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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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1 Einleitung: Selbstdarstellung in der Wissenschaft

1  Einleitung: Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Im heutigen Wissenschaftssystem, das sich in den letzten Jahren insbesondere mit Blick auf die zunehmende Ökonomisierung1, den Abzug von Finanzmitteln, die Internationalisierung und Globalisierung der Wissenschaft sowie den Anspruch an Universitäten, Marketing zu betreiben, sehr stark verändert hat (vgl. Auer/Baßler 2007a: 27; Hilpelä 2001: 195f.; Hoffmann 2003: 15), haben sich auch die Anforderungen an Wissenschaftler gewandelt2 (vgl. Krohn 2003; Auer/Baßler 2007a). Wissenschaftler konkurrieren um Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit der anderen. Im Hinblick darauf, dass nicht nur wissenschaftliches Wissen, sondern auch Werte, Images und Reputationen interaktiv ausgehandelt, zu- oder abgeschrieben werden, müssen sich Akteure aktiv um einen guten Ruf bemühen. Das eigene Image, also das Bild, das andere von ihm haben, kann vom Akteur zu einem gewissen Grad mitgestaltet und gesteuert werden. Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement spielen in der Wissenschaft demnach eine wichtige Rolle (vgl. Tracy 1997; Ventola et al. 2002; Auer/Baßler 2007b; Konzett 2012; zum Teil auch Grabowski 2003).

Die zentrale Bedeutung von Selbstdarstellung in der Wissenschaft lässt sich gut zeigen, wenn man Wissenschaft unter drei Perspektiven betrachtet. So ist sie erstens ein Handlungsraum, in dem Akteure forschen, lehren und kooperieren. Zweitens ist sie ein Kommunikationsraum, da Wissen im Diskurs generiert, z. B. in der Lehre oder auf Konferenzen vermittelt, diskutiert und ausgehandelt wird. Drittens ist sie ein Selbstdarstellungsraum, da sich Wissenschaftler als kompe ← 21 | 22 → tente Experten und vernetzte Forscher zeigen sowie in der scientific community verorten müssen.

Wissenschaftliches Handeln wird durch wissenschaftliche Werte geleitet, die der Qualitätssicherung der Erkenntnisse dienen sollen. Dazu gehören Ehrlichkeit und Redlichkeit (als wissenschaftliche Grundbedingungen, vgl. DFG 2013: 40). Max Weber hatte bereits 1917 „intellektuelle Rechtschaffenheit“ (Weber 1922 [1917]) in der Wissenschaft gefordert. Nach Robert K. Merton verkörpern die Werte „intellectual honesty, integrity, organized skepticism, disinterestedness, impersonality” (Merton 1973: 259) das Wissenschaftsethos.

Durch die zunehmende Spezialisierung von Wissen ist es unmöglich geworden, alle fremden Ergebnisse noch überprüfen und verifizieren oder falsifizieren zu können. Die Übernahme fremder Wissensbestände (unter Umständen aus fremden Disziplinen) geschieht im Vertrauen darauf, dass sowohl im Prozess der Wissensgenerierung als auch in der Ergebnispräsentation (z. B. in Vorträgen oder Publikationen) lege artis gearbeitet wurde.

Wissenschaft kann nicht ohne intensive Kommunikation der Akteure existieren und funktionieren. Neue Erkenntnisse, Wissen und Wahrheiten werden interaktiv im wissenschaftlichen Diskurs ausgehandelt und in Veranstaltungen vermittelt. Wissenschaftliches Wissen wird gemeinschaftlich generiert und distribuiert:

scientific discovery is a social product. Individual scientists do not, in fact, cannot, make a scientific discovery. In order that a hypothesis, an observation or an experimental result will count as a scientific discovery, it has to be approved by the scientific community. Furthermore, the product of discovery is produced collectively, synchronically (by cooperation) and diachronically (by relying on predecessors). (Kantorovich 1993: 189)

Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse als soziale Produkte gekennzeichnet werden, liegt dem die Einsicht zugrunde, dass diese „keine absoluten ‚Wahrheiten‘ über die Sachverhalte der Welt [sind], sondern für die menschliche Existenz relevante und erklärungsadäquate, möglichst widerspruchsfreie und einfache theoretische Konzeptionen“ (Bungarten 1981a: 18). Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen also von der scientific community wahrgenommen, verifiziert oder falsifiziert (vgl. ebd.: 17) und verbreitet werden. Hierfür stehen verschiedene mündliche und schriftliche Formate der Wissensvermittlung, sowohl für die symmetrische Kommunikation zwischen Experten als auch für die asymmetrische Kommunikation zwischen Experten und Laien, zur Verfügung: Konferenzen/Tagungen/Symposien, Projektgespräche, Laborgespräche, Kolloquien, (Podiums-)Diskussionen, (informelle) Gespräche, Seminare, Workshops, Publikationen aller Art, Forschungsanträge etc. (vgl. Auer/Baßler 2007a: 23). Sie alle dienen im Sinne des eristischen Ideals (vgl. Ehlich 1993; ← 22 | 23 → auch „organized skepticism“ bei Merton 1973: 259) der Aushandlung, dem kritischen Hinterfragen, dem „systematische[n] Zweifel an den eigenen Ergebnissen“ (DFG 2013: 43) und der Distribution von Wissen. Zentrale Voraussetzungen für wissenschaftliche Kommunikation sind die Beherrschung der jeweiligen Fachsprache und die genaue Kenntnis der eigenen Disziplin (d. h. der Fachkultur, Methoden, Forschungsrichtungen, Publikationen etc.).

Wissenschaftler treten vor allem auf Konferenzen als Personen in Erscheinung, die Inhalte kompetent vortragen und schlüssig diskutieren können müssen. Für die Imagegestaltung der Wissenschaftler sind Diskurse, vor allem in der face-to-face-Kommunikation, eine Herausforderung. Auf der einen Seite gelten die Postulate des Selbstzweifels, des gegenseitigen strategischen Hinterfragens und des Zweifels sowie wissenschaftliche Werte, die im Dienst der Wahrheitsfindung stehen. Aufgrund der eigenen Forschung sind Wissenschaftler im Normalfall davon überzeugt, im Recht zu sein, wenn sie auf Konferenzen Forschungsinhalte diskutieren. Es kommt daher notwendigerweise zu Spannungen und Streitsituationen, wenn unterschiedliche Überzeugungen aufeinandertreffen. Wahrheit muss dann neu ausgehandelt werden, wobei jeder Wissenschaftler zur Legitimation seines Wahrheitsanspruchs die eigenen Befunde und Forschungsergebnisse ins Feld führt. Auf der anderen Seite haben Wissenschaftler persönliche Imagesicherungsbedürfnisse, da sie auch soziale Personen sind: „Recht haben“ und Sich-Durchsetzen sind Zeichen für Erfolg, stärken das individuelle Selbstbewusstsein und damit das Image.

Wissenschaftler müssen sich unter einem immer größer werdenden Wettbewerbsdruck in der scientific community behaupten und dabei nicht nur Kompetenz und Leistung, sondern auch Glaubwürdigkeit herausstellen. Glaubwürdigkeit ist die Voraussetzung für Vertrauen in eine Person sowie in die von ihr produzierten Forschungsergebnisse. Wissenschaftler beziehen sich in ihrer eigenen Forschung immer auf bereits produzierte Ergebnisse, ziehen andere Studien heran und planen Experimente auf der Basis anderer Arbeiten. Dabei vertrauen sie auf die Ehrlichkeit, Gründlichkeit und Rechtschaffenheit der anderen (vgl. DFG 2013: 40). Um in der Wissenschaft bestehen zu können, lassen sich Wissenschaftler allerdings immer häufiger zu Betrugsversuchen und Nachlässigkeit hinreißen, was die Qualität ihrer Forschung und deren Ergebnisse mindert (vgl. DFG 2013: 42, 43). Forscher müssen regelmäßig und häufig publizieren („Veröffentlichungsgebot“; Auer/Baßler 2007a: 25f.), weil ihre Veröffentlichungen als Maßstab für ihre Produktivität herangezogen werden. Sie müssen alle wichtigen Arbeiten kennen („Rezeptionsgebot“; Auer/Baßler 2007a: 24f.), um mitreden und Forschungslücken identifizieren zu können. Ein Indikator für wissenschaftlichen ← 23 | 24 → Erfolg ist zudem die Summe der eingeworbenen Drittmittelgelder, sodass die Formulierung von Forschungsanträgen einen zentralen Stellenwert des wissenschaftlichen Schaffens einnimmt:

