte Objekte im Mittelfeld

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Den Ausgangspunkt der Diskussion über mögliche Reihenfolgen von DO und IO und über zugehörige Prinzipien soll die teilweise umstrittene Hypothese u.a. von Heidolph et al. (1981: 705) über die Existenz einer präferierten Grundabfolge in elementaren Aussagesätzen bilden. Tatsächlich lässt sich diese Grundabfolge als weitgehend zutreffend nachweisen (s.u.). Sie gilt allerdings nur unter bestimmten zu präzisierenden Kontextbedingungen für definite Satzglieder im Mittelfeld, d.h. zwischen finitem und – sofern vorhanden – infinitem Teil des Verbkomplexes. Wenn in einem Satz von der Grundabfolge abgewichen wird, dann hat das i.Allg. verständigungstheoretische Gründe und kann einer Verarbeitungserleichterung oder einer speziellen informationsstrukturellen Funktion dienen. Dabei wird hier anders als in der Literatur üblich davon ausgegangen, dass solche Funktionen nicht pragmatisch bedingt sind, sondern spezifische semantische Strukturen realisieren. Logisch gesehen basiert die Grundabfolge auf einem nichtmonoton geltenden Prinzip, dessen Verhaltensempfehlung nur dann befolgt wird, wenn seinem Einsatz keine relevanten Gründe wie z.B. bestimmte Eigenschaften des vorausgehenden Satzes entgegenstehen. Ein wichtiger Vorteil des theoretischen Ansatzes der Grundabfolge besteht darin, dass sich ihre empirische Ermittlung von der Untersuchung der kontextabhängigen Funktionen abweichender Satzgliedfolgen trennen lässt. Was nun speziell die Reihenfolge von DO und IO betrifft, so muss man hauptsächlich drei Fälle unterscheiden: Entweder sind DO und IO beide als Personalpronomina formuliert oder beide als definite Nominalphrasen anderer Art oder es liegt ein Mischfall vor. Somit ist dann zu klären, wie sich in diesen drei Fällen entscheiden lässt, ob die Abfolge „DO vor IO“ (DO<IO) oder „IO vor DO“ (IO<DO) als Grundabfolge präferiert wird. Besonders einfach ist diese Entscheidung, wenn Sätze, die die betreffenden Bedingungen erfüllen, nur bei Wahl einer der beiden Reihenfolgen uneingeschränkt akzeptabel sind und wenn deshalb nur diese Wortstellung die betreffende Grundabfolge bilden kann. Allerdings sind manchmal beide Abfolgen akzeptabel oder es lässt sich in dieser Hinsicht kein eindeutiger Unterschied zwischen ihnen feststellen. Dann hilft auch eine Akzeptabilitätsbefragung nicht weiter. Zumindest im zweiten Fall ist aber denkbar, dass Verarbeitungszeitexperimente zuverlässigere Ergebnisse erbringen. Als eine Nachweismethode genutzt wurden dagegen teilweise quantitative Korpusanalysen, um dann die mehrheitlich vorkommende Reihenfolge als Grundabfolge auszuzeichnen (vgl. Schröder 1984; Heydenreich 1997). Mit dieser Vorgehensweise ist aber das Problem verbunden, dass nicht kontrolliert werden konnte, welchen Einfluss der jeweilige globale und lokale Kotext auf die ermittelten Häufigkeitsverteilungen hat. Verwechseln darf man den Begriff der Grundabfolge auch nicht mit den Konzepten der sog. unmarkierten oder normalen Satzgliedfolge, die mit dem Kriterium definiert werden, dass diese Abfolgen mehr informationsstrukturelle Funktionen besitzen bzw. in mehr Kontexten vorkommen können als andere Reihenfolgen (vgl. Eisenberg 1989: 420f.). Ohnehin besteht ein wesentlicher Nachteil beider Konzepte darin, dass bei ihrer Definition die theoriendynamisch wünschenswerte Unabhängigkeit von empirisch schwierigen Kontext-und Funktionsaussagen verloren geht und dass man sich für solche Aussagen wieder auf evtl. problematische Versuchspersonenurteile stützt. Insgesamt gesehen gibt es also keine Alternative zum theoretischen Ansatz der Grundabfolge und deshalb benötigt man geeignete empirische Nachweismethoden für diese Abfolge. Diesbezüglich wird im Folgenden auf ein weiteres experimentelles Verfahren zur Ermittlung von Grundabfolgen eingegangen.

3.3.1.1Die Grundabfolge im Fall einfacher definiter Nominalphrasen

Bei fast allen Verben mit einer Beteiligung von DO und IO wird in der Wortstellungsliteratur üblicherweise IO<DO als Grundabfolge eingestuft, falls DO und IO nichtpronominale definite Nominalphrasen bilden; diese Verben sollen hier Standardverben heißen. Zu den wenigen Ausnahmeverben mit der umgekehrten Grundabfolge DO<IO gehört jedenfalls unterziehen, wie die eingeschränkte Akzeptabilität des Satzes Maria unterzieht der Überprüfung den Lehrer belegt. Als ein typisches Standardverb mit der Grundabfolge IO<DO gilt dagegen z.B. zeigen.

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(3/1a) Maria zeigt dem Lehrer das Buch.

(3/1b) Maria zeigt das Buch dem Lehrer.

Tatsächlich wird z.B. (3/1a) bei einer kontextisolierten Betrachtung als syntaktisch korrekter Satz eingestuft. Zwar scheint auch der Satz (3/1b) noch akzeptabel zu sein. Aber intuitiv beurteilt ist seine Formulierung nicht so ‚geläufig‘ wie die von (3/1a) und deshalb ist der Akzeptabilitätsgrad von (3/1b) vermutlich etwas kleiner als der von (3/1a). Warum sich die beiden Sätze sich so wenig in ihrer Akzeptabilität unterscheiden, lässt sich – wie in Abschnitt 3.4 gezeigt wird – damit erklären, dass die abweichende Abfolge DO<IO in (3/1b) mit der Befolgung eines anderen Präzedenzprinzips zu legitimieren ist, das dann zur Geltung kommt, wenn IO als relevant hervorgehoben werden soll. Unabhängig davon reicht die anscheinend etwas geringere Akzeptabilität von (3/1b) jedenfalls noch nicht als Nachweis für die Geltung von IO<DO als Grundabfolge aus. Deshalb liegt es nahe, in einem Produktionsexperiment zu überprüfen, ob Versuchspersonen bei Vorgabe direkter und indirekter Objekte die Formulierung von Sätzen mit der Abfolge IO<DO präferieren. Dazu muss man genauer festlegen, unter welchen Bedingungen sich ein solches Experiment durchführen lässt. Der Einfachheit halber soll die Experimentplanung nur für den Fall skizziert werden, dass es um die mündliche oder schriftliche Produktion elementarer Aussagesätze geht, die wie (3/1a) und (3/1b) ein Subjekt in Form eines Eigennamens enthalten sowie neben einem finiten Verb ein DO und ein IO in Form (nichtpronominaler) einfacher definiter Nominalphrasen (im Weiteren DNP), die nur aus einem definiten Artikel und einem Nomen bestehen. Demzufolge muss den Versuchspersonen im Experiment eine größere Zahl von jeweils vier solcher Satzglieder in einer zufällig gewählten Anordnung dargeboten werden. Aus diesen vier Satzgliedern sollen die Versuchspersonen dann ohne Einfluss eines verbalen oder nonverbalen Kontexts Sätze bilden, im mündlichen Fall also möglichst auch ohne besondere prosodische Markierungen. Auf diese Weise lässt sich anders als in den Experimenten von Pechmann et al. (1996) das Problem vermeiden, dass die Versuchspersonen bei der Satzproduktion von expliziten Grammatikkenntnissen Gebrauch machen müssen.

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Das m.W. erste Experiment der vorgeschlagenen Art wurde in einem Syntaxprojekt des DFG-Sonderforschungsbereichs 360 für die mündliche Satzproduktion durchgeführt (vgl. Skuplik und Flach 1998). Es diente aber auch der Überprüfung bestimmter Annahmen von Heidolph et al. (1981) zur Position definiter Temporal-, Lokal-, Instrumental-und Modalangaben und deshalb wurden nur sechs Sätze untersucht, in denen jeweils ein DO und ein IO vom Typ DNP vorkamen. Immerhin bestätigte sich dabei für die Verben zeigen, servieren, schicken, sagen, hinterherwerfen und bringen eindeutig IO<DO als zugehörige Grundabfolge. Dabei konnte das in dem Experiment gewählte Verfahren ohne Probleme durchgeführt werden und insofern hat es sich als Methode zur empirischen Überprüfung von Präzedenzprinzipien bewährt. Auch in neueren psycholinguistischen Untersuchungen wird von dieser Methode Gebrauch gemacht (vgl. Chang et al. 2015).

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Wenn man die Reihenfolge IO<DO experimentell als Grundabfolge für die mündliche und die schriftliche Produktion von Sätzen des Typs von (3/1a) oder (3/1b) mit Standardverben wie zeigen nachgewiesen hat, dann sollte als Nächstes eine Erklärung für IO<DO gesucht werden. Tatsächlich lässt sich diese Abfolge weitgehend auf das bekannte semantische Prinzip „Belebtes vor Unbelebtem“ (BEL<UBEL) zurückführen, das in der Wortstellungstheorie auch partiell unabhängig von diesem Erklärungsziel geltend gemacht wird und das man als ein informationsstrukturelles Prinzip einstufen kann, weil es in ihm um eine Verteilung von Informationen geht. Eine solche Zurückführung ist jedenfalls insoweit korrekt, als bei den IO-DO-Standardverben mit IO meistens belebte Referenzobjekte fokussiert werden und mit DO unbelebte; das trifft ja auch für (3/1a) zu. Allerdings muss man dann noch fragen und durch Anwendung der Variationsmethode untersuchen, wie die Fälle einzuschätzen sind, bei denen die Belebtheits-und Unbelebtheitseigenschaft anders verteilt sind als in (3/1a). Reicht z.B. die Belebtheit des Referenten von IO noch für die Wahl der Abfolge IO<DO aus, wenn der Referent von DO ebenfalls belebt ist? Das könnte die Wortstellung im Satz Maria zeigt dem Lehrer den Hund erklären. Aber wie verhält es sich, wenn das Referenzobjekt von IO unbelebt ist? Würde das schon zur Abfolge DO<IO z.B. in Maria leiht das Buch der Schule führen? Intuitiv beurteilt scheint das nicht der Fall zu sein. Ist demzufolge das ursprünglich aus BEL<UBEL abgeleitete Prinzip IO<DO schon grammatikalisiert und wird es jetzt unabhängig vom Belebtheitsfaktor angewendet? Und spielt in diesem Fall BEL<UBEL überhaupt noch eine Rolle für die aktualgenetische Satzproduktion, wie manchmal angenommen wird? Unabhängig von einer korrekten Antwort auf diese Fragen sollte BEL<UBEL aber selbst noch erklärt werden. Analog zur kausalen Erklärung für die Grundposition des Subjekts in Abschnitt 1.2.3 kann man dazu vermutlich nachweisen, dass die Belebtheit von Referenzobjekten i.Allg. mit höheren Werten in den bereits erwähnten Osgoodschen Emotionsdimensionen verbunden ist als die Unbelebtheit und dass belebte Referenten/innen aufgrund dieser Attraktivität bevorzugt fokussiert werden. Anzumerken ist schließlich, dass man den Belebtheitsfaktor zumindest bei einigen Ausnahmeverben mit der Grundabfolge DO<IO für diese Abfolge verantwortlich machen kann (vgl. Hohberg 1997). Das trifft jedenfalls u.a. für das schon erwähnte Verb unterziehen zu, aber z.B. auch für aussetzen, wie der Satz Maria setzt den Lehrer der Gefahr aus belegt.

3.3.1.2Die Grundabfolge bei Verwendung von Personalpronomina

Im Anschluss an den Nachweis von IO<DO als dominanter Grundabfolge bei Standardverben für einfache definite Nominalphrasen muss man den Geltungsbereich von IO<DO genauer bestimmen, indem der Phrasentyp von IO und DO systematisch variiert wird. Auf diese Aufgabe und ihre Ergebnisse kann hier nur partiell eingegangen werden. Eine detaillierte Analyse über die Auswirkungen der Wahl unterschiedlicher Arten von definiten Satzgliedern hat aber z.B. Hofmann (1994: 49ff.) vorgelegt. Ein bereits vor dieser Arbeit bekanntes Resultat ist für die nachfolgende Diskussion jedoch besonders wichtig: Falls IO und DO beide Personalpronomina (PPRO) bilden, dann ist nicht mehr IO<DO, sondern DO<IO die Grundabfolge von Standardverben (vgl. etwa Eisenberg 1989: 418 im Anschluss an Engel 1988). Das belegen die folgenden beiden Sätze.

(3/1c) Maria zeigt ihm es.

(3/1d) Maria zeigt es ihm.

Die Akzeptabilität von (3/1d) und die stark eingeschränkte Akzeptabilität von (3/1c) sprechen also eindeutig dagegen, dass IO<DO noch die Grundabfolge bei Personalpronomina ist. Allerdings bildet das Pronomen es einen Sonderfall und es gibt es auch Sätze mit einer IO<DO-Abfolge der Pronomina (vgl. Hofmann 1994: 51ff.), die vermutlich etwas akzeptabler sind (3/1c) und ebenfalls für einen Vergleich mit (3/1d) berücksichtigt werden sollten. Das gilt z.B. für

(3/1e) Maria zeigt ihm sie.

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Eindeutig akzeptabler wird (3/1e) aber u.a. bei Voranstellung der Frage Was zeigt Maria ihm? oder bei einer bestimmten Art der Akzentuierung von sie (nämlich bei Hervorhebung durch einen steigend-fallenden Akzent s. Abschnitt 3.4.3). Unabhängig davon wird im PPRO-Fall also i.Allg. die Abfolge DO<IO präferiert. Eine Konstellation wie das Stellungsverhalten von DO und IO in (3/1a) -(3/1d) kann man analog zu bestimmten Erscheinungen in der Physik einen Symmetriebruch nennen und sie bildet neben dem in Abschnitt 2.2.3 diskutierten Hysteresisphänomen eine weitere typische Eigenschaft bestimmter Arten von dynamischen Systemen. Symmetriebrüche geben außerdem stets dazu Anlass, nach versteckten Variablen zu suchen, die den jeweiligen Bruch verursachen. Zugleich erleichtern sie manchmal das Auffinden solcher Variablen, weil sich bei ihnen die Menge möglicher ursächlicher Faktoren evtl. stärker eingrenzen lässt. Im Fall des Symmetriebruchs von (3/1a) -(3/1d) muss man also fragen: Was ist die Ursache für den Akzeptabilitätsunterschied von (3/1b) und (3/1c)? Oder anders formuliert: Warum ‚wehren‘ sich Sätze mit einer PPRO-Formulierung von IO und DO gegen eine von der für Pronomina geltenden Grundabfolge abweichende Verschiebung des jeweils vorausgehenden Satzglieds in eine nachgestellte Position? Eine denkbare Erklärung hierfür wäre: Bei der gesuchten Variable handelt es sich evtl. um das Gewicht von Präzedenzprinzipien und dann könnte das PPRO-Prinzip DO<IO eine stärkere Wirkung haben als das DNP-Prinzip IO<DO, weil bei Personalpronomina von einer Verschiebung von DO zugunsten einer noch genauer zu bestimmenden informationsstrukturellen Funktion seltener Gebrauch gemacht wird als bei definiten Nominalphrasen von einer Verschiebung von IO. Dieser Vermutung lässt sich aber erst nachgehen, wenn analysiert wird, unter welchen Bedingungen aus welchem Grund Sätze wie (3/1c) und (3/1e) akzeptabler werden. Somit muss man insbesondere untersuchen, welche Auswirkungen Akzentuierungen oder vorausgehende Fragen auf die Informationsstruktur von Sätzen haben (s. Abschnitt 3.4).

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Ein anderer erklärungswürdiger und m.W. nicht genügend beachteter Befund besagt: Die Grundabfolge DO<IO im PPRO-Fall gilt nicht nur für die Standardverben mit der DNP-Grundabfolge IO<DO, sondern auch für die meisten oder sogar alle Ausnahmeverben. Bei den schon betrachteten Verben unterziehen und aussetzen lässt sich das jedenfalls durch die eingeschränkte Akzeptabilität der Sätze Maria unterzieht ihr ihn und Maria setzt ihr ihn aus belegen. Somit stehen die pronominalen direkten Objekte generell vor den indirekten und zwar unabhängig davon, ob ihre Referenzobjekte belebt sind oder nicht. Deshalb kann der zur Erklärung der beiden DNP-Grundabfolgen geltend gemachte Belebtheitsfaktor im PPRO-Fall nicht verantwortlich für die Abfolge DO<IO sein. Möglicherweise spielt dieser Faktor deshalb keine Rolle, weil sich bei einer kontextfreien Beurteilung von Sätzen wie (3/1d) nicht entscheiden lässt, ob die Referenzobjekte von DO und IO belebt oder unbelebt sind. Relevanter für eine Erklärung scheint allerdings der Umstand zu sein, dass diese Referenzobjekte normalerweise zuvor kontextuell eingeführt wurden und beide im Zentrum des momentanen Wahrnehmungsfokus stehen. Somit hat der Belebtheitsfaktor keinen Einfluss mehr auf die Fokussierungsreihenfolge. Insofern liegt es auch nahe anzunehmen (vgl. Kindt 1994c: 51), dass die Grundabfolge DO<IO für Personalpronomina auf das in Abschnitt 1.2.3 erwähnte Prinzip der natürlichen Reihenfolge zurückzuführen ist, weil sich die zu Verben gehörigen Handlungen oft zuerst und/oder in stärkerem Maße auf die Referenzobjekte von grammatisch direkten Objekten auswirken. So wird man z.B. bei der Produktion des Satzes Maria gibt es ihm, wenn man in einer zu thematisierenden Situation ein entsprechendes Geschehen beobachtet und beschreibt, den Blick i.Allg. zunächst auf die Akteurin gerichtet haben, danach wahrscheinlich auf den von ihr ursprünglich in der Hand gehaltenen und dann fortbewegten Gegenstand (also etwa ein bereits erwähntes Buch) und schließlich bei der Übergabe des Gegenstands auf den (ebenfalls schon eingeführten) Empfänger. Unabhängig davon, ob sich die Grundabfolge für Personalpronomina zumindest partiell so erklären lässt, ist davon auszugehen, dass sie ein grammatikalisiertes Prinzip bildet.

3.3.1.3Die Grundabfolge im Mischfall: Pronominales vor Nominalem

Ein weiteres bekanntes Abfolgeprinzip besagt, dass Pronomina i.Allg. vor Nominalphrasen anderer Art stehen (vgl. Uszkoreit 1986: 2; Eisenberg 1989: 418). Seine Geltung muss man getrennt nach den unterschiedlichen Arten von Pronomina überprüfen (vgl. Hofmann 1994: 49ff.). Nachfolgend werden aber nur Personalpronomina in Kombination mit einfachen definiten Nominalphrasen betrachtet, um einen Einfluss anderer Faktoren auszuschalten. Dass dann PPRO<DNP für Standardverben die Grundabfolge darstellt, lässt sich leicht erkennen.

(3/1f) Maria zeigt dem Lehrer sie.

(3/1g) Maria zeigt das Buch ihm.

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Beide Sätze sind nämlich eindeutig weniger akzeptabel als ihre Varianten mit der umgekehrten Abfolge. Bei Ausnahmeverben ist es etwas schwieriger, eindeutige Akzeptabilitätsurteile zu fällen. Zumindest legt ein Vergleich z.B. von Maria setzt ihn der Gefahr aus und Maria setzt der Gefahr ihn aus nahe, dass PPRO<DNP auch für diese Verben gilt. Nun wird vielfach angenommen, PPRO<DNP sei gemäß einem im nächsten Abschnitt zu diskutierenden syntaktischen Prinzip darauf zurückzuführen, dass kurze Satzglieder vor längeren stehen sollten (vgl. etwa Eisenberg 1989: 421; Hofmann 1994: 53). Diese Annahme ist schon wegen des geringen Längenunterschieds von Personalpronomina und einfachen definiten Nominalphrasen, also z.B. von sie und dem Lehrer in (3/1f) nicht plausibel. Gegen sie spricht außerdem der Umstand, dass bei einer Ersetzung dieser Phrasen durch Demonstrativpronomina auch im Fall exakt gleicher Länge beider Pronomina die zu PPRO<DNP analoge Grundabfolge gilt. Das belegen die beiden Sätze Maria zeigt sie dem und Maria zeigt dem sie belegen. Insofern liegt es nahe, dass man PPRO<DNP semantisch erklären muss. Tatsächlich unterscheiden sich Personalpronomina und einfache definite Nominalphrasen wesentlich in ihrer Zugänglichkeit zu den jeweiligen Referenzobjekten. Wie erwähnt befinden sich die externen und/oder mentalen Referenzobjekte von Personalpronomina nämlich bereits im Zentrum des gegenwärtigen Wahrnehmungsfokus und sie sind daher besonders gut zugänglich. Das gilt für Pronomina der 3. Person, weil deren Referenten im Normalfall vorher explizit verbal eingeführt wurden. Zudem sind die Referenten/innen deiktischer Pronomina (ich, du, wir, ihr) durch die Kommunikationssituation bestimmt und deshalb ständig präsent. Deshalb ist für Personalpronomina der Aufwand für die eindeutige Zuordnung von Pronomen zu Referent/in in Produktion und Rezeption i.Allg. relativ klein. Dagegen erfordert die Zuordnung einfacher definiter Nominalphrasen zu Referenzobjekten eine intensivere Verarbeitung, weil das betreffende Objekt wieder oder neu ins Fokuszentrum gerückt werden muss und weil die verbale Herstellung von Eindeutigkeit für diese Zuordnung evtl. aufwändiger ist. Die so begründete Hypothese einer unterschiedlichen Zugänglichkeit muss man natürlich genauer empirisch überprüfen. Wenn sie sich als korrekt erweist, dann lässt sich PPRO<DNP auf das allgemeine Problemlösungsprinzip „Einfaches vor Komplexem“ (EF<KP) zurückführen. Dieses Prinzip ist in der Wortstellungstheorie m.W. zwar bisher nicht geltend gemacht worden, es spielt aber generell in der Kommunikation eine wichtige Rolle (vgl. hierzu etwa Kindt und Rittgeroth 2009: 84– 85).

Schließlich ist zu fragen, ob es wie bei (3/1e) Möglichkeiten gibt, Sätze akzeptabler zu machen, die PPRO<DNP verletzen. Zu bejahen ist das zunächst wieder für das Mittel der Akzentuierung. Das zeigt sich, wenn man z.B. in (3/1g) ihm durch einen steigend-fallenden Akzent hervorhebt. (3/1g) lässt aber noch eine andere Art der Akzeptabilitätserhöhung zu, nämlich durch eine Verlängerung zu einer Gappingkonstruktion wie in Maria zeigt das Buch ihm und die CD ihr. Dieses Resultat macht deutlich, dass es eine in der Literatur m.W. bisher nicht berücksichtigte Beziehung zwischen der syntaktischen Struktur von Gappingkonstruktionen und Satzgliedabfolgen gibt.

3.3.2Abweichende Abfolgen zwecks Verarbeitungserleichterung

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Die Untersuchungsergebnisse im vorigen Abschnitt haben erneut belegt, dass eine Anwendung der Variationsmethode in einem systemtheoretischen Rahmen zu neuen und erklärungsbezogenen Erkenntnissen verhilft. Also lässt sich auf diese Weise vielleicht auch erklären, warum aus IO und DO bestehende Satzgliedfolgen relativ oft von der jeweiligen Grundabfolge abweichen. Wenn man systematisch untersuchen möchte, welche Faktoren für diese Abweichungen verantwortlich sind, dann ist es zweckmäßig, zunächst die relativ einfachen Fälle von verarbeitungserleichternden Abweichungen zu betrachten, bei denen es um eine Vermeidung bestimmter syntaktischer und/oder semantischer Probleme geht. Dass syntaktische Konstruktionen mit solchen Problemen verbunden sein können, ist u.a. für Relativsätze bekannt. Durch deren Einbettung entsteht nämlich manchmal im Matrixsatz eine so große Distanz zwischen Subjekt und zugehörigem finiten Verb, dass eine Verknüpfung dieser beiden Satzglieder erschwert oder sogar unmöglich gemacht wird. Für solche Fälle hatte bereits Behaghel (1932: 270ff.) eine „Verlagerung schwerer Glieder“ ins Nachfeld empfohlen (vgl. auch Kindt 2001a: 23). Insofern ist erwartbar, dass es im Fall nichtpronominaler Nominalphrasen zu einer Abweichung von der Grundabfolge IO<DO kommen kann, wenn IO syntaktisch oder semantisch vergleichsweise komplex ist. Zwei solcher Abweichungsursachen sollen nachfolgend für Standardverben mit DO-und IO-Beteiligung untersucht werden.

