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Multimodale Kommunikation im Social Web

Forschungsansätze und Analysen zu Text–Bild-Relationen

Series:

Christina Margrit Siever

Multimodalität ist ein typisches Merkmal der Kommunikation im Social Web. Der Fokus dieses Bandes liegt auf der Kommunikation in Foto-Communitys, insbesondere auf den beiden kommunikativen Praktiken des Social Taggings und des Verfassens von Notizen innerhalb von Bildern. Bei den Tags stehen semantische Text-Bild-Relationen im Vordergrund: Tags dienen der Wissensrepräsentation, eine adäquate Versprachlichung der Bilder ist folglich unabdingbar. Notizen-Bild-Relationen sind aus pragmatischer Perspektive von Interesse: Die Informationen eines Kommunikats werden komplementär auf Text und Bild verteilt, was sich in verschiedenen sprachlichen Phänomenen niederschlägt. Ein diachroner Vergleich mit der Postkartenkommunikation sowie ein Exkurs zur Kommunikation mit Emojis runden das Buch ab.
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1 Einleitung

1  Einleitung

1.1  Vorbemerkungen

Thema dieses Buches ist die multimodale Kommunikation im Social Web. Es geht insbesondere um Kommunikation über Bilder(n): Die Präposition über kann laut dem großen Wörterbuch der deutschen Sprache (Duden 2012) im Akkusativ als »Inhalt oder Thema einer mündlichen oder schriftlichen Äußerung« verstanden werden. Außerdem kann die Präposition mit Dativ folgende räumliche Bedeutung aufweisen: »drückt aus, dass sich etwas unmittelbar auf etwas anderem befindet, etwas umgibt, es ganz oder teilweise bedeckt, einhüllt.« Damit sind die Schwerpunkte der vorliegenden Arbeit genannt: Es geht zum einen um Tags, die Informationen über das Bild in sprachlicher Form wiedergeben, zum andern um Notizen, die sich über dem Bild im Sinne der oben genannten Bedeutung befinden. Diese zwei am Beispiel der Social-Sharing-Community Flickr untersuchten Kommunikationspraktiken werden darüber hinaus in einen grösseren Kontext eingebettet und theoretisch verortet.

Im Alltag hat man immer wieder mit Kommunikation zu tun, die Bilder zum Thema hat. Im Urlaub verschicken wir Postkarten und nehmen Bezug auf das Bild, z. B. indem wir dem Adressaten versichern, es sei am Urlaubsort mindestens so schön wie auf der Karte abgebildet, wenn nicht gar noch schöner. Zurück zu Hause werden Bekannten die Urlaubsfotos gezeigt, sei dies in einem Album oder in einer Präsentation via Diaprojektor oder Beamer, und man erzählt darüber. Sowohl digital archivierte als auch in Alben eingeklebte Fotos werden oftmals beschriftet, sollte man sich später nicht mehr an alle Details erinnern können. Neben Fotografien können auch Werke der bildenden Kunst Anlass für Gespräche oder Texte sein. In Kunstausstellungen werden im Allgemeinen Ausstellungskataloge angeboten, in denen neben den Bildern auch Texte, mitunter ganze Essays, abgedruckt sind. In den Ausstellungen selbst werden Führungen angeboten, in denen Hintergrundinformationen zum Bild, zu den Kunstschaffenden und deren Werk gegeben werden. Nach einem Ausstellungsbesuch folgt zumeist eine Anschlusskommunikation, in denen die gesehenen Bilder besprochen und für gewöhnlich auch bewertet werden. Solche Anschlusskommunikation erfolgt auch nach dem Besuch eines Kinos und bevor man sich einen Film auswählt, liest man zuweilen Filmkritiken.

Mit dem Zunehmen der Popularität der digitalen Fotografie sind auch im Internet verschiedene Arten der Kommunikation über Bilder beliebt geworden, und zwar in Foto-Blogs, in Social-Networking- oder Social-Sharing-Communitys. ← 13 | 14 → Die Social-Networking-Community Facebook ist die Website mit der größten Bildersammlung im Internet, wobei die meisten Fotos nicht öffentlich zugänglich sind. Im Allgemeinen öffentlich zugänglich sind hingegen die Bilder in den beiden bekannten Social-Sharing-Communitys YouTube (Videos) und Flickr (Fotos).

Kommunikation, welche Bilder zum Thema hat, kann – so haben die genannten Beispiele gezeigt – in vielerlei Gestalt auftreten. Kommunikation über Bilder kann einerseits medial mündlich, andererseits auch medial schriftlich erfolgen (vgl. Koch, Oesterreicher 1994: 588). Daneben muss auch der Grad der Zugänglichkeit der Kommunikation betrachtet werden; Kommunikation über Bilder kann nicht-öffentlich (privater Dia-Abend), teilöffentlich (Facebook) oder öffentlich (Fernsehinterview mit einer Künstlerin oder mit einem Künstler über ihr bzw. sein Werk) stattfinden. Und schließlich ist die Kommunikation über Bilder so heterogen, weil die Bilder selbst sich stark voneinander unterscheiden können. So schlagen Stöckl (2004b: 87) und Klemm (2011: 12) denn auch vor, analog zu Textsorten von Bildsorten oder Bildtypen zu sprechen. Darüber hinaus kann die Modalität Bild in zwei Varianten auftreten: statisch oder dynamisch.

Kommunikation mittels eines Bildes kann heutzutage beispielsweise über den Multimedia Messaging Service (MMS) oder über WhatsApp erfolgen; eine Nachricht kann zwar ausschließlich aus einem Foto bestehen, doch überwiegend sind auch solche Bilder von Sprache begleitet. Dies gilt generell für Bilder: Nur sehr selten kommen sie ohne begleitende Texte vor (vgl. Schmitz 2003b: 250; Stöckl 2004b: 22). Ein Beispiel sind private Fotos, die noch nicht eingeklebt und beschriftet wurden. Aus rein logozentrischer Sicht würde man bestreiten, dass Kommunikation ausschließlich über Bilder überhaupt erfolgen kann (Stöckl 2004b: 280). Denn oftmals ist es so, dass Bilder »nicht ohne weiteres in eigenständiger Weise kommunikative Funktionen übernehmen« (Sachs-Hombach, Schirra 2011: 100) können. So räumt auch Stöckl (2004b: 112) ein, dass Bilder zwar ohne Texte funktionsfähig sind, dabei aber polyvalent und vage bleiben. Erst durch die Einbettung in einen sprachlichen Kontext kann ein Bild seine kommunikative Funktion vollständig wahrnehmen.

