Show Less
Restricted access

Apologien Russlands

Ein russisch-deutsches Presse-Projekt (1820–1840) und dessen Gestalter Fedor I. Tjutčev und Friedrich L. Lindner

Series:

Svetlana Kirschbaum

Ende der 1820er Jahre erschienen in einem der bedeutendsten Presseorgane Europas, der Augsburger Allgemeinen Zeitung, zahlreiche russlandkritische Artikel. Als Gegenreaktion engagierte die russische Gesandtschaft in München den renommierten Publizisten Friedrich L. Lindner, um das außenpolitische Ansehen Russlands wiederherzustellen. Die Autorin rekonstruiert den Verlauf dieser prorussischen Presse-Aktivitäten im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Unter Heranziehung von bislang unveröffentlichtem Archivmaterial wird untersucht, welche Rolle hierbei der bedeutende russische Dichter und Publizist Fedor Tjutˇcev, ein Mitarbeiter der Gesandtschaft, spielte. Im Mittelpunkt der Studie stehen die russlandapologetischen Konzepte Lindners und Tjutčevs, die aufgrund dieser Zusammenarbeit entstanden sind.
Show Summary Details
Restricted access

0. Einleitung: Russland zwischen Publizistik und Poesie

Extract

[…] der Dichter [läßt] seine Personen jedesmal [bloß rhetorischer Zwecke wegen] das reden, was eben an dieser Stelle gehörig, wirksam und gut ist, ohne sich viel und ängstlich zu bekümmern und zu kalkulieren, ob diese Worte vielleicht mit einer anderen Stelle in scheinbaren Widerspruch geraten möchten. (Eckermann 1999, 605)

Im Jahr 1837 schrieb Petr Čaadaev (1784–1856) seine Verteidigungsschrift Apologie eines Wahnsinnigen (Апология сумасшедшего), in der er die Prinzipien der russischen Gesellschafts- bzw. Staatsordnung, zum Teil in der Polemik mit seinem eigenen Ersten philosophischen Brief (Первое философическое письмо, 1829, gedruckt: 1836), neu formulierte. Čaadaevs Apologie stellte einen Beitrag zur russischen Diskussion der 1830er–1840er Jahre zwischen Westlern und Slavophilen dar. Die Mythologisierung Russlands, die Čaadaev in seiner Schrift unternahm, war eher für den innerrussischen Gebrauch bestimmt, die Russland-Diskussion selbst wurzelt allerdings nicht nur in russischem Boden. Die Impulse zur Etablierung eines romantisch geprägten Nationalbewusstseins, die vor allem aus Deutschland kamen, führten dazu, dass im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Europa nationale Tendenzen aufkamen, die sich einerseits in Unabhängigkeits- und andererseits in Einigungsbestrebungen äußerten. Die gesamteuropäischen gesellschaftlichen Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozesse der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden vor dem Hintergrund der Restaurierung der konservativen Innen- und Außenpolitik in Europa statt, deren aktiver Befürworter Russland war. Somit konnte gar nicht verhindert werden, dass das Zarenreich in den Augen der liberalen westeuropäischen Öffentlichkeit als ein bzw. der „Gendarm Europas“ galt.

In europäischen Regierungskreisen nahm man Russland, dessen internationale Position...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.