Mittlerweile sind Drittmittelbilanzen […] zur wichtigsten symbolischen Währung im Wissenschaftssystem geworden; von ihnen hängt die Reputation einer Wissenschaftlerin oder eines Wissenschaftlers mindestens genau so sehr ab wie von ihren oder seinen eigentlichen Forschungsleistungen. (Dzwonnek 2014: 2)

Die Reputation eines Wissenschaftlers beruht also auf sicht- und messbaren Faktoren wie der Anzahl der Publikationen, Kooperationen und Drittmittelprojekte.

In der Wissenschaft gewinnt das Beziehungsmanagement an Bedeutung, was sich schon an der steigenden Relevanz von Networking auf Konferenzen zeigt. Wissenschaftler konkurrieren aber nicht nur um Stellen, sondern auch um Autorität, ihren Expertenstatus sowie ihre Wahrheitsansprüche. Diese können sie sich allerdings nicht selbst zuschreiben, sondern sie müssen ihnen von der scientific community zuerkannt werden. Außerdem spielen Persönlichkeit und Habitus eine wichtige Rolle, da auch sie – neben den wissenschaftlichen Qualifikationen – einen entscheidenden Ausschlag dafür geben, ob man mit jemandem beispielsweise in Projekten oder Workshops kooperieren möchte. Es wird deutlich, dass die Eigenwerbung, also die individuelle Selbstdarstellung, sowie die Beziehungspflege eine immer wichtigere Rolle im wissenschaftlichen Kontext spielen, da sie karrierefördernd sind.

In der vorliegenden Arbeit wird Wissenschaft aus den genannten Gründen unter sozialen Gesichtspunkten betrachtet. Wissenschaftler forschen zwar unter Umständen allein, doch beziehen sie sich immer auch auf Arbeiten anderer, präsentieren und diskutieren Ergebnisse mit anderen, streben Kooperationen an und sind auf positive Zuschreibungen (wie ‚kompetent‘, ‚Experte‘, ‚zuverlässig‘, ‚glaubwürdig‘) angewiesen. Reputationen, Status und Images beruhen dabei auf Aushandlungs- und Zuschreibungsprozessen.

Die zentralen Fragestellungen der Arbeit lauten daher: Wie stellen sich Wissenschaftler in interdisziplinären Diskussionen dar? Wie wahren und verletzen sie Images beim Diskutieren? Wie äußert sich ihre Fachidentität und wie sichern sich Wissenschaftler positive Images als kompetente Wissenschaftler und Experten? Welche Rolle spielt die Beziehungsgestaltung in wissenschaftlichen Diskussionen?

1.1  Zielsetzung

Die vorliegende Arbeit hat zwei Ziele: Das erste Ziel besteht darin, eine begründete und umfassende linguistische Methode zur qualitativen Ermittlung und deskriptiven Erläuterung von verbaler Selbstdarstellung zu entwickeln. Es gibt zwar ← 24 | 25 → einige linguistische Ansätze, die Selbstdarstellungsverhalten untersuchen, aber sie konzentrieren sich zum Großteil auf Einzelaspekte (z. B. Höflichkeit, Humor) oder auf einzelne linguistische Mittel (z. B. Sprechhandlungen) und stellen dementsprechend keine Methode zur Gesamtanalyse zur Verfügung. Zur Entwicklung der eigenen Methode werden verschiedene linguistische sowie fachfremde Ansätze miteinander kombiniert.

