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Vom bürgerlichen zum sozialen Trauerspiel Gerhart Hauptmanns

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Marc J. Schweissinger

In diesem Buch geht der Autor der Frage nach, inwiefern sich die beiden Dramen Dorothea Angermann und Vor Sonnenuntergang Gerhart Hauptmanns von ihren Vorgängern unterscheiden und wie sie sich literaturgeschichtlich einordnen lassen. Die beiden Schauspiele wurden von Hauptmann zur Zeit der ersten deutschen Demokratie der Weimarer Republik verfasst und behandeln neben den individuellen Umständen einzelner Figuren die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit. Im Mittelpunkt steht das etablierte Bürgertum. Verbindungslinien zum bürgerlichen Trauerspiel Lessings, Schillers, Lenz, Klingers usw. und dem sozialen Trauerspiel Helds und Halbes verdeutlichten, dass Hauptmann sich durchaus an seinen Vorgängern orientiert. Er schafft mit seinem sozialen Trauerspiel aber eine ganz eigenwillige Dramenform, die dem Bürgertum seiner Zeit unangenehme Fragen stellt und unbequeme Wahrheiten vor Augen führt. Schweissinger weist nach, dass die beiden Dramen Hauptmanns weder als klassische Tragödien noch als bürgerliche Trauerspiele oder soziale Dramen klassifiziert werden können, stattdessen nach eigenen Definitionen verlangen.

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Kapitel 1: Das Modell des bürgerlichen Trauerspiels

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KAPITEL 1

Das Modell des bürgerlichen Trauerspiels

Das bürgerliche Trauerspiel, wie es im achtzehnten Jahrhundert seine Blüteform erlebte, bricht mit der in Deutschland noch zu Zeiten von Gottscheds Critischer Dichtkunst erstaunlich lebendigen Idee, dass nur Personen von hohem Stand in Dramen mit tragischem Ausgang eine Rolle spielen dürfen und Personen niederen Standes zum Spaßmacher taugen oder gar vollständig in die Komödie verbannt werden. Gottsched selbst ersetzt geschickt den Titel Tragödie durch Trauerspiel und schafft somit eine neue Gattungsform, die er aber noch immer der Komödie zurechnet, weil Personen niederen Standes im Vordergrund stünden.1 Lessing lässt sich auf diese Unterscheidung dann aber nicht mehr ein, hebt sie auf und behandelt in seinem Briefwechsel über das Trauerspiel die klassische Tragödie wie sein bürgerliches Trauerspiel. Hier soll aber an der Unterscheidung festgehalten werden, weil die Handlungen in der klassischen Tragödie auch Schrecken erregen können und sollen, die Handlungen im Trauerspiel aber eher Mitleid. Dies gilt sowohl für das bürgerliche wie das soziale Trauerspiel.

In Übereinstimmung mit dem Standardwerk Guthkes spricht man heute im Allgemeinen nur noch von vier bürgerlichen Trauerspielen – Lessings Miss Sara Sampson 1755, Emilia Galotti 1772, Schillers Kabale und Liebe 1884 sowie Hebbels Maria Magdalena 1844 – als beachtenswert und diskussionswürdige Exemplare dieser Gattung. Deren typische sozio-kulturelle Charakteristika verdeutlichen die Verwandtschaft mit ← 23 | 24 → dem sozialen Trauerspiel. Wobei Hebbels Werk für diese Untersuchung...

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