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Ökonomisierte Welten: Im Spannungsfeld von Balance und Disbalance

Literatur-, kultur- und medienwissenschaftliche Betrachtungen ökonomisch bedingter Ausbalancierungsprozesse

von Lukas Müsel (Band-Herausgeber:in) Matthias Röck (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 258 Seiten

Zusammenfassung

Die fortschreitende Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche folgt dem Ideal eines sich selbst regulierenden Marktes. Gleichzeitig entstehen reale Ungleichgewichte und spürbare Disbalancen. Diese begegnen uns nicht nur auf sozialer, ökologischer und globaler Ebene, sondern auch im Bereich alltäglicher Erfahrungen. Der Band rückt die Denkfigur der Balance ins Zentrum einer Entwicklung, die in engem Zusammenhang mit aktuellen Problemfeldern steht, wie dem Klimawandel und ungleicher Ressourcenverteilung sowie Burnout und Stress als Resultat des stetigen Optimierungsdrucks. Er spürt unterschiedlichen Konzepten der Balance nach, die sich hier als Ideal, dort als Ideologie offenbaren: Balance ist eine zentrale Ordnungskategorie in allen ökonomisierten Welten, in denen wir uns bewegen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Enter the Matrix: Gleichgewichtsideale und reale Ungleichgewichte (Lukas Müsel / Matthias Röck)
  • I. Digitale Welten
  • Toxic Love – die Beziehungssuche in Zeiten von Dating-Apps Eine kritische Betrachtung am Beispiel von Tinder (Matthias Röck)
  • Internetgeld und Internettexte: Eine Untersuchung zu Bitcoin und Joshua Cohens Roman Book of Numbers (Karsten Becker)
  • Ästhetischer Antikapitalismus: Ein Versuch zu Franco ‚Bifo‘ Berardi und dem Verlust von Zeit und Sinnlichkeit im Semiokapitalismus (Sebastian Lübcke)
  • II. Fiktionale Welten
  • Gleichgewicht als Ideal: Die Idee der Gütergemeinschaft in Thomas Morus’ Utopia und ihre ethischen und anthropologischen Implikationen (Simon Grund)
  • Die Herrschaft der Balance: Ausgeglichenheit als Totalitarismus des Posthumanen in Nicola Barkers H(A)PPY (Kim Luther)
  • Die Aufhebung der Ökonomie: Souveränität, Gerechtigkeit und die Struktur der Zeit in Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame (Max Roehl)
  • III. Geographische Welten
  • Kapitalistische Naturzerstörung und Ausbeutung: Lektionen aus der englischsprachigen Karibik des späten 17. Jahrhunderts (Heinrich Wilke)
  • Globale Ungleichgewichte: Ökonomie und koloniale Kontinuitäten in der Françafrique (Lukas Müsel)
  • „– Der Name ist. / – Nur der Name.“1: Notizen zur Äquilibristik absoluter Metaphern bei Hubert Fichte (Stefan Breitrück)
  • Beiträger*innen

Lukas Müsel / Matthias Röck

Enter the Matrix

Gleichgewichtsideale und reale Ungleichgewichte

AGENT SMITH: I’d like to share a revelation that I’ve had during my time here. It came to me when I tried to classify your species and I realized that you’re not actually mammals. Every mammal on this planet instinctively develops a natural equilibrium with the surrounding environment but you humans do not. You move to an area and you multiply and multiply until every natural resource is consumed and the only way you can survive is to spread to another area. There is another organism on this planet that follows the same pattern. Do you know what it is? A virus. Human beings are a disease, a cancer of this planet. You’re a plague and we are the cure1

