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Vom bürgerlichen zum sozialen Trauerspiel Gerhart Hauptmanns

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Marc J. Schweissinger

In diesem Buch geht der Autor der Frage nach, inwiefern sich die beiden Dramen Dorothea Angermann und Vor Sonnenuntergang Gerhart Hauptmanns von ihren Vorgängern unterscheiden und wie sie sich literaturgeschichtlich einordnen lassen. Die beiden Schauspiele wurden von Hauptmann zur Zeit der ersten deutschen Demokratie der Weimarer Republik verfasst und behandeln neben den individuellen Umständen einzelner Figuren die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit. Im Mittelpunkt steht das etablierte Bürgertum. Verbindungslinien zum bürgerlichen Trauerspiel Lessings, Schillers, Lenz, Klingers usw. und dem sozialen Trauerspiel Helds und Halbes verdeutlichten, dass Hauptmann sich durchaus an seinen Vorgängern orientiert. Er schafft mit seinem sozialen Trauerspiel aber eine ganz eigenwillige Dramenform, die dem Bürgertum seiner Zeit unangenehme Fragen stellt und unbequeme Wahrheiten vor Augen führt. Schweissinger weist nach, dass die beiden Dramen Hauptmanns weder als klassische Tragödien noch als bürgerliche Trauerspiele oder soziale Dramen klassifiziert werden können, stattdessen nach eigenen Definitionen verlangen.

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Kapitel 3: Dorothea Angermann

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KAPITEL 3

Dorothea Angermann

Das Schauspiel, 1925 veröffentlicht, spielt in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Klassenschranken und Klassengegensätze des bürgerlichen Trauerspiels sind noch intakt, der Adel aber spielt überhaupt keine Rolle mehr. Das Bürgertum, wie es zur Zeit der Entstehung des Dramas die vorherrschende Gesellschaftsschicht geworden ist, beansprucht die Hauptrolle und erhält sie auch.

In Dorothea Angermann wird auf eine subtile Art und Weise die Rolle der Frau in den Mittelpunkt gerückt, die abhängig von teils selbstzufriedenen, teils gar überheblich patriarchalisch agierenden Männern ihrem Schicksal überlassen, um nicht zu sagen, ins Verderben gestürzt wird. Die Welt ist zwar nicht aus den Fugen wie noch im bürgerlichen Trauerspiel Lessings oder Schillers, denn es werden keine gesetzlich verbrieften Klassenunterschiede vorgeführt, aber ein patriacharlisches System wird gezeigt, dessen Auswirkungen für die Protagonisten fatal sind. Das im 19 Jahrhundert noch existierende Geburtsrecht des Adels wird nicht zum Thema gemacht und nur am Rande erwähnt. Charaktere, deren gesellschaftliche Stellung es ihnen erlauben würde, sich gottgleich über die der „geringeren Gesellschaftsklasse“ Angehörenden hinwegzusetzen, spielen keine Rolle, aber das Verhältnis Mann – Frau ist doch derart differenziert diskriminierend gestaltet, dass man von einem Klassenunterschied in gesellschaftlicher Hinsicht sprechen kann. Darüber hinaus benehmen sich einige männliche Mitglieder des gehobenen Bürgertums im Umgang nicht nur mit Frauen gerade so, als hätten sie ein Adelsprivileg.

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