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Adoleszenz, Geschlecht, Identität

Queere Konstruktionen in Romanen nach der Jahrtausendwende

von Nadine Seidel (Autor:in)
Dissertation 252 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Zielsetzung der Arbeit
  • 1.2 Aufbau der Arbeit
  • Teil I Theoretische Vorüberlegungen und Forschungsüberblick
  • 2 ‚Geschlecht‘: Anmerkungen und Begriffserklärungen
  • 2.1 Geschlecht als biologische Größe: Die Manifestation der ‚Geschlechtscharaktere‘
  • 2.2 Geschlecht als kulturelle Größe: Die sex-gender-Konstruktion
  • 2.3 Das poststrukturalistische Geschlechterverständnis: wider die Heteronormativität
  • 2.4 Judith Butlers postsouveräner Subjektbegriff
  • 2.4.1 Die sex/gender-Konstruktion als Zirkelschluss bei zutreffenden Prämissen
  • 2.4.2 Versuch einer Begriffsverortung: Butlers Verwendung der Begriffe sex und Konstruktion – und deren problematische Rezeption
  • 2.4.3 Subjektwerdung
  • 2.5 Queerness/Dekonstruktion/Gendertheorie in literarischen Inszenierungen
  • 3 (Geschlechter-)‚Maskerade‘ in der deutschsprachigen Literatur: Historische Perspektivierung geschlechtlicher Identitätskonstruktionen und ihre literarische Inszenierung
  • 3.1 Theoretische Vorüberlegungen zu den Konstrukten ‚Maskerade‘ und ‚Weiblichkeit‘
  • 3.2 Maskerade als literarisches Motiv
  • 3.2.1 Das als Junge verkleidete Mädchen – Genese einer literarischen Figur
  • Teil II Exemplarische Analyse der Romane – Vorbemerkungen und Rahmung: Identitätskonstruktion und Adoleszenz
  • 4 Die Bacha Posh – oktroyierte Geschlechterperformanzen
  • 4.1 Subversionspotential der Figur und Verortung im Feld geschlechtlicher Permeabilität
  • 4.1.1 Überblick über das Korpus der Bacha Posh-Literatur
  • 4.2 Nicht-Kohärenz und Nicht-Kontinuität für die Bacha Posh
  • 4.3 Siba Shakib: Samira und Samir (2003)
  • 4.3.1 Handlungskomposition und Figurenkonstellation
  • 4.3.2 Geschlechtlich konnotierte Teilräume und die ihnen zugrunde liegende Geschlechterdifferenz
  • 4.3.3 Sex, gender und desire
  • 4.3.4 Das Identitätskonstrukt der Bacha Posh: exklusive, disjunkte Teilidentitäten
  • 4.4 Charlotte Erlih: Bacha Posh (2015)
  • 4.4.1 Handlungskomposition und Figurenkonstellation
  • 4.4.2 Geschlechtlich konnotierte Teilräume und die ihnen zugrunde liegende Geschlechterdifferenz
  • 4.4.3 Sex, gender und desire
  • 4.4.4 Die gesellschaftliche Kohärenz und Kontinuität sowie das Identitätskonstrukt Farrukh/zads
  • 4.5 Zwischenfazit
  • 5 Transgender: Entnaturalisierung und Perpetuierung des Zweigeschlechtermodells
  • 5.1 Subversionspotential der Figur und Verortung im Feld geschlechtlicher Permeabilität
  • 5.1.1 Überblick über das Korpus der Romane mit jugendlicher Transfigur
  • 5.2 Christine Fehér: Body. Leben im falschen Körper (2003)
  • 5.2.1 Handlungskomposition und Figurenkonstellation
  • 5.2.2 Sex, gender und desire
  • 5.2.3 Diskrepanz zwischen geschlechtlicher Selbstwahrnehmung vs. Fremdzuschreibung: Dramatisierung und Entdramatisierung
  • 5.2.4 Der Zusammenhang zwischen Geschlechtskonstruktion und Identitätsproblematik
  • 5.3 Lisa Williams: Zusammen werden wir leuchten (2016)
  • 5.3.1 Handlungskomposition und Figurenkonstellation
  • 5.3.2 Sex, gender und desire
  • 5.3.3 Diskrepanz zwischen geschlechtlicher Selbstwahrnehmung vs. Fremdzuschreibung: Dramatisierung und Entdramatisierung
  • 5.3.4 Der Zusammenhang zwischen Geschlechtskonstruktion und Identitätsproblematik
  • 5.4 Zwischenfazit
  • 6 Die legitimiert kämpfende Soldatin – ‚inferiore Weiblichkeit‘ im ‚männlichen Handlungsraum‘?
  • 6.1 ‚Unzuverlässige Teilraumzuordnung‘ und ‚versteckte klassifikatorische Grenze‘ – nach Jurij M. Lotman
  • 6.1.1 Die Grenze – das wichtigste Merkmal des Raumes
  • 6.1.2 Das Sujet
  • 6.1.3 Die ‚versteckte klassifikatorische Grenze‘
  • 6.1.4 Die ausdifferenzierte Figurentypisierung als Folge der ‚versteckten klassifikatorischen Grenze‘
  • 6.2 Subversionspotential der Figur und Verortung im Feld geschlechtlicher Permeabilität
  • 6.3 Überblick über das Textkorpus aktueller Kriegs- und Krisenromane
  • 6.4 Dirk Kurbjuweit: Kriegsbraut (2011)
  • 6.4.1 Handlungskomposition und Figurenkonstellation
  • 6.4.2 ‚Geschlechtsneutrale‘ Teilräume: explizite und implizite Teilraumzuordnungen
  • 6.5 Paulo Giordano: Der menschliche Körper (2014)
  • 6.5.1 Handlungskomposition und Figurenkonstellation
  • 6.5.2 ‚Geschlechtsneutrale‘ Teilräume: explizite und implizite Teilraumzuordnungen
  • 6.6 Zwischenfazit
  • 7 Fazit und Ausblick
  • 7.1 Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Danksagung