3.3.2.1Das Prinzip der wachsenden Glieder

Ebenfalls Behaghel war bei seinen Beobachtungen von Satzgliedfolgen schon aufgefallen, dass längere Satzglieder oft kürzeren nachgestellt werden (vgl. 1932: 6). Das zugehörige Prinzip bezeichnete er als „Gesetz der wachsenden Glieder“ (im Weiteren PWG). Allerdings sollte man den Geltungsanspruch von PWG vorerst auf den Fall nichtpronominaler definiter Phrasen einschränken, um eine Vergleichbarkeit mit den Bedingungen für Grundabfolgen herzustellen. Unter dieser Voraussetzung liefert PWG evtl. eine Erklärung dafür, warum ein Sprecher z.B. von

(3/1h) Maria zeigt das Buch dem neuerdings in ihrer Klasse unterrichtenden Lehrer.

statt der Grundabfolge IO<DO die Satzgliedfolge DO<IO wählt. Für einen eindeutigen Nachweis von PWG wäre es aber wieder notwendig, Produktionsexperimente durchzuführen. Nur auf diese Weise könnte man nämlich z.B. für Verben mit der Grundabfolge IO<DO durch eine systematische Variation der Länge von IO genau ermitteln, ab welchem Längenzuwachs von IO das Prinzip PWG in Konkurrenz zu IO<DO tritt und bei welchem Zuwachs jeweils in welchem prozentualen Verhältnis ein Wechsel von der IO<DO-zur DO<IO-Abfolge stattfindet. Dabei würde sich auch als ein für das zugrundeliegende dynamische System wichtiges Resultat herausstellen, ob die Satzgliedlänge einen stetig ansteigenden Einfluss auf den Positionswechsel hat oder ob ein Sprungphänomen vorliegt. Im zweiten Fall hätte PWG ab einer bestimmten Länge von IO absoluten Vorrang vor IO<DO. Dagegen müsste man im ersten Fall davon ausgehen, dass das Gewicht von PWG noch längenabhängig ist. Außerdem wäre in Produktionsexperimenten zu überprüfen, welche Rolle das von Hawkins (1994) eingeführte Maß des sog. syntaktischen Gewichts spielt und ob man in PWG statt der Länge besser dieses Komplexitätsmaß verwenden sollte.

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Was nun die Erklärung von PWG betrifft, so ist zunächst anzunehmen, dass sich auch PWG auf das Prinzip „Einfaches vor Komplexem“ (EF<KP) zurückführen lässt. Eine funktionale und empirisch konkretere Erklärung für PWG basiert aber vermutlich auf dem Umstand, dass sich ein Verstoß gegen PWG ab einer gewissen Komplexität von IO in einer unerwünscht langen Verarbeitungszeit bei der Satzproduktion und/oder -rezeption auswirkt, die aus Effizienzgründen möglichst vermieden werden sollte. Erst bei einer größeren Zeitverlängerung wird ein solcher Verstoß jedoch mit einer deutlich eingeschränkten Akzeptabilität verbunden sein. Ob z.B. die IO<DO-Version Maria zeigt dem neuerdings in ihrer Klasse unterrichtenden Lehrer das Buch schon weniger akzeptabel ist als (3/1h), lässt sich intuitiv beurteilt und durch Befragungen evtl. nicht eindeutig entscheiden. Deshalb sollte man zumindest in Zweifelsfällen Rezeptionsexperimente durchführen, in denen die Verarbeitungszeiten für Sätze mit voran-und nachgestelltem IO bei variierender syntaktischer Komplexität von IO miteinander verglichen werden. Sofern dann nachgewiesen wurde, dass bei Sätzen vom Typ (3/1h) ab einer gewissen Komplexität von IO die Verarbeitungszeit der DO<IO-Version signifikant geringer ist als die der IO<DO-Version, stellt sich anschließend die Frage, wie man diesen Effekt erklären kann. Naheliegend ist analog zur Erklärung für das Prinzip PPRO<DNP, dass bei komplexen definiten Nominalphrasen die Referenzherstellung aufwändiger ist als bei einfachen solcher Phrasen. Denkbar wäre aber auch, dass eine Nachstellung von DO zusätzlich oder vor allem die Valenzverknüpfung von DO mit dem finiten Verb wegen der relativ großen Distanz zwischen diesen beiden Satzgliedern erschweren würde und dass (auch) deshalb die DO<IO-Version günstiger ist. Unabhängig davon, was Verarbeitungszeitmessungen diesbezüglich ergeben, wird deutlich, dass bei man einer empirischen Überprüfung von PWG auch den Faktor „Satzkonstruktion“ variieren muss.

3.3.2.2Definites vor Indefinitem

Ein weiteres grundlegendes Präzedenzprinzip besagt, dass man indefinite Satzglieder i.Allg. definiten nachstellt (vgl. Lenerz 1977: 63; Eisenberg 1989: 418). Speziell sollte demzufolge für einfache definite und indefinite Nominalphrasen (DNP bzw. INP) – bei Wahl einer nichtgenerischen Interpretation von INP – die Abfolge DNP<INP gelten. Aus PPRO<DNP und DNP<INP lässt sich dann außerdem PPRO<INP ableiten. Zunächst kann man empirisch überprüfen, ob die Abfolge DO<IO öfter vorkommt als die Grundabfolge IO<DO.

(3/1i) Maria zeigt das Buch einem Lehrer.

(3/1j) Maria zeigt einem Lehrer das Buch.

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Erneut ist es m.E. schwierig, intuitiv zu beurteilen, ob (3/1i) akzeptabler ist als (3/1j). Diese Schwierigkeit hängt vermutlich u.a. damit zusammen, dass (3/1i) zwar DNP<INP einhält, aber zugleich IO<DO verletzt. Insofern bietet es sich an, ein entsprechendes Produktionsexperiment durchzuführen oder zu untersuchen, ob die Verarbeitungszeit von Sätzen wie (3/1j) länger ist als die von Sätzen wie (3/1i). Möglich ist aber auch eine indirekte Argumentation. Das wird deutlich, wenn man die beiden Satzversionen mit indefinitem DO miteinander vergleicht.

(3/1k) Maria zeigt dem Lehrer ein Buch.

(3/1l) Maria zeigt ein Buch dem Lehrer.

(3/1l) ist im Unterschied zu (3/1i) vermutlich nur eingeschränkt akzeptabel. In (3/1i) -(3/1l) liegt also wieder ein Symmetriebruch vor. Wahrscheinlich ist die für die unterschiedliche Akzeptabilität von (3/1j) und (3/1l) verantwortliche versteckte Variable dadurch gegeben, dass die Grundabfolge IO<DO bei (3/1j) eingehalten und bei (3/1l) verletzt wird. Wie man von (3/1b) her weiß, reicht nur eine solche Verletzung jedoch nicht aus, um (3/1l) eingeschränkt akzeptabel zu machen. Deshalb ist die eingeschränkte Akzeptabilität von (3/1l) offensichtlich dadurch bedingt, dass (3/1l) nicht nur IO<DO verletzt, sondern wegen der Indefinitheit von ein Buch auch DNP<INP. M.a.W. anders als bei (3/1j) führen die Nichteinhaltung von DNP<INP bei (3/1l) und die gleichzeitige Verletzung der Grundabfolge zu einer erkennbar eingeschränkten Akzeptabilität. Genereller muss man also davon ausgehen, dass sich die Effekte von miteinander interagierenden Präzedenzprinzipen verstärken oder abschwächen können. Damit liegt eine Konstellation vor, wie sie in jüngster Zeit in sog. optimalitätstheoretischen Ansätzen behandelt wird (vgl. etwa Dürscheid 2003: 158ff.). Wenn zudem wie in bestimmten, schon seit längerem propagierten Ansätzen zu Recht angenommen wird, dass die betreffenden Prinzipien ein unterschiedliches Gewicht haben können (so z.B. schon von Uszkoreit 1986 und Jacobs 1988), dann ist der Punkt erreicht, wo zuverlässige Rückschlüsse auf die Gewichte und Interaktionen der relevanten Prinzipien oft nur noch durch eine systematische Auswertung von Produktions-und Rezeptionsexperimenten der skizzierten Art möglich sind.

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Weil es bei Sätzen wie (3/1i) -(3/1l) keinen Unterschied in der syntaktischen Komplexität von DO und IO gibt, kann man schon vermuten, dass das Prinzip DNP<INP semantisch begründet ist. Zugleich liegt es nahe zu fragen, ob sich DNP<INP ähnlich wie PPRO<DNP evtl. auf einen Unterschied im referenzsemantischen Aufwand zurückzuführen lässt. Zwar muss auch bei einer indefiniten Nominalphrase lediglich ein Referenzobjekt neu ins Fokuszentrum gerückt werden und es ist je nach Verständigungserwartungen nicht immer notwendig zu klären, welches konkrete Objekt das ist. Sobald es aber um eine Überprüfung der Geltung von Aussagen geht, wird der semantische Verarbeitungsaufwand für indefinite Nominalphrasen i.Allg. größer sein als für definite. Wenn man nämlich z.B. entscheiden will, ob (3/1i) in der thematisierten Situation S gilt, dann ist es für die Suche nach einem geeigneten Referenten in S für das Dativobjekt einem Lehrer zweckmäßig, zunächst die i.Allg. kleine Menge der (männlichen) Adressaten zu bestimmen, denen das betreffende Buch gezeigt wird. Schon aus diesem Grund ist die Abfolge DNP<INP inkrementell effizienter als INP<DNP. Hinzu kommt, dass man danach evtl. überprüft, ob mindestens einer der Adressaten zu den Personen gehört, die in S als Lehrer bekannt sind. Sofern diese Überprüfung erst nach Betrachtung mehrerer Adressaten ein positives oder negatives Urteil ermöglicht, ist sie aufwändiger, als wenn man lediglich für den einen, bereits eingeführten Referenten eines definiten Dativobjekts dem Lehrer zu prüfen hat, ob er der Adressatenmenge angehört. Deshalb ist zu vermuten, dass sich auch das Prinzip DNP<INP auf das Prinzip EF<KP zurückführen lässt.

Der Vollständigkeit halber ist als Nächstes zu fragen, welche Grundabfolge für Standardverben wie zeigen gilt, wenn direktes und indirektes Objekt beide einfache indefinite Phrasen sind. Theoretisch kann man eine Geltung von IO<DO erwarten, weil vorerst kein anderes Prinzip gegen diese Abfolge spricht und weil sie sich wieder aus dem Prinzip „Belebtes vor Unbelebtem“ ableiten lässt. Diese Erwartung scheint sich zu bestätigen, wenn man folgende Sätze miteinander vergleicht.

(3/1m) Maria zeigt einem Lehrer ein Buch.

(3/1n) Maria zeigt ein Buch einem Lehrer.

Zumindest intuitiv beurteilt ist (3/1m) m.E. die ‚geläufigere‘ Variante. Dieses Urteil wäre aber genauer empirisch abzusichern. Dagegen ergibt sich z.B. für das Ausnahmeverb aussetzen aus der eingeschränkten Akzeptabilität von Maria setzt einer Gefahr einen Lehrer aus eindeutig, dass für dieses Verb weiterhin die Grundabfolge DO<IO gilt.

Schließlich sollte man für Standardverben untersuchen, ob es relevante Effekte einer Interaktion von IO<DO, DNP<INP und PWG gibt. Z.B. scheint einerseits eine gleichzeitige Nichteinhaltung der ersten beiden Prinzipien schwerer zu wiegen als eine mittelgradige Verletzung von PWG. Darauf deutet ein Vergleich folgender Sätze hin.

(3/1o) Maria zeigt dem neuerdings in ihrer Klasse unterrichtenden Lehrer ein Buch.

(3/1p) Maria zeigt ein Buch dem neuerdings in ihrer Klasse unterrichtenden Lehrer.

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Andererseits ist eine Nichteinhaltung von DNP<INP vermutlich gravierender, wenn zusätzlich PWG verletzt wird. Ein Beleg dafür könnte sein

(3/1q) Maria zeigt einem neuerdings in ihrer Klasse unterichtenden Lehrer das Buch.

Jedenfalls ist (3/1q) m.E. etwas weniger akzeptabel als (3/1j). Alle solche Beispiele zeigen aber, dass man für eine Untersuchung von Interaktionseffekten empirisch zuverlässigere und genauere Verfahren als nur Akzeptabilitätsratings einsetzen muss.

3.4Beziehungen zwischen Satzgliedabfolge, Akzentuierung und Informationsstruktur

Die informationsstrukturell bedingten Abweichungen von den Grundabfolgen für DO und IO im Mittelfeld sind schwerer zu durchschauen als die verarbeitungserleichternden und erklären lassen sie sich erst, wenn man genauer als bisher untersucht, welche Faktoren zur Bildung einer Informationsstruktur in Sätzen führen und um was es sich bei diesen Strukturen genau handelt. Dazu muss theoretisch und empirisch weiter ausgeholt werden. Ein Einflussfaktor ist bekanntlich die Akzentuierung von Konstituenten; das legen auch zwei Ergebnisse aus Abschnitt 3.3.1 schon nahe. Einen anderen Faktor bilden vorausgehende Fragen. Allerdings hat man in der Linguistik bislang i.W. nur die informationsstrukturellen Auswirkungen einfacher W-Fragen mit einem Fragewort betrachtet und den Einfluss von Sätzen mit mehreren Fragewörtern, die nämlich Gappingkonstruktionen vorausgehen können, nicht untersucht (s. Abschnitt 3.4.9). Diese Konstruktionen können die Satzgliedabfolge aber – wie Abschnitt 3.3.1 schon gezeigt hat – ebenfalls beeinflussen. Insofern mangelt es bisher erstens an einer breiter angelegten Kotextvariation. Zweitens sollte man das Zusammenspiel verschiedener informationsstrukturell relevanter Faktoren methodisch in voneinander getrennten Arbeitsschritten untersuchen. Drittens muss das Verhältnis von informationsstruktureller und semantischer Interpretation genauer aufgeklärt werden. Schließlich ist die noch nicht untersuchte Möglichkeit zu berücksichtigen, dass es Beziehungen zwischen Informations-, Konstituenten-und Valenzstrukturen gibt.

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Der Informationsstruktur eines Satzes sind alle Phänomene zuzurechnen, die die Gliederung, Verteilung, Reihenfolge, Verknüpfung und Funktion der im Satz formulierten Teilinformationen betreffen. Der einem Satz als Grundbedeutung zugeordnete Sachverhalt kann nämlich je nach Mitteilungszweck in unterschiedlicher Weise dargestellt werden. Eine Beantwortung der Frage, welche Möglichkeiten es hierfür gibt, wird in der vorliegenden Literatur durch verschiedene, nicht ausreichend gelöste terminologische und theoretische Probleme erschwert. Auf sie kann hier nur teilweise eingegangen werden; für einige dieser Probleme lassen sich aber Lösungen vorschlagen. Einen für die nachfolgende Diskussion wichtigen Einstieg in das Thema „Informationsstruktur“ bildet die schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts vertretene intuitive Auffassung, dass man in Aussagesätzen neben den grammatischen Kategorien von Subjekt und Prädikat in bestimmten Fällen auch zwei davon zu unterscheidende funktionale Konzepte benötigt, nämlich das eines ‚psychologischen‘ Subjekts und das eines ‚psychologischen‘ Prädikats (vgl. etwa von der Gabelentz 1891: 370f. oder Engelkamp 1976: 77ff.). Beide Konzepte wurden später durch die Einführung der Thema-Rhema-bzw. der neueren Topik-Kommentar-Gliederung aufgegriffen. Zusätzlich führte man anstelle des Konzepts „psychologisches Prädikat“ einen Fokusbegriff ein, dessen Definition sich aber als problematisch erweist und der nicht mit dem hier bisher verwendeten Fokusbegriff verwechselt werden darf. Außerdem fehlt in den gegenwärtig vertretenen informationsstrukturellen Theorieansätzen eine Überprüfung bestimmter, an die Überlegungen von Paul (1880) anschließender Folgerungen. Das zeigt sich schon im Zusammenhang mit der These, dass in elementaren Aussagesätzen AS im Prinzip jedes Satzglied SG den Fokus bilden kann, nämlich u.a. dann, wenn AS ein korrespondierender Fragesatz FS vorangestellt wird, mit dem SG akzeptabel erfragbar ist. Inwiefern ist dann die ursprüngliche Bezeichnung „psychologisches Prädikat“ berechtigt? Diesbezüglich nahm Paul an, dass AS im Kontext von FS dieselbe Bedeutung hat wie ein zu AS gehöriger Pseudospaltsatz. Danach wäre z.B. in den Sätzen

(3/1a) Maria zeigt dem Lehrer das Buch.

(3/1b) Maria zeigt das Buch dem Lehrer.

das direkte Objekt das Buch ein psychologisches Prädikat, wenn (3/1a) bzw. (3/1b) die Frage

(3/2a) Was zeigt Maria dem Lehrer?

vorausgeht. Begründet wird diese Einstufung für (3/1a) mit der Aussage, der Pseudospaltsatz

PS(3/2a)(3/1a) Das, was Maria dem Lehrer zeigt, ist das Buch. sei eine Paraphrase von (3/1a) im Kontext von (3/2a). Das Gleiche würde für (3/1b) gelten, weil der zu (3/1b) gehörige Pseudospaltsatz mit PS(3/2a)(3/1a) identisch ist. Zwar hat in diesem Satz das direkte Objekt das Buch grammatisch eine prädikative Funktion; der Genauigkeit halber sollte man dann aber nicht von einem psychologischen Prädikat sprechen. Ein analoger Sachverhalt wird angenommen, wenn man (3/1a) bzw. (3/1b) die Frage voranstellt:

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(3/2b) Wem zeigt Maria das Buch?

In diesem Fall hat nämlich das indirekte Objekt dem Lehrer im zugehörigen, für (3/1a) und (3/1b) wieder identischen Pseudospaltsatz

PS(3/2b)(3/1a) Derjenige, dem Maria das Buch zeigt, ist der Lehrer. eine prädikative Funktion.

Bei einer genaueren semantischen Analyse stellt sich jedoch heraus, dass die Paraphrasenannahme gar nicht zutrifft und modifiziert werden muss. Trotzdem kann man die These von der prädikativen Funktion erfragter Konstituenten – wie sich später herausstellt – in einem zu präzisierenden Sinne nachweisen und mit ihr eine wichtige strukturelle Eigenschaft solcher Konstituenten begründen. Zu überprüfen sind aber noch zwei weitere Folgerungen aus der Paraphrasenannahme. Eine ebenfalls in der Literatur formulierte These, die sich als semantische Folgerung aus der Paraphrasenannahme ergibt, besagt, dass (3/1a) und (3/1b) im Kontext von (3/2b) die Existenzpräsupposition

EP Es gibt eine Person, der Maria das Buch zeigt.

besitzen. Zweifellos erfüllt PS(3/2b)(3/1a) die für Präsuppositionen einschlägige Definitionsbedingung, dass EP sowohl aus PS(3/2b)(3/1a) als auch aus der Negation von PS(3/2b)(3/1a) folgt. Demzufolge muss man überprüfen, ob EP auch unabhängig von der Paraphrasenannahme im Kontext von (3/2b) eine Präsupposition von (3/1a) und (3/1b) bildet. Eine dritte, in der Literatur aber nicht diskutierte Folgerung aus der Paraphrasenannahme könnte besagen, dass elementare Antwortsätze nach W-Fragen nicht wie im kotextunabhängigen Normalfall in grammatisches Subjekt und Prädikat zu unterteilen sind, sondern in einer der Konstituentenstruktur des Pseudospaltsatzes entsprechenden Weise. Für (3/1a) würde das z.B. bei Voranstellung von (3/2b) bedeuten, dass die Einheit des grammatischen Prädikats zerstört wird, weil jetzt Maria zeigt das Buch und dem Lehrer als unmittelbare Konstituenten anzusetzen sind. Dann wäre Maria zeigtdas Buch eine diskontinuierliche Konstituente von (3/1a). Auch die dritte Folgerung sollte man mit einem von der Paraphrasenannahme unabhängigen Verfahren überprüfen. Insgesamt gesehen ist es also erforderlich, genauer als bisher zu untersuchen, welche syntaktischen und semantischen Effekte mit informationsstrukturellen Faktoren wie der Erfragung von Konstituenten verbunden sind.

3.4.1Der Einfluss einfacher W-Fragen auf die Inferenzbildung in den Antworten

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Die Durchführung der eben skizzierten Untersuchungsschritte erfordert einerseits eine Diskussion über die Definition des informationsstrukturellen Fokusbegriffs. Andererseits lässt sich dann die Frage nach dem Einfluss bestimmter Kontexte auf die Informationsstruktur zunächst für den Fall behandeln, dass elementaren Aussagesätzen AS vom Typ (3/1a) oder (3/1b) als Kotext syntaktisch parallele W-Fragesätze FS mit nur einem Fragewort vorausgehen, also Fragesätze wie (3/2a) oder (3/2b). In diesem Fall gibt es nämlich in AS genau eine zur Fragekonstituente syntaktisch korrespondierende Antwortkonstituente (nachfolgend abgekürzt mit AKO), die sogar schon syntaktisch allein eine Antwort auf (3/1a) bzw. (3/1b) liefert und die nach gängiger Annahme den Fokus bildet. M.a.W. es wird unterstellt, dass der primäre Kotexteffekt von FS zunächst ausschließlich in der Zuweisung der Fokusrolle an die AKO besteht. Ob die AKO diese Rolle aber – wie angenommen – zwangsläufig oder nur unter bestimmten zusätzlichen Bedingungen erhält, müsste eigentlich genauer überprüft werden. Zudem weiß man bei dieser Rollenzuweisung noch nicht, welche semantischen Konsequenzen sie für die Informationsstruktur von AS hat.

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Für den Fokusbegriff werden in der Literatur hauptsächlich zwei Charakterisierungen vorgeschlagen. Eine von ihnen geht davon aus, dass auf den Fokus jeweils eine besondere Aufmerksamkeit gelenkt wird. Die Frage, welche informationsstrukturelle Funktion damit verbunden ist, wurde zunächst oft mit der Annahme beantwortet, dass der Fokus die jeweils neue Information in Sätzen liefert (so z.B. bei Engelkamp 1976: 79). Diese Annahme erweist sich aber als zu eng. Deshalb wird hier angenommen, dass die Herstellung einer besonderen Aufmerksamkeit auf den Fokus dazu führt, dass die mit ihm verbundene Information als vergleichsweise kommunikativ besonders wichtig eingestuft wird. Dann ist zu klären, welche syntaktische und/oder semantische Funktionen eine derartige Relevanzsetzung ggf. hat. Speziell im Fall, dass die Fokus-Information empirisch oder normativ unerwartet ist, kann sie – so die hier vertretene und noch genauer zu begründende Position – bei der Rezeption von Sätzen des Typs AS bezogen auf eine Situation S aufgrund einer semantischen Vollständigkeitserwartung außer Rückfragen auch implizite bedeutungserweiternde Inferenzen auslösen, die über die Interpretation von AS im engeren Sinne hinausgehen und deshalb im Rahmen einer dynamischen Inferenzsemantik zu modellieren sind. Solchen Inferenzen liegen oft nichtmonotone Schlüsse mithilfe von nicht ausnahmslos geltenden Normalfallregularitäten und/oder die Anwendung spezieller alltagslogischer Schlussmuster (der sog. Schlusstopoi) zugrunde (vgl. Kindt 1994b). Auf die besondere Rolle solcher Schlüsse für die syntaktische und semantische Sprachverarbeitung wurde schon in Abschnitt 1.2.3 hingewiesen. Sie sind aber nur dann logisch zulässig, wenn nach dem für S vorliegenden Kenntnissen des/der Rezipierenden alle für sie relevanten Prämissen in S gelten. Bei handlungsdarstellenden Sätzen dienen entsprechende Rückfragen oder Schlüsse oft einer Klärung der Handlungsursachen und/oder einer Handlungsbewertung. Das hängt damit zusammen, dass man Handlungen stets nach ihren Gründen und Konsequenzen beurteilt. Z.B. lässt sich aus (3/1a) bei Voranstellung von (3/2a) unter bestimmten, für den Schulkontext einschlägigen Bedingungen evtl. das Ziel Maria möchte den Lehrer mit ihrer Kenntnis des Buchs beeindrucken folgern und somit funktional erklären, warum die Referentin von Maria (wie üblich notiert mit Maria’) in S das besagte Buch vorzeigt. Zugleich könnte Marias’ Handlung implizit als ein ‚sich einschleimen wollen‘ bewertet werden. Solche Erklärungen und Evaluationen sind aber nicht Teil der generellen Satzbedeutung, sondern sie bilden kontextuell evtl. naheliegende Bedeutungserweiterungen, über die sich hier jeweils nur bestimmte, der Illustration dienende Vermutungen anstellen lassen.