Nicht nur Bilder ohne Texte sind eine Seltenheit, auch umgekehrt gilt: »Texte ohne Bilder wirken antiquiert, hochseriös und/oder langweilig« (Schmitz 2003b: 250). Reine Texte ohne Bilder sind selten und auf bestimmte Kommunikationsformen und Textsorten beschränkt (Schmitz 2005: 195). Text-Bild-Kombinationen sind heute der Regelfall; in solchen Kommunikaten, welche die beiden Modalitäten Bild und Sprache in sich vereinen, kann der Sinn der Worte nicht gänzlich oder womöglich auch gar nicht verstanden werden, wenn der Kontext, beziehungsweise wie Schmitz (2003b: 257) es in diesem Fall nennt, das Konbild, fehlt. ← 14 | 15 → Aus diesem Grund soll und muss sich die Sprachwissenschaft, insbesondere die Text- oder Medienlinguistik, auch des Bildes annehmen.

1.2  Wissenschaftliche Relevanz

Im öffentlichen Diskurs wird immer wieder die Frage aufgeworfen, inwiefern die digitale Kommunikation einen Einfluss auf die Sprache hat, oftmals wird auch ein Sprachverfall befürchtet (vgl. Androutsopoulos 2007: 93; Moraldo 2012: 180). Da zum jetzigen Zeitpunkt ein Großteil der digitalen Kommunikation noch schriftbasiert ist, was sich aber in Anbetracht neuerer technischer Möglichkeiten wie Internet-Telefonie, Podcasts usw. in naher Zukunft durchaus ändern könnte, beziehen sich die im öffentlichen Diskurs geäußerten Befürchtungen vor allem auf einen negativen Einfluss der digitalen Kommunikation auf die Schriftlichkeit. Ortner und Sitta (2003: 10–11) führen an, dass solche Ängste vor einem Sprachverfall und allgemein eine defizitorientierte Betrachtung der Sprache darauf zurückzuführen seien, dass die Sprachwissenschaft Fragen dieser Art nicht oder nicht zufriedenstellend beantwortet und somit diese Befürchtungen nicht entkräften kann. Aus diesem Grund müssen Linguistinnen und Linguisten auf derartige Fragen eingehen und auf empirischer Grundlage Antworten liefern, wie dies beispielsweise im Zürcher Projekt Schreibkompetenz und neue Medien geschehen ist. Die Frage, ob das Schreiben in den digitalen Medien das schulische Schreiben beeinflusst, konnte durch diese Studie verneint werden.

In der digitalen Kommunikation sind Bilder, seien sie statisch oder auch dynamisch, durch verbesserte technische Möglichkeiten auf dem Vormarsch. Insbesondere im Social Web spielen Bilder eine bedeutende Rolle: Die weltweit größte Foto-Community Flickr umfasste Ende 2012 über 8 Milliarden Fotos1, auf der Social-Networking-Site Facebook wurden bis Anfang 2013 gar 240 Milliarden Fotos hochgeladen (vgl. Paukner 2013). Solche Zahlen evozieren den Topos der Bilderflut, welcher unter anderem auch Ängste der Sprachverdrängung auslösen kann. Doch gilt es mit Stöckl (2004b: 2) zu bedenken, dass keineswegs klar ist, ob Bilder tatsächlich die Sprache zurückdrängen oder ob nicht eher neue, multi-modale kommunikative Praktiken und somit neue Kombinationen von Sprache und Bildern entstehen, bei denen der Sprache eine andere Funktion zukommt. Es lässt sich also folgern: »Insofern gibt es gesellschaftlichen Bedarf an der wissenschaftlichen Erforschung der visuellen Kommunikation, auch um überzogene Befürchtungen oder Erwartungen zu relativieren« (Klemm, Stöckl 2011: 7). Ein ← 15 | 16 → Ziel der vorliegenden Arbeit ist, durch theoretische Diskussion und empirische Analysen Grundlagen zu schaffen, die als Ausgangspunkt für weitere Forschung in diesem Bereich dienen können. Ob und inwiefern Bilder unsere Kommunikation verändern, wird insbesondere auch aus einer diachronen Perspektive untersucht werden müssen.

In der Sprachwissenschaft hat man erst in den letzten Jahren damit angefangen, sich ausführlicher mit multimodaler Kommunikation zu beschäftigen. Noch im Jahr 2005 warf Schmitz (2005: 197) den Linguistinnen und Linguisten vor, sie seien »bilderblind«. Auch Holly (2009: 389) kritisiert den Umgang der Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler mit multimodalen Kommunikaten:

      »Manche Wissenschaftler haben ihren Gegenstand am liebsten pur. Damit man ihn sorgfältig studieren kann, wird er freigelegt, herauspräpariert, von allem störenden Drumherum befreit, haltbar gemacht, zur besseren Betrachtung aufbereitet und fixiert. Für einen Sprachwissenschaftler, der ungestört vorgehen will, heißt das, er will ›Sprache pur‹.«

In Hollys Kritik klingen zwei zentrale Aspekte an: Einerseits ist ein Unwille vorhanden, die Sprache in ihrem Kontext zu analysieren, andererseits wird auch implizit darauf hingewiesen, dass die Korpuserstellung von multimodalen Kommunikaten komplexer ausfällt als bei reinen Sprachdaten.

Dass multimodale Kommunikation in letzter Zeit in der Sprachwissenschaft an Bedeutung gewonnen hat, spiegelt sich in verschiedenen Publikationen und Tagungen wider. Hervorgehoben sei an dieser Stelle die 45. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache zum Thema »Sprache intermedial: Stimme und Schrift, Bild und Ton« (vgl. den dazugehörigen Tagungsband: Deppermann, Linke 2010b). Vom 10. bis 12. März 2009 wurde darüber referiert und diskutiert, weshalb sich Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler mit Bildern befassen (sollten). Ein weiterer wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung einer »Bildlinguistik« stellt der gleichnamige Sammelband dar (Diekmannshenke et al. 2011), in welchem aufgezeigt wird, dass die Sprachwissenschaft »sehr wohl einen genuinen Beitrag zu einer inter- und transdisziplinären Bildwissenschaft leisten kann und auch leisten sollte« (Klemm, Stöckl 2011: 11). Die Herausgeber weisen jedoch darauf hin, dass es sich bei der Bildlinguistik (noch) nicht um eine Subdisziplin wie beispielsweise die Textlinguistik handelt, sondern vielmehr »um eine spezifische Perspektive innerhalb der Text- und Medienlinguistik« (ebd.: 11). Die Bezeichnung Bildlinguistik muss laut den Herausgebern des Sammelbandes darüber hinaus metaphorisch aufgefasst werden und ist nach ihrer Auffassung nicht als Linguistik des Bildes zu verstehen, wie dies Große (2011) in ihrer kurz nach dem Sammelband erschienenen Dissertation jedoch tut. Mit Bildlinguistik ← 16 | 17 → ist vielmehr »die Betrachtung der Bezüge zwischen Sprache und Bild in Gesamttexten und die Nutzbarmachung linguistischer Konzepte, Modelle und Methoden für die Beforschung des in vorwiegend massenmediale Texte integrierten Bildes« (Klemm, Stöckl 2011: 9) gemeint. Ortner (2013: 44) schlägt dafür den Terminus Visiolinguistik vor; er sei neutraler, »weil er nicht nur auf Bilder, sondern auf ›Visuelles‹ generell referiert, d. h. auch auf typographische Elemente wie Schriftgröße oder Schriftfarbe.« Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass in der von Ekkehard Felder und Andreas Gardt herausgegebenen Handbuch-Reihe »Sprachwissen« voraussichtlich 2016 ein Band mit dem Titel »Sprache im multimodalen Kontext« erscheinen wird, herausgegeben von Nina-Maria Klug und Hartmut Stöckl. Darin werden auch vier Beiträge enthalten sein zur digitalen, multimodalen Kommunikation, einerseits zu herkömmlichen Websites, andererseits auch zur Kommunikation im Social Web mit jeweils einem Beitrag zu Facebook, YouTube und Flickr. Dieser Sammelband kann als Anhaltspunkt dafür gesehen werden, dass multimodale Kommunikation mittlerweile zu einem in der Linguistik etablierten Forschungsgegenstand geworden ist.