Die Matrix ist ein System prekärer Balance.2 So bezeichnet der Architekt, der die Matrix zu einer „harmony of mathematical precision“3 zu gestalten versucht, Neo als „sum of a remainder of an unbalanced ←7 | 8→equation“4 – und das Orakel, das als Antagonistin des Architekten dieses Gleichgewicht zu zerstören intendiert, bezeichnet Agent Smith, seinerseits der Antagonist Neos, als „result of the equation trying to balance itself out.“5 Die Matrix erscheint so als ein dialektisches System, dem ein dynamischer Gleichgewichtsbegriff zugrunde liegt. Die Einheit der, in den widerstreitenden Antagonisten verkörperten, Gegensätze bedingt die Entwicklung der Matrix in ihren verschiedenen Versionen – an deren Ende ein Zustand absoluter Balance stehen soll: die perfekte Simulation der Realität mit dem Ziel die „desert of the real“6 zu überdecken. Der Film spielt selbstredend mit anthropologischen Grundkonstanten wie der Spannung von Realität und Transzendenz, der Dialektik von Mythos und Aufklärung und der Frage nach menschlicher Handlungs- und Willensfreiheit – daher schreibt Žižek sicher zurecht, der Film sei eine Art Rorschachtest, in dem jeder Kritiker seine philosophischen Überzeugungen bestätigt findet.7 Hier soll allerdings keine kulturkritische Auslegung des Films bemüht werden. Im Kontext des anfänglichen Zitats drängen sich mit diesen Beobachtungen stattdessen zwei Gleichgewichtsideale auf: Das eines natürlichen Gleichgewichts und das eines menschengemachten kybernetischen Gleichgewichts, das die Natur zum Vorbild nimmt und diese zu übertreffen versucht. Beide stellen uns vor die Frage, ob es ein ‚natural equilibrium‘, einen Naturzustand absoluten Gleichgewichts gibt, der erst durch den Eingriff des Menschen gestört wird – und ob der Mensch so als Epitom des Ungleichgewichts zu verstehen ist. Sie stellen uns vor die Frage, ob dieses ‚natürliche Gleichgewicht‘ eine Illusion, eine Utopie ist – oder, wie die Matrix selbst, gar eine Dystopie, welche die Gefahr eines solchen Gleichgewichtsideals offenbart.←8 | 9→

Die Vorstellung eines ‚natürlichen Gleichgewichts‘ – als Metapher, die das Konzept der Balance auf die Natur überträgt – ist tief im menschlichen Denken verankert und lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Herodot beispielsweise führt seine Beobachtung eines sich selbst ausbalancierenden Räuber-Beute-Populationszyklus auf eine Natur zurück, die von den Göttern so eingerichtet sein müsse, dass einerseits die Reproduktionsrate von Räubern geringer sei als die von Beutetieren und andererseits Raubtiere nie über den zur Erhaltung ihrer Spezies nötigen Bedarf hinaus jagten: „Das ist eine weise Vorsehung der Gottheit, wie zu erwarten ist. Alle furchtsamen und eßbaren Tiere hat die Natur sehr fruchtbar erschaffen, damit es uns nicht an Nahrung fehlt. Die schädlichen und unangenehmen Tiere aber sind wenig fruchtbar.“8 Das so beschaffene Gleichgewicht der Natur stellt den Menschen in den Mittelpunkt und zielt auf sein Überleben – und obwohl Aristoteles Herodots Beobachtungen bereits teilweise entkräftet, beginnt hier eine lange Geschichte der Natur als göttlich erhaltenes Gleichgewicht, das durch den Menschen nur indirekt über religiöse Handlungen und rituelle Opfergaben beeinflusst werden kann. Seit der Antike erfuhr dieses Paradigma eines theologisch begründeten natürlichen Gleichgewichts in unterschiedlichen Modifikationen seinen Ausdruck – so wohl am Bekanntesten in Ciceros De Natura Deorum und später in den Schriften Carl von Linnés.9 Es wirkt, trotz der sukzessiven Säkularisierung des Konzepts, bis tief ins zwanzigste Jahrhundert hinein und wird heute ←9 | 10→kontrovers diskutiert.10 Dennis Jelinski beispielsweise lehnt das theoretische Gleichgewicht eines Räuber-Beute-Populationszyklus provokant ab:

prey being controlled by predators has the same essential intuitive appeal as the law of supply and demand in economics. […] The organismic concept of balance in nature persists in ecology because it has aspects of romanticism and indeed mysticism.11

Die komplexen, unvorhersehbaren und chaotischen Vorgänge in einem, so John Kricher, inhärent asymmetrischen Universum,12 lassen Jelinski die Metapher des ‚natürlichen Gleichgewichts‘ in die Nähe von Adam Smiths unsichtbarer Hand rücken. Die ‚natural balance‘ erscheint wie das natürliche Gleichgewicht des Marktes und andere ökonomische Wirklichkeitserzählungen weniger als Repräsentation der Realität und viel mehr als Ideal, als „Wirklichkeitszurichtungsaufforderung“13 – als Ordnung und Struktur garantierender Mythos.