Als eine zweite Charakterisierung des Fokusbegriffs wird in der einschlägigen Literatur das Kriterium vorgeschlagen, dass der Fokus eines Satzes die Existenz einer Menge ALT von Alternativen anzeigt (vgl. etwa Krifka 2007). Genauer formuliert müsste dieser Vorschlag besagen, dass ALT eine situationsabhängige Menge von zum Fokus alternativen Ausdrücken oder von deren Denotaten bildet. Trotzdem bleibt dann noch unklar, wie ALT empirisch zu ermitteln ist. Die Grundidee des Kriteriums der Alternativenanzeige basiert auf der Annahme, dass der Fokus stets eine kontrastive Funktion hat. Der Versuch, das Kriterium und seine semantischen Folgen zu präzisieren, ist aber – wie sich nachfolgend zeigen wird – mit verschiedenen Problemen verbunden. Für den bisher diskutierten Fall einfacher W-Frage-Antwort-Sequenzen FS+AS sollte man die Menge ALT m.E. so definieren, dass zu ihr genau diejenigen Denotate gehören, die bei einer Ersetzung des Denotats der AKO durch sie zu Aussagen führen, deren Geltung in der thematisierten Situation S für den zugehörigen Kontext vergleichsweise naheliegt und i.Allg. mit der Geltung des zur AKO gehörigen Antwortsatzes AS in S wechselseitig inkompatibel ist. Dieser Vorschlag klärt zunächst, welcher Zusammenhang zwischen den Elementen von ALT und der Geltung von AS in S besteht. Dabei garantiert die Inkompatibilitätsbedingung, dass die AKO einen semantischen Kontrast zu den Elementen von ALT aufbaut. Außerdem wird vermieden, dass man die Interpretation von AS durch eine Einbeziehung der ggf. zahlreichen möglichen, aber nicht naheliegenden Antwortalternativen als einen übermäßig komplexen Prozess ansetzt (s.u.).

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ALT im Sinne der vorgeschlagenen Definition für konkrete Beispielsätze zu ermitteln, ist trotzdem oft schwierig oder gar nicht möglich. Als hilfreich stellt es sich aber heraus, wenn die AKO auf einen sprachlich begründeten Referenzbereich verweist, über dessen Objekte man je nach Situation bestimmte zur AKO parallele Aussagen machen kann. So lassen sich evtl. auch naheliegende Alternativen zum AKO-Denotat ermitteln. Beispielsweise verweist in der Frage-Antwort-Sequenz

FV Wie ist Maria nach Berlin gefahren?

AV Maria ist gestern mit dem Zug nach Berlin gefahren.

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das Nomen Zug in der AKO von AV auf den Gesamtbereich aller in der betreffenden Situation S nutzbaren Verkehrsmittel. Sofern also in S gilt, dass Maria’ eine Fahrt nach Berlin unternommen hat, war es ihr allerdings weder möglich noch naheliegend, jedes zu diesem Bereich gehörige Mittel zu nutzen. So ist schon sprachlich ausgeschlossen, dass sie mit einem Flugzeug nach Berlin fuhr. Außerdem gilt: Falls sich Maria’ zunächst in Bielefeld aufhielt, dann konnte sie nicht wie von Potsdam aus mit dem Schiff nach Berlin fahren. Dagegen war für sie eine Fahrt mit dem Fahrrad zwar im Prinzip möglich, aber wegen der großen Entfernung zwischen Bielefeld und Berlin nicht naheliegend, weil eine solche Fahrt die negative Konsequenz eines sehr hohen Zeitbedarfs hat. Dieser Begründung liegt übrigens eine typische Anwendung des Schlussmusters des aristotelischen Konsequenztopos zugrunde (vgl. Aristoteles 1980: 151– 52; Kindt 1994b: 474ff. und 2007a: 124ff.). In der obigen Definition von ALT wird nun unterstellt, dass die fehlende Eignung als Verkehrsmittel weder für eine Schiffsnoch für eine Fahrradfahrt eine kontrastive inferenzielle Bedeutungserweiterung notwendig macht. Anders verhält es sich mit der Nutzung eines Autos. Sie lässt sich bei Fahrten innerhalb Deutschlands als i.Allg. naheliegend inferieren, jedenfalls dann, wenn in S gilt, dass Maria’ den Führerschein besitzt und über ein Auto verfügt. Für diese Inferenz gibt es jedoch situationsabhängige Ausnahmen. Für Maria’ war nämlich eine Fahrt mit dem Auto in S z.B. dann keine mögliche Alternative zu einer Bahnfahrt, wenn es sich gerade zur Reparatur in einer Werkstatt befand. Sofern aber keine der zu beachtenden Ausnahmebedingungen in S erfüllt ist, kann die AKO mit dem Zug eine kontrastive Funktion gegenüber einer Autofahrt haben. Wenn AV also in S gilt, dann kann auch der Sachverhalt, dass Maria’ nicht mit einem Auto fuhr, als eine kontrastive Information inferiert werden. Zudem ist sie evtl. ein Anlass dafür, weitere Schlussfolgerungen aus AV ziehen. Insbesondere wenn Maria’ bisher immer mit dem Auto nach Berlin gefahren ist und eine Bahnfahrt deshalb nicht erwartbar war, würde man ggf. eine Erklärung dafür suchen, warum sich Maria’ diesmal gegen eine Autofahrt entschied, und vermutet dann vielleicht, dass sie die Zeit der Bahnfahrt nutzen wollte, um zu lesen oder zu arbeiten. Oder sie wollte sich zugunsten der positiven Konsequenzen einer Bahnfahrt umweltfreundlich verhalten. Insgesamt gesehen können also evtl. bestimmte Inferenzen für die Bestimmung der Elemente von ALT sowie weitere daraus resultierende Folgerungen gezogen werden; sie fallen aber je nach Kontext-und Situationsbedingungen oft ganz unterschiedlich aus. Deshalb müsste man bei einer semantischen Analyse der Sequenz FV+AV der Vollständigkeit halber noch diskutieren, ob nicht auch eine Busfahrt eine naheliegende Alternative für Maria’ war und warum sie nicht infrage kam. Unabhängig davon erweist es sich für die Interpretation von AV jedenfalls als vorteilhaft, dass wegen der Exklusivität der möglichen Verkehrsmittel auch die Eigenschaft der wechselseitigen Inkompatibilität von AV mit naheliegenden Antwortalternativen i.Allg. zwangsläufig erfüllt ist.

Mit dem Kriterium der Alternativenanzeige ist allerdings in vielen Fällen das Problem verbunden, dass sich keine begründete Aussage über einen zugehörigen Referenzbereich und/oder über die Alternativenmenge ALT machen lässt. Wenn man nämlich die Menge ALT z.B. für die Sequenz (3/2a)+(3/1a) ermitteln will, dann ist für den Fokus das Buch kein sprachlich begründeter Referenzbereich gegeben und deshalb lässt sich nur unter speziellen Situations-oder Kontextvoraussetzungen beurteilen, welche Gegenstände als naheliegende Alternativen zu (das Buch)’ infrage kommen. Gewisse in der Situation vorhandene Schriftstücke wie Marias’ Poesiealbum oder Gegenstände anderer Art wie ihr Handy? Insofern ist es für ein Verständnis von Frage-Antwort-Sequenzen offensichtlich weder immer möglich noch unbedingt erforderlich, Entscheidungen über die Existenz und Zusammensetzung von ALT zu fällen; m.a.W. das Kriterium der Alternativenanzeige kann keine für Foki notwendige Definitionsbedingung sein. Hilfsweise lässt sich ALT aber als leere Menge ansetzen, falls in der jeweiligen Situation mit den für sie vorliegenden Kontextinformationen keine naheliegende Alternative zum Denotat der AKO zu finden ist. Aber auch in diesem Fall hat die AKO keine kontrastive Funktion.

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Trotz der Schwierigkeit einer Bestimmung von ALT soll auch am Beispiel der Frage-Antwort-Sequenz (3/2b)+(3/1b), die m.E. etwas akzeptabler ist als (3/2b)+(3/1a) (s. Abschnitt 3.4.2), illustriert werden, welche Bedeutungserweiterungen mit dem Lehrer in (3/1b) verbunden sein könnten. Ohne vorausgehende Frage würde man unter bestimmten Situationsbedingungen vielleicht aus (3/1b) folgern, dass sich (der Lehrer)’ über die Zeigehandlung von Maria’ freut. Dagegen ist die Inferenzbildung bei einer Erfragung von dem Lehrer evtl. eher darauf ausgerichtet zu erklären, warum Maria’ (das Buch)’ (dem Lehrer)’ zeigt. Eine nichtkontrastive Inferenz würde sich z.B. ergeben, wenn für die Situation S bekannt ist, dass Maria’ ein Referat über (das Buch)’ halten möchte. Dann könnte man vermuten, dass sie deshalb mit (dem Lehrer)’ darüber sprechen möchte. Für die Bestimmung einer kontrastiven Bedeutung von (3/1b) besteht dagegen das Problem, dass zu der erfragten AKO dem Lehrer unterschiedliche Referenzbereiche von ggf. in S präsenten Personen passen. Und zwar könnte mit ihr z.B. berufsbezogen ein Kontrast zu einem Pfarrer formuliert sein, geschlechtsbezogen zu einer Lehrerin, rollenbezogen zu einem Schüler oder unspezifisch zu irgendeiner von Maria’ und (dem Lehrer)’ verschiedenen Person. Eine Bestimmung möglicher Alternativen zu (dem Lehrer)’ setzt dann insbesondere Kenntnisse darüber voraus, ob es noch andere Personen gibt, die in S für eine Zeigehandlung von Maria’ erreichbar wären.

Ein anderer Fall von Frage-Antwort-Sequenzen betrifft die Möglichkeit, dass nur ein Satzgliedteil erfragt wird wie etwa in FL Welchem Lehrer zeigt Maria das Buch? und dass man dann als Antwort z.B. AP Dem Physiklehrer oder AU Dem unbeliebten Lehrer erhält. Auch hier ist die zur Fragekonstituente welchem Lehrer jeweils korrespondierende AKO als Fokus einzustufen. Zudem reicht statt AU sogar schon dem unbeliebten als Antwort auf FL. Zugleich zeigt das Beispiel FL+AU aber, dass auch ein vom Nomen in der AKO verschiedenes Wort den relevanten Referenzbereich bestimmen kann. Speziell ruft in AU das Adjektiv unbeliebten den für die Alternativenermittlung situativ zuständigen Referenzbereich auf, nämlich den Bereich der hinsichtlich ihrer Beliebt-oder Unbeliebtheit beurteilbaren Lehrpersonen. Deshalb bildet die Unbeliebtheit des in der AKO genannten Lehrers auch den Anlass für eventuelle Rückfragen oder erklärungsbezogene Inferenzen. So würden Rezipierende vielleicht erfragen oder erschließen wollen, warum sich die Zeigehandlung von Maria’ in der betreffenden Situation gerade an einen unbeliebten Lehrer richtet. Ein Grund hierfür könnte der Umstand sein, dass Maria’ ein Referat bei diesem Lehrer halten muss. Dagegen assoziiert man zugunsten einer kontrastiven Bedeutungserweiterung mit dem hervorgehobenen Adjektiv unbeliebten vermutlich oft die Aussage, dass es in der Alternativenmenge mindestens einen beliebten Lehrer aus dem Referenzbereich der Lehrpersonen gibt, der normalerweise eher als Adressat der Zeigehandlung von Maria’ infrage gekommen wäre.

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Etwas anders gelagert ist schließlich der Fall, in dem mit Was macht Maria (heute Abend)? z.B. nach Aktivitäten von Maria’ gefragt wird. Für diesen Fall wird in der Literatur zumeist angenommen, dass das gesamte Prädikat bzw. der Antwortteil von ihm in möglichen Antworten wie Maria geht (heute Abend) ins Kino einen sog. weiten, nämlich mehrere Satzglieder umfassenden Fokus bildet. Zwar ist hier das (anteilige) Prädikat PR geht ins Kino weder eine zum Fragewort korrespondierende AKO, noch ist PR als grammatisch eigenständige Antwort verwendbar. Trotzdem liefert PR eine vom Frageteil Was macht (heute Abend) angeforderte Antwortinformation und das spricht für eine Einstufung von PR als Fokus. Außerdem lassen sich unter geeigneten Kontextbedingungen auch kontrastive und/oder nichtkontrastive Inferenzen ziehen. Z.B. könnte das Verhalten von Maria’ ungewöhnlich sein, weil sie meistens abends zu Hause bleibt. Erklärbar wäre ihr Verhalten dann evtl. mit der Inferenz, dass sie momentan Besuch von einer Briefreundin hat und mit ihr etwas unternehmen möchte. Allerdings gibt PR keinen sprachlich begründeten Referenzbereich für eine Ermittlung naheliegender Alternativhandlungen vor. Trotzdem könnten im jeweiligen Kontext natürlich entsprechende Informationen über gängige abendliche Beschäftigungen von Maria’ vorliegen. Der Fall eines weiten Fokus wird in Abschnitt 4.1.2 noch einmal für die Frageversion Was möchte [] machen? angesprochen, bei der z.B. ins Kino gehen wieder als grammatisch eigenständige Antwort verwendbar ist.

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Als vorläufiges Fazit lässt sich zum Fokusbegriff sagen: Wegen der fehlenden festen Kopplung zwischen Fokus und Alternativenanzeige ist als genereller Effekt einer W-Frage-Antwort-Sequenz nur die Besonderheit der AKO durch eine resultierende Aufmerksamkeitsherstellung und Relevanzsetzung mit einer eventuellen Inferenzbildung anzunehmen. Diese Eigenschaft bildet eine notwendige, aber nicht immer hinreichende Voraussetzung für das Erschließen naheliegender Alternativen. Zudem bleibt bei einer kontextisolierten Betrachtung von W-Frage-Antwort-Sequenzen ohnehin oft unklar, welche konkreten kontrastiven und/oder nichtkontrastiven Inferenzen durch die jeweilige Relevanzsetzung ausgelöst werden. Insofern stellt sich die Frage, ob die Relevanz der AKO-Information evtl. mit einer besonderen grammatischen Eigenschaft der AKO einhergeht. Statt nun weiterhin den speziellen Fokusbegriff zu verwenden, soll nachfolgend im Vorgriff auf den Nachweis einer eigenständigen prädikativen Funktion der AKO von einer „prädikativ hervorgehobene Konstituente“ (abgekürzt mit PHKO) gesprochen werden. Das hat vier Gründe. Erstens lässt sich so eine Kollision mit dem in 2.2.1 eingeführten Fokusbegriff vermeiden, der in Abschnitt 3.3.1 und 3.3.2 schon dazu diente, die Geltung bestimmter Präzedenzprinzipien zu erklären. Zweitens macht die Bezeichnung „hervorgehoben“ die Parallele zu dem noch zu diskutierenden Sachverhalt deutlich, dass auch eine besonders starke Akzentuierung von Wörtern ein gängiges Mittel der prädikativen Hervorhebung ist. Dabei lässt sich die Akzentuierung als eine von dem/der Sprecher/in selbstinitiierte kommunikative Technik einstufen, während eine durch Befragung bewirkte Hervorhebung „fremdinitiiert“ zu nennen ist. Drittens soll das Merkmal „prädikativ“ schon andeuten, dass es auch Hervorhebungen mit einer anderen Funktion gibt. Außerdem lässt sich nachweisen, dass die unterstellte prädikative Funktion der AKO eine mögliche Inferenzauslösung unterstützt. Viertens schließlich ist die AKO einer W-Frage-Antwort-Sequenz gegenüber anderen Konstituenten in der Antwort dadurch ausgezeichnet, dass sie selbst schon für eine Beantwortung der Frage ausreicht. Deshalb ist sie vermutlich grammatisch auch anders in die Antwort eingebunden als ohne vorausgehende Frage (s. Abschnitt 3.4.4).

3.4.2Der Einfluss einfacher W-Fragen auf die Satzgliedabfolge in den Antworten

Nach den vorausgegangenen begrifflichen und semantiktheoretischen Klärungen sowie den ersten Ergebnissen über die kontextgesteuerte Interpretation elementarer Aussagesätze mit einer prädikativen Hervorhebung kann jetzt mit der Variationsmethode untersucht werden, welchen Einfluss einfache W-Fragen nach dem direkten oder indirekten Objekt auf die Satzgliedabfolge in der Antwort haben und warum Abweichungen von der Grundabfolge evtl. begünstigt oder erschwert werden. Dabei wäre zwar für die Erforschung der Interaktion der verschiedenen Präzedenzprinzipien auch eine Betrachtung von AKO-Realisierungen durch Personalpronomina und indefiniten Nominalphrasen wünschenswert. Für das vorrangige Interesse einer Bestimmung der Funktion von prädikativ hervorgehobenen Konstituenten (PHKOs) reicht es aber, Antwortsätze vom Typ (3/1a) und (3/1b) zu analysieren, in denen beide Objekte einfache definite Nominalphrasen im Mittelfeld bilden. Deshalb sind folgende vier Frage-Antwort-Varianten hinsichtlich ihrer Kohärenz bzw. Akzeptabilität miteinander zu vergleichen.

(3/3a) Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt dem Lehrer das Buch.

(3/3b) Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt das Buch dem Lehrer.

(3/3c) Was zeigt Maria dem Lehrer? Maria zeigt dem Lehrer das Buch.

(3/3d) Was zeigt Maria dem Lehrer? Maria zeigt das Buch dem Lehrer.

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Als Erstes ist m.E. festzustellen, dass von den Beispielen (3/3a) -(3/3d) im schriftsprachlichen Fall bzw. bei stillem Lesen ohne besondere Akzentuierung nur (3/3d) eingeschränkt akzeptabel ist. Insofern liegt erneut ein Symmetriebruch vor und deshalb kann man analog zu dem in Abschnitt 3.3.2 erklärten Symmetriebruch von (3/1i) -(3/1l) überprüfen, ob die Interaktion konfligierender Präzedenzprinzipien für ihn verantwortlich ist. Tatsächlich lässt sich als Erklärung ein bekanntes informationsstrukturelles Prinzip geltend machen (vgl. Lenerz 1977: 63; Uszkoreit 1986: 22). Es besagt bei Verwendung des PHKO-Begriffs und bei Vorliegen nur einer Hervorhebung, dass (relativ positionsflexible) Satzglieder im Mittelfeld wie DO und IO, die keine PHKOs bilden, jeweils vor der PHKO stehen (abgekürzt: – PHKO<PHKO). Nun ist die Antwort (3/1a) in (3/3a) intuitiv beurteilt etwas weniger akzeptabel zu als die Antwort (3/1b) in (3/3b). Das lässt sich schon als ein erstes Indiz für einen Einfluss des PHKO-Prinzips werten. Denn wenn – PHKO<PHKO nicht oder sogar die umgekehrte Abfolge gelten würde, dann müsste die Antwort (3/1a), die im Unterschied zu (3/1b) die Grundabfolge IO<DO einhält, akzeptabler sein als (3/1b). Hinzu kommt: Sofern das intuitive Urteil über (3/1a) und (3/1b) korrekt ist, lässt sich die höhere Akzeptabilität von (3/1b) nur damit erklären, dass – PHKO<PHKO im Kontext der vorausgehenden Frage ein größeres Gewicht hat als IO<DO. Vergleicht man nun (3/3c) und (3/3d) miteinander, so ist die Akzeptabilität der Antwort (3/1b) in (3/3d) im Unterschied zur Antwort (3/1a) in (3/3c) stark eingeschränkt. Dieser Effekt belegt den Einfluss von – PHKO<PHKO noch deutlicher. Man kann nämlich den Akzeptabilitätsunterschied von (3/1a) in (3/3c) und (3/1b) in (3/3d) damit erklären, dass (3/1a) in (3/3c) beide einschlägigen Prinzipen befolgt und (3/1b) in (3/3d) keines von ihnen. Insofern wirkt sich die Verletzung zweier Prinzipien in (3/3d) auch stärker negativ aus als die Verletzung nur eines Prinzips in (3/3a). Weiterhin ergibt sich bezogen auf eine Beantwortung der einleitenden Fragestellung die Folgerung, dass einfache W-Fragen nach dem indirekten Objekt eine Abweichung von der Grundabfolge erleichtern, während Fragen nach dem direkten Objekt eine Abweichung erschweren; beide Effekte hängen aber mit der Geltung des PHKO-Prinzips zusammen. Insofern muss man abschließend nach einer Erklärung für dieses Prinzip suchen und dafür ist speziell (3/3b) zu betrachten. Warum also wird dort das indirekte Objekt, dem als AKO eine besondere Aufmerksamkeit zukommt und das evtl. eine für die Interpretation von (3/3b) besonders wichtige Information beinhaltet, abweichend von der Grundabfolge ans Satzende gerückt? Für eine Beantwortung dieser Frage kann man wieder auf eine von Behaghel (1932: 4, 8) formulierte Gesetzmäßigkeit verweisen, der zufolge das wichtigere Satzglied den weniger wichtigen nachfolgt und vorrangig in der Endposition steht, „damit es dem Hörenden möglichst fest im Gedächtnis bleibt“. Tatsächlich wurde erstmals von Atkinson und Shiffrin (1968) experimentell nachgewiesen, dass man sich an Informationen am Anfang und Ende von bestimmten Einheiten besonders gut erinnert (was in der Psychologie als primacy-und recency-Effekt bekannt ist). Also lässt sich zur Erklärung des Prinzips – PHKO<PHKO auch das unter bestimmten Bedingungen geltende informationsstrukturelle Verteilungsprinzip „Weniger Wichtiges vor Wichtigem“ anführen, das wiederum auf eine der drei Emotionsdimensionen nach Osgood et al. (1957) zu beziehen ist.

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Abschließend kann man fragen, ob nicht auch eine von der jeweiligen Grundabfolge abweichende Rechtsverschiebung eines Satzglieds an eine nachfolgende Position oder ans Satzende selbst ein syntaktisches Mittel der prädikativen Hervorhebung sein kann. Tatsächlich lässt sich nur so der bereits in Abschnitt 3.3.1 bemerkte Sachverhalt erklären, dass der von der Abfolge IO<DO für einfache definite NPs abweichende Satz (3/1b) bei einer kontextisolierten Betrachtung lediglich etwas weniger akzeptabel ist als der Satz (3/1a). Dagegen muss die ebenfalls in 3.3.1 konstatierte deutlich eingeschränkte Akzeptabilität z.B. von (3/1e) Maria zeigt ihm sie darauf zurückzuführen sein, dass sich das für Personalpronomina geltende Prinzip DO<IO stärker auswirkt als die relativ schwache prädikative Hervorhebung des Pronomens sie aufgrund seiner sehr ungewöhnlichen Verschiebung ans Satzende. Die Wirkung dieser Hervorhebung, das zugehörige Gewicht der Anwendung von – PHKO<PHKO und die Akzeptabilität von (3/1e) werden aber größer, wenn man (3/1e) die sie hervorhebende Frage Was zeigt Maria ihm? voranstellt. Auch in (3/3b) wird die Hervorhebung des ans Satzende verschobenen Dativobjekts dem Lehrer von (3/1b) mit der vorausgehenden Frage so verstärkt, dass (3/1b) dort etwas akzeptabler zu sein scheint als (3/1a) in (3/3a). Eine weitere und vermutlich noch stärker inferenzauslösende Hervorhebungswirkung hat in der gesprochenen Sprache das Mittel der Akzentuierung. Das wurde bereits in Abschnitt 3.3.1 für die Beispiele (3/1e) und (3/1g) illustriert und soll nachfolgend genauer untersucht werden.