Forschungsdesiderate einer wie oben erläuterten Bildlinguistik betreffen sowohl die Theorie als auch die Empirie. Neben der Entwicklung von Theorien zur multimodalen Kommunikation wären Untersuchungsmethoden zu entwickeln und eine einheitliche Terminologie anzustreben (vgl. Schmitz 2005: 208). Parallel dazu sollten anhand von Korpora möglichst viele unterschiedliche Text-Bild-Kommunikate empirisch untersucht werden (vgl. Stöckl 2011c: 66). »Empirische Fundierungen sind in den bisherigen Theorien zur Multimodalität, Hypermodalität, Bildlichkeit oder Textdesign die Ausnahme« (Bucher 2007: 67). Viele Anwendungsgebiete sind noch unerforscht, »wir wissen noch kaum etwas über Sprache-Bild-Bezüge im Internet, sei es zum Beispiel in Online-Zeitungen, You-Tube oder Social Networks« (Klemm, Stöckl 2011: 16, Herv. im Original). Doch nicht nur die multimodalen Kommunikationspraktiken in Social-Networking-und Social-Sharing-Communitys sind noch unerforscht; insgesamt liegen eher wenige sprachwissenschaftliche Untersuchungen zur Kommunikation im sogenannten Social Web, auch Web 2.0 genannt, vor (vgl. aber Siever, Schlobinski 2012). Ein weiteres Forschungsdesiderat sei an dieser Stelle erwähnt: Alltagsbilder wurden bisher nur selten untersucht (vgl. Schmitz 2005: 197). Während Werbeanzeigen und journalistische Texte sowie deren Text-Bild-Bezüge bereits analysiert wurden, liegen bislang noch kaum Untersuchungen zu Text-Bild-Kombinationen von Kommunikationslaiinnen und -laien vor.

Verbale Kommunikation über Bilder ist insbesondere auch im Bereich des Social Taggings von großer Bedeutung, denn sowohl das Suchen als auch das ← 17 | 18 → Finden von Bildern ist (noch) auf Sprache angewiesen (vgl. Stock 2007: 9). Gerade in Anbetracht der enormen Anzahl Bilder im Social Web (vgl. Kapitel 4) gewinnt die folgende Aussage noch mehr an Relevanz: »A key problem facing today’s information society is how to find and retrieve information precisely and effectively« (Weller et al. 2010: 132). Gefragt sind also in der heutigen Gesellschaft – zu Zeiten des Information Overloads – sowohl Kompetenzen im Bereich der Dokumentation als auch im Bereich des Retrievals; Daten müssen folglich sinnvoll kategorisiert und mittels kluger Suchstrategien (wieder-)gefunden werden können.

In der vorliegenden Arbeit zur Kommunikation über Bilder im Social Web, exemplifiziert am Beispiel der Foto-Community Flickr, sollen also mehrere Forschungslücken gefüllt werden: Es soll ganz allgemein ein Beitrag zur Kommunikation im Social Web geleistet werden. Darüber hinaus soll im Bereich der Bildlinguistik ein Teil des Bereichs der digitalen Kommunikation abgedeckt werden, wobei nicht professionell erstellte Text-Bild-Kommunikate untersucht werden, sondern von Laiinnen und Laien erzeugte. Barton und Lee (2013: 15) stellen fest, dass heutzutage semiotische Ressourcen anders als früher miteinander kombiniert werden und dass folglich neue Relationen zwischen der Sprache und anderen Zeichenmodalitäten entstehen. Insbesondere in den Kapiteln 7.7 und 8.2.2 werde ich deshalb eine historische Perspektive aufzeigen und diskutieren, inwiefern es sich um neue Relationen zwischen Bild und Text handelt. Eine spezielle und bisher linguistisch kaum untersuchte Art der Text-Bild-Relation liegt sowohl zwischen Tags und Bildern (vgl. Panke, Gaiser 2008: 26) als auch zwischen Notizen und Bildern vor. In der vorliegenden Analyse zum Social Tagging und zu Notizen auf Flickr werden somit auch diese Forschungsdesiderate berücksichtigt.

1.3  Forschungsfragen und Ziel der Arbeit

Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist die multimodale Kommunikation im Social Web, exemplifiziert am Beispiel der Kommunikation in der Foto-Community Flickr, wobei im empirischen Teil (vgl. Kapitel 9) eine Produktund keine Produktionsanalyse vorgenommen wird. Die Ebene der Rezeption fließt insofern in die Untersuchung mit ein, als Reaktionen von Userinnen und Usern in Form von Notizen zu einzelnen Fotos mit dazugehörigem Bildtitel, entsprechender Bildunterschrift sowie den jeweiligen Tags betrachtet werden.