Zweites Ziel ist es, Selbstdarstellungsverhalten in der Wissenschaft mit Hilfe der entwickelten Methode zu untersuchen, diese gleichzeitig zu evaluieren sowie Bedingungen für das Gelingen der Analyse aufzuzeigen. Hierfür wurde ein Korpus zusammengestellt, das sich aus Audiomitschnitten von drei interdisziplinären Tagungen zusammensetzt. Der Fokus der Analyse liegt auf Diskussionen nach Fachvorträgen, da hier besondere Anforderungen an das Selbstdarstellungsmanagement der Teilnehmer gestellt werden. Zudem wurden interdisziplinäre Kontexte gewählt, weil interdisziplinäre Kommunikation in vielerlei Hinsicht anders als disziplinäre verläuft. Außerdem ist interdisziplinäre Kommunikation, vor allem mündliche, bisher kaum untersucht worden (erste Arbeiten von Janich/Zakharova 2011, 2014). In interdisziplinären Kontexten treffen unterschiedliche Fachsprachen, Fachkulturen, Methoden und Interpretationen aufeinander, es existiert keine homogene scientific community, Rollen und Status der Teilnehmer sind unklar. Diese Faktoren, so die These, beeinflussen die Selbstdarstellung der Akteure.

Damit liegt eine empirisch-analytische Arbeit vor, die Selbstdarstellungsphänomene linguistisch fassen, kategorisieren und möglichst sparsam (d. h. ohne Rückgriff auf psychologische Persönlichkeitsmerkmale, individuelle Ziele oder Ähnliches) erklären möchte. Die theoretische Fundierung der Arbeit muss ausführlich ausfallen, um die Notwendigkeit der Methodenentwicklung zu begründen und die neue Methode transparent zu machen.

In Bezug auf die Ziele sollen drei Einschränkungen deutlich gemacht werden, um Missverständnissen vorzubeugen. Erstens liefert die Arbeit keine Begründungen für Selbstdarstellungsverhalten, die über die situativen Anforderungen und die Kommunikationsaufgabe hinausgehen. Die Diskussionsteilnehmer wurden im Nachhinein nicht über ihre persönlichen Ziele, Beziehungen zu anderen Diskussionsteilnehmern, Sympathien oder Antipathien befragt. Sprecherintentionen können lediglich über Illokutionen rekonstruiert werden. Zudem bleiben einige Besonderheiten der Situation im Verborgenen, obwohl die Interaktionssituation und die individuellen Personen-/Rollen-/Statuskonstellationen so detailliert wie möglich beschrieben werden und ich bei zwei von drei Tagungen persönlich anwesend war, um eine möglichst eindeutige Erfassung, Beschreibung und Ein ← 25 | 26 → bettung des Selbstdarstellungsverhaltens in seinen Kontext zu ermöglichen (vgl. Baron 2006: 98). Baron weist aber darauf hin, dass man eigentlich „individuell-idiosynkratische Besonderheiten der Sprecher […], die Beziehungsstruktur zwischen den Sprechern“ (ebd.: 97) kennen müsse, um eine Situation richtig zu deuten. Diese liegen außerhalb meiner Kenntnis, d. h. es wurden keine persönlichen Interviews durchgeführt. Für meine Arbeit sind sie nicht relevant, weil Tagungsteilnehmer sehr selten diese Informationen über andere Teilnehmer haben und dennoch in der Lage sind, Selbstdarstellungsverhalten wahrzunehmen und zu deuten.

Zweitens zielt das Ergebnis dieser Arbeit nicht auf die Erstellung eines Leitfadens zur optimalen Selbstdarstellung. Ich verfolge keinen anwendungsorientierten, sondern explizit einen deskriptiv-analytischen Ansatz. Versuche der Eindruckskontrolle seitens der Akteure sind von der Situation, den jeweiligen Personen-Konstellationen, persönlichen Empfindungen etc. sowie der Interpretation durch die jeweiligen Interaktionspartner abhängig, sodass Techniken in der einen Situation wirksam, in einer anderen unwirksam sind oder den gegenteiligen Effekt erzeugen können. In dieser Arbeit wird Selbstdarstellungsverhalten daher lediglich beschrieben und kategorisiert, also nicht auf Wirksamkeit oder Sinnhaftigkeit hin bewertet.