←10 | 11→

1 Einleitung

„Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.“ (PStG § 22, Abs. 3)

Was als das juristische Ende der Zweigeschlechtlichkeit begrüßt werden könnte, gibt vielmehr schlaglichtartig Auskunft über das identitätspolitische Ringen, wie Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität definiert wird und von wem diese Definition vorgenommen wird. Im Falle der o.g. Intersexualität lassen sich unterschiedliche gesellschaftliche Tendenzen feststellen: Bereits im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 wurden die Rechte „der Zwitter“ anerkannt, dem freigestellt blieb, zu welchem Geschlecht er sich (nach Vollendung des 18. Lebensjahres) zählen lassen wollte (vgl. Nieberle 2013, S. 22). Dies änderte sich sukzessive dahin gehend, dass nun geschlechtliche Binarität gesellschaftlich bzw. medizinisch hergestellt wurde: „Die Existenz von geschlechtsuneindeutigen Menschen wird als bedrohlich für die Gesellschaft und für intersexuelle Menschen selbst als psychisch nicht lebbar eingeschätzt. Das hat zur Folge, dass Intersexualität im frühen Säuglingsalter chirurgisch und später hormonell im Sinne einer Eindeutigkeit ‚korrigiert‘1 wird.“ (Dietze 2003, S. 26) Auch wenn das 2013 geänderte Personenstandsgesetz eine gesellschaftspolitische Kehrtwende weg von der medizinischen Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit hin zu einer wie auch immer gearteten ‚Selbstbestimmtheit‘2 (innerhalb der vorgegebenen binären Kategorien) suggerieren mag, geht es „in der deutschen Variante nicht um Öffnung zu Diversität, sondern um die Gewährung ←11 | 12→eines Aufschubs der Vereindeutigung“ (Nieberle 2016, S. 23), da kein dritter Personenstand installiert, sondern lediglich eine Leerstelle etabliert wird.3

Bereits in diesen wenigen Zeilen wird ersichtlich, wie die Frage nach dem Verhältnis zwischen ‚Geschlecht‘, ‚geschlechtlicher Identität‘, deren Inszenierung, gesellschaftlicher Zuschreibungsmacht, der Bedeutung von Körpermerkmalen immer dann virulent wird, wenn ein ‚Phänomen‘ heteronormativen Normen zuwiderläuft und die geschlechtliche Permeabilität deutlich wird.