Dieser immer wieder neu belebte Mythos wirkt bis in die Gegenwart hinein. So sind die Bienenfabel, in der die Egoismen unterschiedlicher Akteure zum Gemeinwohl führen, und das Theorem der unsichtbaren ←10 | 11→Hand die wohl bekanntesten Gleichgewichtsmetaphern, die für die Selbstregulierung des Marktes stehen. Auch gehen sie von einem vermeintlich natürlichen Wesen des Menschen aus, dessen Streben – wenn man ihn nur so sein lässt, wie er von Natur aus ist – in der Summe zum allgemeinen Wohlstand führt. Doch während die Vorstellung einer natürlichen Ordnung durch schwerwiegende humanitäre, ökologische und wirtschaftliche Krisen immer wieder ins Wanken geriet, etablierte sich zur Mitte des letzten Jahrhunderts ein neues Denkmotiv, das sich die Welt als bis in den letzten Winkel hinein kontrollierbar vorstellt. An die Stelle des Bienenstocks ist dem französischen Autorenkollektiv Tiqqun zufolge ein anderes Modell getreten, „das sich hinter den Namen Internet, neue Informations- und Kommunikationstechnologien, »Neue Ökonomie« oder Gentechnologie verbirgt.“14 So stellt die Kybernetik für sie nicht nur die zentrale „Herrschaftstechnologie“15 unserer Zeit dar, für die der Liberalismus nur noch als ein „Alibi“ herhält, sie offenbart sich auch als ein „Denken des Gleichgewichts“16, das die „Ordnung ausgehend von der Unordnung“17 wiederherstellen soll. Die von Norbert Wiener begründete Kybernetik, die sich mit der informationsbasierten Selbstregulierung komplexer Systeme befasst, wurde schnell von anderen Wissenschaftsdisziplinen aufgegriffen,18 die das kybernetische Prinzip auf Lebewesen, Maschinen, soziale, politische und ökonomische Prozesse ausweiteten. Unter der kybernetischen Perspektive wird nicht nur der Mensch, sondern auch der gesamte Gesellschaftskörper einem Regelkreislauf gleich, der sich über die Installation von „Empfangsorganen“19 und die fortwährende Akkumulation von Informationen selbst beherrscht. Vor dem Hintergrund der Informatisierung sehen Tiqqun die unsichtbare Hand von einer den Liberalismus rechtfertigenden Fiktion zu einem sichtbaren Prinzip gesellschaftlicher Produktion aufsteigen.20←11 | 12→

Das kybernetische Prinzip bestimmt heute nicht nur nahezu alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse (Stichwort: Industrie 4.0, New Economy), es wird vor allem dann für jede und jeden greifbar, wenn der Gesellschaftskörper sprichwörtlich krankt. So hat die rasante Ausbreitung des Corona-Virus die Gesellschaft und ihre Mitglieder vor die Herausforderung gestellt, die eigene Gesundheit im ‚Gleichgewicht‘ zu halten, um so die Infektionsraten zu verringern und einem weiteren Einbrechen der Wirtschaft entgegenzuwirken. Auf einmal war jede und jeder Einzelne gefragt, zu diesem Ausbalancierungsprozess beizutragen – denn die Folgen eines Gleichgewichtsverlusts waren für alle spürbar. Die heiß geführte Debatte um eine Corona-Warn-App hat nicht nur gezeigt, welche Möglichkeiten die Erfassung, Speicherung und Verarbeitung von Informationen im Kampf gegen die Pandemie verspricht, sie hat erneut offenbart, was die Kehrseite der informationellen Kontrolle ist. So entzündete sich die öffentliche Diskussion insbesondere an Fragen zum Schutz der Grundrechte, der Verwendung personenbezogener Daten und der Möglichkeit diese zu missbrauchen. Die Foucaultschen Machtkonzeptionen gewannen vor diesem Hintergrund erneut an Aktualität und boten sich geradezu dafür an, die von den Regierungen verhängten Maßnahmen, wie Lockdowns, Ausgangssperren sowie die statistische Erfassung von Krankheits- und Sterbefällen als Ausformungen disziplinierender und biopolitischer Machtinterventionen zu betrachten. Ohne die Bezüge hier weiter zu vertiefen, wird an Foucaults Konzept der Biopolitik deutlich, welchen zentralen Stellenwert das Streben nach Balance bei der politischen Machtausübung einnimmt und welche Gefahren davon ausgehen. So zielt die Biopolitik darauf ab, über die Erfassung des Lebens und der biologischen Prozesse in der Bevölkerung ein „globales Gleichgewicht“21 herzustellen, um so das Leben zu erhalten und zu optimieren. Es handelt sich um eine Technologie, die „auf etwas wie Homöostase zielt: auf die Sicherheit des Ganzen vor seinen inneren Gefahren.“22 Die negativen Auswüchse dieses Gleichgewichtsstrebens zeigen sich insbesondere in den verschiedenen Ausformungen rassistischen Denkens, das Foucault zufolge eine „Zäsur“ darstellt, ←12 | 13→„zwischen dem, was leben und dem, was sterben muß.“23 Der Rassismus stellt demnach eine Machttechnologie dar, die über die Ausrichtung des Lebens nach einer Norm in der Gesellschaft einen Gleichgewichtszustand erzeugen will: Durch den „Tod der bösen Rasse, der niederen (oder degenerierten oder anormalen) Rasse“ soll das Leben im Allgemeinen „gesünder und reiner“ werden.24 Zwar haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wenig mit jenem biopolitischen Gleichgewichtsideal zu tun, doch verbinden sich nicht zu Unrecht Befürchtungen und Ängste mit der kontinuierlichen Messung des ‚gesellschaftlichen Gesundheitszustandes‘, die grundsätzlich die Frage aufwerfen, welche Türen durch die zum Einsatz gebrachten Technologien, Praktiken und Maßnahmen noch geöffnet werden.