Drittens wird das Selbstdarstellungs- und Diskussionsverhalten nicht männer- und frauenspezifisch analysiert. Zum einen ist das Korpus für eine solche Analyse ungeeignet, da die Zahl der männlichen Diskutanten bei weitem überwiegt (10 Frauen und 47 Männer; vgl. Kap. 4.1.1) und Vergleiche demnach nicht möglich sind. Zum anderen gibt es zahlreiche Arbeiten zu typisch männlichen und weiblichen Kommunikationsstilen und es kann davon ausgegangen werden, dass sich die Kommunikationsstile nicht wesentlich von den Selbstdarstellungsstilen unterscheiden (vgl. z. B. Kotthoff 1989: 198-199). Die umfangreiche Forschung zu Selbstdarstellung von Frauen belegt, dass sich Frauen in anderer Weise präsentieren als Männer: Riordan et al. (1994) konstatieren in Bezug auf Frauen in männerdominierten Domänen, dass Frauen in maskulinen Rollen eher zurückhaltend Selbstdarstellung betreiben, und wenn, dann eher schützende IM – schützende Selbstdarstellung insofern, als Frauen Verlustmöglichkeiten ebenso zu minimieren suchen wie die Verantwortung für Fehler (vgl. ebd.: 716, 724). Vohs et al. (2005: 637-640; ähnlich Mummendey 1995: 203) halten fest, dass Frauen ihr Selbstwertgefühl aus ihrer Beziehungsfähigkeit schöpfen, wohingegen der Selbstwert bei Männern in der eigenen Kompetenz begründet ist. Mummendey (1995: 220-222) fasst dies wie folgt zusammen: Frauen entschuldigen sich häufiger als Männer, geben sich bescheidener, schreiben sich weniger häufig Leistungs ← 26 | 27 → fähigkeit zu und geben sich offener. Andererseits weisen Riordan et al. (1994: 724) darauf hin, dass sich Frauen in männerdominierten Kontexten eher den Verhaltensweisen der Männer anpassen und protektives Impression Management betreiben. Aufschlussreich im Hinblick auf Frauen in der Wissenschaft ist die Arbeit von Beaufaÿs (2003), die Hinweise auf das Verhalten und die Wahrnehmung der Männer von Frauen in der Wissenschaft gibt.

An den Stellen, an denen das Selbstdarstellungs- und Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen auffällig ist, wird es reflektiert.

1.2  Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist folgendermaßen gegliedert: Sie beginnt mit der Einführung des Selbstdarstellungsbegriffs und den wichtigsten Grundlagen der Forschung in Soziologie und Sozialpsychologie zu Selbstdarstellung und Imagearbeit. Damit setzt Kapitel 2 den Rahmen für die vorliegende Arbeit. Es wird gezeigt, welche Konzepte zu Selbstdarstellung entwickelt, welche Techniken der Selbstdarstellung identifiziert und welche Formen der Selbstdarstellung erfasst wurden. Darauffolgend werden die linguistischen Arbeiten zum Thema Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement vorgestellt sowie im Hinblick auf relevante Kategorien untersucht.

In Kapitel 3 werden die für die Analyse relevanten Foren der Wissenschaftskommunikation Vortrag und Diskussion vorgestellt sowie im Hinblick auf linguistische Mittel und den Anforderungen an die Selbstdarstellung von Wissenschaftlern ausgewertet. Außerdem werden disziplinäre und interdisziplinäre Forschungskontexte in den Blick genommen und Charakteristika sowie Unterschiede herausgearbeitet, um Einblicke in die Besonderheiten interdisziplinärer Forschung zu gewinnen.

Kapitel 2 und 3 schließen jeweils mit einer zusammenfassenden, systematisierenden Tabelle, die die identifizierten linguistischen Mittel der Selbstdarstellung und des Beziehungsmanagements enthalten. Beide Tabellen werden in Kapitel 4 Forschungsdesign wieder aufgegriffen und im Hinblick auf die Fragestellung neu systematisiert, modifiziert und integriert, sodass sich eine Gesamtübersicht ergibt. Auf dieser Basis ist eine fundierte Methodenentwicklung möglich.