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen zwei verschiedene kommunikative Praktiken: das Social Tagging und die Notizenkommunikation in Foto-Communitys. Während das Social Tagging als gängige Praxis in Social-Sharing-Communitys bezeichnet werden kann, ist die Notizenkommunikation kaum bekannt und wird auch vergleichsweise selten genutzt. Notizenkommunikation ist deshalb ← 18 | 19 → untersuchenswert, weil Kommunikation über das Bild im Bild selbst stattfindet. In diesem Zusammenhang stellt sich zum einen die Frage, wodurch sich Notizenkommunikation insbesondere auszeichnet und wie sie medienhistorisch eingebettet werden kann (vgl. Kapitel 8.2). Dies ist deshalb von Bedeutung, weil sprachliche Phänomene mitunter fälschlicherweise als neu und typisch für das Social Web eingestuft werden, wenn man historische Vorläufer außer Acht lässt (vgl. Herring 2013: 10). Im empirischen Kapitel der Arbeit sollen zum andern die Fragen beantwortet werden, welche kommunikativen Funktionen Notizen zukommen, welche pragmatischen Notiz-Bild-Relationen ausgemacht werden können und wie Notizdialoge im Bild geartet sind. Beim Social Tagging geht es um die Wissensrepräsentation, also um die Frage, wie die Inhalte von Bildern sprachlich möglichst adäquat wiedergegeben werden können. Diese Frage wird aus theoretischer Perspektive in Kapitel 5.6 nachgegangen; wie die Nutzerinnen und Nutzer von Flickr mit dieser Herausforderung in der Praxis umgehen, sprich mit welchen Tags sie ihre Bilder tatsächlich versehen, wird in Kapitel 9.2.4 untersucht. Dabei dürfen die einzelnen Tags zu einem Bild nicht isoliert betrachtet werden, sondern es müssen auch die semantischen Relationen zwischen den einzelnen Tags analysiert werden (vgl. Kapitel 5.9). Wie die Userinnen und User mit dem Problem der Basic Level Variation umgehen, d. h. auf welchen Ebenen sie die Bilder verschlagworten, wird in Kapitel 9.2.3 beantwortet. Hierbei wird auch auf die Praktik des mehrsprachigen Taggens eingegangen.

In der vorliegenden Arbeit werden zwei Hauptziele verfolgt: Erstens soll aufgezeigt werden, wie die laienhafte Dokumentation von Bildern in der Foto-Community Flickr erfolgt, wobei insbesondere Praktiken, die aus Sicht des Retrievals als problematisch erachtet werden können, eingehender diskutiert werden. Das Social Tagging wird – wie in Kapitel 5.6 erläutert wird – mittlerweile auch im Rahmen von Forschungsprojekten eingesetzt (Stichwort: Crowdsourcing2). Gerade in solchen Kontexten ist folglich von Bedeutung, dass die Taggenden für Schwierigkeiten beim Tagging bzw. beim Retrieval sensibilisiert werden. Zweitens soll mit der Analyse der Text-Bild-Relationen in der Notizenkommunikation aufgezeigt werden, wie Sprache in einem multimodalen Kontext geartet ist. Hieran ist außerdem zu zeigen, dass Termini, die bisher in der Sprachwissenschaft verwendet wurden, in multimodalen Kommunikaten teilweise inadäquat sind. Ist beispielsweise das Agens im Text, das Patiens jedoch ausschließlich im Bild reali ← 19 | 20 → siert, so kann der Text als solcher isoliert betrachtet zwar als elliptisch bezeichnet werden, doch nicht im multimodalen Kommunikat, da dort die Information nicht ausgespart, sondern in einer anderen Modalität realisiert ist.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die erste, in der Text-Bild-Relationen im Social Web betrachtet werden. Die hier gewonnenen Ergebnisse zur Kommunikation in Foto-Communitys können somit als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen in diesem Bereich dienen. Darüber hinaus werden aufgrund der Resultate im Kapitel 9.4 für Social-Sharing-Anbieter konkrete Tipps zur Verbesserung von Social-Sharing-Anwendungen gegeben.

1.4  Forschungsethische Aspekte

Mit der Forschungsmethode (vgl. Kapitel 1.6) eng verbunden sind forschungsethische Fragen (vgl. Eynon et al. 2008: 23). Vor jedem Forschungsprozess müssen sich Forschende Gedanken darüber machen, in welchem Verhältnis ihr Forschungsinteresse zu möglichen Auswirkungen auf die Erforschten3 sowie auf die Gesellschaft steht. In Fachbereichen wie Medizin, Biologie und Pharmazie ist dies von eminenter Bedeutung, doch auch in geisteswissenschaftlichen Fächern müssen Fragen nach der Verantwortbarkeit der Forschung gestellt werden. In diesem Kapitel werden forschungsethische Aspekte beleuchtet, die für die Methodik dieser Arbeit relevant sind.

Der Ausdruck Ethik geht auf das griechische Adjektiv ethikos zurück, das wiederum von ethos (Gewohnheit, Charakter, Brauch, Sitte) abgeleitet ist (vgl. Duden 2007c). Ethik kann demnach definiert werden als »eine kritische Reflexion über unsere Vorstellungen von der richtigen oder guten menschlichen Handlungsweise bzw. Lebensführung. Eine solche Reflexion liegt anscheinend besonders nahe, wenn nicht mehr selbstverständlich ist, was gut ist« (Andersen 2005: 2). Durch neue Technologien entstehen neue Möglichkeiten des Handelns, für die es noch keine ethischen Richtlinien gibt (vgl. ebd.: 3).

Für Forschende, insbesondere auch für Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler, hält das World Wide Web einerseits neue Forschungsgegenstände bereit, andererseits bietet es neue forschungspraktische Möglichkeiten (vgl. Beck 2010a: 152).4 Dabei stellen sich neue forschungsethische Fragen, die ← 20 | 21 → (noch) kontrovers diskutiert werden – nicht zuletzt deshalb, weil sich das Internet rasant weiterentwickelt und laufend neue Anwendungen hinzukommen. Das hat zur Folge, dass die ethischen Diskussionen stets der technischen Entwicklung hinterherhinken (vgl. Debatin 2010: 319). Noch existiert keine konsensuelle Bezeichnung für eine solche Ethik, die sich mit Fragen der Internetforschung auseinandersetzt. Der Terminus Medienethik ist ungeeignet, da er sich erstens auf Medien im Allgemeinen bezieht und zweitens auch oftmals als journalistische Ethik verstanden wird (vgl. Rath 2010: 139). Allenfalls könnte man argumentieren, dass sich Medienethik als Hyperonym zu New Media Ethics oder Internet Ethics verwenden ließe (vgl. Debatin 2010: 318).5 Doch auch diese Termini sind zu breit gewählt. Wie für die Medienethik allgemein gilt auch für die das Internet betreffende Ethik, dass Verantwortung sowohl auf den Ebenen der Produktion6 und Distribution als auch auf der Seite der Rezeption übernommen werden muss (vgl. Rath 2010: 139). Ethik in Bezug auf die Internetforschung kann demnach sinnvollerweise als Internetforschungsethik7 bezeichnet werden. Die Hauptfrage einer solchen Ethik lautet: Welche Daten dürfen unter welchen Bedingungen analysiert werden? Im Folgenden soll dieser Frage zunächst theoretisch, dann aber auch konkret im Hinblick auf die vorliegende Studie unter besonderer Berücksichtigung von Bildern nachgegangen werden, was darüber hinaus eine Auseinandersetzung mit rechtlichen8 Aspekten erforderlich macht.

