Lade Inhalt...

Zweitspracherwerb neu positioniert

Eine Studie der deutschen Sprachkenntnisse von Handelsschülern mit Migrationshintergrund

von Alexandra Rösner (Autor:in)
©2016 Dissertation 162 Seiten

Zusammenfassung

Die Autorin analysiert Ergebnisse einer dreijährigen Feldstudie mit Handelsschülern mit den Migrationshintergründen Türkei und ehemaliges Jugoslawien. Im Fokus steht die Entwicklung der Sprachkenntnisse im Bereich Ausdruck und Formulierung. Die Autorin arbeitet heraus, welche Fehler diese Schüler/innen machen, ob sie im Alter von 14 Jahren noch behebbar sind und ob die Schüler/innen trotz teils sehr schlechter sprachlicher Voraussetzungen die Schule auf dem Sprachniveau ihrer österreichischen Kollegen/innen abschließen können.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsübersicht
  • 0. Einleitung
  • 0.1. Immigration und Schulbesuch
  • 0.2. Themeneingrenzung
  • 0.3. Erhebungsort der Untersuchung
  • 0.4. Gliederung der Arbeit
  • Teil I Theoretische Grundlagen
  • I. 1. Stand der Forschung und Begriffsbestimmung DaF/DaM/DaZ
  • I. 1. A. Der PISA-Schock
  • I. 1. B. DaZ als Bildungsaufgabe in der Schule
  • I. 2. Spracherwerb
  • I. 2. A. Spracherwerbstheorien
  • I. 2. B. Kognitive Grundlagen für den Spracherwerb
  • I. 2. B. a. Generelle Intelligenz-Hypothese
  • I. 2. B. b. Angepasste oder soziale Intelligenz-Hypothese
  • I. 2. B. c. Kulturelle Intelligenz-Hypothese
  • I. 2. B. d. Sozial-kognitive Grundlagen für den Spracherwerb
  • I. 2. C. Bi- oder multilingualer Spracherwerb
  • I. 2. C. a. Doppelte Halbsprachigkeit
  • I. 2. C. b. Migrantinnen und Migranten in Österreich
  • I. 3. Ausdruck und Formulierung
  • I. 3. A. Klassifikation von Formulierungsfehlern nach Ortner
  • I. 3. A. a. Lexikalisch-semantische Fehler
  • I. 3. A. b. Logisch-textuelle Fehler
  • I. 3. B. Versprecher und ihre Definition
  • I. 3. B. a. Versprechertypen nach Garrett
  • Teil II Empirische Untersuchung
  • II. 1. Rahmenbedingungen der Untersuchungsgruppe
  • II. 1. A. Gesellschaftlicher und regionaler Hintergrund der HAS Bregenz
  • II. 1. B. HAS Bregenz im Vergleich mit anderen HAS in Vorarlberg
  • II. 1. B. a. Die Handelsschule Bregenz
  • II. 1. B. b. Die Wirtschaftsschulen Bezau
  • II. 1. B. c. Die Handelsschule Lustenau
  • II. 1. B. d. Die Handelsschule Feldkirch
  • II. 1. B. e. Die Handelsschule Bludenz
  • II. 1. B. f. Schülerzahlenvergleich der fünf Handelsschulen
  • II. 2. Feldstudie
  • II. 2. A. Beschreibung der Beobachtungsgruppe
  • II. 2. B. Vorgehensweise der Untersuchung
  • II. 2. C. Input 1. Klasse
  • II. 2. D. Soziales Umfeld
  • II. 2. D. a. Geschlecht und Muttersprache
  • II. 2. D. b. Wohnverhältnisse
  • II. 2. D. c. Ausbildung und Berufe der Eltern/Geschwister
  • II. 2. E. Eingangsvoraussetzungen
  • II. 2. E. a. Zubringerschulen/Schule des Vorjahres
  • II. 2. E. b. Noten und Leistungsgruppen in den Hauptfächern
  • II. 2. F. Veränderungen in der Untersuchungsgruppe
  • II. 2. F. a. Von der 1as in die 2as
  • II. 2. F. b. Von der 2as in die 3as
  • II. 2. F. c. Von der 3as in den Aul1
  • II. 3. Das Korpus
  • II. 3. A. Klassifizierung der Beispielsätze
  • II. 3. A. a. Eingangsniveau
  • II. 3. A. b. Erste Klasse
  • II. 3. A. c. Zweite Klasse
  • II. 3. A. d. Abschlussprüfung
  • Teil III Schlussfolgerungen
  • III. 1. These 1
  • III. 2. These 2
  • III. 3. These 3
  • III. 4. These 4
  • Zusammenfassung
  • Abstract
  • Bibliographie
  • Index