Gleichgewichtsdenken ist Ordnungsdenken. Als solches fordert es die Zurichtung der Wirklichkeit nach einem bestimmten Gleichgewichtsideal. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass sich das kybernetische Prinzip als „sichtbare Produktion der ‚unsichtbaren Hand‘ von Adam Smith“25 auch als zentrales Balanceprinzip des Neoliberalismus erweist, insofern der Markt „zum Instrument der vollkommenen Koordinierung der Akteure“ wird, „dank derer das gesellschaftliche Ganze ein dauerhaftes Gleichgewicht findet.“26 Der Markt wird auf diese Weise zu einer Gleichgewichtsinstanz, welche die gesamte Gesellschaft, alle darin stattfindenden Prozesse und jeglichen Lebensbereich zu ordnen beansprucht. Im Kontext der umsichgreifenden Ökonomisierung, die im akademischen Diskurs heute meist als ‚neoliberal‘ bezeichnet wird, bildet sich eine neue Form der Vernunft heraus, die Wendy Brown zufolge, nicht nur Politik, Arbeit, Recht, Bildung und Kultur nach ökonomischen Wertvorstellungen umgestaltet, sondern auch den Menschen als ‚Humankapital‘ auffasst.27 Indem die „neoliberale Rationalität das Modell des Marktes alle Bereich und Tätigkeiten ausdehnt – auch wo es nicht um Geld geht“28 werde der ←13 | 14→Mensch einem Marktakteur gleich, der in allen Lebenslagen seinen eigenen ‚Portfoliowert‘ zu steigern versucht, sei es in der Freizeit, in der Partnerschaft, in der Gesundheit oder im Konsum. Diese Entwicklung kommt überall dort zum Ausdruck, wo Individuen als „Unternehmer ihrer selbst adressiert werden und sich [als solche] verhalten.“29 Exemplarisch hierfür sind nicht nur die Selbstdarstellungs- und Selbstvermarktungstendenzen, die man heute überall auf sozialen Medien beobachten kann, auch die in zahlloser Form existierenden Weiterbildungs- und Coachingangebote sind typisch für einen Gesellschaftstyp, in dem man „nie mit irgendetwas fertig wird.“30 Die von Gilles Deleuze skizzierten Kontrollgesellschaften beschreiben genau jene Tendenzen, welche Subjekte zu Unternehmen machen, zu Projekten, die stets offen bleiben.31 Die beständige Selbstoptimierung wird so zu einer Lebensform und zu einem Imperativ, der im Alltag jedoch zu unauflöslichen Spannungen führt und heute viele, die nicht aus dieser Ordnung herausfallen wollen, vor eine Zerreißprobe stellt:

Sei mobil, aber kümmere dich um Familie und Gemeinwesen, sei teamfähig, aber denke an dein Vorwärtskommen, konsumiere, bis die Schwarte kracht, aber sorge für das Alter vor, misstraue dem Staat, aber gehorche seinen Gesetzen, verachte das Alte, aber schätze die Traditionen, erlerne die Tugenden, aber brich die Regeln, vertraue dem Markt, aber akzeptiere seine Unberechenbarkeit, plane weitsichtig, aber riskiere stets alles. Wer diesen kategorischen Imperativen gehorcht, lebt prekär.32

Der Markt als Ordnungs- und Gleichgewichtsinstanz veranlasst das Individuum zu geradezu schwindelerregenden Balanceakten. Doch führen jene Formen der auf Steigerung angelegten Selbstkontrolle immer wieder zu Symptomen des Ungleichgewichts. So werden psychische Erkrankungen wie Burnout und Depression häufig in Zusammenhang mit postfordistischen Produktionsweisen gestellt, die sich durch ein erhöhtes Maß an Eigenverantwortung und Flexibilität, der räumlichen und zeitlichen Entgrenzung von Arbeitsschritten sowie den Abbau von sozialen Auffangnetzen ←14 | 15→auszeichnen.33 Der „unbegrenzte Aufschub der Kontrollgesellschaften“34 gleicht somit einer Heterostase, deren Dynamik in einer unendlichen Vorwärtsbewegung, im unbegrenztem Wachstum und endloser Steigerung besteht. Dem Istwert steht ein nie zu erreichender Sollwert gegenüber, der über kybernetische Feedbackprozesse unablässig angestrebt wird. Wenn Schopenhauer, das Gehen des Menschen als einen „stets gehemmtes Fallen“35 beschreibt, als „beständig aufgeschobenen Gleichgewichtsverlust“36, dann kann diese Metapher auch für das drohende Ungleichgewicht stehen, das mit der Beschleunigung der Wirtschafts- und Lebenswelt sowie der ungebremsten Ausschöpfung natürlicher Ressourcen einhergeht.

Die grundlegende Frage, die sich heute stellt, ist, wie man dem Kollaps ökologischer und wirtschaftlicher Systeme entgegenwirken kann. Die Folgen des ungehemmten Kapitalismus machen sich unlängst durch Eisschmelze, steigende Meeresspiegel, Artensterben, Waldbrände und Desertifikation bemerkbar. Zudem lässt sich eine weltweite Verschärfung wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheiten beobachten. Ein fast schon abgedroschenes Beispiel ist das Elend, welches mit der massenhaften Produktion von Textilgütern im Globalen Süden einhergeht. Die Globalisierung und der Abbau von Handelsbeschränkungen haben den internationalen Preis- und Wettbewerbsdruck auf Kosten des Menschen und der Umwelt massiv erhöht.

Wie lässt sich Gleichgewicht anders denken? Oder haben wir jenen Zustand erreicht, den Mark Fisher als Capitalist Realism bezeichnet – als ←15 | 16→„pervasive atmosphere, conditioning not only the production of culture but also the regulation of work and education, and acting as a kind of invisible barrier constraining thought and action.“37 Ein Zustand, der sich Fisher zufolge als alternativlos darstellt, als das einzige politisch-ökonomisch funktionierende System.38 Der Fredric Jameson und Slavoj Žižek zugeschriebene Satz „it is easier to imagine the end of the world than it is to imagine the end of capitalism“39, beschreibe genau jenes Unvermögen sich eine kohärente Alternative zum Kapitalismus vorstellen zu können. In einer solchen Realität jedoch trage selbst antikapitalistischer Widerstand zum Selbsterhalt des Systems bei, indem er dieses nicht abschafft, sondern lediglich dessen schlimmste Folgen abmildert.40