Eine der Hauptherausforderungen der Internetforschungsethik besteht darin, dass die Reichweite des Internets zwar global ist, sich ethische Richtlinien und Gesetzgebungen sowie kulturelle Praxen jedoch landesspezifisch beträchtlich voneinander unterscheiden (vgl. Eynon et al. 2008: 38). Es kann also bei der Internetforschungsethik nicht von sogenannten Idealnormen ausgegangen werden, welche »Prinzipien [formulieren], die abstrakt sind und intersubjektive Gültigkeit ← 21 | 22 → besitzen« (Brosda, Schicha 2010: 11). Idealnormen müssen in Praxisnormen übertragen werden, welche »praktische Hilfe bei konkreten Handlungsentscheidungen liefern können« (ebd.: 11) und die historische, gesellschaftliche und individuelle Gesichtspunkte berücksichtigen.

Ein weiterer relevanter Aspekt ist auch, dass keine allgemeingültigen Normen für die Internetforschung aufgestellt werden können; stattdessen muss zwischen unterschiedlichen Anwendungen differenziert werden. So ist beispielsweise zu fragen, inwiefern Daten öffentlich zugänglich sind, denn hier rücken der Datenschutz und die Privatsphäre in das Blickfeld, die für die Zitierbarkeit relevant sind: Im Allgemeinen herrscht die Meinung vor, nicht öffentlich zugängliche Inhalte bedürften einer expliziten Einverständniserklärung der Produzierenden. Bei öffentlich zugänglichen Inhalten gibt es unterschiedliche Standpunkte: Eine Seite ist der Meinung, öffentlich zugängliche Inhalte seien zitierbar (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 49–50), die andere hingegen argumentiert, solche Inhalte seien zwar öffentlich, aber nicht dazu gedacht, über die Forschung verbreitet zu werden (vgl. Eynon et al. 2008: 26). Dabei muss natürlich auch geklärt werden, was als öffentlich zugänglich gilt und was nicht. Schmidt (2009a: 126; 2009b: 44) schlägt als ein Kriterium die Notwendigkeit einer Registrierung respektive Anmeldung vor, ohne die die entsprechenden Inhalte nicht eingesehen werden können. Meines Erachtens kann eine Registrierung, sofern sie nicht an Bedingungen geknüpft ist, jedoch nicht als Zugänglichkeitsbeschränkung angesehen werden. Wenn sich alle registrieren können, um bestimmte Inhalte zu sehen, sind diese Inhalte auch für alle zugänglich, zumal die Nutzerinnen und Nutzer wissen, dass eine Registration jedem offen steht. Als Bedingungen für Nicht-Zugänglichkeit können Bestätigungen oder Einladungen gelten: Inhalte, die sich nur abrufen lassen, wenn eine Bestätigungsanfrage positiv beantwortet wurde, können nicht als allgemein zugänglich gelten.9 Auch auf Plattformen, denen man nur über eine Einladung beitreten kann (z. B. schülerVZ10 oder Google+ in der öffentlichen Betaphase), ← 22 | 23 → können die Inhalte als nicht öffentlich zugänglich gelten und die betroffenen Personen müssen um eine Einverständniserklärung gebeten werden.

Eine weitere Frage betrifft die Anonymisierung. Vannini (2008) nennt verschiedene Möglichkeiten: Anonymisierung der Namen, keine Angabe zur URL sowie Paraphrase statt Zitate, da direkte Zitate über Suchmaschinen gefunden werden können. Für sprachwissenschaftliche Analysen kommen Paraphrasen nicht in Frage; wenn allerdings direkt zitiert wird, ist es überflüssig, die URL zu verschweigen oder die Namen zu anonymisieren, da alle Daten über Such-maschinen gefunden werden können. Zudem ist die Angabe der Adressen der analysierten Websites notwendig, um die Überprüfbarkeit der Forschung zu garantieren; darüber hinaus kann die Anonymisierung von Namen eine Verletzung der Autorenrechte bedeuten (vgl. Döring 2003: 241).

Aus den bisherigen Ausführungen wird ersichtlich, dass ethische und rechtliche Aspekte nicht kompatibel sein müssen, was eine Herausforderung für die Online-Forschenden darstellt, die sich mit solchen Dilemmata auseinandersetzen müssen. So spielt das Copyright eine wichtige Rolle, wenn Daten gesammelt werden, insbesondere aber auch dann, wenn die Forschungsresultate in einer Publikation zitiert werden. Natürlich können die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer angeschrieben und um eine Erlaubnis gebeten werden, ihren produzierten Inhalt abdrucken zu dürfen.

Doch wie kann man vorgehen, wenn die Userinnen und User nicht kontaktiert werden können (vgl. Vannini 2008)? Eine Möglichkeit wäre es, nur diejenigen Daten in ein Korpus aufzunehmen, bei denen die Urheberinnen und Urheber einer Nutzung ihrer Daten für Forschungszwecke zugestimmt haben. Doch sind auf einer einzelnen Webseite – gerade im Social Web beispielsweise bei Kommentaren – oftmals so viele Nutzerinnen und Nutzer involviert, dass ein solches Prozedere bei quantitativen Studien nicht realisierbar erscheint.

Weiterhin ist zu konstatieren, dass ethische und rechtliche Fragen bei Datensammlungen bislang vor allem Texte betrafen; da Bildern im Internet ein zentraler Stellenwert zukommt, stellen sich bei Studien wie der vorliegenden weitere Fragen. So wäre beispielsweise zu überlegen, ob auf Bildern abgebildete Personen durch Schwärzung unkenntlich gemacht werden müssten, denn unter Umständen könnten ihre Persönlichkeitsrechte tangiert sein (vgl. Branahl 2013a: 193). Da es in der vorliegenden Arbeit jedoch stets um Text-Bild-Kombinationen geht, die in der Social-Sharing-Community Flickr öffentlich zugänglich sind, können auch ← 23 | 24 → hier wiederum über die Texte die Seiten und entsprechend die Bilder über Such-maschinen ausfindig gemacht werden, weshalb eine Anonymisierung ebenfalls wenig Sinn ergibt. Darüber hinaus wird die Bilderkennungssoftware immer besser und teilweise bereits eingesetzt, was also eine Anonymisierung ad absurdum führen würde. Aus diesem Grund wurde für die vorliegende Arbeit entschieden, keine Bildbeispiele mit identifizierbaren Personen zu verwenden.11

Schließlich ist für Bilder das Urheberrecht von Bedeutung. Da Gesetze technologieneutral abgefasst werden, gelten für das Internet dieselben Regeln wie für Offline-Bereiche. Aufgrund des Gebots der Rechtsgleichheit12 ist die Wissenschaft vom Urheberrecht zwar nicht ausgenommen, doch enthält das Urheberrecht einige Erleichterungen im Hinblick auf bestimmte Werkverwendungen, sofern dies im öffentlichen Interesse ist. Eine solche Schranke des Urheberrechts ist die Zitatfreiheit, die in Art. 25 des Bundesgesetzes über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte13 geregelt ist:

       1)  Veröffentlichte Werke dürfen zitiert werden, wenn das Zitat zur Erläuterung, als Hinweis oder zur Veranschaulichung dient und der Umfang des Zitats durch diesen Zweck gerechtfertigt ist.