Mit geschlechtlicher Permeabilität wird das Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Zuschreibungsmacht, geschlechtlichen Kategorien, daraus möglicherweise resultierenden Identitätsentwürfen und der Konstituierung und Dekonstruktion dessen, was als ‚normal‘ gilt, reflektiert. Während etablierte Begriffe wie Geschlechtsuneindeutigkeit oder Geschlechtermaskerade auf ein binäres Geschlechtermodell verweisen und die Begriffe negativ konnotiert sind4, kann mit der Idee einer permeablen Größe – ohne semantische Bewertung – und unabhängig von dem jeweils zugrunde liegenden Weltentwurf oder Geschlechterverständnis Geschlecht auf mehreren Ebenen beschrieben werden: geschlechtliche Performanzen innerhalb des Zweigeschlechtermodells, die entweder nicht den Vorstellungen darüber, was als ‚typisch männlich‘ oder ‚typisch weiblich‘ gilt, entsprechen, oder die eine erzwungene Performanz darstellen, die nicht mit der Identität der Personen übereinstimmt. Es kann auch eine ‚konforme‘ Darstellung dessen, was gesellschaftlich als typisch männlich oder weiblich gilt, gemeint sein, dies in Übereinstimmung mit den körperlichen Geschlechtsorganen oder unabhängig davon.

Der Begriff der geschlechtlichen Permeabilität verschiebt die Semantik dessen, was innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Diskurse oder des Allgemeinwissens als vorgeblich ‚unverrückbar gegeben‘ ist (vgl. Hirschauer 1999, S. 24), in einen wertfreien Bereich. Allen Variationen geschlechtlicher Permeabilität ist jedoch gemein, dass sie in Bezug gesetzt werden können zu den Prozessen der Subjektivation5, die jedes Subjekt zu durchlaufen hat. Wird jede Form von Geschlechtlichkeit nicht als mehr oder weniger (naturalistische) Nomalie bzw. ←12 | 13→Anomalie betrachtet, sondern als Ergebnis eines (durchlaufenen) Prozesses, dann kann gesagt werden, dass Geschlechtlichkeit immer permeabel ist – auch wenn eine vorgebliche ‚impermeable Performanz‘ Gegenteiliges suggerieren mag.

Mediale Inszenierungen geschlechtlicher Permeabilität sind Teil jenes Diskurses, der Vorstellungen von Geschlechtlichkeit sowohl re-inszenieren als auch hinterfragen kann und somit das lebensweltliche Alltagswissen über Geschlecht beeinflusst (vgl. Stritzke 2011, S. 13). Denn die Vorstellung der biologischen Zweigeschlechtlichkeit zählt in unserer Kultur zu den „selbstverständlichen Grundüberzeugungen“ (Hirschauer 1999, S. 9) und somit zum lebensweltlichen Alltagswissen, das durch unterschiedliche Erklärungsmodelle wie beispielsweise medizinische, biologische, juristische und religiöse Diskurse gespeist und damit auch stabilisiert wird (vgl. ebd., S. 13f.).

In der vorliegenden Arbeit soll ein Feld medialer Repräsentation in den Blick genommen werden, das aufgrund seiner Wirkmacht in Bezug auf identitäre Aushandlungsprozesse besonders geeignet ist, auf die Darstellung geschlechtlicher Permeabilität befragt zu werden, und zwar nicht nur, weil literarische Erzähltexte einen zentralen Bereich der materiellen Seite unserer Kultur ausmachen (vgl. ebd., S. 6)6, sondern aufgrund der Tatsache, dass geschlechtliche Permeabilität zunehmend häufiger in Romanen (nach der Jahrtausendwende) mit adoleszenten Protagonist*innen7 verhandelt wird: „Überspitzt formuliert, lässt sich die Kinder- und Jugendliteratur8 als historisch und ästhetisch variables ←13 | 14→Schlachtfeld der Geschlechternormen lesen, auf dem spätestens seit der Reformpädagogik um 1900 um Durchsetzung und Kritik an diesen Normen gerungen wurde.“ (Nieberle 2016, S. 25)

1.1 Zielsetzung der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit werden aktuelle Romane mit adoleszenten Protagonist*innen auf ihr subversives Potential bezüglich Heteronormativität9 untersucht, wobei festgestellt werden soll, inwiefern die Darstellung der jeweiligen geschlechtlichen Permeabilität dazu implizit oder explizit beiträgt oder aber ihr zuwiderläuft. Allen Erzählungen des Textkorpus ist gemein, dass in ihnen die Kategorie Geschlecht verhandelt wird, die nicht heteronormativen Weltentwürfen zu entsprechen scheint – wie nicht nur inhaltlich-thematisch bzw. figürlich-strukturell zu sehen ist, sondern auch in den Paratexten (und in einem auf Queerness verweisendem Marketing) kommuniziert wird. Das subversive Potential einer Erzählung ist immer dann als hoch einzustufen, wenn Geschlechtsidentität als Ergebnis einer Subjektivation (Butler 2012, 2015) dargestellt und entsprechende Prozesse explizit inszeniert werden – die thematisierte Geschlechtsidentität also nicht an körperliche Merkmale gebunden wird.