Ökonomisierte Welten – das sind Welten, die sich, wie der Titel des vorliegenden Bandes nahelegt, in einem Zustand der DisBalance befinden. Sie sind durchdrungen von einer ökonomischen Steigerungslogik, sowie dem Ideal der Selbstregulierung und permanenten Selbstoptimierung. Doch ist dieses Ideal heute mehr als nur eine Vorstellung, es ist ein sichtbares Prinzip, das sich in nahezu allen Räumen, Lebensbereichen, Ausdrucksformen und Prozessen beobachten lässt. So produzieren diese ökonomisch balancierten Welten reale Ungleichgewichte und spürbare Disbalancen. Wir leben und bewegen uns in vielen Welten: in physischen, geographischen, politischen, sozialen, digitalen, gedanklichen und emotionalen, kulturellen und fiktionalen. Alle sind Teil unserer Alltagswelt und Schauplatz ökonomischer wie nicht ökonomischer Ausbalancierungsprozesse.41 Der vorliegende Band nimmt sich einige dieser Weltausschnitte vor. Dabei ergeben sich vielfältige Bezüge zwischen den einzelnen Beiträgen, die das ←16 | 17→komplexe Verhältnis von Balance und Ökonomie widerspiegeln. Der Band gliedert sich in drei übergeordnete thematische Blöcke. So geht es in einem Block um das Umsichgreifen digitaler und finanzökonomischer Welten: um deren tiefgreifenden Einfluss auf die Herausbildung zwischenmenschlicher Intimbeziehungen (Matthias Röck), auf die künstlerische Produktion literarischer Texte (Karsten Becker) sowie um ästhetische Formen des Widerstands (Sebastian Lübcke). In einem weiteren Block geht es, im Sinne Luhmanns, um Literatur als fiktionale Welt.42 In utopischen (Simon Grund) und ‘post-post-apokalyptischen’ (Kim Luther) Erzählungen stellt sich die Frage, welche Rolle der Mensch im Spannungsfeld von Balance und Ökonomie einnimmt. Die Literatur erlaubt außerdem Gedankenspiele, in denen die ökonomische Ordnung außer Kraft gesetzt und so über Souveränität und Gerechtigkeit reflektiert werden kann (Max Roehl). Der dritte Block widmet sich der Ökonomisierung einzelner und der ökonomischen Verflechtung mehrerer geographischer Regionen auf einer globalen Skala. Hier stehen Naturzerstörung als Logik des Kapitalismus (Heinrich Wilke), soziale und ökologische Ungleichgewichte als koloniale Kontinuitäten (Lukas Müsel) und Spannungen zwischen der Aneignung der Welt und des kulturell Anderen und der kritischen Reflexion dieser Aneignung (Stefan Breitrück) im Zentrum balancetheoretischer Betrachtungen.

Die Frage, ob der Mensch ein Virus ist, welches das natürliche Gleichgewicht zerstört, oder das Streben nach Gleichgewicht den Menschen vor den schwerwiegenden Folgen eines tödlichen Virus bewahrt, wird dieser Band nicht beantworten können. Er zielt dennoch darauf ab, die zunehmend in die Öffentlichkeit tretende Semantik der DisBalance kritisch zu reflektieren. So ist bereits seit geraumer Zeit die Rede von einem „Kapitalismus aus dem Gleichgewicht“43 oder einem sich im Schlingern ←17 | 18→befindenden Ökosystem –44 und gegenwärtig werden zunehmend Stimmen laut, welche „die Weltordnung [...] auf der Kippe“45 stehen sehen. Gleichzeitig ist auch im Alltag der Corona-Krise immer wieder die Rede von der „Abwägung zwischen Infektionsschutz versus wirtschaftliche und soziale Belastung“46 – Ziel bleibt das Gleichgewicht als Ideal: „die richtige Balance zu finden“47 zwischen Einschränkungen und Tagesgeschäft, zwischen staatlicher Kontrolle und individueller Freiheit. Die als Gleichgewichtsverlust semantisierte Krise – sei es eine wirtschaftliche, ökologische, oder gesundheitliche Krise – ist so stets eng verknüpft mit der Forderung nach einer Sicherheit und Kohärenz verheißenden Balance, die in Analogie zum Ideal des ‚natural equilibrium‘ als eine „beneficient, stable and holistic force“48 konzeptualisiert wird und über Konzessionen, strukturelle Veränderungen, oder Anpassung des eigenen Verhaltens erreicht werden kann. Der Band beleuchtet diese unterschiedlichen Facetten des Gleichgewichts als Wahrnehmung und Interpretation, als Ideal und Ideologie im Dienst der Zurichtung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Insbesondere in ökonomisierten Welten erscheint ‚Balance‘ als prekäres Ideal, das reale Ungleichgewichte – die ‚desert of the real‘ – überspielt, gleichzeitig aber Widerständigkeiten hervorruft, stets umkämpft ist und immerzu auf dem Spiel steht.