       2)  Das Zitat als solches und die Quelle müssen bezeichnet werden. Wird in der Quelle auf die Urheberschaft hingewiesen, so ist diese ebenfalls anzugeben.

Es stellt sich hierbei die Frage, unter welchen Umständen der Umfang eines Zitats und insbesondere auch eines Bildzitats gerechtfertigt ist (Bildzitate sind im Schweizerischen Urheberrecht nicht separat geregelt). Laut Emanuel Meyer vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum gibt es deshalb Lehrmeinungen, die Bildzitate als nicht zulässig erachten, doch scheint eine Mehrheit der juristischen Literatur von einer Zulässigkeit des Bildzitats auszugehen. Wird ein Bild komplett zitiert, so ist die Rede von einem Großzitat, das »nach dem Wortlaut des Gesetzes […] zulässig [ist] bei der Aufnahme in ein selbständiges wissenschaftliches Werk (§ 51 Ziff. 1 UrhG)« (Branahl 2013b: 254). Zum zweiten Abschnitt von Art. 25 ist ← 24 | 25 → zu ergänzen, dass die Urheberschaft auch dann anzugeben ist, wenn es sich um ein Kürzel oder ein Pseudonym handelt.

Von den oben dargestellten Überlegungen ausgehend wurden für die vorliegende Studie öffentlich zugängliche Fotoseiten der Social-Sharing-Community Flickr ausgewählt. Öffentlich zugänglich bedeutet dabei, dass diese Seiten für alle abrufbar sind, d. h. die Fotoseiten können auch ohne Account bei Flickr aufgerufen werden. Daraus folgt, dass die Seiten zitierfähig sind und keine Einverständniserklärung der betroffenen Userinnen und User eingeholt wurde und auch nicht eingeholt werden muss.14 Auf eine Anonymisierung wurde aus zwei Gründen verzichtet: Einerseits können die zitierten Texte über Suchmaschinen gefunden werden, andererseits müssen die Urheberinnen und Urheber aus Gründen des Copyrights genannt werden.15 Die Urheberschaft wird jeweils mit dem Nickname angegeben. Dabei sind zwei Aspekte relevant: Es kann erstens vorkommen, dass Nutzerinnen und Nutzer ihren Klarnamen als Nickname verwenden. Auf Flickr agierten die meisten Userinnen und User bisher unter einem Nickname, doch inzwischen kann fakultativ auch der Klarname angegeben werden.16 In der vorliegenden Studie werden jedoch der Einfachheit und Einheitlichkeit halber stets die Nicknames zitiert. Zweitens muss darauf hingewiesen werden, dass Nicknames auf Flickr jederzeit verändert werden können und auch werden. Wenn also Nicknames angeführt werden, so immer in derjenigen Form, die zum Zeitpunkt der Korpuserhebung bzw. des Zitierens vorlag.

1.5  Terminologie

Die sprachwissenschaftliche Forschung, die sich mit multimodalen Kommunikaten (vgl. Kapitel 2.4) befasst, befindet sich noch in der Konsolidierungsphase, weshalb sich bislang keine einheitliche Terminologie etablieren konnte (vgl. Klemm, Stöckl 2011: 14). Auch mit der Kommunikation im sogenannten Social Web (vgl. Kapitel 3) befasst sich die Linguistik erst seit Kurzem, weshalb auch auch hier Termini vorgeschlagen und diskutiert sowie Begriffsdefinitionen vorgenommen werden müssen. Über den Sinn konsensueller Definitionen äußert ← 25 | 26 → sich Adamzik (2002: 164) wie folgt: »Erkenntnis ist bekanntlich abhängig von den gewählten Fragestellungen, Theorien und damit auch den darin benutzten Termini. Erkenntnis ist immer relativ und auch die Geeignetheit von Begriffen hängt von den jeweiligen Zielsetzungen der Forscher ab.« Gerade die Debatte zur Terminologie und Begriffsklärung kann sich für eine sich neu etablierende (Sub-) Disziplin als sehr fruchtbar erweisen (vgl. Klemm, Stöckl 2011: 14–15).

Wenn aber noch keine einheitliche Terminologie vorhanden ist und unter einigen Termini sehr Unterschiedliches verstanden wird, ist es umso wichtiger, dass die verwendete Terminologie in jeder Arbeit klar dargelegt wird. Dies erleichtert die Verständigung untereinander sowie die Verständlichkeit bei der Lektüre einzelner Texte. Darum nennt auch Stöckl (2011c: 66–67) eine vereinheitlichte und präzisierte Terminologie als eines der Forschungsdesiderate der Bildlinguistik.

Darüber hinaus ist eine Vereinheitlichung der Terminologie sinnvoll und wünschenswert, wenn man bedenkt, dass die Arbeiten zuweilen von Forschenden aus anderen Disziplinen rezipiert werden (vgl. Adamzik 2002: 165). So ist es ein Ziel der Bildlinguistik, aus sprachwissenschaftlicher Perspektive etwas zur inter- und transdisziplinären Bildwissenschaft beizutragen (Klemm, Stöckl 2011: 11), was mit einer vereinheitlichten oder zumindest in einzelnen Arbeiten klar dargelegten Terminologie besser gelingen kann. In den folgenden Kapiteln sollen demnach die für diese Arbeit relevanten Termini im Detail erläutert werden.