3.4.3Einfache W-Fragen und der Einfluss der zugehörigen Akzentsetzung in den Antworten

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Der folgende Untersuchungsschritt dient einer Überprüfung des Einflusses einfacher W-Fragen auf die Akzentuierung von Satzgliedern in nachfolgenden Antworten sowie umgekehrt einer Klärung der Abhängigkeit prädikativer Hervorhebungen von Akzentuierungen. Dafür reicht es i.W. vorerst aus, von den Ergebnissen der Prosodieforschung den Sachverhalt zu nutzen, dass es silbenbezogen sog. Hervorhebungsakzente zur Markierung besonders wichtiger Informationen gibt, die sich aufgrund ihrer vergleichsweise starken Ausprägung in Lautstärke, Tonhöhenverlauf oder Länge auditiv eindeutig identifizieren lassen und die sich von Wort-und Satzakzenten durch eine größere Intonationsbandbreite unterscheiden (vgl. hierzu etwa Schwitalla 2006: 56ff.). Im Deutschen ist der für die drei Akzenttypen wichtigste Faktor die Tonhöhe bzw. die Tonhöhenveränderung und deshalb nennt man sie auch Tonakzente (vgl. Grice und Baumann 2016: 95ff.). In Transkripten werden Hervorhebungsakzente üblicherweise durch Schreibung der betreffenden Silben in Großbuchstaben notiert; z.B. würde man in der Antwort von (3/3b) eine prosodische Hervorhebung des Nomens im Dativobjekt durch dem LEHrer darstellen. Zugleich kann das Dativobjekt dann als ein durch Akzentuierung hervorgehobenes Satzglied bezeichnet werden. Weiterhin wird oft angenommen, Hervorhebungsakzente hätten überwiegend eine Kontrastfunktion (so auch von Schwittalla: 58). Diese Annahme ist aber nach den bisherigen Überlegungen zu undifferenziert. Vielmehr dienen diese Akzente der Herstellung von Aufmerksamkeit und Relevanzsetzung und sie können je nach Akzentart verschiedene Funktionen haben. Von den in der Literatur für die drei Akzenttypen unterschiedenen Tonakzenten müssen hier nur zwei Arten betrachtet werden. Vorrangig geht es zunächst um den hohen Tonakzent, dem ein tiefer Ton vorausgeht und den man als „steigend-hoch“ bezeichnet. Mit diesem Akzent ist das Problem verbunden, dass sich sein evtl. später nachfolgender tiefer Zielpunkt oft nicht auf der nächsten Silbe befindet und dann auch nicht als ihm zugehörig wahrgenommen wird (Grice und Baumann: 96). Dieses Problem spielt aber für die prototypischen Akzentuierungen im zu untersuchenden Datenbereich keine Rolle. Deshalb wird dieser Akzent hier steigend-fallender Hervorhebungsakzent genannt und z.B. durch ↑LEHrer notiert; zudem zeigt er oft das Ende von Konstituenten an und soll dann auch schließend heißen. Analog dazu lässt sich für schwach hervorgehobene, also weniger stark betonte steigend-fallende Akzente die Notation ↑Lehrer verwenden; auf ihre Funktion wird später eingegangen. Der zweite hier zu betrachtende Akzenttyp ist ein tiefer Tonakzent, dem ein hoher Ton folgt. Dieser Akzent wird als fallend-steigend wahrgenommen und man kann ihn auch öffnend nennen, weil er oft signalisiert, dass eine bei ihm begonnene Konstruktion noch fortgesetzt wird. In den hier betrachteten Beispielsätzen geht öffnenden Hervorhebungsakzenten i.Allg. eine Silbe mit einem höheren Ton voraus; deshalb soll für sie die inverse Notation, also z.B. wie bei ↓LEHrer verwendet werden. Außerdem besteht eine häufige Funktion öffnender Akzente darin, zwischen dem Satzglied mit dem akzentuierten Wort und einer nachfolgenden Konstituente einen syntaktischen Zusammenhang herzustellen. Das gilt u.a. in W-Fragen für die Beziehung zwischen einem Fragewort und der AKO, also z.B. für die Frage-Antwort-Sequenz Maria zeigtWEMdas Buch? DemLEHrer. Dieses Beispiel lässt vermuten, dass auch die Kombination von öffnendem und schließendem Tonkzent oft eine grammatisch wichtige Rolle spielt.

Nach den erforderlichen Vorklärungen soll nun mit der Variationsmethode der Einfluss einfacher W-Fragen nach dem direkten oder indirekten Objekt auf die mögliche Akzentuierung gesprochener Antwortsätze vom Typ (3/1a) und (3/1b) bestimmt werden. Zunächst kann man wegen der eingeschränkten Akzeptabilität der beiden Frage-Antwort-Sequenzen Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt demLEHrer das Buch und Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt dem Lehrer dasBUCH↑ schon ausschließen, dass zu einfachen W-Fragen die Hervorhebung eines Satzglieds im Mittelfeld durch einen fallendsteigenden Akzent passt. Deshalb sind mindestens acht Beispielvarianten von Frage-Antwort-Sequenzen zu betrachten, in denen in der Antwort jeweils ein steigend-fallender Akzent auf das Nomen der AKO gesetzt ist.

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(3/3e) Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt demLEHrer das Buch.

(3/3f) Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt dem Lehrer dasBUCH.

(3/3g) Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt dasBUCHdem Lehrer.

(3/3h) Wem zeigt Maria das Buch? Maria zeigt das Buch demLEHrer.

(3/3i) Was zeigt Maria dem Lehrer? Maria zeigt demLEHrer das Buch.

(3/3j) Was zeigt Maria dem Lehrer? Maria zeigt dem Lehrer dasBUCH.

(3/3k) Was zeigt Maria dem Lehrer? Maria zeigt dasBUCHdem Lehrer.

(3/3l) Was zeigt Maria dem Lehrer? Maria zeigt das Buch demLEHrer.

In vier Beispielen von (3/3e -(3/3l) stimmen die durch Befragung hervorgehobenen Konstituenten mit den durch Akzentuierung hervorgehobenen überein und dementsprechend liegen auch dieselben Akzeptabilitätsverhältnisse wie in (3/3a) -(3/3d) vor. Die Antwortsätze in (3/3h) und (3/3j) sind nämlich uneingeschränkt akzeptabel und auch die Antwort in (3/3e) scheint analog zur Antwort in (3/3a) noch akzeptabel zu sein, aber etwas weniger akzeptabel als die Antwort in (3/3h). Dagegen ist die Akzeptabilität der Antwort in (3/3k) deutlicher eingeschränkt. Im Unterschied dazu wirken die vier Antworten, bei denen wie z.B. in (3/3f) die durch Befragung hervorgehobene nicht mit der akzentuierten Konstituente übereinstimmt auf eine spezielle Art inkohärent, also inakzeptabel. Was bedeutet dieses Ergebnis? Offensichtlich kann man nur solche Satzglieder ohne Einschränkung der Akzeptabilität mit einem steigend-fallenden Akzent versehen, die eine durch Befragung prädikativ hervorgehobene Konstituente (PHKO) bilden. Außerdem ist auch eine Hervorhebung von mehr als einem Satzglied durch steigend-fallende Akzente wie z.B. in

(3/3l) Maria zeigt demLEHrer dasBUCH.

allenfalls eingeschränkt akzeptabel. Insofern verhindern eine Hervorhebung eines Satzglieds durch Befragung oder eine solche durch Akzentuierung in gleicher Weise, dass andere Satzglieder einen steigend-fallenden Akzent erhalten. Warum das so ist, kann erst später erklärt werden.

Weil für die prädikative Hervorhebung eines Satzglieds eine vorausgehende korrespondierende Frage ausreicht, kann man als Nächstes überprüfen, ob die für starke Hervorhebungsakzente in (3/3e) -(3/3l) beobachteten Effekte auch bei schwach hervorgehobenen Akzenten auftreten. Das ist von (3/3k) abgesehen eindeutig der Fall. Deshalb wäre bei der nachfolgenden Diskussion immer zu kontrollieren, inwieweit die mit Hervorhebungsakzenten verbundenen Phänomene auch schwache Akzente betreffen. Das soll hier aber nur bei bestimmten Ausnahmen geschehen.

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Insgesamt gesehen kommt also zu den bisherigen Präzedenzprinzipien noch ein Akzentprinzip hinzu, das besagt: Wenn in einem gesprochenen Aussagesatz ein Satzglied SG vom Typ einer einfachen definiten Nominalphrase durch Befragung prädikativ hervorgehoben ist, dann kann das den jeweiligen Referenzbereich bestimmende Teilwort in SG auch einen steigend-fallenden Hervorhebungsakzent erhalten und dadurch erhöht sich der Effekt der Relevanzsetzung evtl. noch. Theoriendynamisch wichtig ist jetzt, dass sich dieses Prinzip für die gesprochene Sprache auch in umgekehrter Richtung zumindest für starke Akzente als ein kotextunabhängiges Kriterium für eine PHKO-Identifizierung nachweisen lässt. Dazu geht man von den akzentuierten Aussagesätzen in (3/3e) -(3/3l) aus und überprüft, welche von ihnen syntaktisch akzeptabel und zugleich durch eine W-Frage passend erfragbar sind. Das gilt wieder uneingeschränkt für (3/3h) und (3/3j) und mit Einschränkungen für (3/3a) und (3/3k). Als Kriterium kann man also ansetzen: Wenn in einem elementaren und syntaktisch akzeptablen Aussagesatz genau ein Satzglied SG vorkommt, das ein Wort mit einem steigend-fallenden Akzent enthält, dann ist SG i.Allg. prädikativ hervorgehoben. Deshalb ist es auch in diesem Sinne legitim, von einem Hervorhebungsakzent zu sprechen. Zugleich hängt dann von dem betreffenden und als „Hervorhebungszentrum“ bezeichenbaren Wort ab, in welcher Reihenfolge die Referenzherstellung in SG verläuft, gegen welche Referenzobjekte sich die zugehörige Abgrenzung ggf. richtet und welche Inferenzen durch SG evtl. ausgelöst werden. Das lässt sich z.B. an dem akzentuierten Satz Maria zeigt das Buch demUNbeliebten Lehrer illustrieren. In ihm wird nämlich durch die Akzentuierung des Adjektivs eine situationsbezogene Abgrenzung gegen beliebtere Lehrer vorgenommen. Das gilt aber nur für eine restriktive Lesart des Adjektivs und nicht für eine explikative wie in ihrem bekanntlichUNbeliebten Lehrer. Dagegen wird beim Satz Maria zeigt das Buch dem unbeliebtenLEHrer aus dem Bereich der situativ unbeliebten Personen der Referent identifiziert, der als Lehrer’ gilt. Weiterhin deutet beim Satz Maria zeigt das BuchEInem Lehrer die Akzentuierung des unbestimmten Artikels kontrastiv an, dass mehrere Lehrer als Adressaten infrage gekommen wären. Außerdem kann in syntaktisch komplexen Satzgliedern auch ein Wort aus einer untergeordneten Konstituente das Hervorhebungszentrum bilden wie z.B. in dem LehrerOHne Brille oder in dem Lehrer aus BerLIN↓. Eine andere Besonderheit zeigt die Hervorhebung von koordinierten Satzgliedern in distributiver Lesart (s. Abschnitt 3.4.5). Um die Zusammengehörigkeit der Konjunkte anzuzeigen, hebt man beide mit einem steigend-fallenden Akzent wie z.B. in demLEHrer und der ReferenDArin hervor oder wie in demLEHrer und der ReferenDArin mit einem öffnenden und einem schließenden Akzent. Schließlich ist das Akzentkriterium auch auf Satzglieder anwendbar, die sich nicht mit W-Fragen hervorheben lassen. Das gilt speziell für finite Verben wie z.B. im Satz MariaSCHENKTdem Lehrer ←113 | 114→ das Buch, bei dem mit dem akzentuierten Verb evtl. ein Kontrast zu einer Leihhandlung aufgebaut wird.

Abschließend soll noch einmal demonstriert werden, wie wichtig es ist, die Interaktion der verschiedenen Präzedenzprinzipien systematisch zu untersuchen. Dazu eignen sich Beispiele für zwei bisher nicht angesprochene Konflikte des PHKO-Prinzips mit der Grundabfolge DO<IO für Personalpronomina und mit den Prinzipien PPRO<DNP und PPRO<INP (Personalpronomina vor definiten bzw. indefiniten NPs). Diesbezüglich war schon darauf hingewiesen worden, dass sich die Akzeptabilität elementarer von der Grundabfolge abweichender Aussagesätze durch eine geeignete Akzentuierung bestimmter Satzglieder erhöhen lässt, nämlich z.B. im Satz

(3/4a) Maria zeigt ihmSIE.

Außerdem ist (3/4a) m.E. sogar akzeptabler als der korrespondierende Satz, der die Pronomina-Grundabfolge DO<IO einhält.

(3/4b) Maria zeigtSIEihm.

Somit wirkt sich das durch die Akzentuierung in Kraft gesetzte Prinzip – PHKO<PHKO in (3/4a) stärker aus als das Prinzip DO<IO. Das PHKO-Prinzip wiederum gilt nicht generell für das gesamte Mittelfeld, wie ein Vergleich der folgenden Sätze belegt.

(3/4c) Maria zeigt das/ein BuchIHM.

(3/4d) Maria zeigtIHMdas/ein Buch.

Hier macht die m.E. geringere Akzeptabilität von (3/4c) gegenüber (3/4d) insbesondere bei Verwendung des indefiniten Artikels deutlich, dass das Prinzip PPRO<DNP und vor allem das Prinzip PPRO<INP ein größeres Gewicht haben als das Prinzip – PHKO<PHKO.

3.4.4Strukturänderungen durch eine prädikative Hervorhebung von Konstituenten

Grundlagentheoretisch noch zentraler als die Untersuchungsschritte in den vorausgegangenen drei Abschnitten ist eine Klärung der Frage, ob die prädikative Hervorhebung von Konstituenten mit strukturellen Veränderungen einhergeht, was die einleitend formulierte Paraphrasenannahme nahegelegt hatte. Das soll am Antwortsatz von (3/3h) diskutiert werden, nachfolgend zitiert als

(3/4e) Maria zeigt das Buch demLEHrer.

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In (3/4e) führen die Akzentuierung des Dativobjekts und seine Verschiebung ans Satzende in optimaler Weise zu einer Einstufung dieses Satzglieds als PHKO. Von der Möglichkeit, Satzglieder zugunsten einer speziellen informationsstrukturellen Funktion in eine von der Grundabfolge abweichende Position zu rücken, wird z.B. bei der sog. Topikalisierung von Satzgliedern aus dem Mittelfeld, d.h. bei ihrer Verschiebung in die Erstposition, Gebrauch gemacht. Dabei wird allerdings die ursprüngliche Konstituentenstruktur verändert. Z.B. entsteht aus (3/4e) bei Voranstellung des Dativobjekts der Satz DemLEHrer zeigt Maria das Buch. In diesem Fall lässt sich die Veränderung der Konstituentenstruktur leicht durch eine Anwendung des Verb-Substitutionstests nachweisen. Eine Ersetzung der Satzgliedsequenz demLEHrer zeigt das Buch z.B. durch das finite Verb schläft führt nämlich zu einem Fragesatz, also aus dem Bereich der Aussagesätze heraus und das bedeutet, dass diese Sequenz keine starke, d.h. keine semantisch abgeschlossene Konstituente mehr sein kann (s. u.). Die Argumentation für eine veränderte Struktur von (3/4e) ist schwieriger. Zwar lässt sich dort die Verbalsequenz VS zeigt das Buch demLEHrer durch das Verb aus dem Satz

(3/4f) ↑PEter schläft.

ohne Akzeptabilitätseinschränkung ersetzen. Aber das Umgekehrte, also die Ersetzung von schläft durch VS, die zu der Äußerung ↑PEter zeigt das Buch demLEHrer führt, ist m.E. nicht ohne Einschränkung möglich. Vermutlich können nicht gleichzeitig mehrere Satzglieder prädikativ hervorgehoben werden (s.u.). Es kommen zwei gestalttheoretische Argumente hinzu. Zu den beiden in der Psychologie betrachteten Prinzipien der Nähe und der Ähnlichkeit lassen sich nämlich zwei komplementäre Prinzipien geltend machen, die Distanzbzw. Differenzprinzip heißen sollen. Sie besagen, dass Konstituenten, die nicht benachbart sind und/oder sich in ihren Eigenschaften deutlich unterscheiden, evtl. nicht zu einer gemeinsamen Konstituente verknüpft werden. Beide Bedingungen treffen für das Dativobjekt demLEHrer in (3/4e) zu. Vom finiten Verb und vom Akkusativobjekt unterscheidet es sich durch seinen Hervorhebungsakzent und sein Abstand zum finiten Verb ist durch die Verschiebung aus seiner Standardposition größer geworden.

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Wenn man nun genauer herausfinden möchte, welche Konstituentenstruktur (3/4e) hat, dann lässt sich erstens aus der wechselseitigen Ersetzbarkeit der Verbalsequenz zeigt das Buch in (3/4e) und z.B. des finiten Verbs hilft im Satz Peter hilft der Referendarin folgern, dass jedenfalls die Sequenz zeigt das Buch eine starke Konstituente bildet. Genauer wird hier davon ausgegangen, dass das „Kernprädikat“ elementarer Aussagesätze stets die maximale Verbalsequenz mit dem Status einer starken Konstituente ist (vgl. Abschnitt 4.1.2 und Kindt 2016b: 353ff.). Zweitens handelt es sich bei dem Dativobjekt valenzbezogen um eine obligatorische Ergänzung des finiten Verbs und das legt nach dem Gestaltprinzip der guten Fortsetzung (vgl. Städtler 1998: 408) die Bildung einer gemeinsamen und deshalb schwachen Konstituente mit dem Kernprädikat nahe. Drittens schließlich verbleibt das Dativobjekt noch im Mittelfeld von (3/4e), was man daran erkennen kann, dass (3/4e) sonst in seiner Akzeptabilität genauso eingeschränkt wäre wie der Satz Maria hat das Buch gezeigt demLEHrer, bei dem sich das Dativobjekt eindeutig im Nachfeld befindet. Das Mittelfeld selbst, zu dem aus einem in Abschnitt 4.1.1 noch zu erklärenden Grund auch das finite Verb gehört, bildet aber i.Allg. eine Konstituente, weil für Konstituenten-und Feldstrukturen ein generelles Konvergenzprinzip gilt (vgl. Kindt 2016b: 358). Also kann das Dativobjekt von (3/4e) auch aus diesem Grund ein Teil der betreffenden Mittelfeldkonstituente sein.

Insgesamt gesehen bestätigt sich die einleitend formulierte Folgerung aus der Paraphrasenannahme also nicht, dass (3/4e) eine dem zugehörigen Pseudospaltsatz entsprechende Konstituentenstruktur besitzt, bei der die Sequenz Maria zeigt das Buch und dem Lehrer unmittelbare Konstituenten von (3/4e) wären. Diese Folgerung konnte aber schon deshalb nicht korrekt sein, weil die Sätze (3/1a) und (3/1b) auch bei Voranstellung der Frage Wem zeigt Maria das Buch? nach wie vor eine Aussage über Maria’ machen. Trotzdem ist die Frage, ob die prädikative Hervorhebung einer Konstituente mit strukturellen Veränderungen einhergeht, noch nicht vollständig beantwortet. Denn nach der Formulierung des zu (3/4e) gehörigen Pseudospaltsatzes PSS Derjenige, dem Maria das Buch zeigt, ist der Lehrer ist noch denkbar, dass das Dativobjekt demLEHrer in (3/4e) in anderer Weise mit dem finiten Verb valenzverknüpft wird als ein Dativobjekt ohne prädikative Hervorhebung. U.a. dieser Möglichkeit soll im folgenden Abschnitt nachgegangen werden. Dazu muss man allerdings genauer nach der semantischen Funktion von hervorgehobenen Satzgliedern in elementaren Aussagesätzen mit einer Subjekt-Prädikat-Struktur fragen. Das kann im theoretischen Rahmen der Zuordnung semantischer Rollen zu Satzgliedern geschehen.

3.4.5Lösung der Paraphrase-, Präsuppositions-, Hervorhebungs-und Verknüpfungsfrage

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Die gängige Subjekt-Prädikat-Struktur elementarer Aussagesätze besagt i.Allg. semantisch, dass über das Referenzobjekt des in der Erstposition stehenden Subjekts als primärem Ausgangspunkt der referenziellen Entwicklung mithilfe des Prädikats eine Aussage über ein bestimmtes Verhalten oder über eine Eigenschaft gemacht wird. Das gilt zumindest in dem Fall, dass das Subjekt selbst keine prädikativ hervorgehobene Konstituente ist. Gemäß informationsstruktureller Terminologie stimmt dann die Unterteilung in Subjekt und Prädikat mit der in Topik und Kommentar überein. Das gilt auch für die beiden, bereits untersuchten und in ihrer Bedeutung zu vergleichenden Sätze

(3/1a) Maria zeigt dem Lehrer das Buch.

(3/4e) Maria zeigt das Buch demLEHrer.

Wie im vorigen Abschnitt schon begründet wurde, kann der zu (3/4e) gehörige Pseudospaltsatz PSS Derjenige, dem Maria das Buch zeigt, ist der Lehrer keine Paraphrase von (3/4e) sein. Deshalb darf man auch nicht mehr aus der für PSS geltenden Existenzpräsupposition EP Es gibt eine Person, der Maria das Buch zeigt auf die Geltung von EP für (3/4e) schließen. Trotzdem könnte EP noch eine Präsupposition von (3/4e) sein. Eine der beiden Definitionsbedingungen von Präsuppositionen ist natürlich für (3/4e) erfüllt, nämlich die, dass EP aus (3/4e) folgt. Aus der Negation von (3/4e) lässt sich EP dagegen nicht immer inferieren. Zwar könnte man zunächst argumentieren, dass es bei Geltung der Negation von (3/4e) im Fall einer kontrastiven Funktion des indirekten Objekts wegen der Inkompatibilitätsbedingung wenigstens eine von (dem Lehrer)’ verschiedene Person geben muss, der Maria’ (das Buch)’ zeigt. Dabei würde es sich je nach Alternativenmenge ALT z.B. um einen Mitschüler oder um die Mutter von Maria’ handeln. In diesem Fall gilt EP also auch. Allerdings muss demLEHrer keine kontrastive Funktion in (3/4e) haben, weil ALT in bestimmten Situationen leer sein kann. Dann gilt die Negation von (3/4e) aber schon, wenn Maria zeigt das Buch niemandem zutrifft, weshalb EP in diesem Fall nicht erfüllt ist.

Unabhängig davon, dass (3/4e) und PSS unterschiedliche Topiks haben, kann PSS noch aus einem anderen, in der Literatur nicht berücksichtigten Grund keine Paraphrase von (3/4e) sein. Im Gegensatz zu PSS lässt die Aussage von (3/4e) nämlich zu, dass es in der betrachteten Situation S außer dem sprachlich hervorgehobenen und auf das von der Zeigehandlung affizierte Objekt (das Buch)’ bezogenen Referenten von demLEHrer noch weitere, erst zeitversetzt oder wegen geringer Relevanz gar nicht genannte Adressaten/innen der Zeigehandlung gibt. Der erste Fall liegt vor, wenn ein Sprecher SPR nach einer zunächst eigenständigen Äußerung von (3/4e) noch andere, ebenfalls sprachlich hervorgehobene Adressaten/innen erwähnt. Das gilt z.B. für

(3/4g) Maria zeigt das Buch demLEHrer. Ja, und der ReferenDArin.

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In (3/4g) trägt SPR im Anschluss an die eingeschobene Bestätigung des ersten Adressaten eine Adressatin nach und dabei verwendet er die distributive Lesart der Konjunktion und mit der Bezeichnung getrennter Referenten. Deshalb hat (3/4g) zwar i.W. dieselbe Grundbedeutung wie

(3/4h) Maria zeigt das Buch demLEHrer und sie zeigt es der ReferenDArin.

Aus dieser Bedeutungsgleichheit resultiert jedoch nicht die häufig gezogene Folgerung, der zweite Teil von (3/4g) sei eine elliptische Konstruktion. Vielmehr handelt es sich bei demLEHrer [] und der RefereDArin um eine diskontinuierliche Satzgliedkoordination1, die grammatisch zerstört würde, wenn man für eine Interpretation von (3/4g) nach der Konjunktion und die Satzgliedsequenz sie zeigt es bzw. Maria zeigt das Buch (oder deren Bedeutung) einfügen wollte (vgl. etwa Kindt 2016a: 9). Verarbeitungsökonomisch wäre eine solche Einfügung ohnehin viel zu aufwendig. Auch wenn SPR den Satz (3/4e) äußert, nachdem ihm vorher die Frage (3/2b) Wem zeigt Maria das Buch? gestellt wurde, muss (der Lehrer)’ nicht der einzige Adressat der Zeigehandlung sein. Zwar sollte SPR vor seiner Antwort versuchen, die Menge der zu (dem Buch)’ gehörigen Adressaten/innen in S zu bestimmen, um angemessen antworten zu können. Deshalb ist jetzt im Normalfall eher als bei (3/4e) allein erwartbar, dass er die betreffenden Personen vollständig angibt. Trotzdem hält es SPR auch im Fall, dass z.B. (die Referendarin)’ in S ebenfalls eine Adressatin ist, möglicherweise nicht für wichtig, sie entsprechend zu erwähnen.

