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Heikle Versprechen

Bürgschaft und Fleischpfand in der Literatur

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Christine Spiess (Scherrer)

Versprechen sind prekär. Denn nimmt man sie als Worte, verpflichten sie zu Taten. Diese also heiklen Sprechhandlungen sind von literarischem Reiz. Namentlich Bürgschafts- und Fleischpfand-Geschichten verhandeln Versprechen. In einer differenzierenden und systematisierenden Lektüre eben solcher Texte setzt die Untersuchung ihr doppeltes Forschungsvorhaben um: Zum einen lotet sie die Bedingungen des literarischen Versprechens aus – um diese als körperliche, ökonomische und poetische zu erhellen. Zum anderen erörtert sie, auf Bürgschaft und Fleischpfand aufmerkend, zwei Erzähltypen. Die Studie ist diachron angelegt und verfährt komparatistisch. Und sie bedient sich sprechakttheoretischer Überlegungen sowie poetologischer und kulturwissenschaftlicher Ideen. Was die Textauswahl betrifft, werden mehrheitlich mittelalterliche Erzählungen bedacht. Die Arbeit berücksichtigt indes auch eine Fabel von Hyginus, Schillers Bürgschafts-Ballade und Shakespeares Tragikomödie The Merchant of Venice.

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1 Einleitung

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1.1 Hinführung 1.1.1 Kostprobe Dass das Fernsehen bisweilen geschmacklos ist, mag kaum jemand be- zweifeln. Vor vier Jahren hat das wenig schmeichelhafte Etikett jedoch an Tiefenschärfe gewonnen, als sich zwei holländische Moderatoren – zu- mindest in je zwei kleinen Teilen – vor laufender Kamera gegessen haben. Zur Erläuterung eine Rückblende ins Jahr 2011: Valerio Zeno und Den- nis Storm sind begierig, zu erfahren, wie Menschenfleisch schmeckt, und wollen die Öffentlichkeit an ihrer Probe teilhaben lassen. Im Vorfeld des Experiments sind diverse Vorbereitungen zu treffen, die in zeitgeraffter Form in die Fernsehsendung vom 21.12.2011 eingespielt werden: Nach der Beratschlagung mit einem Metzger lassen sich die beiden Männer an ‚geeigneten‘ Stellen fingerhutgrosse Portionen Fleisch aus dem Körper schneiden – Zeno aus dem Bauch und Storm aus dem Po –, wobei der Schönheitschirurg, der das Messer führt, die Moderatoren vor dem Ein- griff örtlich betäubt und nach dessen Beendung sauber verarztet. Nach dem Metzger und dem Mediziner kommt – nun live in der Sendung – der Fernsehkoch zum Zug. Er brät die zwei Fleischklümpchen in reichlich Kochfett und lässt sie, je auf einem Teller, den beiden Moderatoren auf- tragen. Diese spiessen die Klumpen wie Klösschen auf die Gabel, riechen, schmecken, kauen das Fleisch und schlucken es endlich hinunter. Dass der kannibalische Akt zu Diskussionen führen würde, haben Den- nis Storm und Valerio Zeno wohl absehen können; Fernsehzuschauer brin- gen in Chats ihren Ekel zum Ausdruck, Journalisten messen sich in Kalau- ern – an...

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