Da bisher erst wenige linguistische Arbeiten zum Social Web und insbesondere zum Social Sharing und noch keine zum Social Tagging vorhanden sind, werden diese Bereiche ausführlich dargestellt. In diesen Gebieten ist vieles in einem ständigen Wandel. Darum werden in der vorliegenden Arbeit der Status quo zum Zeitpunkt der Datenerhebung sowie seitherige, relevante Veränderungen dargestellt. Da die vorliegende Arbeit die erste ist, in der das Social Tagging aus sprachwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet wird, wurden Literatur und Forschungsansätze aus anderen Fachgebieten herangezogen, die für die Linguistik fruchtbar gemacht werden können. Ein großer Teil dieser Literatur ist jedoch in englischer Sprache verfasst, und so werden in der deutschsprachigen Literatur die englischen Termini oftmals unübersetzt übernommen. In der vorliegenden Arbeit wurde mit englischen Ausdrücken folgendermaßen umgegangen: Wenn es im Deutschen eine sinnvolle Entsprechung gibt, wurde jeweils diese verwendet. Fremdwörter aus dem Englischen, die bereits etabliert sind wie beispielsweise Community, werden gemäß den Regeln des Deutschen flektiert.17 Ausdrücke aus ← 26 | 27 → dem Englischen, die im Deutschen (noch) nicht gebräuchlich sind, wurden – wie alle Termini und Eigennamen – jeweils kursiv gesetzt. Für die vorliegende Arbeit zentrale Bezeichnungen wie Social Web, Social Sharing, Social Tagging etc. jedoch sind nicht durch Textauszeichnungen hervorgehoben.

1.6  Methodik und Aufbau der Arbeit

Die kommunikativen Praktiken des Social Taggings sowie des Notizenschreibens in Bildern waren bislang nicht Gegenstand linguistischer Analysen. Aus diesem Grund wurde im ersten, überwiegend theoretisch ausgerichteten Teil dieser Arbeit (Kapitel 2 bis 8) auch Literatur aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen herangezogen und diese auf ihre Brauchbarkeit im linguistischen Kontext hin geprüft und ausführlich diskutiert. An unerforschte Untersuchungsgegenstände tastet man sich meist explorativ heran, da noch nicht auf zugehörige Theorien oder Modelle zurückgegriffen werden kann. So wurde auch in dieser Studie zunächst ein Korpus für erste Analysen erhoben. Ein Teil dieser Ergebnisse liegt bereits in einem Artikel publiziert vor (Müller 2012a). Die gewonnenen Resultate dienten wiederum als Ausgangspunkt für den theoretischen Teil der Arbeit (Kapitel 9). In der Auseinandersetzung mit der relevanten Literatur wurden sodann weitere relevante Fragestellungen abgeleitet, die im Empiriekapitel beantwortet werden.

Theorie und Empirie können und sollen nicht immer strikt voneinander getrennt werden. Darum wurden auch in den überwiegend theoretisch ausgerichteten Kapiteln 2 bis 8 immer wieder konkrete Beispiele zur Veranschaulichung herangezogen. So wurden beispielsweise in den Kapiteln zur Kommunikation bei Flickr im Allgemeinen (Kapitel 4.4), zu intermodalen Relationen (Kapitel 7.6) sowie zur Kommunikation mit Notizen (Kapitel 8.2) einige Aspekte qualitativ herausgearbeitet. Insbesondere das Kapitel 7.7 zur ikonographetischen Kommunikation kann als explorative Studie aufgefasst werden. Eine solche qualitative Analyse war deshalb vonnöten, weil bisher keine Untersuchung zu diesem äußerst bedeutsamen Thema vorliegt.

Schließlich sei angemerkt, dass der Theorie- und Empirieteil dieser Arbeit nicht deckungsgleich sind. Die multimodale Kommunikation im Social Web ist ein weites Feld, von dem hier lediglich ein Ausschnitt empirisch beackert werden kann. Untersucht werden kommunikative Praktiken in der Social-Sharing-Community Flickr, weshalb diese Kommunikationsplattform in den Kapiteln 4.3 und 4.4 ausführlich erläutert wird. Im Fokus der empirischen Analyse stehen das Social Tagging sowie die Notizenkomm unikation. Aus diesem Grund bilden die Kapitel 5 und 8.2 die Grundlage für das Empiriekapitel. Insbesondere die Kapitel 5.8 und 5.9 zu den sprachlichen Herausforderungen des Social Taggings ← 27 | 28 → und den semantischen Relationen von Tags sind von zentraler Bedeutung für die in Kapitel 9.2 folgende Datenanalyse. Das Kapitel 9.3 zu den Bildnotizen basiert hauptsächlich auf den theoretischen Kapiteln 7.6 zu intermodalen Relationen und 8.2.1 zur Notizenkommunikation im Web.

In der vorliegenden Arbeit wurden induktive und deduktive Verfahren miteinander kombiniert. Für den empirischen Teil wurde zunächst ein Korpus mit Fotoseiten von 1 000 Unique Usern erstellt. Wie in Kapitel 3.3 erläutert, fällt die Partizipation im Social Web sehr unterschiedlich aus, weshalb eine Zufallsstichprobe nicht geeignet ist. In der Analyse einer Zufallsstichprobe wären idiolektale Eigenheiten von Heavy Usern übervertreten, die kaum herausgerechnet werden können. Während sich dieses Kleinkorpus für die Analyse von Tags gut eignet, enthält es für eine Analyse von Notizen zu wenig entsprechende Daten. Daher wurde ein zweites Korpus herangezogen, das einerseits die Datengrundlage für die Analyse der Notizenkommunikation, andererseits auch die Basis für statistische Angaben zur Flickr-Kommunikation bildet. Die im vorangegangenen Kapitel diskutierten forschungsethischen Aspekte flossen sowohl in die Überlegungen zur Datenerhebung als auch in die Präsentation der Ergebnisse mit ein.

Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst herausgearbeitet, wie digitale multimodale Kommunikation charakterisiert werden kann, welche Analyseebenen es gibt und welche Termini in diesem Kontext sinnvoll erscheinen. Sodann folgen drei Teilkapitel, die thematisch eng miteinander verbunden sind: Das Social Tagging (Kapitel 5) ist eine Tätigkeit, die üblicherweise in Social-Sharing-Anwendungen (Kapitel 4) ausgeübt wird; das Social Sharing wiederum ist ein wichtiger Teilbereich des Social Webs (Kapitel 3). Im daran anschließenden Kapitel 6 wird die Kommunikation im Social Web bezüglich der Aspekte Privatheit und Öffentlichkeit verortet. Hierbei sind insbesondere die Fragestellungen von Relevanz, inwiefern sich durch das Social Web die Konzepte der Öffentlichkeit und Privatheit verändern und wie sich die Veröffentlichung von Privatem durch Bilder gestaltet. Das Kapitel 7 stellt insbesondere die theoretische Grundlage für die Analyse von Notizen dar, selbstverständlich gelten viele Aspekte jedoch auch für Tags. Im Kapitel 8 schließlich wird die Flickr-Kommunikation einerseits im Bereich der Kunstkommunikation verortet, andererseits wird die Notizenkommunikation im Web analysiert und diskutiert sowie aus einer historischen Perspektive betrachtet.