Geht man nun trotz Widerlegung der Paraphrasenannahme weiterhin davon aus, dass das hervorgehobene Dativobjekt demLEHrer in (3/4e) eine prädikative Funktion hat, dann ist diese Vermutung auch berechtigt, falls (3/4e) in etwa die gleiche Bedeutung wie

(3/4i) Maria zeigt das Buch bestimmten Personen und eine von ihnen ist der Lehrer.

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besitzt. Das lässt sich überprüfen, indem als Beleg für die Bedeutungsgleichheit von (3/4e) und (3/4i) semantische Strukturen angeben werden, aus denen hervorgeht, in welchen Beziehungen die Referenten/innen bestimmter Satzglieder jeweils semantisch verknüpft sind. Ausgangspunkt für die Angabe dieser Struktur ist eine Charakterisierung von Zeigehandlungen. Danach bildet Zeigen’ eine Handlung, die von einer Person durchgeführt wird, die an eine andere Person gerichtet ist und die ein bestimmtes Objekt betrifft. Im Anschluss an gängige semantiktheoretische Analysen und im Vorgriff auf ein Ergebnis in Abschnitt 7.4.3 wird angenommen, dass der von einem Sprecher SPR formulierte Satz (3/1a) bezogen auf eine Situation S folgende semantische Struktur STR besitzt. Zu den Eigenschaften von Maria’ in S gehört auch diejenige Eigenschaft, die darin besteht, dass Maria’ in S Agentin einer Handlung h ist, für die gilt: h lässt sich als ein Zeigen bezeichnen, h ist an (den Lehrer)’ adressiert und h affiziert (das Buch)’ als das sog. Patiens. Gemäß STR wird die Aussage in (3/1a) über die Handlung von Maria’ also in drei Teilaussagen zerlegt, deren Geltung sich in S einzeln überprüfen lässt. Dabei muss STR aber die Koinzidenzbedingung erfüllen, dass bei h die Einstufung als Zeigehandlung, die Adressierung von (dem Lehrer)’ und die Affizierung von (das Buch)’ einen zusammengehörigen Sachverhalt in S bilden; grammatisch wird diese Bedingung dadurch erfüllt, dass das finite Verb und die beiden Objekte in (3/1a) eine Konstituente bilden. Die beiden letzten Teilaussagen von STR sollen allerdings noch umformuliert werden in: (den Lehrer)’ ist ein Element der Adressatenmenge ADR(h) und (das Buch)’ ist ein Element der Menge AFF(h) aller affizierten Objekte. Das hat drei Gründe. Erstens wird dadurch deutlich, dass in (3/1a) indirekt auch eine Aussage über (den Lehrer)’ und über (das Buch)’ gemacht wird. Zweitens müssen dafür im Prinzip zuvor die Mengen ADR(h) und AFF(h) bestimmt werden. Drittens ist denkbar, dass ADR(h) und/oder AFF(h) noch Elemente enthalten, über die in (3/1a) nur nicht gesprochen wird.

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Was nun die semantische Struktur von (3/4e) betrifft, so könnte man zunächst annehmen, dass (3/4e) abgesehen von einer Änderung der Reihenfolge der Teilaussagen i.W. dieselbe Struktur wie (3/1a) besitzt. Wenn SPR aber im Fall einer vorausgehenden Frage mithilfe des indirekten Objekts eine Teilaussage über relevante Adressaten/innen des gezeigten Buchs formulieren soll, dann liegt es nahe, dass er mit demLEHrer nicht wie bei (3(1a) eine Aussage über den Referenten des Dativobjekts macht, sondern eine Aussage über die sprachlich selbst nicht genannte, aber implizit fokussierte Menge ADR(h). Diese Aussage lässt sich dann im Einklang mit (3/4i) durch „ADR (h) ist nicht leer und ein Element aus ADR(h) ist der Referent von demLEHrer“ formulieren. In diesem Sinne kann demLEHrer also eine prädikative Funktion haben. Dabei ergibt sich die Eigenschaft von ADR(h), nicht leer zu sein, hier zwar schon automatisch aus der Zugehörigkeit von (dem Lehrer)’ zu ADR(h); in einem anderen, später zu diskutierenden Fall gilt das aber nicht mehr. Insgesamt gesehen äußert sich der besondere informationsstrukturelle Effekt der Hervorhebung des Dativobjekts in (3/4e) dann darin, dass dieses Objekt in (3/4e) in einer anderen semantischen Funktion als in (3/1a) mit dem Verb valenzverknüpft ist. Trotzdem haben die Sätze (3/1a) und (3/5e) nach der vorgeschlagenen Strukturanalyse dieselbe Grundbedeutung. Für den von ihnen dargestellten Sachverhalt macht es nämlich keinen Unterschied, ob die mit dem Dativobjekt verbundene Teilaussage durch „(der Lehrer)’ ist ein Element von ADR(h)“ oder durch „ein Element von ADR(h) ist mit (dem Lehrer)’ identisch“ ausgedrückt wird. Weiterhin liegt es jetzt nahe anzunehmen, dass mithilfe des hervorgehobenen Dativobjekts auch dann in prädikativer Funktion eine Aussage über ADR(h) gemacht wird, wenn SPR den Satz (3/4e) ohne vorausgehende Frage (3/2b) äußert. Denn auch in diesem Fall kann SPR anhand seines aktuellen Kenntnisstandes über die Menge ADR(h) aussagen, dass sie als eine (besonders relevante) Person (den Lehrer)’ enthält.

An dieser Stelle soll noch in einer weiteren Hinsicht auf den valenztheoretischen Stellenwert der vorgeschlagenen Strukturanalyse eingegangen werden. Dass die Adressatenbeziehung, die der seriellen Valenzverknüpfung von Verb und hervorgehobenem Dativobjekt semantisch zugeordnet ist, auf zwei Schritte verteilt wird, ändert in (3/4e) nichts an dem Verfahren, mit dem überprüft wird, ob das Dativobjekt demLEHrer syntaktisch zu dem vorausgehenden Verb zeigt passt. Dagegen muss in (3/4g) mit der Verknüpfung des zweiten Konjunkts der ReferenDArin nicht unbedingt auf die kongruenzgemäße Passung zum Verb geachtet werden, sondern es genügt, sich davon zu überzeugen, dass der Kasus des zweiten Konjunkts mit dem des ersten Konjunkts übereinstimmt. Insofern ist anzunehmen, dass in (3/4g) – ähnlich wie bei den in Abschnitt 1.1.1 diskutierten Gappingkonstruktionen – statt einer seriellen Valenzverknüpfung von Verb und zweitem Konjunkt eine parallele Valenzverknüpfung von erstem und zweiten Konjunkt zustande kommt, die dafür sorgt, dass über eine weitere Person aus der zu (dem Buch)’ gehörigen Menge ADR(h) gesprochen wird und dass gesagt wird, dass sie identisch mit (der Referendarin)’ ist. Somit wird die Adressatenbeziehung zwischen der Zeigehandlung h und (der Referendarin)’ auf indirekte Weise hergestellt. Einen Beleg hierfür liefern Beispiele wie

(3/4j) MaRIa zeigt dem Lehrer das Buch wahrscheinlich morgen oderICH↓.

In diesem Satz müsste nämlich das zweite Konjunkt ↑ICH↓ bei einer direkten seriellen Valenzverknüpfung mit dem finiten Verb zeigt ebenso wie das erste Konjunkt MaRIa die Regel der Numeruskongruenz einhalten.

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Abschließend ist zu erwähnen, dass sich mit der für (3/4e) vorgeschlagenen semantischen Analyse auch erklären lässt, warum man wie im Beispiel (3/3l) aus Abschnitt 3.4.3 neben dem indirekten nicht gleichzeitig das direkte Objekt prädikativ hervorheben kann. Wenn nämlich die Teilaussage gemacht werden soll, dass die Menge der von der Handlung h affizierten Objekte AFF(h) (das Buch)’ enthält, aber auch die Teilaussage, dass eine Person aus ADR(h) (der Lehrer)’ ist, dann garantiert die Einhaltung der Koinzidenzbedingung für die beiden Teilaussagen nicht, dass (das Buch)’ und (der Lehrer)’ bei h zusammengehören. Es wäre also z.B. möglich, dass (dem Lehrer)’ nicht (das Buch)’, sondern ein anderer Gegenstand aus AFF(h) gezeigt wird. Elementaren Aussagesätzen liegt also ein Handlungskonzept zugrunde, dass eine Zusammenfassung individueller Einzelhandlungen derselben Art zulässt. Funktional lässt sich die Verwendung dieses Konzepts so erklären, dass man mit ihm ähnliche Sachverhalte informationsstrukturell besonders effizient formulieren lassen. Das belegen Gappingkonstruktionen wie z.B. Maria hat heute in der Schule der Referendarin das Buch gezeigt, dem Lehrer die Zeitschrift und dem Schüler das Handy. In diesem Satz muss die den gemeinsamen Handlungsanteil darstellende Verbalsequenz hat heute in der Schule gezeigt nur einmal formuliert und nicht mehrfach wiederholt werden. Es genügt also, die drei Konstituenten, die die jeweils koinzidierenden Adressat-Gegenstands-Paare beschreiben, in einer Koordinationskonstruktion zu einer schwachen Konstituente zusammenzufassen, um dieselbe Grundbedeutung wie in einer Satzkoordination zu erreichen (s. Abschnitt 3.4.9).

3.4.6Die verschiedenen semantischen Funktionen von Gradpartikeln

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Auch für die sog. Fokus-oder Gradpartikeln ist eine genauere Untersuchung mit der Variationsmethode erforderlich, um ihre informationsstrukturellen Funktionen angemessen zu erfassen zu können. Hier sollen aber nur satzgliedbezogene Partikelverwendungen betrachtet werden. Nach üblicher Auffassung gehören zu den Gradpartikeln u.a. auch, ausgerechnet, nur, selbst, sogar und wenigstens. Die zugehörigen Aussagen über sie sind aber mit bestimmten Problemen verbunden, die u.a. darauf beruhen, dass die Partikeln ganz unterschiedliche, bisher nicht erkannte Eigenschaften haben. Das lässt sich exemplarisch am Abschnitt „Fokuspartikel“ des grammatischen Informationssystems grammis des Instituts für deutsche Sprache (IdS) (in der Fassung vom 28.6.2018) zeigen. Als Erstes fällt dort auf, dass die Bestandsliste der Gradpartikeln mit vor allem auch eine Wortkombination enthält. Statt nur Einwort-Partikeln muss man also auch solche Formeln berücksichtigen. Insofern ist es erstaunlich, dass in der Liste nicht einmal die häufig verwendete Formel nicht einmal vorkommt. Außerdem wird zu Unrecht als primäre Funktion aller Partikeln aus der Liste eine Gradierung angenommen und gesagt: „Der in einer Einschätzung ausgedrückte Sachverhalt wird unter Bezugnahme auf Erwartungen und Einschätzungen gradiert, d.h. auf einer Skala eingestuft.“ Diese Aussage gilt aber für bestimmte Partikeln wie z.B. auch und nur nicht generell und man muss, um das nachzuweisen, ihre möglichen Verwendungsweisen bestimmen. Zunächst ist zu fragen, welcher Unterschied z.B. zwischen folgenden Sätzen besteht.

(3/5a) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten ein Buch.

(3/5b) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten auch/nur ein Buch.

Wenn die Partikel auch bzw. nur in (3/5b) auf die Akkusativ-NP ein Buch bezogen wird und wenn dort kein Wort akzentuiert ist, dann wird diese NP offensichtlich weder zwangsläufig prädikativ hervorgehoben noch ist mit der betreffenden Partikel eine Erwartungs-oder Bewertungsgradierung verbunden. Ersteres lässt sich damit belegen, dass eine Hervorhebung der Dativ-NP in (3/5b) die Akzeptabilität von (3/5b) nicht einschränkt, was aber nach einem Analyseergebnis in Abschnitt 3.4.5 bei einer gleichzeitigen Hervorhebung der Akkusativ-NP der Fall sein müsste.

(3/5c) Maria schenkt ihremVAter zu Weihnachten auch/nur ein Buch.

Zudem beinhaltet (3/5b) außer dem schon in (3/5a) genannten Geschehen lediglich die Aussage, dass es im Gegenstandsbereich der vorliegenden Situation neben dem geschenkten Buch noch andere bzw. keine anderen Dinge gibt, die Elemente der zur Schenkhandlung h und zum Adressaten (ihrem Vater)’ gehörigen Menge AFF(h) affizierter Objekte sind. Ob dieser Sachverhalt zu erwarten war und wie er zu bewerten ist, erfährt man in (3/5b) aber nicht. Anders verhält es sich, wenn die Akkusativ-NP durch eine Akzentuierung des Nomens prädikativ hervorgehoben wird.

(3/5d) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten auch/nur einBUCH.

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Mit (3/5d) wird zwar im Unterschied zu (3/5b) evtl. ausgedrückt, dass normativ oder empirisch nicht zu erwarten war, dass die Menge AFF(h) neben anderen geschenkten Dingen zusätzlich (ein Buch)’ bzw. außer diesem Objekt keine anderen Dinge enthalten würde. Es wird aber nicht spezifiziert, wie hoch der Grad dieser Erwartung in etwa war. Je nach Kontext kann die Hervorhebung in (3/5d) eine nichtkontrastive und/oder kontrastive Funktion haben. Vielleicht wird mit der nur-Version die Vermutung korrigiert, dass zu AFF(h) angesichts der bisherigen Praxis von Maria’ noch andere Geschenke gehören. Und/oder es soll angedeutet werden, dass es negativ zu beurteilen ist, außer (einem Buch)’ nicht noch andere Dinge zu verschenken; übrigens ginge es bei der Hervorhebungsversion nurEINBuch um die Erwartung, dass (mehrere Bücher)’ verschenkt werden. Umgekehrt könnte mit der auch-Version von (3/5d) eine unerwartet positive Bewertung der Schenkhandlung verbunden sein, weil sie z.B. im Unterschied zur bisherigen Praxis von Maria’ berücksichtigt, dass der Adressat gerne liest. Eine gewisse Gradierungsfunktion haben die beiden Partikeln auch und nur aber erst in Beispielsätzen, in denen der Referenzbereich der Akkusativ-NP eine geeignete Bewertungsskala vorgibt, und wenn eine Regularität existiert, die besagt, bei welchem Skalenwert der Gegenstände ein Verschenken in welchem Grade (normalerweise) erwartbar und/oder erwünscht ist. Diese beiden Bedingungen sind z.B. bei folgendem Satz erfüllt.

(3/5e) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten auch/nur ein interesSANes Buch.

(3/5e) kann man nämlich vor dem Hintergrund einer Normalfallregularität SID interpretieren, die besagt, dass es für Geschenke eine Korrelation zwischen ihrer Interessantheit und ihrer Erwartbarkeit sowie ihrer Erwünschtheit mit der Eigenschaft gibt, dass es i.Allg. erwartbar und erwünscht ist, interessante Dinge zu verschenken. Demzufolge lässt sich auch das in (3/5e) beschriebene Verschenken eines interessanten Buchs gemäß SID normalerweise als vorhersehbar und als positiv beurteilen. Diese Einschätzung wird bei der auch-Version von (3/5e) evtl. noch dadurch abgeschwächt, dass zu den anderen Geschenken auch weniger interessante gehören. Dagegen erhöht sich evtl. die positive Bewertung bei der nur-Version von (3/5e), weil keine uninteressanten oder weniger interessanten Bücher verschenkt werden. Insofern haben die beiden Partikeln auch und nur zwar keine eigenständige Gradierungsfunktion, sie können aber den Grad vorliegender Einschätzungen modifizieren. Für negative Einschätzungen sind die Effekte der Abschwächung bzw. der Verstärkung übrigens anders ausgerichtet. Die Werte für unerwartete und nicht erwünschte Schenkhandlungen können sich nämlich in der auch-Version erhöhen und in der nur-Version erniedrigen. Das zeigt sich z.B. am Satz

(3/5f) Maria schenkt ihrem Vater auch/nur einUNinteressantes Buch.

Allerdings muss man berücksichtigen, dass es in bestimmten Situationen Ausnahmen von SID gibt. Zu einer anderen Einschätzung von (3/5e) würde es z.B. kommen, wenn sich Maria’ mit (ihrem Vater)’ ‚verkracht‘ hat und ihm nur der Konvention halber etwas zu Weihnachten schenkt; dann wäre es unzweckmäßig, wenn sie mit dem Schenken eines interessanten Buchs vielleicht ungewollt eine Wiederannäherung an ihn signalisieren würde.

Als Nächstes soll plausibel gemacht werden, dass die drei Partikeln sogar, wenigstens und ausgerechnet teilweise andere Eigenschaften als auch und nur haben.

(3/5g) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten ausgerechnet/wenigstens/sogar ein Buch.

←123 | 124→

(3/5h) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten ausgerechnet/wenigstens/sogar einBUCH.

Erstens scheint es zumindest eine Präferenz dafür zu geben, dass man die Akkusativ-NP in (3/5g) auch ohne Akzentuierung von Buch genauso wie die akzentuierte in (3/5h) als prädikativ hervorgehoben interpretiert. Vermutlich führt nämlich eine gleichzeitige prädikative Hervorhebung der Dativ-NP zu einer Einschränkung der Akzeptabilität.

(3/5i) Maria schenkt ihremVAter zu Weihnachten ausgerechnet/wenigstens/sogar ein Buch.

Zweitens haben die Partikeln in (3/5h) eine andere semantische Funktion als die Partikeln in dem vergleichbaren Satz (3/5d). Mithilfe von auch und nur wird nämlich die Teilaussage über die Menge der affizierten Objekte jeweils hinsichtlich ihrer Zusammensetzung genauer charakterisiert. Dagegen wird in (3/5h) die Information, dass die Objektmenge insbesondere (ein Buch)’ enthält, mithilfe der Partikeln jeweils explizit verbal bewertet.

Drittens beinhalten die drei Partikeln in (3/5h) schon eine Bewertungsgradierung. Dass Maria’ (ausgerechnet einBUCH↓)’ verschenkt, wird als unerwartet und unangemessen dargestellt, aber ohne dass dabei schon ein Grund für diese Bewertung erkennbar ist. Die Version (wenigstens einBUCH↓) beinhaltet eine ebenfalls noch unbegründete Einschätzung des Geschenks als nicht erwartet, aber als noch einigermaßen positiv. Schließlich impliziert die Version (sogar einBUCH↓) ohne eine Spezifikation des Erwünschtheitsgrades, dass das Schenken eines Buches nicht erwartbar war. Wie die drei Urteile begründet sind, lässt sich erst erklären, wenn für den Referenzbereich der Akkusativ-NP eine Skalierung und eine zugehörige Regularität mit einer Wertekorrelation vorliegen. Das ist z.B. wieder für einen nach Interessantheit geordneten Bereich situativ vorhandener Bücher und für die Regularität SID der Fall. Sofern in der vorliegenden Situation entsprechende Bücher verschenkt werden, könnten also etwa folgende Aussagen gelten.

(3/5j) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten ausgerechnet einUNinteressantes Buch.

(3/5k) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten wenigstens ein halbwegs

interesSANtes Buch.

(3/5l) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten sogar einUNinteressantes Buch.

(3/5m) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten sogar ein besonders interesSANtes Buch.

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Speziell belegt dann (3/5l), dass man die Partikel sogar evtl. auch verwenden kann, wenn man über ein unerwartetes und negativ zu beurteilendes Verhalten erstaunt oder verärgert ist. Umgekehrt wäre die Verwendung von sogar in einer Aussage über das Schenken eines interessanten Buchs normalerweise nicht adäquat, weil man ein solches Verhalten ohnehin erwartet. Dagegen ist ihre Verwendung in (3/5m) berechtigt, weil das Verschenken besonders interessanter Bücher nach der Regularität SID erwünscht und unerwartet ist. Schließlich ist zu (3/5j) -(3/5m) noch anzumerken, dass sich anders als bei den auch-Versionen von (3/5d) -(3/5f) aus keinem dieser Sätze eindeutig ergibt, ob die Menge der affizierten Objekte noch andere Bücher als das genannte enthält.

In einem gewissen Sinne noch interessanter als die Eigenschaften von ausgerechnet, wenigstens und sogar ist das Verhalten der Partikel selbst, die zwar ebenfalls in der Bestandsliste von grammis vorkommt, deren Relevanz in der Literatur über Informationsstrukturen aber m.W. generell nicht erkannt wird. Zunächst scheint selbst i.W. dieselbe Funktion wie sogar zu haben. Dann müsste allerdings z.B. das mit (3/5m) vergleichbare Beispiel

(3/5n) Maria schenkt ihrem Vater zu Weihnachten selbst ein besonders interesSANtes Buch.

genauso akzeptabel sein wie (3/5m). Das ist jedoch nicht der Fall, weil in (3/5n) offensichtlich eine nicht ohne Weiteres erkennbare semantische Störung vorliegt. Worin diese Störung besteht, lässt sich herausfinden, wenn man prototypische Verwendungsweisen von selbst untersucht und mit den zugehörigen von sogar und auch vergleicht. In grammis wird z.B. der Satz Selbst Peter hat die Prüfung bestanden angesprochen, ohne jedoch seine zentrale Inferenzeigenschaft anzugeben. Statt dieses Satzes soll hier ein ähnliches Beispiel betrachtet werden, das den Vorteil hat, dass sich bei ihm die Partikeln wie bei (3/5j) auf die Akkusativ-NP beziehen.

(3/5o) Maria konnte selbst/sogar/auch dieSCHWIErige Mathematikaufgabe lösen.

Genauso wie die sogar-Version impliziert die selbst-Version von (3/5o), dass das Lösen der schwierigen Aufgabe eher unerwartet war und positiv zu bewerten ist. Anders als in der auch-Version und noch eindeutiger als in der sogar-Version lässt sich in der selbst-Version aber (unter der Annahme einer größeren Zahl gestellter Aufgaben) etwa folgende Aussage erschließen.

(3/5p) Dann konnte Maria (wahrscheinlich) erst recht dieLEICHten Aufgaben lösen.

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Diese Inferenz basiert auf einer impliziten Anwendung des aristotelischen Mehr-Minder-Topos, der ein wichtiges und unter speziellen, jetzt nicht zu erörternden Voraussetzungen gültiges Schlussmuster der Alltagsargumentation bildet (vgl. Aristoteles 1980: 146 und Kindt 1994b: 456). Der Name dieses Topos bezieht sich auf zwei mögliche Inferenzrichtungen und z.B. wird bei (3/5o) die Richtung umso mehr/eher ist erwartbar, dass … realisiert. Dementsprechend scheitert eine Anwendung des Mehr-Minder-Topos auf die selbst-Version von (3/5n) deshalb, weil es keine Normalfallregularität gibt, mit der man aus (3/5n) erschließen kann, dass Maria’ (ihrem Vater)’ noch mindestens ein anderes, weniger interessantes Buch schenkt.

Die Partikel selbst kann auch in negierten Sätzen Mehr-Minder-Schlüsse auslösen wie z.B. in

(3/5q) Maria konnte selbst dieLEICHten Mathematikaufgaben nicht lösen.

(3/5r) Dann konnte Maria (wahrscheinlich) erst recht nicht dieSCHWIErige Auf

gabe lösen.

Dabei wird in (3/5r) die Inferenzrichtung umso weniger ist erwartbar, dass … realisiert. Wenn man in (3/5q) selbst und die Satznegation durch die eingangs erwähnte wichtige Wortkombination nicht einmal ersetzt, dann lässt sich aus dem resultierenden Satz

(3/5s) Maria konnte nicht einmal dieLEICHten Mathematikaufgaben lösen.

ebenfalls (3/5r) erschließen; vermutlich ist bei (3/5r) der Grad der Unerwartetheit und der negativen Bewertung aber noch höher als bei (3/5q). Wenn Inferenzen wie (3/5p) und (3/5r) in einem Text explizit verbalisiert werden, dann weisen schon formelhafte Wendungen wie erst recht (nicht), umso mehr/eher oder umso weniger auf eine Anwendung der Mehr-Minder-Topos hin. Schließlich gibt es für die Inferenz (3/5r) auch eine typische satzinterne Fortsetzung mit der formelhaften Wendung geschweige denn. Somit lassen sich (3/5s) und (3/5r) komprimieren zu Maria konnte nicht einmal dieLEICHten Mathematikaufgaben lösen, geschweige denn dieSCHWIErige.

