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Vom bürgerlichen zum sozialen Trauerspiel Gerhart Hauptmanns

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Marc J. Schweissinger

In diesem Buch geht der Autor der Frage nach, inwiefern sich die beiden Dramen Dorothea Angermann und Vor Sonnenuntergang Gerhart Hauptmanns von ihren Vorgängern unterscheiden und wie sie sich literaturgeschichtlich einordnen lassen. Die beiden Schauspiele wurden von Hauptmann zur Zeit der ersten deutschen Demokratie der Weimarer Republik verfasst und behandeln neben den individuellen Umständen einzelner Figuren die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit. Im Mittelpunkt steht das etablierte Bürgertum. Verbindungslinien zum bürgerlichen Trauerspiel Lessings, Schillers, Lenz, Klingers usw. und dem sozialen Trauerspiel Helds und Halbes verdeutlichten, dass Hauptmann sich durchaus an seinen Vorgängern orientiert. Er schafft mit seinem sozialen Trauerspiel aber eine ganz eigenwillige Dramenform, die dem Bürgertum seiner Zeit unangenehme Fragen stellt und unbequeme Wahrheiten vor Augen führt. Schweissinger weist nach, dass die beiden Dramen Hauptmanns weder als klassische Tragödien noch als bürgerliche Trauerspiele oder soziale Dramen klassifiziert werden können, stattdessen nach eigenen Definitionen verlangen.

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Kapitel 2: Das soziale Trauerspiel im historischen Kontext

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KAPITEL 2

Das soziale Trauerspiel im historischen Kontext

Das soziale Trauerspiel Gerhart Hauptmanns hat Vorläufer, die zur Zeit der Hochphase des Naturalismus oder kurz danach entstanden sind. So befand sich nicht nur Max Halbes soziales Trauerspiel Ein Emporkömmling von 1889 in der Bibliothek Gerhart Hauptmanns sondern auch sein Drama in vier Aufzügen Das tausendjährige Reich von 1901. Beide Dramen weisen Verwandschaften mit Gerhart Hauptmanns Dorothea Angermann und Vor Sonnenuntergang auf. Beide hat Hauptmann zumindest gelesen. Das tausendjährige Reich sogar intensiv studiert und mit vielen kritischen Anmerkungen versehen. Dieses Schauspiel kommt dem bürgerlichen Trauerspiel sehr nahe, kann eigentlich als eine Abwandlung dieser Form gelesen werden, denn auch hier beginnt der adlige Baron von Ritterstein eine Beziehung mit der Tochter des bürgerlichen Schmiedes Drewfs, ohne sich um die Folgen zu kümmern und die Mutter der weiblichen Protagonisten Lene warnt ihre Tochter sich auf eine Beziehung mit dem Baron einzulassen.1 Der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum eskaliert und schließlich nehmen sich sowohl die Mutter als auch der Vater Lenes das Leben.

Franz Helds soziales Trauerspiel Mannometer auf 99! aus dem Jahr 1893 befand sich zwar nicht in der Bibliothek Gerhart Hauptmanns, weist aber Parallelen mit dem Werk des Dichters auf, die sich schon zuvor in dem sozialen Trauerspiel Max Halbes angedeutet hatten. In Mannometer auf 99! wird der gesellschaftliche Konflikt zwischen Proletariat und besitzendem Bürgertum auf zwei Brüder übertragen, die unterschiedliche gesellschaftliche...

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