Von dieser Prämisse ausgehend lassen sich drei neuartige Figurentypen extrahieren: die legitimiert kämpfende Soldatin, die jugendliche Transfigur und die Bacha Posh. Bezeichnend ist, dass das subversive Potential der Romane mit diesen Figurentypen nicht parallel zum Grad der ‚Liberalität‘ der in der Diegesis gezeichneten Gesellschaft ansteigt, sondern dass sich diese beiden Parameter konträr zueinander verhalten:

Der Figur der Bacha Posh10, die in einer Gesellschaft situiert ist, in der geschlechtlich konnotierte Verhaltensnormen eine hohe Verbindlichkeit besitzen, ←14 | 15→kann in der literarischen Repräsentation das größte subversive Potential zugeschrieben werden. Bei dieser – in der literaturwissenschaftlichen Forschung bislang unbekannten – Figur werden die gesellschaftliche Zuschreibungsmacht sowie die geschlechtliche Performativität als handlungsbestimmend dargestellt und dabei heteronormative Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit konsequent desavouiert. Bei der Untersuchung der literarischen Darstellung der Bacha Posh wäre ein intersektionaler Ansatz, der ebenfalls die Inszenierung anderer binär konstruierter Kategorien berücksichtigt (etwa die durch ‚westliche‘ Autor*innen produzierten Texte für einen ebenfalls ‚westlichen‘ Rezipient*innenkreis über ein ‚nicht-westliches‘ Phänomen, welches auf Phänomene wie Exotismus befragt werden müsste) sinnvoll gewesen, allerdings hätte sich dann die Arbeit durchgängig mit diesem Figurentyp beschäftigen müssen, was der Zielsetzung der Untersuchung zuwiderliefe: Denn aufgrund der Entscheidung, anhand eines heterogenen Korpus (das drei neuartige Figurentypen beinhaltet) möglichst heterogene Darstellungen subversiven Potentials bezüglich Heteronormativität zu analysieren, ist es möglich, unterschiedliche implizite und explizite Inszenierungsstrategien zu desavouieren, zu kategorisieren und Aussagen abzuleiten, die auch bei der Analyse weiterer Romane hilfreich sein können. Da diese Zielsetzung zwangsläufig dazu führt, dass bei der Analyse der Bacha Posh Parameter unberücksichtigt bleiben müssen, deren Untersuchung zur ganzheitlichen Erfassung der Figur sinnvoll gewesen, im Rahmen der Fragestellung jedoch unberücksichtigt bleiben müssen, verweise ich an entsprechenden Stellen des Kapitels auf einen weiterführenden intersektionalen Blick.

Das subversive Potential in den Romanen, in deren Zentrum jugendliche Transfiguren stehen, ist deutlich geringer als das in den Texten über die Bacha Posh: Es wird zwar einerseits ein mimetisches Abbildungsverhältnis von sex und gender11 negiert, andererseits jedoch werden gängige Vorstellungen über ‚typisch‘ männliches oder weibliches Verhalten perpetuiert.

Die legitimiert kämpfende Soldatin in der (post-)modernen Gesellschaft ist hingegen ein Figurentyp, dem in seiner literarischen Inszenierung kein subversives, sondern sogar konstitutives Potential bezüglich Heteronormativität zukommt. Es werden in den untersuchten Texten, die zwar explizit von ←15 | 16→‚emanzipierten‘ Figuren handeln, diesen jedoch implizit Figurenattribuierungen zuweisen, die vielmehr in Analogie zu den „Geschlechtscharakteren“ (Hausen 1976, Böhm 2017) stehen, beständig Vorstellungen von biologisch determinierter Zweigeschlechtlichkeit re-inszeniert.

Ein erstes Ziel der Arbeit besteht darin, die drei neuartigen Figurentypen systematisch vorzustellen und herauszuarbeiten, welche Merkmale für sie in Bezug auf die jeweilige Facette geschlechtlicher Permeabilität, die sie darstellen, konstituierend sind.

In einem zweiten Schritt werden dann – für jeden Figurentyp unterschiedlich – die impliziten und expliziten Inszenierungsstrategien der Romane herausgearbeitet, um sie bezüglich ihres subversiven Potentials zu kategorisieren.

