%0 Journal Article %A Seval Ayne %D 2026 %C Berlin, Germany %I Peter Lang Verlag %J Jahrbuch für Internationale Germanistik %@ 2235-1280 %N 2 %V 58 %T Reflexion hybrider Lebensräume im Roman Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter von Dilek Güngör %R 10.3726/JIG582_177 %U https://www.peterlang.com/document/1753596 %X Die Migration ist in Romanen, Erzӓhlungen und Filmen prӓsent. Insbesondere durch Migration – etwa nach Deutschland – treffen unterschiedliche Traditionen, Sprachen, Werte, Normen, Erinnerungspraktiken und Geschichtsbilder aufeinander. Es geht aber nicht allein um die Beschreibung der Migration und deren Auswirkungen in der Literatur. Was die postmigrantische Literatur so interessant macht, ist der Umgang mit der Migrationsgeschichte, die literarische Beschreibung der Migration und die Betrachtung der Literatur als Ort der Neupositionierung. Menschen in hybriden Rӓumen entwickeln oft komplexe Identitӓten, die sowohl Aspekte ihrer Herkunftskultur als auch der neuen Umgebung beinhalten. Dies ermöglicht eine Perspektivübernahme, um die eigene Identitӓt zu hinterfragen und zugleich eine Annӓherung an das Fremde zu erreichen. Die globale und gesellschaftliche Entwicklung beeinflusste auch die Erzӓhlstruktur im Literaturbereich. So werden hybride Texte erzeugt. In postmigrantischen Texten entsteht Hybriditӓt in Erzӓhlhaltungen, Figurenbeziehungen, Themen wie Herkunft, Erinnerung, Alltag, Sprache. Die Hybriditӓt zeigt sich also in Lebensweisen, Praktiken und Beziehungen. Bei der Überlieferung der Migrationsgeschichte wird der Text selbst zu einem hybriden Raum bzw. Lebensraum. Diese ӓsthetische Formung der Migrationsgeschichte ist eine besondere Leistung der Literatur; der Autor erinnert und erzӓhlt sozusagen in zwei unterschiedlichen Welten. Insofern kann man von einer hybriden Erinnerungsliteratur und -kultur sprechen. Vor diesem Hintergrund thematisiert postmigrantische Literatur nicht nur gesellschaftliche Transformationsprozesse im Kontext von Migration, sondern entwickelt auch spezifische ӓsthetische Formen, in denen hybride Identitӓts- und Erfahrungsrӓume sichtbar werden. Dilek Güngörs Roman Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter stellt ein eindrucksvolles Beispiel für diese Entwicklung dar: In ihrer Erzӓhlweise entfaltet sich ein komplexes Geflecht von Hybridisierungsformen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen manifestieren – im Raum, in der Zeitstruktur, in der Figurenkonzeption sowie in der sprachlichen Gestaltung. Bereits das Cover des Romans verweist visuell auf diese Hybriditӓt: Der Blick durch einen Fensterrahmen sybolisiert die doppelte Perspektive zwischen Innen und Außen, zwischen Herkunfts- und Ankunftsland. Die Figur der “türkischen Großmutter” sowie das Bild eines schwarzen Esels verankern die Erzӓhlung kulturell in der Türkei, wӓhrend die Rahmung eine Distanzierung und zugleich Verbindung mit dem deutschen Lebenskontext suggeriert. Dieses visuelle Motiv deutet damit bereits zentrale Themen des Romans an: Kulturelle Zwischenrӓume, Erinnerung und Mehrfachzugehörigkeit. Die Romanfigur lebt in einem hybriden Kulturraum, da sie sowohl die Kultur ihrer Eltern als auch die Mehrheitskultur erlebt. Güngör zeigt wie persönliche und kulturelle Identitӓten durch Migration geprӓgt werden. Im Kontext des Geheimnisses der türkischen Großmutter könnte man den hybriden Kulturraum in der Identitӓt der Enkelin sehen, die zwischen der türkischen Tradition ihrer Großmutter und ihrem Leben in Deutschland steht. Sie bewegt sich in einem Zwischenraum, in dem sie kulturelle Werte, Sprache und Zugehörigkeiten neu aushandeln muss. Der hybride Kulturraum dient dabei als Bühne für eine narrative Auseinandersetzung, die sowohl Aspekte der Herkunftskultur als auch der neuen Umgebung beinhaltet. Im Zentrum dieser Analyse steht die Frage, wie Hybriditӓt als literarisches Prinzip wirksam wird und welche Funktion sie für die Darstellung migrantischer Erfahrung sowohl auf persönlicher als auch kollektiver Ebene einnimmt. Dabei wird ein literatur- und kulturwissenschaftlicher Ansatz verfolgt, der sich theoretisch auf Konzepte von Aleida Assmann, Homi, K. Bhabha sowie auf aktuelle Perspektiven postmigrantischer Literatur bezieht. Assmanns Überlegungen zu Rӓumen als Gedӓchtnistrӓger bieten ein produktives Modell zur Interpretation der rӓumlichen Struktur des Romans, wӓhrend Bhabhas Konzept des “Third Space” als analytischer Rahmen für kulturelle Zwischenrӓume dient. Ergӓnzend liefern Ansӓtze zur postmigrantischen Literatur wichtige Impulse, um die narrative Aushandlung bzw. Konstruktionsmechanismen von Migration, Identitӓt/Zugehörigkeit, Erinnerung und kultureller Mehrfachkodierung zu erfassen. %K reflexion, lebensräume, roman, geheimnis, großmutter, dilek, güngör