%0 Journal Article %A Urs Büttner %D 2026 %C Berlin, Germany %I Peter Lang Verlag %J literatur für leser:innen %@ 0343-1657 %N 3 %V 47 %T Einleitung: Stephan Thome – Globales Erzählen %R 10.3726/lfl.2024.03.01 %U https://www.peterlang.com/document/1749291 %X In seiner Gebrauchsanweisung für Taiwan (2021) berichtet Stephan Thome von den Umständen, unter denen sein erster veröffentlichter Roman entstand. Nach dem Studium der Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie, das ihn bereits nach China, Japan und Taiwan geführt hatte, und einer Promotion im Bereich der interkulturellen Philosophie an der Freien Universität Berlin, sah er in Deutschland schlechte Berufsaussichten. Er bewarb sich daher auf ein Postdoc in Taiwan, wo die Fragestellungen seiner Dissertation zum Kernbereich des Faches gehören. Während Thome sich in Taipeh akademisch weiterhin mit konfuzianischer Philosophie beschäftigte, schrieb er „[n]achts und am Wochenende […] an einem Roman namens Grenzgang, der – wo sonst? – in Oberhessen spielt“, der Region, in der er aufgewachsen war. Der Roman verfolgt über zwei Jahrzehnte hinweg die Lebensgeschichten eines gescheiterten Berliner Habilitanden, der beginnt in einer Provinzstadt als Lehrer zu arbeiten, und einer Frau, die nach gescheiterter Ehe dort ebenfalls ihr Leben neu sortieren muss. Das Debüt Grenzgang (2009) schaffte es, wie später noch zwei weitere Romane, auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde mit Lars Eidinger und Claudia Michelsen in den Hauptrollen verfilmt. Die Veröffentlichung von Grenzgang bei Suhrkamp und der Erfolg des Erstlings markieren den Beginn von Thomes Tätigkeit als freier Autor. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland schrieb er seinen zweiten Roman, Fliehkräfte (2012), der die durch eine Ehekrise ausgelöste Reise eines Bonner Philosophieprofessors von Deutschland nach Portugal behandelt. Für die Arbeit an dem dritten Roman Gegenspiel (2015), der jene aus Fliehkräfte bekannte Geschichte nochmals aus Sicht der portugiesischen Ehefrau erzählt, zog Thome nach Lissabon. Seit 2015 lebt der Autor in Taipeh. Dort verfasste er den historischen Roman Gott der Barbaren (2018), der den Taiping-Aufstand (1850–1864) in China als koloniale Verflechtungsgeschichte erzählt. Parallel zu seiner Arbeit an der Gebrauchsanweisung für Taiwan entstand der nachfolgende Roman Pflaumenregen (2021). Beide Bücher setzen sich mit der Kolonialgeschichte Taiwans auseinander – ein Land, das Thome inzwischen zur „zweite[n] Heimat“ geworden ist. Ihnen ließ der Autor später noch das Sachbuch Schmales Gewässer, gefährliche Strömung. Über den Konflikt in der Taiwanstraße (2024) nachfolgen. Darin analysiert er die sich in jüngster Zeit wieder verschärfenden Spannungen zwischen China, das Taiwan für sich beansprucht, und der weitgehend autonomen Inselrepublik. Die autobiografisch gerahmte Gebrauchsanweisung endet damit, dass Thome nach seiner Hochzeit mit der Taiwanerin Jo-chiao nach Deutschland reist, um einen permanenten Aufenthaltstitel für die Inselrepublik zu beantragen. Aufgrund der wieder angestiegenen Corona-Infektionsraten wird ihm aber die Wiedereinreise verwehrt. Den erzwungenen Aufenthalt nutzte Thome, um den unter seinem bürgerlichen Namen Stephan Schmidt veröffentlichten Kriminalroman Die Spiele (2024) zu schreiben. Der Roman spielt in Shanghai, greift aber die kolonialgeschichtlichen und postkolonialen Verflechtungen der DDR mit Mosambik auf. Für den Sommer 2026 ist Thomes neuer Roman Besser als nie angekündigt, der an die in Grenzgang erzählten Geschichten mit zeitlichem Abstand anschließt.