Anzumerken ist schließlich: Auch wenn die Sätze (3/5o), (3/5q) und (3/5s) ohne Akzentuierung formuliert werden, interpretiert man ihre Akkusativ-NP jeweils als PHKO. M.a.W. sofern in einem Satz ein bestimmtes Satzglied zu Beginn mit selbst oder nicht einmal modifiziert wird und falls es eine Normalfallregularität gibt, die eine zugehörige Anwendung des Mehr-Minder-Topos nahelegt, dann ist das Satzglied prädikativ hervorgehoben.

3.4.7Eigenschaften der Satzgliednegation

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In der Bestandsliste von grammis kommt die Negationspartikel nicht zwar nicht vor. Aber ohne zusätzliche Erläuterung heißt es: „Zu den Fokuspartikeln rechnen wir auch die Negationspartikel […] nicht.“. Zudem wird auf den Abschnitt über die Negationspartikel verwiesen. Dort ist allerdings nur die Aussage zu finden: „Die Negationspartikel nicht und ihre kombinierten Variationen wie gar nicht, überhaupt nicht haben ähnliche Eigenschaften wie die Fokuspartikeln […], sie verändern aber im Unterschied zu diesen immer den Wahrheitswert des von ihnen betroffenen Satzes. Das Weglassen oder Hinzufügen der Negationspartikel kehrt den Wahrheitswert um.“ Wünschenswert wäre dagegen ein genauerer Vergleich dieser Partikel mit den anderen Gradpartikeln gewesen. Nachfolgend wird auf verschiedene Eigenschaften der Satzgliednegation eingegangen.

Als Erstes ist zu klären, wie sich die satzbezogene und die satzgliedbezogene Negation voneinander abgrenzen lassen. In den Beispielen von grammis wird Möglichkeit einer satzgliedbezogenen Negationslesart u.a. an der Eigenschaft festgemacht, dass sich der betreffende Satz zu einer adversativen Koordinationskonstruktion verlängern lässt. Z.B. kann man den Satz

(3/5t) Maria lobt nicht den Schüler.

ohne Akzeptabilitätseinschränkung verlängern zu

(3/5u) Maria lobt nicht den Schüler, sondern den Lehrer.

Also ist eine Analyse von (3/5t) mit der Lesart von nicht als Satzgliednegation zulässig. Nicht erwähnt wird in grammis, dass sich auch finite Verben negieren lassen. Das zeigt der Satz

(3/5v) Maria lobt nicht, sondern kritisiert den Schüler.

Theoretisch befriedigender wäre es, die der Lesart in (3/5 u) entsprechende Analyse der Negation in (3/5t) durch einen allgemeinen, für die Bestimmung von Satzgliedern oft geeigneten Test zu legitimieren. Das gelingt mit einer präzisierten Version des Topikalisierungstests (s. Abschnitt 4.1.2 und Kindt 2016b: 148). Danach ist in (3/5t) die Einstufung der Wortsequenz nicht dem Schüler als Satzglied möglich, weil sie sich unter Beibehaltung einer der beiden Grundbedeutungen von (3/5t) topikalisieren lässt. Man kann nämlich davon ausgehen, dass

(3/5w) Nicht den Schüler lobt Maria.

die gleiche Grundbedeutung hat wie die zur Lesart in (3/5u) korrespondierende Lesart von (3/5t).

Ein berechtigter, in grammis aber nicht genannter Grund dafür, die Satzgliednegation zu den Fokuspartikeln zu zählen, ist die Eigenschaft, dass negierte Satzglieder wahrscheinlich immer prädikativ hervorgehoben sind. Das legt die eingeschränkte Akzeptabilität z.B. des Satzes

(3/5x) Nicht den Schüler lobt MaRIa.

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nahe. Insofern kann man in der mündlichen Version von Sätzen die Hervorhebung eines Satzglieds mit einer initialen Negation auch durch die entsprechende Akzentuierung eines seiner Wörter anzeigen. Immerhin macht die Darstellung in grammis diesbezüglich am Beispiel von

(3/5y) Er hat nicht die Grammatik desENGlischen herausgegeben (sondern die des Deutschen).

deutlich, dass es auch bei der Satzgliednegation verschiedene Möglichkeiten der Wahl eines Hervorhebungszentrums und einer zugehörigen Kontrastierung gibt. Allerdings wird anderes als üblich die akzentuierte Silbe und nicht das zugehörige Satzglied als Fokus bezeichnet. Überdies fehlt ein Hinweis darauf, dass eine Akzentuierung des Nomens in Sätzen wie (3/5u) und (3/5w) die Verwendung von nicht als Satzgliednegation unterstützen würde.

Weiterhin trifft für die Satzgliednegation die Aussage von grammis zu, dass Negationen zu einer Wahrheitswertänderung führen. Tatsächlich ist z.B. der Satz Den Schüler lobt Maria in einer Situation S genau dann wahr, wenn der mit der Negation der Dativ-NP formulierte Satz (3/5w) in S falsch ist. Als unzutreffend erweist sich dagegen die von grammis ohnehin nicht begründete Aussage: „Der Bezugsbereich, der Skopus der Negationspartikel ist stets der ganze Satz.“ Diese Aussage reproduziert das Ergebnis einer auch in Eisenberg (1989: 216– 17) vertretenen und unzureichenden Diskussion über eine Behandlung der Satzgliednegation. Ausgangspunkt dieser Diskussion war die korrekte Einschätzung, dass sich nur Propositionen (Sachverhalte i.w.S.) negieren lassen. Aber weil die Bedeutung eines Satzglieds kein Sachverhalt ist, schien sie nicht selbst negierbar zu sein. Dass stattdessen ein mit dem Satzglied verbundener rollensemantisch formulierter Teilsachverhalt negiert wird, erkannte man nicht. Z.B. kann man den der Dativ-NP in (3/5u) und (3/5w) zugeordneten Sachverhalt etwa durch „Die nichtleere Menge der von dem Lob betroffenen Personen enthält nicht (den Schüler)’ als Element“ darstellen. Damit wird zugleich ausgesagt, dass die betreffende Menge eine andere Person als Element enthält. Somit unterscheidet sich in (3/5t) die satzbezogene Negationslesart von der satzgliedbezogenen dadurch, dass man nicht erfährt, ob Maria’ evtl. eine von (dem Schüler)’ verschiedene Person lobt.

Schließlich hätte in grammis erwähnt werden sollen, dass mit Negationen generell keine Gradierung hinsichtlich bestimmter empirischer und/oder normativer Erwartungen verbunden ist. Im Anschluss an diese Feststellung wäre dann auch die Frage naheliegend gewesen, ob sich eine solche Gradierung durch eine Kombination der Negationspartikel mit entsprechenden Gradartikeln erreichen lässt. Dass dies zutrifft, zeigen (3/5s) und folgendes Beispiel.

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(3/5z) Maria schenkt dieses uninteressante Buch wenigstens nicht ihremVAter.

In (3/5z) negiert die Partikel nicht zunächst die mit ihremVAter verbundene Teilaussage, dass die zur Schenkhandlung gehörige Adressatenmenge (den Vater von Maria)’ enthält, und der so formulierte Sachverhalt wird dann mit der Partikel wenigstens bewertet.

3.4.8Überprüfung weiterer Faktoren: Textkohärenz und Satzgliedkoordination

Weil zu erwarten ist, dass sich mithilfe der Variationsmethode weitere Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen Akzentuierung, Wortstellung, Konstituenten-und Informationsstruktur gewinnen lassen, soll nachfolgend thematisiert werden, ob es neben einfachen W-Fragen, Verschiebungen und Akzentsetzungen noch andere entsprechende Einflussfaktoren gibt. Dabei sind grundsätzlich satzinterne und satzexterne Faktoren zu unterscheiden. Dass es außer den im Abschnitt 3.4.9 gesondert zu untersuchenden W-Fragen mit mehreren Fragewörtern noch weitere satzextern wirkende Faktoren gibt, soll jetzt zumindest an drei Beispielen von zweigliedrigen Satzsequenzen illustriert werden, die durch bestimmte Koreferenzbeziehungen miteinander verbunden sind und deshalb der Anforderung nach Kohärenz genügen sollten.

(3/6a) Maria hat ein Buch gekauft. Sie schenkt das Buch dem Lehrer.

(3/6b) Maria hat ein Buch gekauft. Sie schenkt das Buch aber dem Lehrer.

(3/6c) Maria schenkt das Buch demLEHrer. Nein, sie schenkt die CDdem Lehrer.

(3/6d) Maria schenkt das Buch dem Lehrer. Nein, sie schenkt das Buch der ReferenDAin.

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Der zweite Satz von (3/6a) ist in der Abfolgeversion DO<IO akzeptabler als in der Version IO<DO, ohne dass das Dativobjekt dem Lehrer akzentuiert bzw. hervorgehoben wird. Insofern muss der Einfluss des ersten Satzes von (3/6a) auf den zweiten anders als z.B. der einer Voranstellung von der Frage Wem zeigt Maria das Buch? zu erklären sein. Offensichtlich liefert (3/6a) einen Beleg dafür, dass man im zweiten Satz einer Satzsequenz zugunsten einer größeren Textkohärenz eine von der Grundabfolge abweichende Wortstellung präferiert. Das hängt bei (3/6a) vermutlich damit zusammen, dass im ersten Satz bereits ein Referenzobjekt für ein Buch eingeführt wurde und dass es deshalb im zweiten Satz bei der NP das Buch analog zu einer pronominalen Formulierung zugänglicher ist als der Referent der NP dem Lehrer; m.a.W. hier wird wieder das Prinzip „Einfaches vor Komplexen“ befolgt. In (3/6b) verlangt dagegen die mit der Konjunktion aber formulierte Adversativkonstruktion, dass im zweiten Satz semantisch ein Gegensatz zum ersten aufgebaut wird. Der im ersten Satz dargestellte Sachverhalt ergibt allerdings explizit keine Grundlage für einen Gegensatz, sondern nur implizit, weil man mithilfe einer alltagsweltlichen Normalfallregularität folgert, dass (das Buch)’ nach seinem Kauf fortan Maria’ gehört. Dieser Schlussfolgerung widerspricht allerdings der zweite Satz von (3/6b), weil eine geschenkte Sache stets dem Beschenkten gehört. Insofern wird das Dativobjekt dem Lehrer offensichtlich auch ohne Akzentuierung prädikativ hervorgehoben und das erklärt seine abweichende Position. Ohnehin neigt man bei einem stillen Lesen von (3/6b) dazu, das Dativobjekt mit einem steigend-fallenden Akzent zu versehen. Im Unterschied zu (3/6b) ergibt sich in (3/6c) durch die Sachverhaltskorrektur im zweiten Satz ein expliziter Gegensatz zum ersten Satz. Das ermöglicht dem durch Akzentuierung prädikativ hervorgehobenen Akkusativobjekt die CD eine Voranstellung, die wegen Verletzung der Prinzipien IO<DO und – PHKO<PHKO normalerweise als nur eingeschränkt akzeptabel eingestuft wird (vgl. Beispiel (3/3k) in Abschnitt 3.4.3). Zu erklären ist diese Voranstellung vermutlich mit einer starken Präferenz dafür, die kontrastbildende NP die CD an der gleichen Position zu formulieren wie die NP das Buch im ersten Satz. Standardmäßig erfolgt die Korrektur in (3/6d) durch eine prädikative Hervorhebung von Referendarin.

Zwecks Identifizierung weiterer satzinterner Einflussfaktoren sollte man im Anschluss an die Analyse der Koordinationskonstruktion (3/4g) in Abschnitt 3.4.5 zunächst überprüfen, ob die prädikative Hervorhebung einer Nominalphrasenkoordination in distributiver Lesart auch dann erhalten bleibt, wenn man es nicht akzentuiert. Eine entsprechende Betrachtung des zu (3/4g) korrespondierenden unakzentuierten Satzes hätte allerdings den Nachteil, dass die von der Grundabfolge abweichende Position des ersten Konjunkts dem Lehrer bereits eine Hervorhebung begünstigen würde. Deshalb soll stattdessen folgendes Beispiel betrachtet werden.

(3/6e) Maria wird dem Lehrer das Buch zeigen und das Handy.

In (3/6e) wird durch die Ausklammerung bzw. durch die Nachfeldposition von und das Handy schon garantiert, dass die Koordination der Akkusativ-NPs die gewünschte distributive Lesart hat. Wenn die Satzglieder dieser Koordination nun zwangsläufig prädikativ hervorgehoben wären, dann müsste dieser Effekt zu einer Akzeptabilitätseinschränkung von Sätzen führen, in denen man das Subjekt oder das Dativobjekt durch eine Akzentuierung explizit hervorhebt.

(3/6f) MaRIa wird dem Lehrer das Buch zeigen und das Handy.

(3/6g) Maria wird demLEHrer das Buch zeigen und das Handy.

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(3/6f) und (3/6g) sind offensichtlich beide uneingeschränkt akzeptabel und das spricht bei einer kotextisolierten Präsentation von Satz (3/6e) gegen eine zwangsläufige Hervorhebung der NPs in der Koordination. Grammatiktheoretisch ist dann die Frage von Interesse, ob das ausgeklammerte Satzglied das Handy ähnlich wie das zweite Konjunkt der Referendarin in (3/4g) durch eine parallele Valenzverknüpfung mit dem Satzglied das Buch verbunden wird und ob auf diese Weise eine indirekte serielle Verknüpfung von das Handy mit dem infiniten Verbteil gezeigt zustande kommt. Einen Beleg hierfür liefert wieder der Umstand, dass der zu (3/4j) analoge Satz

(3/6h) Maria zeigt dem Lehrer das Buch wahrscheinlich morgen oder ich.

trotz der Inkongruenz von zeigt und ich noch akzeptabel sind. Zudem ist im Sinne der Analyse von Satz (3/1a) in Abschnitt 3.4.5 ohnehin davon auszugehen, dass bei der semantischen Verarbeitung der Koordination in (3/6e) in der Produktion situationsbezogen zunächst die zur geplanten Zeigehandlung h und (dem Lehrer)’ gehörige Menge AFF(h) affizierter Objekte fokussiert und dass danach ausgesagt wird, dass sowohl (das Buch)’ als auch (das Handy)’ jeweils Elemente von AFF(h) sind.

Schließlich kann man noch überprüfen, ob die prädikative Hervorhebung eines der beiden Konjunkte in (3/6e) auch die Interpretation des anderen Konjunkts beeinflusst. Das scheint der Fall zu sein, wenn das erste Konjunkt hervorgehoben wird.

(3/6i) Maria wird dem Lehrer dasBUCHzeigen und das Handy.

In (3/6i) gibt es m.E. die Tendenz, das zweite Konjunkt das Handy als PHKO zu interpretieren. Anders verhält es sich vermutlich im umgekehrten Fall.

(3/6i) Maria wird dem Lehrer das Buch zeigen und (sogar) dasHANdy.

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In beiden Versionen von (3/6i) lässt sich das erste Konjunkt wahrscheinlich nicht rückwirkend als PHKO interpretieren. Vielleicht interpretiert man aber das zweite Konjunkt in der Version ohne Verwendung der Gradpartikel sogar als nicht hervorgehoben, um eine Parallelverknüpfung der beiden Konjunkte zu erreichen. Diese Interpretationsmöglichkeit besteht jedenfalls in der Version mit der Partikel sogar nicht mehr. Weil (3/6i) m.E. trotzdem akzeptabel ist, wird das zweite Konjunkt vermutlich seriell mit dem Verbkomplex verknüpft. Das würde bedeuten, dass anders als bei (3/6e) zwei unterschiedliche Teilaussagen über die zur geplanten Zeigehandlung h und (dem Lehrer)’ gehörige Menge AFF(h) affizierter Objekte gemacht werden, nämlich die beiden Aussagen „(das Buch)’ ist ein Element von AFF(h)“ und „ein Element von AFF(h) ist mit (dem Handy)’ identisch“. Einen Beleg für diese Analyse liefert auch folgende Variante von (3/6h).

(3/6j) Maria zeigt dem Lehrer das Buch wahrscheinlich morgen oder sogarICH.

Anders als bei (3/6h) ist die Akzeptabilität von (3/6j) m.E. dadurch etwas eingeschränkt, dass die Inkongruenz von zeigt und ↑ICH↓ störend wirkt. Das ließe sich damit erklären, dass ↑ICH↓ nicht parallel mit Maria, sondern seriell mit zeigt verknüpft wird.

3.4.9Neue Erkenntnisse über Gappingkonstruktionen

Nachdem in Abschnitt 3.4.2 und 3.4.3 der Einfluss einfacher W-Fragen auf die Reihenfolge und Akzentuierung der Satzglieder in den Antworten untersucht wurde, sollte das analoge Thema auch für W-Fragen mit mehr als einem Fragewort systematisch behandelt werden. In der einschlägigen Literatur ist das aber m.W. bisher nicht geschehen. Fragen mit zwei Fragewörtern werden i.Allg. mit mindestens zwei Aussagen beantwortet, die zwecks Effizienz häufig als Gappingkonstruktionen formuliert sind. Wenn man z.B. Fragesätze mit den Fragewörtern wem und was untersucht, dann zeigen entsprechende Frage-Antwort-Sequenzen sofort, dass die Reihenfolge der Fragewörter auch bestimmt, welche Abfolge der jeweils korrespondierenden Antwortkonstituenten präferiert wird.

(3/7a) Wem leiht Maria was? Maria leiht dem Lehrer das Buch und dem Schüler die CD.

(3/7b) Wem leiht Maria was? Maria leiht das Buch dem Lehrer und die CD dem Schüler.

(3/7c) Was leiht Maria wem? Maria leiht dem Lehrer das Buch und dem Schüler die CD.

(3/7d) Was leiht Maria wem? Maria leiht das Buch dem Lehrer und die CD dem Schüler.

Als Erstes ist zu klären, ob die Antworten in (3/7a) -(3/7d) überhaupt Gappingkonstruktionen sind oder ob es sich bei ihnen auch um ‚elliptische‘ Linksausklammerungen von Maria leiht handeln kann? Die zweite Möglichkeit lässt sich deshalb ausschließen, weil die syntaktische Parallelität der beiden Satzgliedsequenzen (also z.B. von dem Lehrer das Buch und dem Schüler die CD in (3/7a)) nach dem Gestaltgesetz der Ähnlichkeit eine Koordination dieser Sequenzen begünstigt. Noch eindeutiger lässt sich eine Analyse als Linksausklammerung aus einer Koordinationskonstruktion ausschließen, wenn das Vorhandensein einer rechten Satzklammer zeigt, dass das zweite Konjunkt der Gappingkonstruktion im Nachfeld liegt wie z.B. bei Maria will dem Lehrer das Buch leihen und dem Schüler die CD.

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Nur die Antwortsätze in (3/7a) und (3/7d) passen gut zu den vorausgehenden Fragen, weil ihre Satzgliedabfolge identisch mit der Reihenfolge der Fragewörter ist. Deshalb muss in jedem Konjunkt der Antwortsätze jeweils eine NP eine durch Befragung prädikativ hervorgehobene Konstituente (PHKO) bilden. Dass gar keine NP hervorgehoben wird, lässt sich nämlich ausschließen, weil bei einer prädikativen Hervorhebung des Subjekts durch Akzentuierung z.B. in (3/7a) eine nur eingeschränkt akzeptable Frage-Antwort-Sequenz entsteht. Das zeigt

(3/7e) Wem leiht Maria was? MaRIa leiht dem Lehrer das Buch und dem Schüler die CD.

Eine gleichzeitige prädikative Hervorhebung beider NPs in den Konjunkten kann es nach der Analyse des Beispiels (3/3l) in Abschnitt 3.4.3 aber auch nicht geben. Deshalb wird nach dem Prinzip – PHKO<PHKO in (3/7a) offensichtlich eine Einstufung der beiden Akkusativ-NPs als PHKOs präferiert und in (3/7d) eine PHKO-Einstufung der beiden Dativ-NPs. Diese Annahme lässt sich durch eine Akzentuierung der Dativ-bzw. Akkusativ-NPs in (3/7a) und (3/7d) überprüfen.

(3/7f) Wem leiht Maria was? Maria leiht demLEHrer das Buch und demSCHÜler die CD.

(3/7g) Wem leiht Maria was? Maria leiht dem Lehrer dasBUCHund dem Schüler die CD.

(3/7h) Was leiht Maria wem? Maria leiht das Buch demLEHrer und die CD demSCHÜler.

(3/7i) Was leiht Maria wem? Maria leiht dasBUCHdem Lehrer und die CDdem Schüler.

Uneingeschränkt akzeptabel sind nur die Antwortsätze in (3/7g) und (3/7h), weil bei ihnen beide PHKOs jeweils zum zweiten Fragewort korrespondieren. Sie unterscheiden sich aber in der Zuordnungsrichtung der mit ihren Konjunkten verbundenen Teilaussagen. In der Antwort von (3/7g) wird den durch die Leihhandlung begünstigten Referenten der Dativ-NPs jeweils das zugehörige affizierte und in prädikativer Finktion verwendete Referenzobjekt der Akkusativ-NP zugeordnet. In der Antwort von (3/7h) gilt – vereinfacht gesagt – das Umgekehrte.

Als Nächstes ist zu fragen, ob evtl. auch die jeweils zum ersten Fragewort in den Antworten korrespondierenden NPs in irgendeiner Weise hervorgehoben sind. Übernimmt diese Funktion vielleicht der in Abschnitt 3.4.3 erwähnte fallend-steigende Hervorhebungsakzent? Was geschieht also, wenn man in (3/7g) und (3/7h) die betreffenden NPs mit einem solchen Akzent hervorhebt?

(3/7j) Wem leiht Maria was? Maria leiht demLEHrer dasBUCHund demSCHÜler die CD.

(3/7k) Was leiht Maria wem? Maria leiht dasBUCHdemLEHrer und die CDdemSCHÜler.

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Sowohl in (3/7j) als auch in (3/7k) passen die Antworten besonders gut zu den vorausgehenden Fragen, weil die jeweilige Abhängigkeit der zu den Fragewörtern gehörigen Antwortinformationen deutlich wird. Zugleich legt die Kombination aus öffnendem und schließendem Akzent in den Konjunkten nach dem in Abschnitt 3.4.4 erwähnten Gestaltprinzip der guten Fortsetzung nahe, dass die beiden NPs in den Konjunkten jeweils eine gemeinsame und dann zwangsläufig schwache Konstituente bilden, um die Koinzidenz der dargestellten Teilsachverhalte zu garantieren. Welche Funktion die jeweils erste NP darüber hinaus in den Konjunkten genau hat, soll erst später geklärt werden, weil es zweckmäßig ist, vorher systematisch zu untersuchen, welche Akzentuierungen in Gappingkonstruktionen der betrachteten Art auch ohne vorausgehende Frage möglich und welche Effekte mit ihnen verbunden sind. Dazu kann man zuerst überprüfen, ob es überhaupt Konstruktionen mit Konjunkten ohne Hervorhebungen gibt. Dass dies zutrifft, belegen analog zum Analyseergebnis für die Satzgliedkoordination (3/6f) in Abschnitt 3.4.8 folgende Sätze.

(3/7l) MaRIa leiht das Buch dem Lehrer und die CD dem Schüler.

(3/7m) MaRIa leiht dem Lehrer das Buch und dem Schüler die CD.

In diesen Sätzen ist neben der prädikativen Hervorhebung des Subjekts nämlich keine weitere solche Hervorhebung zulässig. Zugleich lässt sich die m.E. etwas geringere Akzeptabilität von (3/7l) dadurch erklären, dass die wegen der Nichthervorhebung der Akkusativ-und Dativ-NPs geltende Grundabfolge IO<DO nicht eingehalten wird.

Im nächsten Schritt ist zumindest exemplarisch zu überprüfen, ob es Konstruktionen mit nur einem Hervorhebungsakzent gibt und welche Funktion er ggf. hat. Relevant sind insbesondere vier Fälle.

(3/7n) Maria leiht dem Lehrer dasBUCHund dem Schüler die CD.

(3/7o) Maria leiht demLEHrer das Buch und dem Schüler die CD.

(3/7p) Maria leiht dem Lehrer dasBUCHund dem Schüler die CD.

(3/7q) Maria leiht dasBUCHdem Lehrer und die CD dem Schüler.