1Wachowski, Lana / Wachowski, Lilly: The Matrix [Film]. Warner Bros. / Village Roadshow Pictures / Silver Pictures: Vereinigte Staaten von Amerika / Australien 1999, 1:37.

2‚Matrix‘ heißt im gleichnamigen Science-Fiction-Thriller die computergenerierte Scheinwelt, in der die Menschen von Maschinen gefangen gehalten werden. Im Jahr 1999 erschienen, fällt der Film in eine Zeit, in der sich das Internet mit seiner Kommerzialisierung rasant zu verbreiten beginnt und sich der Cyberspace als Ort der Imagination neuer Demokratieformen etabliert.

3Wachowski, Lana / Wachowski, Lilly: The Matrix Reloaded [Film]. Warner Bros. / Village Roadshow Pictures / Silver Pictures: Vereinigte Staaten von Amerika 2003, 1:51.

4Ebd., 1:50.

5Wachowski, Lana / Wachowski, Lilly: The Matrix Revolutions [Film]. Warner Bros. / Village Roadshow Pictures / Silver Pictures: Vereinigte Staaten von Amerika 2003, 0:29.

6Wachowski, Lana / Wachowski, Lilly 1999, 0:41.

7Vgl. Žižek Slavoy: Enjoy your Symptom!: Jacques Lacan in Hollywood and Out. Routledge: Abingdon-on-Thames 1992.

8Herodot: Historien. 2 Bände. Griechisch – Deutsch, Buch III. (Sammlung Tusculum). Josef Feix (Hrsg.). De Gruyter: Berlin 2011, S. 459. Herodot stützt sich dabei auf Überlieferungen vom Reproduktionsverhalten bei Hasen und Löwen – während Hasen in der Lage seien gleich mehrere Jungen zu werfen und noch während der Schwangerschaft erneut geschwängert zu werden, könne eine Löwin in ihrem ganzen Leben nur ein einziges Junges gebären (vgl. ebd.). Vgl. Egerton, Frank: „Changing Concepts of the Balance of Nature“. The Quarterly Review of Biology 48(2), 1973, S. 322350; Toepfer, Georg: „Gleichgewicht“. In: Ders. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe, Bd. 2: Gefühl – Organismus. Metzler: Stuttgart / Weimar 2011, S. 98116.

9Vgl. Egerton 1973.

10Die Forschung ist sich allerdings weitgehend einig, dass Ökosysteme sich nicht, wie lange angenommen, in einem natürlichen Gleichgewichtszustand befinden, der sich auch nach menschlichen Eingriffen wiederherstellt. Stattdessen werden Konzepte einer hierarchisch organisierten, probabilistisch agierenden und sich ständig im Wandel befindenden Natur beworben. Vgl. Kricher, John: The Balance of Nature. Ecology’s Enduring Myth. Princeton University Press: Princeton / Oxford 2009; Lodge, David M.: „Introduction to Special Issue: From the Balance of Nature to the Flux of Nature. The Power of Metaphor in Cross-Discipline Conversations“. Worldviews 7(1/2), 2003, S. 14; Wu, Jianguo / Loucks, Orie L.: „From Balance of Nature to Hierarchical Patch Dynamics: A Paradigm Shift in Ecology“. The Quarterly Review of Biology 70(4), 1995, S. 439466.

11Jelinski, Dennis: „There is no Mother Nature. There is no Balance of Nature. Culture, Ecology and Conservation“. Human Ecology 33(2), 2005, S. 271288, hier S. 281.

Details

Seiten
258
ISBN (PDF)
9783631857779
ISBN (ePUB)
9783631857786
ISBN (MOBI)
9783631857793
ISBN (Hardcover)
9783631820889
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juli)
Schlagworte
Gleichgewicht Äquilibrium Homöostase Kolonialismus Postkolonialismus Internet Kybernetik Klimawandel Ästhetik Neoliberalismus Utopie Dystopie
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 258 S.

Biographische Angaben

Lukas Müsel (Band-Herausgeber:in) Matthias Röck (Band-Herausgeber:in)

Lukas Müsel und Matthias Röck sind Promovenden des Promotionsverbunds ‚Theorie der Balance: Formen und Figuren des Gleichgewichts in Medien-, Kunst- und Literaturwissenschaft‘ der Universität Tübingen.

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Titel: Ökonomisierte Welten: Im Spannungsfeld von Balance und Disbalance