%0 Journal Article %A Jasper Schagerl %A Friedrich Weber-Steinhaus %D 2026 %C Berlin, Germany %I Peter Lang Verlag %J Zeitschrift für Germanistik %@ 2235-1272 %N 2 %V 36 %T Verfahrensfragen. Verhandlungen zwischen Recht und Literatur. Einleitung %R 10.3726/92178_7 %U https://www.peterlang.com/document/1716062 %X Mit dem vom Kollektiv „NSU Watch“ als Blog für jeden Verhandlungstag veröffentlichten Protokoll des Münchner Prozesses von 2013 bis 2018, den fast 900 Seiten Mitschriften des Prozesses nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle 2019, Emmanuel Carrères zunächst wöchentlich im L’Observateur und schließlich als Buch erschienener Gerichtsreportage zur Verhandlung der Pariser Terroranschläge von 2015, Kathrin Rögglas Roman Laufendes Verfahren (2023) sowie mit Manon Garcias philosophischer Gerichtsreportage Mit Männern leben (2025) zeigt sich ein intensiviertes dokumentarisches und literarisches Interesse an Gerichtsprozessen von großer öffentlicher Bedeutung. Wurden die Texte im Einzelnen mit teils enormer Aufmerksamkeit bedacht, so blieben ihre Gemeinsamkeiten doch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle eines bestimmten Genres oder gehäuft auftretenden Phänomens des Buchmarkts der Gegenwart: Quer zu den Zuordnungen Aktivismus, Publizistik und Literatur bahnen die Texte der Zivilgesellschaft einen Weg, sich durch das Recht selbst zu begegnen. Schon am ersten Morgen ihrer Prozessbegleitung, noch vor Verhandlungsbeginn, schreibt Garcia, habe sie gesehen, „dass dieser Prozess etwas mit uns macht, die wir alle zusammen warten.“ Nach der Urteilsverkündung, auf dem Weg zum rituellen gemeinsamen Essen und Trinken nach der Gerichtsverhandlung, weiß Carrère nach mehr als 140 Verhandlungstagen zu berichten: „Es war unser Prozess. […] Ich wusste, dass wir dabei waren, etwas völlig anderes zusammen zu erleben als ein tugendhaftes Geschichtsding oder das kolossale, nutzlose juristische Happening, das wir aus gutem Grund zu Anfang befürchtet hatten, nämlich einen einzigartigen geteilten Moment voller Entsetzen, Mitleid, Nähe und Präsenz.“ Rögglas Roman über den NSU-Prozess wiederum schildert in Form eines vielstimmigen ‚Wir‘ der Zuschauertribüne ein Verfahren, das nicht nur die Grenzen des Rechts, sondern auch der Erzählbarkeit sowie jener aufgerufenen Gemeinschaft selbst aufzeigt.