| 13 →

0. Einleitung

In den folgenden Ausführungen soll die Thematik der Zuwanderung nach Österreich und deren Einfluss auf das bestehende österreichische Bildungssystem bzw. auf die Schulwahl der Migrantinnen und Migranten erklärt werden. Im Weiteren folgt die Themeneingrenzung, hinsichtlich derer die Probanden/innen untersucht wurden. Anschließend werden der Erhebungsort der empirischen Untersuchung und dessen sprachliches Umfeld dargestellt. Zum Schluss wird die Gliederung der Arbeit vorgestellt.

0.1. Immigration und Schulbesuch

Die Zuwanderung hat in Österreich in den letzten Jahren Rekordwerte erreicht. In keiner Periode der österreichischen Nachkriegsgeschichte kamen und blieben so viele Zuwanderer wie in den ersten zehn Jahren des neuen Millenniums.4 Das hat nicht nur wirtschaftliche und demographische Auswirkungen auf Österreich, sondern auch nicht unwesentliche Auswirkungen auf das bestehende Bildungssystem. In Österreichs Volksschulen gab es im Schuljahr 2008/09 rund 22% Schüler/innen nicht deutscher Muttersprache, in den Hauptschulen waren es ca. 20%, in der neuen Mittelschule 24% und in den Sonderschulen gar fast 28%. Die allgemein bildendenden höheren Schulen (AHS-Unter- und -Oberstufe) besuchten 13% Schüler/innen nicht deutscher Muttersprache und die berufsbildenden Schulen (Berufsschule, BMS und BHS) nur knapp 10%, wobei allein 17% auf die BMS, also die ein- bis dreijährigen Handels- und Fachschulen, fallen. In dieser Erhebung5 wurden nicht nur Migranten/innen allgemein und aus den klassischen Anwerberländern Österreichs, nämlich der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, berücksichtigt, sondern auch Angehörige österreichischer Volksgruppen wie Slowenen/innen in Kärnten und Kroaten/innen bzw. Ungarn/innen im Burgenland.

Am Anteil der nicht deutschsprachigen Schüler/innen an österreichischen Schulen lässt sich ein starkes Ost-West-Gefälle bzw. Stadt-Land-Gefälle feststellen. Während fast 41% der Schüler/innen in Wiener Schulen eine andere ← 13 | 14 → Muttersprache als Deutsch haben, sind es in Vorarlberg gerade mal 17%. Trotzdem bleibt die prozentuelle Verteilung der Schüler/innen auf die bestehenden Schulformen ähnlich: So besuchen in Wien 61% der nicht deutschsprachigen Schüler/innen die Hauptschule und nur knapp die Hälfte die AHS-Unterstufe (29%), in Vorarlberg sind 22% der Hauptschüler/innen nicht deutschsprachig und 9% der AHS-Unterstufen-Schüler/innen. Während sich in Wien die Anzahl der nicht deutschsprachigen Sonderschüler/innen mit der Anzahl der Volks- und Hauptschüler/innen mit jeweils 51%, 50% und 61% ungefähr die Waage hält, ist der Anteil der nicht deutschsprachigen Schüler/innen in Vorarlbergs Sonderschulen wesentlich höher, nämlich 34%, gegenüber 24% Volksschüler/innen und 22% Hauptschüler/innen bzw. 24% Schüler/innen der neuen Mittelschule. Hier sollte allerdings angemerkt werden, dass es das Mittelschulkonzept in Vorarlberg erst seit dem Schuljahr 2009/10 gibt und einige Hauptschulen im Ländle spontan zu Mittelschulen umbenannt wurden, deren Schüler/innen notgedrungen nun Mittelschüler/innen sind. Aus dieser Studie wird klar, dass die Muttersprache, deutsch oder nicht deutsch, ein wichtiger Faktor bei der Wahl der Schulform ist.

