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Symphonie der Worte

Musikalisierung von Fiktion in ausgewählten Werken Irène Némirovskys

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Eva Franziska Pemmerl

Das umfangreiche Werk der in Auschwitz umgekommenen Autorin Irène Némirovsky erlebt seit der posthumen Veröffentlichung ihres unvollendeten Romanepos Suite française sowie dessen prompter Auszeichnung mit dem Prix Renaudot eine internationale Renaissance. Die detaillierten Romanentwürfe und Projektskizzen aus dem handschriftlichen Nachlass der bereits zu Lebzeiten gefeierten  Schriftstellerin bedeuten einen Glücksfall für die Forschung, dokumentieren sie doch im Detail Némirovskys intensive Auseinandersetzung mit intermedialen Schreibexperimenten. Wie vor ihr Marcel Proust, James Joyce und Thomas Mann, entdeckte sie die Musik als vielseitiges Modell für die Konzeption und Gestaltung ihres Schreibens. Keine geringere als Beethovens fulminante 5. Symphonie stand Pate für Suite française – das Werk orientiert sich damit in Form und Struktur, aber auch in assoziativen außermusikalischen Inhalten an einer der bedeutendsten Kompositionen der klassischen Musik. Das Buch zeigt auf, mit welchen rhetorischen, narrativen und strukturellen Mitteln es Némirovsky gelingt, die jeweilige musikalische Vorlage in den literarischen Text zu übersetzen, und ermöglicht somit völlig neue Einblicke in das Hauptwerk der Autorin.
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KAPITEL 1. Das Konzept der Musikalisierung von Literatur

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KAPITEL 1

Das Konzept der Musikalisierung von Literatur

Musikalisierung im Lauf der Zeit

Streng genommen stammen die ersten Versuche, literarische – und im Besonderen narrative – Texte ganz oder teilweise zu musikalisieren, aus der Romantik. Werner Wolf zufolge markiert Thomas de Quinceys „Dream Fugue“ aus dem Jahr 1849 den Anfang dieser Technik in der englischen Literatur. Obwohl Lyrik aufgrund der ihr eigenen sprachakustischen Qualität schon immer eine mehr oder weniger enge Verwandtschaft mit Musik zugesprochen wurde und allgemeine Analogien zur Schwesterkunst lange vorher existierten, fängt auch die Geschichte der Poesie, die den identifizierten Musikalisierungskriterien gerecht wird, erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts an. Ein Beispiel dazu, wiederum aus der englischen Literatur, liefert William Blake mit seinem „Laughing Song“ von 1789; später bedienen sich die französischen Symbolisten und die Parnassiens dieses Kunstgriffs.1

In der nach einem antiken Saiteninstrument benannten Lyrik spielen Komponenten wie Klang, (Sprach-)Melodie und Rhythmus eine wichtige Rolle, wohingegen die Vorstellung von einem Roman, der als Symphonie konzipiert wurde, zunächst befremdet. Ebenso wenig scheint es möglich, Fiktion wie eine Fuge klingen zu lassen. Dennoch, so notiert Wolf weiter in seinem literaturhistorischen Abriss der musikalisierten Fiktion2, ←11 | 12→erheben Autoren wie Anthony Burgess und James Joyce Anspruch darauf, dieses Ziel umgesetzt zu haben, wenn sie ihre Romane Napoleon Symphony (Burgess, 1974) betiteln und eine Romanepisode als „fuga per canonem“3 („Sirens episode“, aus Ulysses, Joyce 1922) bzw. einen Roman als „pure music“4 (Finnegans Wake, Joyce 1939)...

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