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In (3/7n) deutet der öffnende Akzent analog zu den in Abschnitt 3.4.3 angeführten Beispielen an, dass das erste aus zwei Satzgliedern bestehende Konjunkt mit einem zweiten, syntaktisch parallelen fortgesetzt wird. Ein zwangsläufiger prädikativer Hervorhebungseffekt scheint damit aber nicht verbunden zu sein. Deshalb hat (3/7n) wahrscheinlich dieselbe syntaktische Struktur und dieselbe Bedeutung wie die Version ohne Akzentuierung. Dagegen legt es der fallendsteigende Akzent auf der Dativ-NP in (3/7o) m.E. nahe, die Akkusativ-NP das Buch im ersten Konjunkt als prädikativ hervorgehoben zu interpretieren. Dann wird vermutlich auch das zweite syntaktisch parallele Konjunkt in der gleichen Weise wie das ersten Konjunkt interpretiert. Insofern verarbeitet man (3/7o) vermutlich in derselben Weise wie den Antwortsatz von (3/7j). Bei (3/7p) wiederum stuft man die Akkusativ-NP die CD im zweiten Konjunkt wegen der Parallelität der Konjunkte vermutlich als PHKO ein. Deshalb scheint es auch keinen semantischen Unterschied zwischen (3/7p) und einer Version mit öffnenden Akzenten auf den Dativ-NPs zu geben. Für eine genauere Begründung kann man zunächst geltend machen, dass Satzglieder mit einem fallend-steigenden Akzent in der Erstposition von elementaren Aussagesätzen eine spezielle informationsstrukturelle Funktion haben. Das zeigen Beispiele wie

(3/7r) DemLEHrer leiht Maria das Buch.

Die Erstposition des Dativ-Objekts und seine Hervorhebung durch einen fallend-steigenden Akzent legt in (3/7r) nämlich nahe, dass dieses Objekt die Rolle des Satztopiks erhält; m.a.W. dann wird in (3/7r) mit der Satzgliedfolge leiht Maria das Buch eine Aussage über (den Lehrer)’ gemacht. Hieraus lassen sich für die Modellierung der Gappingkonstruktionen in den Antworten von (3/7a), (3/7d), (3/7g) und (3/7h) sowie der Konstruktionen in (3/7o) und (3/7p) zwei Hypothesen ableiten. Erstens besitzen alle diese Konstruktionen zusätzlich zum Satztopik Maria in den beiden Konjunkten noch jeweils ein dort i.Allg. in der Erstposition stehendes Nebentopik, über das mit der nachfolgenden PHKO eine bestimmte Teilaussage gemacht wird. Das jeweilige Nebentopik lässt sich deshalb in einem noch zu präzisierenden Sinne als „topikalisierend hervorgehobene Konstituente“ (im Weiteren abgekürzt mit THKO) bezeichnen. Für solche Konstituenten gilt offensichtlich i.Allg. das Präzedenzprinzip THKO<PHKO. Zweitens kann auf eine explizite Akzentuierung von THKOs und PHKOs in den Konjunkten von Gappingkonstruktionen verzichtet werden, wenn eine Hervorhebung so wie in (3/7a), (3/7d), (3/7g) und (3/7h) bereits durch einen vorausgehenden Fragesatz verursacht ist. Dagegen zeigen (3/7o) und (3/7p), dass es in Konstruktionen ohne vorausgehende Frage im Prinzip schon genügt, im ersten Konjunkt das erste Satzglied mit einem öffnenden oder das zweite mit einem schließenden Akzent hervorzuheben. Trotzdem wird die in den Antwortsätzen von (3/7j) und (3/7k) realisierte vollständige Akzentuierungsversion sehr oft verwendet und galt deshalb in der Ellipsenliteratur lange Zeit als charakteristisch für Gappingkonstruktionen. Allerdings haben Ágel und Kehrein (2013: 122f.) durch eine empirische Untersuchung nachgewiesen, dass es prosodisch keinen Unterschied zwischen akzentuierten ‚elliptischen‘ und ‚nichtelliptischen‘ Koordinationskonstruktionen gibt. Das belegt exemplarisch die ‚nichtelliptische‘ Variante des Antwortsatzes von (3/7j).

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(3/7s) Maria leiht demLEHrer dasBUCHund Maria leiht demSCHÜler die CD.

Jetzt fehlt noch eine Diskussion über (3/7q). Zunächst liegt es analog zu (3/7p) nahe, die Akkusativ-NP die CD als PHKO zu interpretieren. Im Unterschied zu (3/7p) folgen die Konjunkte in (3/7q) aber nicht dem Prinzip – PHKO<PHKO. Das muss einen besonderen Grund haben. Ein anderes Beispiel für eine solche abweichende Abfolge war in Abschnitt 3.4.8 die Sachverhaltskorrektur in der Satzsequenz (3/6c). Tatsächlich erweckt auch (3/7q) den Eindruck, als solle eine vorherige Verwechslung bei der Zuordnung der geliehenen Objekte zu den Adressaten der Leihhandlung korrigiert werden. Jedenfalls wäre es kohärent, wenn (3/7q) die Äußerung Maria leiht die CD demLEHrer und das Buch demSCHÜler. Nein umgekehrt vorausginge. Ohne eine entsprechende Verwechslung lässt sich (3/7q) aber auch so interpretieren, dass ein besonderer Nachdruck auf die Information gelegt werden soll, um welches Leihobjekt es sich bei den schon als bekannt vorausgesetzten Personen jeweils handelt. Das ist ein Aspekt, der in der bisherigen Diskussion über PHKOs noch nicht berücksichtigt wurde und der auch unabhängig von Gappingkonstruktionen geltend zu machen ist: Durch eine Voranstellung und/oder besonders starke Akzentuierung von PHKOs lässt sich ihr Relevanzgrad erhöhen und die Bildung kontrastiver und/oder nichtkontrastiver Inferenzen verstärkt anregen. Voranstellungen dieser Art lassen sich erklären, wenn man das in Abschnitt 3.4.2 eingeführte Prinzip „Weniger Wichtiges vor Wichtigem“ im Sinne des primacy-Effekts durch den Zusatz „Besonders Wichtiges vor weniger Wichtigem“ ergänzt. Die Geltung dieses Zusatzes erklärt auch die mögliche Erstposition von PHKOs in Aussagesätzen wie z.B. in

(3/7t) DemLEHrer leiht Maria das Buch.

Für eine Analyse von (3/7q) bleibt zu klären, welche Konsequenzen die Nachstellung der Dativ-NPs in den Konjunkten hat. An den Zuordnungsverhältnissen ändert sich nichts; deshalb bilden diese NPs Nebentopiks. Zudem brauchen sie nicht mit einem fallend-steigenden Akzent hervorgehoben zu werden, weil auf eine PHKO keine weitere PHKO folgen kann. Immerhin könnte man die Dativ-NP dem Lehrer mit einem öffnenden Akzent versehen; dann müsste die Dativ-NP im zweiten Konjunkt aber einen konstituenten-und satzbeendenden schließenden Akzent erhalten.

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Um in einem weiteren Untersuchungsschritt zu klären, welche informationsstrukturelle Funktion Nebentopiks haben, muss man die semantische Struktur der Konjunkte in Gappingkonstruktionen angeben. Das soll am Beispiel des Antwortsatzes von (3/7j) geschehen. Dabei kann man analog zur Analyse diskontinuierlicher Satzgliedkoordinationen in Abschnitt 3.4.8 einerseits davon ausgehen, dass über den Referenten der Dativ-NP dem Lehrer im ersten Konjunkt standardmäßig ausgesagt wird, dass er ein Element aus der Adressatenmenge ADR(h) der situativ bestimmten Leihhandlung h ist. Andererseits wird über diesen Referenten aber unter Ausnutzung der prädikativen Funktion der Akkusativ-NP das Buch implizit die wichtige zusätzliche Aussage gemacht, dass ein zu ihm koinzidierendes Element aus der Menge AFF(h) der von h affizierten Objekte identisch mit dem Referenten von das Buch ist. Deshalb werden die Dativ-und die Akkusativ-NP auch zu einer schwachen Konstituente verknüpft. In genau diesem Sinne kann man davon sprechen, dass dem Lehrer das Nebentopik im ersten Konjunkt bildet. Nach der gleichen Argumentation ist dann die Dativ-NP dem Schüler das Nebentopik der zugehörigen impliziten Aussage im zweiten Konjunkt. Die semantische Struktur der Gappingkonstruktion ohne Hervorhebungen unterscheidet sich also von der Struktur mit Hervorhebungen dadurch, dass über den Referenten der Akkusativ-NP in nicht prädikativer Funktion die Aussage formuliert wird, ein Element von AFF(h) zu sein. Ein anderer Unterschied betrifft die Inferenzbildung. So wird z.B. der Antwortsatz in (3/7j) aufgrund seiner PHKOs in stärkerem Maße als seine Variante ohne Hervorhebungen bestimmte nichtmonotone Inferenzen nahelegen. Das gilt vermutlich insbesondere für die Inferenz Maria leiht dem Lehrer nicht die CD und evtl. nur das Buch und dem Schüler nicht das Buch und evtl. nur die CD.

Ein weiterer, kurz anzusprechender Diskussionspunkt bezieht sich darauf, dass es neben dem bisher hauptsächlich behandelten Typ von Gappingkonstruktionen noch andere Arten gibt, die dem Prinzip THKO<PHKO folgen (vgl. Kindt 2016b: 377ff.). Das gilt insbesondere für solche Konstruktionen, bei denen das in Erstposition stehende Satzglied eine THKO bildet wie in den folgenden Sätzen.

(3/7u) MaRIa hilft demLEHrer und ihrBRUder demSCHÜler.

(3/7v) DemLEHrer hilft MaRIa und demSCHÜler ihrBRUder.

In (3/7u) und (3/7v) kann man die beiden THKOs jeweils Haupttopiks nennen, weil über ihre Referenten jeweils eine Aussage zu dem vom finiten Verb hilft eingeführten Thema gemacht wird. Diese Formulierung verwendet den mittlerweile durch das Topikkonzept abgelösten Themabegriff in einem neuen und für Gappingkonstruktionen naheliegenden Sinne. Das gilt auch für den Fall, dass in diesen Konstruktionen neben dem finiten Verb weitere Satzglieder themakonstituierend und im zweiten Konjunkt ‚elliptisch‘ sind wie z.B. die Richtungsangabe nach Berlin in

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(3/7w) MaRIa fährtHEUte nach Berlin und ihrBRUderMORgen.

Je mehr Satzglieder themabildend sind, desto ineffizienter ist eine Formulierung ‚nichtelliptischer‘ Satzkoordinationen. Das zeigt z.B. der Satz

(3/7x) MaRIa willHEUte mit dem Zug von Hamburg nach Berlin fahren und ihrBRUder willMORgen mit dem Zug von Hamburg nach Berlin fahren.

Noch komplexere Typen von Gappingkonstruktionen bilden Sätze mit mehreren THKOs wie z.B.

(3/7y) MaRIa fährtHEUte nachBERlin und ihrBRUderMORgen nach

BONN.

(3/7z) Maria leiht demLEHrerHEUe dasBUCHund demSCHÜler

MORgen die CD.

(3/7y) und (3/7z) enthalten in den Konjunkten noch jeweils eine Temporalangabe als Nebentopik. Das bedeutet insbesondere, dass die impliziten Koinzidenzaussagen zusätzlich zeitabhängig sind.

Abschließend soll noch auf die Frage eingegangen werden, wovon es in Gappingkonstruktionen mit mehreren hervorgehobenen Konstituenten abhängt, welche zueinander korrespondierenden Satzglieder als THKO bzw. als PHKO gewählt werden und welche Inferenzen ggf. damit verbunden sind. Diese Frage lässt sich z.B. an folgendem Satzpaar diskutieren.

(3/8a) Maria schenkt dasGROße Buch ihremVAter und dasKLEIne ihremBRUder.

(3/8b) Maria schenkt ihremVAter einGROßes Buch und ihremBRUder einKLEInes.

Wenn den Beteiligten einer Kommunikation in der zugrundeliegenden Situation schon bekannt ist, dass Maria’ als Weihnachtsgeschenke ein großes (und evtl. teureres) und ein kleines (evtl. preiswerteres) Buch gekauft hat, dann befinden sich beide Bücher schon im gemeinsamen situativen Gegenstandsfokus und ihr Verwendungszweck gehört zum gemeinsamen Wissen. In diesem Fall kann der/die Produzent/in mit der Äußerung von (3/8a) die für andere Personen evtl. neue Information liefern, welches Buch Maria’ wem zugedacht hat. Dagegen passt die Äußerung von (3/8b) zu einer Situation, in der bereits bekannt ist, dass Maria’ (ihrem Vater)’ und (ihrem Bruder)’ etwas schenken möchte. Dann wird mit (3/8b) ausgesagt, wem Maria’ ein Buch welcher Größe schenken will. Außerdem ist es – ähnlich wie das für die Antwort in (3/7j) vermutet wurde – wahrscheinlich einerseits i.Allg. zulässig, aus (3/8a) unter zweimaliger Verwendung der Satzgliednegation als kontrastive Bedeutungserweiterung den Satz

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(3/8c) Maria schenkt dasKLEIne Buch nicht ihremVAter und dasGROße nicht ihremBRUder.

zu inferieren. Andererseits liegt es bei (3/8b) nahe, die ungleiche Behandlung der beiden Adressaten nichtkontrastiv mit einer unterschiedlichen Wertschätzung zu erklären und dafür eine entsprechende soziale Normalfallregularität geltend zu machen, Umgekehrt kann es bei Zugrundelegung dieser Regularität erklärungswürdig sein, wenn in einer Situation statt (3/8a)

(3/8d) Maria schenkt ihremVAter einKLEInes Buch und ihremBRUder einGROßes.

ausgesagt wird. Zugleich lässt sich eine negative Bewertung des Verhaltens von Maria’ dann auch durch eine Verwendung von Gradpartikeln explizit machen, nämlich z.B. bei der Äußerung

(3/8d) Maria schenkt ihremVAter ausgerechnet einKLEInes Buch und ihremBRUder sogar einGROßes.

Hier zeigt sich ein in der Literatur m.W. bisher nicht diskutierter Sachverhalt, dass auch PHKOs in den Konjunkten von Gappingkonstruktionen durch Gradpartikel modifizierbar sind.

3.5Eine integrierte Methodenkonzeption

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Die bisherigen Abschnitte von Kapitel 3 sollten exemplarisch zeigen, wie sich mit der Variationsmethode bei einer systemtheoretisch begründeten und empirisch systematischen Vorgehensweise linguistisch neue Erkenntnisse gewinnen lassen. So war die Arbeit von Karl Verner u.a. deshalb erfolgreich, weil Verner für die Identifizierung der vorher nicht berücksichtigten und für den Nachweis seines Gesetzes ursächlichen Akzentuierung auf geeignete Korpusdaten zurückgreifen konnte. Aber auch das empirische Verfahren, dass Linguisten/innen ihre eigene Sprachkompetenz nutzen, um Urteile über vorfindliche oder konstruierte Äußerungen zu fällen, kann – wie vorausgehend deutlich wurde – bei Anwendung der Variationsmethode nach wie vor zu neuen Einsichten führen. Im Vergleich dazu sind die heutigen methodischen Möglichkeiten in der Linguistik für eine systemtheoretisch angelegte Forschung aufgrund der vorhandenen experimentellen und maschinellen Verfahren noch erheblich günstiger. Qualitative Korpusanalysen, quantitative Korpusauswertungen, Experimente, mathematische Modellierungen sowie Computersimulationen sollten aber nicht als konkurrierende, sondern als sich ergänzende Methoden der Systemerforschung gesehen werden. Wie sich eine solche Methodenkombination konkret realisieren lässt, wird im Folgenden am Beispiel einer Untersuchung dargestellt, die im Rahmen des Projekts „Strategien der Verständigungssicherung in situierter Kommunikation“ aus dem DFG-Sonderforschungsbereich 369 „Situierte Künstliche Kommunikatoren“ durchgeführt wurde und in der es um Strategien bei der Formulierung von Klärungsrückfragen im Fall unterspezifizierter Instruktionen ging (vgl. Kindt, Strohner und Jang 2002; Eikmeyer, Kindt und Strohner 2007; Kindt und Rittgeroth 2009).

3.5.1Korpuserstellung und qualitative Analyse

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Als empirische Grundlage der Untersuchung diente zunächst ein Korpus bestehend aus 22 Instruktionsdialogen (vgl. Bielefelder Flugzeugkorpus 1997). Dieses Korpus war in einer speziellen Kommunikationskonstellation mit jeweils zwei Versuchspersonen experimentell erhoben worden. Dabei hatte die erste Versuchsperson, der sog. Instrukteur, die Aufgabe, der zweiten Person, dem sog. Konstrukteur, die notwendigen Anweisungen zur Montage eines Spiel-Flugzeugs aus Bauteilen der bekannten Baufixserie zu geben. Der Instrukteur stützte sich bei seinen Anweisungen entweder auf eine Montageanleitung oder auf ein bereits gebautes Flugzeug. Außerdem wurden im Experiment die Möglichkeiten der wechselseitigen visuellen Wahrnehmung variiert. Zwar konnten die beiden Beteiligten jederzeit miteinander kommunizieren. Die Sicht auf den jeweiligen Partner und auf das evtl. bei ihm vorhandene Flugzeug war aber nicht immer möglich, sondern teilweise nur eingeschränkt oder gar nicht gegeben. Speziell bei blockierter Sicht traten häufig typische referenzielle Verständigungsprobleme z.B. folgender Art auf. Sollten zwei oder mehrere Bauteile mithilfe einer Schraube aus dem Baukasten verbunden werden, so standen dafür Schrauben unterschiedlicher Farben (rot, gelb oder orange) und Formen (runder oder sechseckiger Schraubenkopf) zur Auswahl. Wenn der Instrukteur in dieser Situation eine referenziell unterspezifizierte Anweisung mit nur einer Dimensionsangabe formulierte, also z.B. dann nimmst du eine rote Schraube oder dann nimmst du eine runde Schraube sagte, dann war der Konstrukteur mit einer solchen unterspezifizierten und für ihn als Input fungierenden Auskunft vielfach nicht zufrieden, weil er eine eindeutige Information erhalten wollte. Deshalb fragte er evtl. zwecks referenzieller Klärung entsprechend nach und produzierte somit einen Äußerungsoutput. Fehlte die Formangabe, so war die Reaktion des Konstrukteurs oft als sog. oder-Mitte-Frage formuliert und dabei auch häufig in einer elliptischen Version wie in Rund oder eckig? (vgl. Kindt und Rittgeroth 2009: 221). Bei fehlender Farbangabe stellte er dagegen eher eine W-Frage, die z.B. in der Kurzversion Welche Farbe? formuliert war. Schon bei einer ersten Durchsicht des Flugzeugkorpus lag also die Vermutung nahe, dass die Art der Klärungsrückfrage von der Zahl der vorkommenden Dimensionswerte und damit von der Zahl der möglichen Referenzobjekte abhängt. Konkreter lässt sich folgende Gesetzeshypothese für die Wahl der Rückfrage bei referenziell unterspezifizierten Phrasen formulieren (vgl. Eikmeyer, Kindt und Strohner 2007: 405).

(H1) Liegen der Klärungsrückfrage zwei Referenzalternativen zugrunde, dann wird zumeist die Formulierung einer oder-Mitte-Frage präferiert; ist die Zahl der Referenz-alternativen aber größer, dann neigen Teilnehmer zur Verwendung einer W-Frage.

Theoretisch gesehen bildet (H1) ein einfaches Beispiel für die Antwort auf eine onomasiologische Fragestellung im Rahmen der Dynamischen Semantik. Zugleich lassen sich über die Diskussion in Eikmeyer, Kindt und Strohner (2007) hinaus schon einige verständigungstheoretische Vermutungen zur Erklärung des in (H1) angenommenen Sachverhalts anstellen. In Interaktionen wie der gemeinsamen Flugzeugmontage, bei denen ein großes Maß an Kooperativität für das Erreichen des gemeinsamen Ziels erforderlich ist, gelten auch besonders hohe Formulierungs-und Verstehenserwartungen. Man kann also annehmen, dass die Wahl der Frageform von der Formulierung der vorherigen Äußerung des Instrukteurs abhängt sowie von der Absicht des Konstrukteurs, diese Erwartungen möglichst effizient zu erfüllen. Einerseits entspricht eine spezifische oder-Mitte-Frage stärker der Vollständigkeitserwartung als eine unspezifische W-Frage. Dadurch zwingt sie den Instrukteur nämlich eher zu einer eindeutigen Entscheidung über den zu wählenden Referenten und zugleich erleichtert sie ihm diese Entscheidung. Tatsächlich neigen Instrukteure im Flugzeugkorpus teilweise dazu, für die jeweiligen Bauteile zunächst keine eindeutigen Referenzangaben durch Farb-oder Formnennung zu machen; d.h. sie unterschätzen die Relevanz solcher Angaben für den Interaktionserfolg. Insofern ist die oderMitte-Frage für das Erreichen des gemeinsamen Ziels vorteilhafter als die W-Frage. In Eikmeyer, Kindt und Strohner (2007: 409f.) wird diesbezüglich von kollaborativer Effizienz gesprochen. Andererseits ist die Formulierung einer oder-Mitte-Frage bei mehr als zwei Referenzalternativen für den Konstrukteur auch in einer elliptischen Version schon relativ aufwendig und deshalb weniger effizient; er vermeidet sie also oft.

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Unabhängig davon, inwieweit sich die Hypothese (H1) in Nachfolgeuntersuchungen bestätigen lässt, liefert sie schon einen Beleg dafür, dass eine kommunikationsanalytische Vorgehensweise ein geeignetes Mittel zur Hypothesenfindung bildet und damit auch ein guter Ausgangspunkt für einschlägige psycholinguistische Experimente sein kann. Dabei ist ein Rückgriff auf experimentell elizitierte Korpora oft noch erfolgreicher als eine Analyse von Korpora mit spontan zustande gekommenen Gesprächen oder schriftlichen Texten, weil vergleichbare Randbedingungen für die Kommunikation gelten und weil die beobachteten Reaktionen eher generalisierbar sind. Außerdem ist so eine kontrollierte Variation einzelner Faktoren möglich. Die von Forschern/innen aus der Konversationsanalyse oft befürchtete Unnatürlichkeit des Verhaltens der Versuchspersonen spielt dagegen bei geschickter Experimentanlage mit einer natürlich gewählten Kommunikationssituation erfahrungsgemäß allenfalls eine untergeordnete Rolle, weil sich die Beteiligten hauptsächlich darauf konzentrieren, ihre jeweiligen kommunikativen Aufgaben mit den Mitteln zu bewältigen, die sie auch sonst im Alltag verwenden. Im Flugzeugkorpus sind jedenfalls keine Verhaltensweisen zu erkennen, die von den Verfahren der üblichen Verständigungsherstellung abweichen.

3.5.2Quantitative Korpusanalyse

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Bei Untersuchungsfragen wie der hier diskutierten lohnt es sich in jedem Fall, eine quantitative, von Hand oder maschinell durchgeführte Auswertung vorzunehmen. Es ist nämlich wichtig, auch die genauen Größenordnungen für die Geltung aufgestellter Hypothesen zu kennen. Diesbezüglich ergaben sich bei der quantitativen Überprüfung der Hypothese (H1) mehrere wichtige Resultate. Zunächst macht die Verwendung von oder-Mitte-und W-Fragen zusammengenommen nur jeweils einen kleinen Teil der gesamten Reaktionen aus. Bei zwei Referenzalternativen erreichten die beiden Frageformen nämlich nur 28,4% von der Gesamtzahl der Rückfragen und bei mehr als zwei Alternativen waren es 46,5%. Die Hypothese (H1) erfasst also nur einen geringen Teil des Rückfrageverhaltens im Flugzeugkorpus. Der Grund hierfür ist, dass es sich bei fast allen anderen Reaktionen um angefragte Vorschläge zur Lösung des Referenzproblems handelt (wie z.B. in mit der roten Schraube oder?). Der Konstrukteur hatte also in solchen Fällen bereits auf irgendeine Weise einen Referenten als den eindeutig oder zumindest wahrscheinlich in Frage kommenden Kandidaten erschlossen. Das gilt bei zwei Referenzalternativen für 66,3% der Rückfragen und bei mehr als zwei Alternativen immerhin noch für 51,9%. Genau genommen wäre es also bei der Korpusauswertung erforderlich gewesen, interpretativ zu entscheiden, bei welchen Beispielen der Rückfrage im strikten Sinne gar keine Referenzmehrdeutigkeit vorliegt; und solche Fälle hätte man dann aussortieren und in die Kategorie „nur eine Referenzmöglichkeit“ einstufen müssen. Weiterhin zeigt sich beim direkten Vergleich der beiden Frageformen, dass die erste Aussage von (H1), die eine Präferenz für die Wahl der oder-Mitte-Frage bei zwei Referenzalternativen annimmt, jedenfalls nicht für das Flugzeugkorpus gilt. Denn die unspezifischen W-Fragen kommen mit 15% sogar noch etwas häufiger als oder-Mitte-Fragen (13,5%) vor. Die Präferenz des Konstrukteurs, zugunsten des möglichen Vorteils einer leichteren und schnelleren Referenzentscheidung die aufwendigere spezifische Frageform zu wählen, wurde also bei der qualitativen Korpussichtung überschätzt. Dagegen wird die unspezifische W-Frage konform zur zweiten Aussage von (H1) bei mehr als zwei Referenzalternativen mit 38% gegenüber den 8,5% der oder-Mitte-Frage deutlich bevorzugt. Die unterschiedlichen Prüfergebnisse für die erste und zweite Aussage legen also eine Modifikation von (H1) nahe. Insofern kann man im Sinne des obigen Erklärungsversuchs für (H1) annehmen, dass die Verteilung der Frageformen neben der Abhängigkeit von der Zahl der Referenzalternativen und vom Formulierungsaufwand auch durch situationsbedingte Unterschiede des Nutzens einer schnellen Referenzentscheidung beeinflusst wird. Schließlich lässt sich trotz der geringen Aufklärungsquote von (H1) bei einem Vergleich der beiden konkurrierenden Referenzalternativen feststellen, dass die spezifische oder-Mitte-Frage eine präferierte Reaktion im Fall zweier Referenzmöglichkeiten bildet und die unspezifische W-Frage eine präferierte Reaktion im anderen Fall. Denn oder-Mitte-Fragen werden bezogen auf die Summe der prozentualen Anteile ihres Vorkommens mit 57,2% bei zwei Alternativen wesentlich öfter verwendet als bei mehr als zwei Alternativen (37%) und umgekehrt kommen W-Fragen relativ zu ihren Vorkommensanteilen bei mehr als zwei Alternativen mit 57,8% deutlich häufiger vor als bei zwei Alternativen (22,8%).