Die einzelnen Kapitel des vorwiegend theoretisch ausgerichteten Teils (Kapitel 2 bis 8) sind wie folgt aufgebaut: Die relevante Forschungsliteratur wurde in die entsprechenden Teilkapitel eingearbeitet, der Forschungsstand geht also aus den jeweiligen Kapiteln hervor. Da davon ausgegangen werden kann, dass die Leserschaft über unterschiedliches Vorwissen in den für diese Arbeit relevanten ← 28 | 29 → Teilgebieten verfügt, erachtete ich es als sinnvoll, die einzelnen Kapitel mit einer Synopse abzuschließen, in der jeweils die wichtigsten Aspekte des Kapitels in komprimierter Form dargestellt werden. Zudem gebe ich in den Synopse-Kapiteln weiterführende Literaturempfehlungen zu den einzelnen Themengebieten. Wer sich also einen schnellen Überblick über die einzelnen Themengebiete verschaffen möchte, kann seine Lektüre auf die Synopse-Kapitel beschränken. Darüber hinaus sind die verschiedenen Teilkapitel so konzipiert, dass sie unabhängig voneinander gelesen werden können. Wenn es für das Verständnis nötig und sinnvoll ist, werden vereinzelt wichtige Informationen in mehreren Kapiteln gegeben, was bei einer Gesamtlektüre kleinere Redundanzen mit sich bringt. Um solche jedoch nach Möglichkeit zu vermeiden, werden Termini nur einmal erläutert, und zwar dort, wo sie für das Verständnis am wichtigsten sind. Diese Vorgehensweise bringt es mit sich, dass Termini in einigen Kapiteln bereits erwähnt, jedoch noch nicht ausführlich erläutert werden. Aus diesem Grund wurde ein Glossar der wichtigsten Termini erstellt, das vor allem auch bei einer kursorischen Lektüre zurate gezogen werden kann.18 Außerdem wird mit Verweisen auf diejenigen Kapitel gearbeitet, die für eine bestimmte Thematik vorausgesetzt werden oder die diese weiterführen.

Das empirische Kapitel ist in drei Teile gegliedert: Zunächst werden die Korpora beschrieben und im Anschluss daran zuerst die Tags und dann die Notizen analysiert und die Ergebnisse in den entsprechenden Teilkapiteln diskutiert. Da im Bereich des Social Taggings Untersuchungen aus anderen Fachbereichen vorliegen, werden die jeweiligen Ergebnisse nach Möglichkeit mit Resultaten aus anderen Studien verglichen. ← 29 | 30 → ← 30 | 31 →


1       http://blog.flickr.net/de/2012/12/12/flickr-noch-besser-nutzen-besser-navigierenund-fotos-entdecken/ (19.08.2013).

2       Unter Crowdsourcing (zu Deutsch: Schwarmauslagerung) versteht man in Analogie zum Outsourcing von Unternehmen an Drittunternehmen die Auslagerung von Arbeiten auf im Social Web tätige Userinnen und User, die auf Basis von Freiwilligenarbeit Inhalte generieren.

3       Mitgemeint sind auch von der Forschung Betroffene. In der vorliegenden empirischen Untersuchung sind dies die Urheberinnen und Urheber der analysierten Kommunikate.

4       So können beispielsweise einerseits Daten im WWW erhoben (nicht-reaktive Datenerhebung), andererseits können Daten auch über Fragebogen, die im Internet sowohl distribuiert als auch ausgefüllt werden, generiert werden (reaktive Datenerhebung). Einen Überblick über die methodischen Möglichkeiten in der empirischen Sozialforschung im Internet geben Welker und Wünsch (2010).

5       Der Titel des zitierten Artikels lautet New Media Ethics, im Text selbst ist dann jedoch die Rede von Internet Ethics.

6       Das Social Web unterliegt in der Schweiz dem Presserecht, was bedeutet, dass diejenigen, die »medienrechtliche Bestimmungen oder medienethische Standards« (Blum, Prinzing 2010: 526) missachten, sich vor Gericht verantworten müssen.

7       Es handelt sich bei dem Ausdruck um eine Übersetzung der von Eynon et al. (2008: 23; 38) verwendeten Termini ethics of Internet research bzw. Internet Research Ethics.

8       Für wichtige Hinweise und Erläuterungen zu rechtlichen Aspekten, die in dieses Kapitel eingeflossen sind, danke ich Medea Elsig Wälterlin und Emanuel Meyer vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum.

9       So können beispielsweise auf Twitter Tweets auf eine Weise geschützt werden, wie sie das Telekommunikations-Unternehmen Swisscom praktiziert: »Nur bestätigte Follower haben Zugriff zu den Tweets und dem vollständigen Profil von @swisscom. Klicke auf den ›Folgen‹ Button, um eine Bestätigungsanfrage zu senden.« Dasselbe Unternehmen pflegt auch eine Seite bei Facebook, die von allen Facebook-Nutzern über den Button Gefällt mir (engl. Like) hinzugefügt und eingesehen werden kann: https://www.facebook.com/Swisscom.

10     Das am 1. Mai 2013 eingestellte schülerVZ war nur per Einladung zugänglich, um den Nutzerkreis auf das Zielalter von 10 bis 21 Jahre einzuschränken. Erwachsene sind zur Plattform nicht zugelassen, was die Community für Schülerinnen und Schüler attraktiv macht.

11     Ohnehin sind auf Flickr im Vergleich zu Social-Networking-Communitys verhältnismäßig wenige Personen abgebildet.

12     Als Grundrecht unter Art. 8 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (http://www.admin.ch/ch/d/sr/101/a8.html, 31.03.2014) sowie im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland unter Art. 3 (http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html, 31.03.2014) verankert.

13     http://www.admin.ch/ch/d/sr/231_1/a25.html (31.03.2014). Diese Regelung entspricht weitgehend der Gesetzgebung in Deutschland; siehe § 51 des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__51.html, 31.03.2014).

14     Dieses Vorgehen ist auch in anderen linguistischen Arbeiten üblich: »YouTube-Kommentare gelten als uneingeschränkt öffentlich verfügbare Beiträge und werden daher mit vollen Autoren(spitz)namen zitiert« (Androutsopoulos 2012: 96, Herv. im Original).

15     Auch Baron und Lee (2013: 48) haben die Nicknames der Flickr-Nutzerinnen und Nutzer angegeben.

16     Seit dem Flickr-Relaunch vom 20. Mai 2013 ist der Klarname über dem Nickname aufgeführt, davor stand der Nickname an erster Stelle.

17     Der Plural lautet also – wie auch im Rechtschreib-Duden 2013 vermerkt – Communitys und nicht Communities, wie oft zu lesen ist.

18     In das Glossar aufgenommen wurden hauptsächlich Termini, die bisher noch keinen Eingang in Wörterbücher gefunden haben und die nicht als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können. Zudem wird bei Ausdrücken, die in der Literatur in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet werden, angegeben, was in der vorliegenden Arbeit darunter verstanden wird.