%0 Journal Article %A Thomas Nehrlich %A Annkathrin Sonder %A Joana van de Löcht %D 2026 %C Berlin, Germany %I Peter Lang Verlag %J Zeitschrift für Germanistik %@ 2235-1272 %N 3 %V 36 %T Wo(zu) edieren? %B Sechs Plädoyers zum Stand der Editionswissenschaft im deutschsprachigen Raum %R 10.3726/92179_707 %U https://www.peterlang.com/document/1750800 %X Wenn wir auf die Editionswissenschaft im Jahr 2026 blicken, so zeigt sich ein paradoxes Bild. Seit den 1970er Jahren hat sich die Editorik zu einer selbstbewussten, anspruchsvollen und eigenständigen Teildisziplin der Germanistik entwickelt, die jedoch nicht mehr in selbstverständlichem Austausch mit dem Rest des Fachs steht. So zeigten etwa Rüdiger Nutt-Kofoth und Johannes Knüchel, dass die aufwendig erarbeiteten (historisch-)kritischen Ausgaben eher selten für die literaturwissenschaftliche Arbeit genutzt werden. Durch spezialisierte Studiengänge in Wuppertal, Heidelberg, Bern und Berlin verfügt die Forschung seit mehr als zehn Jahren über einen wachsenden Pool an gut ausgebildeten Editionswissenschaftler:innen. Ein Großteil dieser Curricula wurde jedoch aufgrund von Generationsumbrüchen eingestellt bzw. auf einzelne Module und Zertifikatsstudiengänge reduziert. Künftig drohen nicht nur wertvolle Kompetenzen, sondern auch das philologische Bewusstsein des Faches zu schwinden. Editionsphilologische Schwerpunkte finden sich zudem nur selten in aktuellen Ausschreibungen für Professuren, so dass sich Fragen einerseits nach Karriereperspektiven und institutionellen Verstetigungen von Nachwuchswissenschaftler:innen und andererseits nach der Zukunft der editionswissenschaftlichen Ausbildung aufdrängen. Durch die Nutzung computerphilologischer Methoden und das Potential KI-gestützter Anwendungen stellt sich darüber hinaus die Frage, inwieweit die gegenwärtige Editionswissenschaft in den Digital Humanities aufgeht oder ob doch genuin editorische Fähigkeiten erforderlich sind, um allen, die mit und an Texten arbeiten, eine zuverlässige Forschungsgrundlage zur Verfügung zu stellen.