Kapitel 4 ist dem Forschungsdesign gewidmet. Im ersten Teilkapitel werden das Untersuchungskorpus vorgestellt und die Auswahlkriterien erläutert. Darauf folgen die detaillierte Beschreibung der Tagungsanlässe und Angaben zum Transkriptionsverfahren (Kap. 4.1). Im Anschluss daran werden die Fragestellungen der Arbeit im Detail erläutert. Zudem wird, basierend auf den in Kapitel 2 und 3 bereits dargestellten Theorieansätzen und abschließenden Tabellen, eine Methode ← 27 | 28 → zur umfassenden Erfassung und Beschreibung von verbaler Selbstdarstellung entwickelt. Es wird außerdem gezeigt, wie diese Methode in der Analyse verwendet wird und die Vorgehensweise in der Analyse beschrieben (Kap. 4.2). Das Kapitel schließt mit der Bündelung der Fragenkomplexe, die den Detailanalysen zugrunde liegen.

Jeder Forschungsfrage wird ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem jeweils die Ergebnisse aus der empirischen Analyse vorgestellt werden: Kapitel 5 thematisiert das gegenseitige positive und negative Kritisieren, Kapitel 6 untersucht die Rolle der Fachidentitäts-Thematisierungen, Kapitel 7 nimmt Kompetenz und Darstellungen von Expertenschaft sowie Kommunikation unter Nichtwissen und Unsicherheit in den Blick und Kapitel 8 analysiert die Rolle von Humor in wissenschaftlichen Diskussionen. In den Ergebniskapiteln 5 bis 8 wird von der üblichen Trennung einer Dissertation in Theorie-, Methoden- und Empiriekapitel abgewichen. Dies liegt darin begründet, dass die entwickelte Basismethode je nach Forschungsfrage fokusspezifisch angereichert werden muss, was zu Beginn jedes Teilkapitels geleistet wird (zur Begründung dieses Vorgehens s. Kap. 4.2). Jedes Ergebniskapitel beginnt daher mit einer methodischen Anreicherung, also einer Bündelung relevanter Zusatzinformationen, geht in die Ergebnisdarstellung über und endet mit einem Fazit.

Die in der Analyse gewonnenen und in den Ergebniskapiteln vorgestellten Einzelergebnisse werden in der Diskussion der Arbeit pointiert zusammengefasst (Kap. 9). Zudem wird das methodische Vorgehen reflektiert und evaluiert. Vor dem Hintergrund dieser Methodenreflexion werden die Ergebnisse zusammengeführt, interpretiert und diskutiert.

Die Arbeit schließt mit einer Übersicht über Potenziale der Arbeit und einem Ausblick auf weitere Forschungsdesiderate (Kap. 9.4).

Es mag auffallen, dass sich in diesem einleitenden Kapitel kein Forschungsüberblick findet. Dies liegt darin begründet, dass die einzelnen herangezogenen Ansätze so heterogen und aus verschiedenen Fachrichtungen und Disziplinen entnommen sind, dass ein Gesamt-Forschungsüberblick nicht sinnvoll ist. Daher wird der Forschungsüberblick in den jeweiligen Kapiteln themenspezifisch vorgenommen, was eine Orientierung erleichtern soll. ← 28 | 29 →


1      Damit geht nach Hoffman eine „Entwissenschaftlichung der Hochschulen“ (Hoffmann 2003: 18, 19, 22; auch Hartung 2003: 73) einher. Hoffmann betont hier besonders einen kritischen Aspekt der Ökonomisierung: „Die Kategorie der Wahrheit, die ohnedies inzwischen stark umstritten ist, wird unter instrumentell-technologischer Perspektive durch die der Nützlichkeit ersetzt, ungeachtet der Tatsache, dass der Wissenschaft unmittelbare Nützlichkeit fremd ist, wie der Bildung übrigens auch“ (Hoffmann 2003: 21f.; Herv. im Orig.).

2      Hinzu kommt das spannungsreiche Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, das hier nur angedeutet werden kann: Wissenschaft soll in den Augen der Öffentlichkeit objektive, verlässliche und unumstößliche Wahrheiten produzieren (vgl. Antos/Gogolok 2006: 117; Weitze/Liebert 2006: 8-9), dabei „zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen“ (Defila/Di Giulio 1996: 79) beitragen.