3.5.3Experimentelle Untersuchung

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Die Ergebnisse der qualitativen und quantitativen Korpusanalyse gaben Anlass, ein Experiment durchzuführen. Dabei sollte einerseits durch eine geeignete Versuchsanlage – anders als im Korpusexperiment – vermieden werden, es den Versuchspersonen bei Referenzmehrdeutigkeiten zu ermöglichen, aufgrund von Kontextwissen einen naheliegenden Referenten zu erschließen und als Reaktion einen Vorschlag zu formulieren (vgl. zu Details des Experiments Kindt, Strohner und Jang 2002: 363ff.). Andererseits sollte versucht werden, den für die Widerlegung der ersten Aussage von (H1) verantwortlichen Faktor zu identifizieren und seinen Einfluss genauer zu bestimmen. Diesbezüglich war im Sinne der obigen Überlegungen schon zu vermuten, dass die situationsbedingte Effizienz der Frageform bzw. die entsprechende Effizienzeinschätzung des Fra-gestellers die hauptsächlich gesuchte intervenierende Variable bildet. Allerdings lässt sich diese Einschätzung, die ja eine Eigenschaft des mentalen Zustands der Versuchspersonen darstellt, weder unmittelbar empirisch beobachten noch direkt kontrollieren. Insofern war zu überlegen, welcher experimentell leicht zu variierende situationsexterne Faktor geeignet auf die betreffende Effizienzeinschätzung einwirkt. Diesbezüglich konnte sich das Experiment auf psycholinguistische Erkenntnisse stützen, die besagen, dass die Ausübung von Zeitdruck einen maßgeblichen Einfluss auf das Verarbeitungsverhalten ausübt. Folglich ist anzunehmen: Wollen die Beteiligten die in einer Kooperation angestrebten Ziele unter Zeitdruck erreichen, dann müssen sie die verschiedenen Schritte der Zusammenarbeit zeitlich besonders effizient durchführen. Aufgrund der entsprechend erhöhten Relevanz einer zeitlichen Effizienz sollte dann auch eine schnelle Referenzentscheidung besonders vorteilhaft sein. Insgesamt gesehen ergaben die Vorüberlegungen zum Experiment folgende Hypothese (vgl. Eikmeyer, Kindt und Strohner 2007: 407).

(H2) Zeitdruck hat einen signifikanten Einfluss auf die Wahl der Rückfragestrategie bei Referenzambiguitäten und die Instruktion, so schnell wie möglich zu reagieren, führt zu mehr spezifischen Rückfragen als die Versuchsbedingung ohne diese Instruktion.

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In dem zur Überprüfung von (H1) und (H2) durchgeführten Experiment wurde mithilfe eines (erfundenen) Kartenspiels eine zu den Dialogen des Flugzeugkorpus analoge Versuchssituation für Rückfragen zu Referenzambiguitäten hergestellt und außerdem die Zahl der Referenzalternativen der Einfachheit halber auf die Fälle von zwei und drei Alternativen beschränkt. Die zugehörigen Experimentergebnisse lassen sich jetzt wieder in mehreren Schritten darstellen. Zunächst war das Experiment schon insofern erfolgreich, als die Verwendung von oder-Mitte-und W-Fragen in allen Versionen den Hauptteil der gesamten Reaktionen ausmacht. Bei den beiden Versionen ohne Zeitdruck erreichten die beiden Frageformen nämlich 80,5% bzw. 82% von der Gesamtzahl der jeweiligen Rückfragen und bei den Versionen mit Zeitdruck waren es sogar 88,8% bzw. 86,7%. Weiterhin zeigt sich beim direkten Vergleich der beiden Frageformen, dass diesmal im Unterschied zum Ergebnis der quantitativen Korpusauswertung die erste Aussage von (H1) zutrifft, die eine Präferenz für die Wahl der spezifischen oder-Mitte-Frage bei zwei Referenzalternativen prognostiziert; und zwar gilt dies für beide Versionen der Zeitdruck-Instruktion. Denn die unspezifischen W-Fragen kommen ohne explizite Vorgabe von Zeitdruck nur in 30,5% der Fälle vor, die spezifischen oder-Mitte-Fragen hingegen mit 50%. Bei explizitem Zeitdruck sind es sogar nur noch 25,5% gegenüber den 63,3% der spezifischen Form. Aber im Unterschied zur zweiten Aussage von (H1) wird die oder-Mitte-Frage auch bei drei Referenzalternativen präferiert und zwar bei der Instruktion ohne Zeitdruck geringfügig mit 42,1% gegenüber den 39,9% der W-Frage und bei explizitem Zeitdruck deutlich mit 55,1% gegenüber 31,6%. Offensichtlich haben die speziellen Interaktionsbedingungen der Versuchssituation also auch schon ohne explizite Ausübung von Zeitdruck zu schnelleren Referenzentscheidungen und einer zugehörigen Formulierungspräferenz geführt, woraus sich die nahezu durchgängige Bevorzugung der spezifischen Frageform ergibt. Zugleich bestätigt sich die Hypothese (H2). Denn im Fall von zwei Referenzalternativen erhöht sich der Anteil der spezifischen Frageform beim Übergang von der Version ohne zur Version mit Zeitdruckinstruktion von 50% auf 63,3% und bei drei Referenzalternativen von 42,1% auf 55,1%. Durch die explizite Ausübung von Zeitdruck wird die Bereitschaft zur Verwendung der spezifischen Frageform also noch erhöht. Schließlich kann man bei einem direkten Vergleich der beiden konkurrierenden Referenzalternativen wieder feststellen, dass die spezifische oder-Mitte-Frage eine präferierte Reaktion im Fall zweier Alternativen bildet und die unspezifische W-Frage eine präferierte Reaktion im anderen Fall. Denn oder-Mitte-Fragen werden bezogen auf die Summe der prozentualen Anteile ihres Vorkommens bei zwei und drei Alternativen in der Version ohne Zeitdruck bei zwei Alternativen mit 54,3% häufiger verwendet als bei drei Alternativen (47,7%) und in der Version mit Zeitdruck bei zwei Alternativen mit 53,4% häufiger als die 46,6% bei drei Alternativen. Umgekehrt kommen W-Fragen in der Version ohne Zeitdruck bei drei Alternativen mit 56,7% häufiger vor als bei zwei Alternativen (45,3%) und in der Version mit Zeitdruck mit 55,3% bei drei Alternativen häufiger als bei zwei Alternativen (46,7%).

Insgesamt gesehen zeigt die Experimentauswertung also, dass der Faktor der Zahl möglicher Referenzalternativen und der Zeitdruckfaktor eine gegenläufige Auswirkung auf die Wahl der Rückfragestrategie haben, was sich generalisierend in folgender Hypothese formulieren lässt.

(H3) Die Wahl der Rückfragestrategie bei Referenzambiguitäten hängt sowohl von der Zahl der Referenzalternativen als auch vom bestehenden Zeitdruck ab. Je niedriger die Alternativenzahl und je größer der Zeitdruck ist, desto häufiger werden spezifische Rückfragen verwendet.

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Mit dem erfolgreichen Nachweis einer Hypothese in der Art von (H3) gibt man sich in der Psycholinguistik häufig zufrieden. Man könnte aber zusätzlich fragen, ob sich ein noch genauerer quantitativer Zusammenhang zwischen den untersuchten Größen in Form einer numerischen Gesetzmäßigkeit herstellen lässt. Das Verfahren zur Formulierung solcher Gesetze ist u.a. aus der Physik bekannt. Graphisch beschrieben verbindet man die verschiedenen Messpunkte und versucht, den resultierenden Streckenzug, durch eine stetige Kurve zu approximieren. Auch wenn eine entsprechende Verallgemeinerung bei (H3) nur von begrenztem Interesse ist, soll dieses Verfahren im nächsten Abschnitt als ein im Prinzip wichtiger Arbeitsschritt vorgestellt werden.

3.5.4Mathematische Modellbildung

Der auf die Experimentdurchführung und -auswertung folgende Untersuchungsschritt hatte das Ziel, ein explizites Modell für die empirisch beobachteten Input-Output-Zuordnungen zu erstellen. Dabei sollte es um eine Berechnung der Vorkommensanteile für die verschiedenen Frageformen gehen. Aufgrund des verständigungstheoretischen Erklärungsversuchs für die Hypothese (H3) und für die ihr zugrundeliegenden Befunde lässt sich aber ein noch spezifischerer Theorieansatz als im von Eikmeyer, Kindt und Strohner (2007: 409) vorgeschlagenen Modellschema wählen. Er führt auch zu einem einfacheren und besseren Ergebnis. Der Hauptunterschied zu diesem Schema betrifft die intervenierenden Variablen. Von den drei seinerzeit angesetzten Variablen wird jetzt nur die der kollaborativen Effizienz übernommen. Genauer gesagt kann man den vom jeweiligen Zeitdruck xD abhängigen Nutzen n einer schnellen Referenzentscheidung als Variable ansetzen. Hinzu kommen die intervenierende Variable a des durch die Alternativenzahl xA bedingten Aufwands für die Formulierung, die Variable x des Quotienten aus n und a (Nutzen-Kosten-Verhältnis n/a) als einem situationsabhängigen Effizienzmaß und die Variable y der zur jeweiligen Frageform gehörigen Formulierungspräferenz, die das als Output beobachtete Formulierungsverhalten bestimmt.

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Zunächst soll auf den Fall der spezifischen Frageform eingegangen werden. Gemäß der Hypothese (H3) operiert das zu definierende Modell über den beiden Inputvariablen xD und xA. Den Werten von xD wird jeweils ein Wert der intervenierenden Variable n zugeordnet; und zwar soll n bei der spezifischen Frageform für den explizit angeordneten Zeitdruck („so schnell wie möglich“) den Wert 2 erhalten und für den mit der Versuchssituation vergleichbaren Zeitdruck den Wert 1. Den Werten von xA wird jeweils ein Wert der intervenierenden Variable a zugeordnet; und zwar wird bei der spezifischen Frageform a := 2 für die Alternativenzahl 2 und a := 3 für die Alternativenzahl 3 angesetzt. Damit ergeben sich bei der spezifischen Frageform für die Variable x die Werte 1/3, 1/2, 2/3 und 1. Auf den Wert der Formulierungspräferenz y soll von den im Experiment ermittelten Häufigkeitswerten für die spezifische Frageform rückgeschlossen werden und zwar wird dazu die zugehörige Prozentzahl als Dezimalzahl dargestellt. Auf diese Weise erhält man folgende Zuordnungen von x-zu y-Werten: <1/3, 0.421>, <1/2, 0.5>, <2/3, 0.551> und <1, 0.633>. Die zentrale und für die spezifische Frageform verbleibende Modellierungsaufgabe besteht jetzt darin, eine Funktion f mit y = f(x) anzugeben. Dass hierfür nicht einfach y = x gilt, kann damit zusammenhängen, dass die subjektive Bewertung der Fragenden bzgl. Nutzen und Kosten der spezifischen Frageform nicht vollständig mit n und a übereinstimmt. Außerdem gehen in ihre Effizienzeinschätzung bzw. in ihr Präferenzverhalten möglicherweise noch andere Faktoren ein. Da die y-Werte mit höheren x-Werten monoton steigen, liegt es nahe, zunächst zu prüfen, ob ein linearer Zusammenhang zwischen x und y besteht, also ob sich die Punkte <1/3, 0.421>, <1/2, 0.5>, <2/3, 0.551> und <1, 0.633> durch eine Gerade verbinden lassen. Hierzu legt man die aus der Mathematik bekannte Geradengleichung y = bx + c zugrunde, wählt zur Ermittlung der Steigung b zwei auf der Geraden liegende bzw. miteinander zu verbindende Punkte <x1, y1> und <x2, y2> aus und kann dann b berechnen durch b = (y2 -y1) /(x2 -x1). Wenn man mit den Punkten <1/2, 0.5> und <1, 0.633> so verfährt, erhält man für b = (0.633 -0.5) /(1 -1/2) = 0.266. Der Wert von c (Abschnitt auf der y-Achse) lässt sich dadurch berechnen, dass man den x-Wert und den y-Wert von <1, 0.633> in die Geradengleichung einsetzt. Das ergibt c = 0.633 -0.266 = 0.367. Schließlich ist zu überprüfen, ob auch die beiden anderen Punkte <1/3,0.421> und <2/3, 0.551> auf der Geraden liegen oder wie stark die mit der Geradengleichung berechneten Werte von den y-Werten der Punkte abweichen. Für x = 2/3 ergibt sich dann y = 0.266 ⋅2/3 + 0.367 = 0.544 und die Abweichung zu 0.551 fällt mit 0.007 (das entspricht 0,13 %) erfreulicherweise sehr gering aus. Für x = 1/3 ergibt sich y = (0.266 ⋅1/3) + 0.367 = 0.456; die Abweichung von 0.421 beträgt hier 0.035 (8,3%) und lässt vermuten, dass eine lineare Approximation der gesuchten Funktion unterhalb des x-Wertes von 1/2 zunehmend ungenauer wird; das würde sich insbesondere dann negativ auswirken, wenn man auch Fälle von noch geringerem Zeitdruck als im Experiment und/oder von noch höherer Alternativenzahl als 3 erfassen möchte.

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Der y-Wert des Punktes <1/3, 0.421> liegt unterhalb des berechneten y-Wertes auf der gewählten Geraden. Deshalb ist denkbar, dass sich die für die spezifische Frageform gesuchte Funktion durch eine nach unten geöffnete Parabel mit vertikaler Achse besser approximieren lässt. Ein entsprechender Modellierungsversuch geht folgendermaßen vor. Die einschlägige Parabelgleichung lautet y = b(x – d)2 + c. Die Werte der Parameter b, c und d kann man dann durch Einsetzen der x-und y-Werte dreier Punkte bestimmen. Die bei Wahl der drei Punkte <1/3, 0.421> <1/2, 0.5> und <1, 0.633> durchzuführende, etwas umfangreichere Rechnung soll hier nicht wiedergegeben werden. Mit ihr erhält man jedenfalls die Parameterwerte: d = 1.118, b = -0.362 und c = 0.638. Analog zur Vorgehensweise bei der Geraden kann man anschließend überprüfen, ob der verbliebene Punkt <2/3, 0.551> auf der ermittelten Parabel liegt oder wie groß anderenfalls die Abweichung ist. Als y-Wert für x = 2/3 ergibt sich dann y = -0.362 (2/3 -1.118)2 + 0.638 = 0.564 und somit eine tolerierbare Abweichung von 0.013 (2,4%) gegenüber 0.551. Mit diesem Resultat kann man sich zufriedengeben, zumal für eine evtl. noch genauere Approximation durch eine sog. allgemeine Kurve zweiter Ordnung mehr als vier Punkte erforderlich wären. Grundsätzlich lässt sich eine bestmögliche Approximation aber mit bestimmten mathematischen Verfahren erreichen.

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Für eine Modellierung des Vorkommens der unspezifischen Frageform würde man zunächst vielleicht vermuten, dass für die Bildung des Quotienten x die Kehrwerte von Nutzen und Kosten der spezifischen Frageform zugrunde gelegt werden können. Das hieße einerseits, dass die Kosten des Formulierungsaufwands mit 1/2 bei xA = 2 und mit 1/3 bei xA = 3 anzusetzen sind, was sich im Zähler von x wie ein Formulierungsnutzen von 2 bzw. 3 auswirkt. Dieses Ergebnis ist auch plausibel, weil die Verwendung einer W-Frage vom Formulierungsaufwand her gesehen günstiger ist als die einer oder-Mitte-Frage und dieser Effekt bei 3 Alternativen noch verstärkt wird. Zugleich passt zu diesem Sachverhalt der beobachtbare Anstieg der Vorkommenshäufigkeit der unspezifischen Frageform von 30,5% auf 39,9% bei der Experimentversion ohne expliziten Zeitdruck und ebenso der Anstieg von 25,5% auf 31,6% bei der Version mit explizit angefordertem Zeitdruck. Setzt man andererseits für den zeitbezogenen Nutzen von Referenzentscheidungen bei der unspezifischen Frageform die Kehrwerte dieses Nutzens bei der spezifischen Frageform an, dann wirken sie sich im Nenner von x wie ein Kostennachteil im Betrag von 1 bzw. 2 aus. Damit würde man jedoch als Werte von x die Zahlen 3/1, 2/1, 3/2, 2/2 bzw. bei Normierung auf Werte im Intervall [0,1] durch Division mit 3 die Zahlen 1, 2/3, 1/2, 1/3 erhalten und für die Zuordnung von x-zu y-Werten die Paare <1, 0.399>, <2/3, 0.305>, <1/2, 0.316>, <1/3, 0.255>. Die sich hier ergebende Werteabfolge ist aber nicht, wie man erwarten würde, monoton fallend. Deshalb liegt es nahe anzunehmen, dass der Nachteil der unspezifischen Frageform für Referenzentscheidungen bei der Experimentversion ohne expliziten Zeitdruck schon stärker ins Gewicht fällt, als eben mit dem Betrag 1 angesetzt wurde. Erhöht man diesen Betrag von 1 auf 3/2, erhält man als Werte von x die Zahlen 2, 4/3, 3/2, 1 bzw. bei Normierung durch Division mit 2 die Zahlen 1, 2/3, 3/4, 1/2 und für die Zuordnung von x-zu y-Werten die Paare <1, 0.399>, <2/3, 0.305>, <3/4, 0.316>, <1/2, 0.255>. Jetzt kann man für die gesuchte Funktion die wünschenswerte Monotonieeigenschaft unterstellen und zunächst wieder untersuchen, wie gut sich diese Funktion durch eine lineare Abbildung approximieren lässt. Dazu wird nach dem schon bewährten Verfahren eine Gerade durch die Punkte <1, 0.399> und <1/2, 0.255> gelegt. Als Steigung ergibt sich dann b = (0.399 -0.255) /0.5 = 0.288 und bei Einsetzung des Punkts <1, 0.399> in die Geradengleichung als Wert für den Abschnitt auf der y-Achse c = 0.399 – 0.288 = 0.111. Schließlich erhält man für x = 2/3 den nur geringfügig von 0.305 abweichenden y-Wert 0.303 und für x = 3/4 den um 0.011 zu hohen y-Wert 0.327. Letztere Abweichung lässt sich wieder verringern, wenn man zur Approximation eine Parabel verwendet und genauer gesagt eine nach oben geöffnete Parabel mit vertikaler Achse. Dazu kann man z.B. mithilfe der Punkte <1, 0.399>, <2/3, 0.305> und <1/2, 0.255> die drei Parameter der Parabelgleichung berechnen und erhält die Werte d = 0.19, b = 0.257, c = 0.23. Für x = 3/4 ergibt sich diesmal der nur noch um 0.005 abweichende y-Wert 0.311.

3.5.5Evaluation und Simulation

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Hat man ein geeignetes explizites Modell für das Input-Output-Verhalten eines Systems entwickelt, kann man versuchen, das Modell zu evaluieren, ggf. noch zu optimieren und über den bisherigen Geltungsbereich hinaus zu erweitern. Speziell wenn das Modell – anders als im vorliegenden Beispiel – ein komplexes System darstellt, lohnt es sich hierfür, das Modell zu implementieren und Computersimulationen durchzuführen, um Auswirkungen von Parameteränderungen zu testen und um relevante Prognosen über das Systemverhalten außerhalb des Bereichs der bisherigen Beobachtungsdaten aufzustellen. Unabhängig davon sind grundsätzlich zwei Arbeitsschritte zu unterscheiden. In einem ersten Schritt kann man rechnerisch überprüfen, welche Auswirkungen es hat, wenn man die theoretisch unterstellten und evtl. noch relativ willkürlich gewählten Wertzuordnungen zwischen Beobachtungsvariablen und intervenierenden Variablen ändert; möglicherweise lässt sich so noch eine gewisse Modelloptimierung erreichen. Eine derartige erfolgreiche Änderung war bereits bei der Modellierung für die unspezifische Frageform vorgenommen worden, als der Wert für den Nachteil dieser Form bei Referenzentscheidungen von 1 auf 3/2 erhöht wurde; man sollte aber noch testen, welche Konsequenzen die Wahl anderer erhöhter Werte hat. Der zweite Arbeitsschritt betrifft die Möglichkeit, mithilfe des Modells und der damit verbundenen induktiven Generalisierung Prognosen über das Systemverhalten für bisher nicht beobachtete Input-Output-Zuordnungen abzuleiten, empirisch zu überprüfen und bei Falsifikation bestimmter Voraussagen das Modell geeignet zu modifizieren. Diesbezüglich wird man im vorliegenden Beispiel bei Voraussetzung eines homogenen und stetigen Systemverhaltens davon ausgehen können, dass die für die spezifische und für die unspezifische Frageform durch Interpolation ermittelte Parabelfunktion das reale Systemverhalten im Intervall [1/3, 1] bzw. im Intervall [1/2, 1] gut approximiert. Nicht so klar ist dagegen, ob auch die extrapolierten y-Werte für x-Werte außerhalb des jeweiligen Intervalls das Systemverhalten angemessen abbilden. Deshalb wäre es im Prinzip wünschenswert, wenn die entsprechenden Prognosen experimentell überprüft würden. Z.B. könnte so getestet werden, ob die beiden Parabellösungen auch für die Alternativenzahl 4 und den als zugehörig anzunehmenden Formulierungsaufwand gelten. Es wäre also u.a. zu klären, ob die Voraussage korrekt ist, dass die spezifische Frageform bei 4 Alternativen in der Experimentversion mit Zeitdruck (x = 2/4 = 1/2) ungefähr genauso häufig vorkommt wie bei 2 Alternativen und der Version ohne expliziten Zeitdruck.

An der Parabellösung für die spezifische Frageform sind speziell noch zwei Prognosen besonders interessant und überprüfungswürdig; sie sollen abschließend erwähnt werden. Erstens sagt die Lösung voraus: Auch wenn ein fehlender Zeitdruck keinen messbaren Vorteil bringt (n = 0), sinkt die Vorkommenshäufigkeit der spezifischen Frageform nicht unter den Wert von 18,6 %. Dieser Wert stimmt etwa mit dem Wert von 18,3 % aus der quantitativen Auswertung des Korpus überein, der sich bei mehr als zwei Alternativen für den Anteil der spezifischen Frageform relativ zur Gesamtzahl von oder-Mitte-und W-Fragen ergibt. Zweitens prognostiziert die Parabellösung, dass beim Parabelscheitelpunkt <1.118, 0.638> mit 63,8 % ein Maximalwert für die Häufigkeit der spezifischen Frageform erreicht wird. Danach ist – als durchaus plausibler Sachverhalt – zu erwarten, dass bei einer Zeitdrucksteigerung, die deutlich über die explizite Anordnung im psycholinguistischen Experiment hinausgeht, die betreffende Häufigkeit wieder abnimmt.


1Im Gegensatz zur Annahme in Kindt (2016b: 149f.) ergibt eine Anwendung des Topikalisierungstests, dass beide Konjunkte Satzglieder sind und dass das Koordinationsre-sultat eine satzgliedübergreifende Konstituente bildet. Nur bei einer kollektiven Lesart wäre dieses Resultat als Satzglied einzustufen.