Fazit: Ein Kind mit nicht deutscher Muttersprache hat viel weniger Chancen auf eine höhere oder weiterführende Schulbildung als ein Kind mit deutscher Muttersprache. Oder andersherum formuliert: Kinder mit muttersprachlichen Kenntnissen des Deutschen haben eine viel bessere Chance auf eine höhere oder weiterführende Schulbildung als Kinder mit schlechteren Deutschkenntnissen.

0.2. Themeneingrenzung

Meine ursprüngliche Annahme, ein jahrelanger, aktiver Schulbesuch in Österreich allein würde die Deutschkenntnisse der migrantischen Kinder auf ein Muttersprachenniveau heben, hat sich zwar bei meinen zwei älteren Kindern bestätigt, nicht aber bei vielen meiner migrantischen Handelsschüler/innen. Also müssen zwangsläufig andere Faktoren vorliegen, die verhindern, dass migrantische Kinder die deutsche Sprache soweit erlernen, dass man ihre Kenntnisse als Muttersprachenkenntnisse bezeichnen kann. Bei genauer Betrachtung fällt mir als Lehrerin auf, dass Schüler/innen mit türkischer Muttersprache allgemein sprachlich schlechter sind als ihre Mitschüler/innen mit einer anderen Muttersprache (meist Serbisch, Bosnisch und Kroatisch, aber auch Chinesisch, Vietnamesisch, Rumänisch usw.). Das wurde bereits in einer Studie, die im Jahre 2003 in sechs Wiener Volksschulen ← 14 | 15 → stattgefunden hat, festgestellt und ausführlich beschrieben und darauf wird noch im Kapitel I.2.C.a. Doppelte Halbsprachigkeit näher eingegangen.6

Wenn man nun aber davon ausgeht, dass eben ein langer Aufenthalt und Schulbesuch alleine nicht ausreichen, um seine Sprachkompetenzen auf ein Muttersprachenniveau zu heben, so ist es gerade für einen Deutschlehrer/eine Deutschlehrerin enorm wichtig zu wissen, welche sprachlichen Fehler die Schüler/innen machen und welche Mittel angewendet werden können, diese Fehler erfolgreich zu beheben. Diese Arbeit konzentriert sich nur auf Fehler im Bereich Ausdruck und Formulierung. Grammatik- und Rechtschreibfehler sind hier nicht Untersuchungsgegenstand, und zwar deshalb, weil diese, oft bedingt durch die gesprochene Umgangssprache, auch von Muttersprachensprechern/innen sehr häufig gemacht werden und nicht unbedingt ein Zeichen von fehlender Sprachkompetenz als Zweitsprachensprecher/in sind. Außerdem sind Grammatik und Rechtschreibung erlern- und übbar und diesen zwei Bereichen wird im Unterricht auch große Bedeutung beigemessen. Muttersprachensprecher/innen sind aber selbst bei groben Grammatik- und Rechtschreibmängeln in der Lage, sich im Bereich der Bildungssprache korrekt auszudrücken und dementsprechende Formulierungen zu bilden. Diese Kompetenz ist bei Zweitsprachensprecher/innen oft mangelhaft vorhanden oder fehlt völlig.

Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist also die schriftliche Sprachkompetenz der migrantischen Handelsschüler/innen im Bereich Ausdruck und Formulierung. Diese wurde anhand von mehrfachen schriftlichen Tests pro Schuljahr überprüft und beschrieben. Die gemachten Fehler wurden analysiert und nach Ortner (1990) aufgelistet. Desweiteren wurde die sprachliche Entwicklung der Schülerin/des Schülers während ihrer/seiner drei Handelsschuljahre bis zur Abschlussprüfung beobachtet und beschrieben, um Aufschluss über eine mögliche Verbesserung in den Bereichen, die Untersuchungsgegenstand sind, zu geben.

0.3. Erhebungsort der Untersuchung

Bisher galt das Interesse für eine Sprachförderung den Kindergartenkindern und Volksschüler/innen. Bereits im Kindergarten werden die Kinder hinsichtlich ihrer Sprachkompetenz bzw. Sprachfehler untersucht und dementsprechende Unterstützung in Form einer sprachlichen und therapeutischen Hilfe zur Verfügung gestellt. In manchen Gemeinden steckt die sprachliche Unterstützung zwar noch ← 15 | 16 → in den Kinderschuhen, aber zumindest ist man sich der Notwendigkeit der Vermittlung von Deutschkenntnissen vor dem Schuleintritt bewusst.

Selbst in der Volksschule liegt das Augenmerk noch auf der Vermittlung der deutschen Sprachkenntnisse und man kann wohl sagen, dass hier die Volksschule und deren Lehrkräfte sehr gefordert sind. Manche Schulen bieten so genannte Stützlehrer an, die sich schwachen Kindern stundenweise während des Unterrichts widmen. Diese sind zwar primär nicht für die sprachliche Unterstützung von Schülern/innen mit mangelnden Deutschkenntnissen zuständig, sondern für lernschwache Kinder, trotzdem können migrantische Kinder diese Unterstützung nutzen, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Aber bereits in der Hauptschule lässt das Interesse vonseiten der Bildungsträger nach. Als ich die Untersuchung im Jahre 2006 begann, gab es keine Untersuchungen von Hauptschülern/innen hinsichtlich ihrer deutschen Sprachkenntnisse. Man nahm pauschal wohl an, dass die deutsche Sprache zur Genüge in der Volksschule vermittelt worden sei und deshalb Migranten/innen in der Hauptschule über ausreichende sprachliche Kenntnisse verfügen würden. Dass dem aber nicht so ist, muss ich als Lehrerin in einer weiterführenden mittleren Schule, wie die Handelsschule eine ist, immer wieder feststellen. Mittlerweile sind in Deutschland einige Untersuchungen an Hauptschulen durchgeführt worden, die v.a. im Bereich Wortschatz und Semantik liegen. Allerdings sind das nicht explizit Untersuchungen von migrantischen Kindern, sondern von Hauptschüler/innen im Allgemeinen.7

Meine Untersuchung habe ich in der Handelsschule, an der ich selber unterrichte, nämlich in der Bundeshandelsschule im Bregenzer Vorkloster, kurz BHAS Bregenz, durchgeführt. Die Schüler/innen aus der ersten Gruppe der 1a Klasse des Schuljahres 2009/10 haben sich freundlicherweise als Probanden/innen zur Verfügung gestellt. Untersucht wurde die Gruppe von der 1. bis zur 3. Klasse, und zwar jeweils die Schüler/innen, die sich bereits seit der 1. Klasse in dieser Gruppe befanden. Neuzugänge bzw. Abgänge wurden nicht weiter verfolgt, wohl aber der Verbleib der Letzteren erklärt.

Details

Seiten
162
Jahr
2016
ISBN (PDF)
9783653068054
ISBN (ePUB)
9783653955392
ISBN (MOBI)
9783653955385
ISBN (Paperback)
9783631669099
DOI
10.3726/978-3-653-06805-4
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (März)
Schlagworte
Multilingualismus Migration Doppelte Halbsprachigkeit Fehleranalyse
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 162 S.

Biographische Angaben

Alexandra Rösner (Autor:in)

Alexandra Rösner studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Wien. Sie ist als freie Übersetzerin sowie Lehrerin tätig und promovierte am Institut für Sprachen und Literaturen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck.

Zurück

Titel: Zweitspracherwerb neu positioniert