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Symphonie der Worte

Musikalisierung von Fiktion in ausgewählten Werken Irène Némirovskys

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Eva Franziska Pemmerl

Das umfangreiche Werk der in Auschwitz umgekommenen Autorin Irène Némirovsky erlebt seit der posthumen Veröffentlichung ihres unvollendeten Romanepos Suite française sowie dessen prompter Auszeichnung mit dem Prix Renaudot eine internationale Renaissance. Die detaillierten Romanentwürfe und Projektskizzen aus dem handschriftlichen Nachlass der bereits zu Lebzeiten gefeierten  Schriftstellerin bedeuten einen Glücksfall für die Forschung, dokumentieren sie doch im Detail Némirovskys intensive Auseinandersetzung mit intermedialen Schreibexperimenten. Wie vor ihr Marcel Proust, James Joyce und Thomas Mann, entdeckte sie die Musik als vielseitiges Modell für die Konzeption und Gestaltung ihres Schreibens. Keine geringere als Beethovens fulminante 5. Symphonie stand Pate für Suite française – das Werk orientiert sich damit in Form und Struktur, aber auch in assoziativen außermusikalischen Inhalten an einer der bedeutendsten Kompositionen der klassischen Musik. Das Buch zeigt auf, mit welchen rhetorischen, narrativen und strukturellen Mitteln es Némirovsky gelingt, die jeweilige musikalische Vorlage in den literarischen Text zu übersetzen, und ermöglicht somit völlig neue Einblicke in das Hauptwerk der Autorin.
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KAPITEL 3. Verbal Music und Verbal Sound bei Irène Némirovsky

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KAPITEL 3

Verbal Music und Verbal Sound bei Irène Némirovsky

Betrachtet man den Begriff „Wortmusik“ kritisch, so fällt auf, dass er bestenfalls metaphorisch zu verstehen ist – ein Wort ergibt noch keine Musik(ähnlichkeit), es kann höchstens einen isolierten Klang approximieren1. Erst durch Akkumulierung vermag ein lautlicher Effekt produziert zu werden, der sich als „musikalisch“ rezipieren lässt. Der alternative Terminus „Sprachmusik“ beschreibt das Phänomen präziser, indem er den Fokus nicht auf die Minimaleinheit Wort beschränkt; es handelt sich vielmehr um mittels Sprache erzeugte Musik. In Opposition dazu existiert kein Äquivalent für Verbal Music im Hinblick auf die Größendimension einer relevanten Textpassage; naturgemäß muss sich die Repräsentation eines realen bzw. die Präsentation eines fiktiven Musikstückes2 über ein signifikant umfangreiches Textkorpus erstrecken als Wortmusik (insbesondere im Vergleich zu deren reduziertester Form, dem Onomatopoetikon). Verbal Music – in ihrer Funktion als referential form in Abgrenzung zu den technical devices Wortmusik und Strukturanalogien3 – bezeichnet die musikalische Ekphrasis in ihrer Gesamtheit, die, so Scher, das Ergebnis folgender möglicher Techniken ist: „1. linguistic approximation of musical effects and devices, 2. projection of music through technical vocabulary, 3. creation of ‚musical‘ motion within a ‚musical land-scape‘, 4. presentation of ←49 | 50→a pantomime, and 5. invocation of supernatural beings and images.“4 Scher beschränkt sich laut eigener Aussage bei dieser Aufzählung auf die „major techniques“5, ohne jedoch eine beschreibende Methode zu nennen, was im Widerspruch zu seiner Erkl...

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