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Heikle Versprechen

Bürgschaft und Fleischpfand in der Literatur

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Christine Spiess (Scherrer)

Versprechen sind prekär. Denn nimmt man sie als Worte, verpflichten sie zu Taten. Diese also heiklen Sprechhandlungen sind von literarischem Reiz. Namentlich Bürgschafts- und Fleischpfand-Geschichten verhandeln Versprechen. In einer differenzierenden und systematisierenden Lektüre eben solcher Texte setzt die Untersuchung ihr doppeltes Forschungsvorhaben um: Zum einen lotet sie die Bedingungen des literarischen Versprechens aus – um diese als körperliche, ökonomische und poetische zu erhellen. Zum anderen erörtert sie, auf Bürgschaft und Fleischpfand aufmerkend, zwei Erzähltypen. Die Studie ist diachron angelegt und verfährt komparatistisch. Und sie bedient sich sprechakttheoretischer Überlegungen sowie poetologischer und kulturwissenschaftlicher Ideen. Was die Textauswahl betrifft, werden mehrheitlich mittelalterliche Erzählungen bedacht. Die Arbeit berücksichtigt indes auch eine Fabel von Hyginus, Schillers Bürgschafts-Ballade und Shakespeares Tragikomödie The Merchant of Venice.

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2 Fallbesprechungen: Bürgschafts-Erzählungen

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2.1 Fabel 257 2.1.1 Primärtext Mit den fabulae (urspr. wohl genealogiae)161 ist eine in lateinischer Sprache verfasste Sammlung von Sagen162 erhalten, deren mythographische Tradi- tion unschwer zu erkennen ist: Bei der Entstehung des Kosmos ansetzend, gibt das Kompendium zunächst Stammbäume von Göttern und Heroen wieder, lässt hierauf 220 Fabeln mythischen Inhalts folgen und schliesst mit 57 Listen (Indices), die wie die Fabeln sagenhaftes Wissen verzeichnen.163 Sofern man an der Rekonstruktion des Urtexts interessiert ist – ein Vorha- ben, dem sich die vorliegende Untersuchung nicht verschrieben hat –,164 darf der skizzierte Aufbau der Sammlung aber argumentativ nicht zu stark belastet werden. Denn insbesondere im Zuge seines früh anzusetzenden 161 Dass die lateinische Umschrift der griechischen Quelle anfänglich noch unter der Über- schrift genealogiae kursierte, mutmasst Schmidt. Vgl. Schmidt, Art. ‚Hyginus, C. Iulius‘, DNP, 778; vgl. zum Titel der griechischen Vorlage Tolkiehn, Art. ‚Iulius (Hyginus)‘, RE, 636. Die Titel-Variante wird im Kapitel 2.1.7 noch von Bedeutung sein. 162 Die Verfasserin ist sich bewusst, dass die meisten Altphilologen zwischen dem Begriff der ‚Sage‘ und dem Terminus des ‚Mythos‘ differenzieren, wobei sie diese Unterschei- dung gemeinhin am jeweiligen kulturellen Kontext festmachen, in dem die Erzählun- gen entstehen. In der vorliegenden Untersuchung, die Sprechakte im Blick hat, kann es aber durchaus sinnvoll sein, die beiden Kategorien als Synonyme zu erfassen, da damit die mündliche Tradition – das Sagen bzw. Sprechen von Mythen – auch in der deutschen Sprache eingeholt werden kann. Zur grundsätzlichen Schwierigkeit einer Unterscheidung der...

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