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Vom bürgerlichen zum sozialen Trauerspiel Gerhart Hauptmanns

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Marc J. Schweissinger

In diesem Buch geht der Autor der Frage nach, inwiefern sich die beiden Dramen Dorothea Angermann und Vor Sonnenuntergang Gerhart Hauptmanns von ihren Vorgängern unterscheiden und wie sie sich literaturgeschichtlich einordnen lassen. Die beiden Schauspiele wurden von Hauptmann zur Zeit der ersten deutschen Demokratie der Weimarer Republik verfasst und behandeln neben den individuellen Umständen einzelner Figuren die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit. Im Mittelpunkt steht das etablierte Bürgertum. Verbindungslinien zum bürgerlichen Trauerspiel Lessings, Schillers, Lenz, Klingers usw. und dem sozialen Trauerspiel Helds und Halbes verdeutlichten, dass Hauptmann sich durchaus an seinen Vorgängern orientiert. Er schafft mit seinem sozialen Trauerspiel aber eine ganz eigenwillige Dramenform, die dem Bürgertum seiner Zeit unangenehme Fragen stellt und unbequeme Wahrheiten vor Augen führt. Schweissinger weist nach, dass die beiden Dramen Hauptmanns weder als klassische Tragödien noch als bürgerliche Trauerspiele oder soziale Dramen klassifiziert werden können, stattdessen nach eigenen Definitionen verlangen.

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Kapitel 4: Vor Sonnenuntergang

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KAPITEL 4

Vor Sonnenuntergang

Anders als in Dorothea Angermann findet sich in diesem Schauspiel zunächst keine Figur, bei der sich irgendwie geartete niedere Beweggründe feststellen oder auch nur vermuten ließen. Die im ersten Akt präsentierte bürgerliche Gesellschaft scheint intakt, einzelne Figuren agieren moralisch integer, zwar findet sich auch hier bereits eine Form von übler Nachrede, indem hinter dem Rücken etwa von Paula Clothilde oder Klamroth bösartige Bemerkungen über ihre charakterlichen Eigenschaften fallen gelassen werden, dies geschieht aber keineswegs in der Absicht, eine Intrige einzuleiten, und im Laufe des Geschehens erweisen sich diese Beobachtungen auch als begründet.

Es ist ein Merkmal des sozialen Trauerspiels, dass der Handlung zunächst keine böse Absicht, keine dunkle Intrige zugrunde liegt. Es gibt auch keine Klassenunterschiede, die deutlich ins Auge fallen würden, zwar erlebt man hier bereits sehr früh Verächtlichmachung und Missachtung, aber die Ursachen für die Degradierung einer Figur können noch weniger als in Dorothea Angermann von ihrer gesellschaftlichen Klasse abgelesen werden Es sind gesellschaftliche Missstände, Verfehlungen einzelner, die die Mechanismen einer dann nicht weniger mitleidlosen bürgerlichen Gesellschaft in Bewegung setzen, vor deren Urteil es kein Entrinnen geben kann.

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