%0 Journal Article %A Sibylle Schönborn %D 2026 %C Berlin, Germany %I Peter Lang Verlag %J Jahrbuch für Internationale Germanistik %@ 2235-1280 %N 3 %V 57 %T Exilbriefe als diskursive und poetische Praxis – Überlegungen zu einer Lektüre jenseits dokumentarischer Zeugenschaft am Beispiel von Gertrud Kolmar, Else Lasker-Schüler und Mascha Kaléko %R 10.3726/JIG573_123 %U https://www.peterlang.com/document/1714658 %X Wenn von Exilbriefen oder gar von dem Exilbrief die Rede ist, haben wir es gleich mit mehreren Schwierigkeiten zu tun, denn es handelt sich um ein Kompositum, das zwei durchaus komplexe Begriffe verkoppelt. Wolfgang Frühwald begreift Exil als „durch religiöse, politische oder rassistische Verfolgung bedingten auf Rückkehr in die Heimat angelegten Aufenthalt […] nach Flucht, Verbannung, Verfolgung und Ausbürgerung“ und im Handbuch Brief wird dieser als „Textsorte und Kommunikationsform“, genauer „Text, materiales Objekt und Ereignis/Handlung“ definiert. Des Weiteren beschreiben die Herausgeber:innen des Handbuchs Briefe sowohl als „historische Quelle und zeitgeschichtliche Dokumente“ als auch generell als „Texte, die sich spezifischer rhetorisch-literarischer Strategien bedienen sowie über ein ästhetisches, performatives und fiktionales Potential verfügen.“ Schließlich problematisiert Anne Katrin Lorenz im besagten Handbuch im Artikel Exilbrief die Begriffsbildung grundsätzlich und verzichtet sogar auf eine Definition aufgrund der „bedeutungsgeschichtlichen Unschärfe des Exilbegriffs“, der Schwierigkeit einer Definition über die Schreiber:innen- bzw. Empfänger:innenposition oder gar seiner zeitlichen Eingrenzung, die für den deutschen Exilbrief zumeist auf 1933 bis 1945 festgelegt wird. Dagegen fasst Lorenz den Exilbrief über seine spezifische Schreibszene bzw. thematische Ausrichtung, da er „aufgrund des transitorischen Exilzustands das Relais [bildet], das sowohl Herkunftsland, Gastland und Exil-Ich-Bewusstsein miteinander verschaltet als auch erinnerten Ursprung und antizipierte Rückkehr sprachlich vermittelt.“ An dieser Stelle soll daher gar nicht der Versuch unternommen werden, diesen Definitionen eine weitere hinzuzufügen. Allerdings soll in diesem Zusammenhang die Frage gestellt werden, worin sich Exilbriefe von dem Brief als Textsorte mit eigenen gattungsspezifischen Merkmalen überhaupt unterscheiden. Wenn sich Exilbriefe weder inhaltlich noch formal von anderen Briefen unterscheiden lassen, sondern sie, so meine These, grundsätzlich die gesamte Bandbreite der Gattung bedienen und nutzen, dann unterscheiden sie sich nur in einem markant von anderen Briefen, nämlich ihrer Entstehungsbedingung, der von Rüdiger Campe zuerst als Begriff eingeführten „Schreibszene“ – „die historisch und individuell von Autorinnen und Autoren zu Autorinnen und Autoren veränderliche Konstellation des Schreibens, die sich innerhalb des von der Sprache (Semantik des Schreibens), der Instrumentalität (Technologie des Schreibens) und der Geste (Körperlichkeit des Schreibens) gemeinsam gebildeten Rahmen abspielt“, wie sie Martin Stingelin zusammenfasst. Exilbriefe, so kann generell festgehalten werden, entstehen nahezu immer unter Bedingungen der Zensur, die ihre Schreiber:innen als konstitutiv-prägendes Setting der Schreibszene ständig im Bewusstsein haben. Dies muss zur grundsätzlichen Unterscheidung von Exilbriefen gegenüber anderen Briefen festgehalten werden. Wie Schreiben unter den Bedingungen von Zensur funktioniert und welche Strategien, diese zu umgehen, sich im Exilbrief ausbilden oder welche Formen des Verstecks, des Setzens und Markierens von Leerstellen, eines maskierten, poetischen Sprechens entwickelt werden, wäre einer eigenen Untersuchung wert. Dazu kommt, dass Exilbriefe zumeist die einzige Möglichkeit sind, mit dem verlorenen beruflichen wie sozialen Umfeld, den engsten Bezugspersonen wie einem weiteren Bekanntenkreis in Kontakt zu bleiben und die Kommunikation aufrecht zu halten. Der mündliche Dialog zwischen anwesenden Partner:innen muss gezwungenermaßen in eine schriftliche Fernkommunikation überführt werden. Außerdem kann der Brief für alle diejenigen, für die Schreiben zur Profession gehört(e), eine besondere Bedeutung als Substitut für unterbrochene Schreib- und Publikationsmöglichkeiten erlangen, indem er an die Stelle der literarischen Produktion rückt bzw. diese vertritt.