Die dritte Zielsetzung ist als eine Art Weichenstellung für spätere Forschungsfragen zu sehen: Durch die erarbeiteten Kriterien, die eine systematische Analyse eines Romans bezüglich seines subversiven Potentials ermöglichen, lassen sich auch andere Figurentypen, deren Erforschung bisher ein Desiderat darstellt, kategorisieren.

1.2 Aufbau der Arbeit

Da in der vorliegenden Arbeit sowohl literaturhistorische, literaturwissenschaftlich-narratologische als auch gendertheoretische Felder berücksichtigt werden, erfordert dies zunächst eine Verortung und Hinführung zu der Thematik, und zwar sowohl in synchroner als auch in diachroner Perspektive. Deshalb sollen im ersten Teil anhand der aktuellen Forschungslage zunächst zentrale Begriffe wie Geschlecht, Geschlechtermaskerade, Subjekt und Subjektivation geklärt und ihre Bedeutung in den Disziplinen der Philosophie, Psychologie und Soziologie sowie ihre ‚Anwendung‘ in der Literaturwissenschaft dargestellt werden. Im zweiten Teil werden die Romane, in denen geschlechtliche Permeabilität verhandelt wird, nach unterschiedlichen Methoden analysiert und auf ihr subversives Potential befragt. Es ist der heterogenen Konstruktion der geschlechtlich permeablen Figuren geschuldet, dass sich das Subversionspotential nur durch unterschiedliche Zugriffe ‚extrahieren‘ lässt: Während bei den Bacha Posh-Texten Subjektivationsprozesse klar markiert sind und die Idee biologischer Zweigeschlechtlichkeit auf der Handlungsebene dekonstruiert wird, ist die jugendliche Transfigur eher als eine Art ‚Hybrid‘ zu werten: Hier ist es das Konzept der (Ent-)Dramatisierung nach Faulstich-Wieland (2000), mit dem die Figuren zu kategorisieren sind. Gänzlich anders verhält es sich mit den Texten über die legitimiert kämpfenden Soldatinnen: Das Spannungsverhältnis zwischen impliziter und expliziter geschlechtlich konnotierter Codierung der Texte lässt sich in ←16 | 17→diesem Fall durch ein modifiziertes Raumsemantikmodell in Anlehnung an Jurij M. Lotman (1993) aufzeigen.

Im zweiten Kapitel wird zunächst ein sowohl diachroner als auch synchroner Überblick über die unterschiedlichen Vorstellungen oder Definitionen von Geschlecht gegeben: Sowohl die seit dem 19. Jahrhundert dominierende Vorstellung der durch Körperlichkeit völlig definierten (Zwei-)Geschlechtlichkeit als auch die ‚Entdeckung‘ der sex/gender-Konstruktion im 20. Jahrhundert und die daran anschließende Dekonstruktion dieser Vorstellung werden kurz umrissen. Dies ist deshalb notwendig, da auch diese traditionellen Vorstellungen von biologisch determinierter (und hierarchisierter) Zweigeschlechtlichkeit in den untersuchten Romanen re-inszeniert werden.

Es folgt eine Auseinandersetzung mit Judith Butlers Ausführungen zu Subjektivationsprozessen (2012) – ihrem Verlauf, ihrer Wirkmacht und der Position des Subjekts. Insbesondere Butlers Schwerpunktsetzung auf die Dekonstruktion geschlechtlicher Identitätsentwürfe, die aus der Subjektivation resultieren, sind für diese Arbeit von zentraler Bedeutung, daher wird vor allem die Rekonstruktion dieser Subjektivationsprozesse einen zentralen Parameter für die Romananalysen bilden.

Details

Seiten
252
ISBN (PDF)
9783631776353
ISBN (ePUB)
9783631776360
ISBN (MOBI)
9783631776377
ISBN (Buch)
9783631773512
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
Gender Bacha Posh Transsexualität Frauenbilder Mädchenliteratur Judith Butler
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2019. 252 S.

Biographische Angaben

Nadine Seidel (Autor:in)

Nadine Maria Seidel studierte und promovierte an der Universität zu Köln. Sie war Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur II an der Universität zu Köln mit dem Schwerpunkt diversitätsorientierten Kinder- und Jugendmedien sowie deren Einsatz im Deutschunterricht. 2021 hat sie einen Ruf auf eine Juniorprofessur für Kinder- und Jugendliteratur und ihre Didaktik an die PH Ludwigsburg angenommen.

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Titel: Adoleszenz, Geschlecht, Identität