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Die Dorfgeschichte

Unterhaltungen mit der Zeit

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Hans-Joachim Hahn

Die Dorfgeschichte im Vormärz kennzeichnet eine Ablehnung der neoklassizistischen « Kunstperiode » zugunsten der von Robert Prutz definierten « Unterhaltungsliteratur ». Das bedeutet die Hinwendung des auktorialen Erzählers zur Erzählgegenwart, eine oft autobiographisch ausgerichtete Ortsgebundenheit, « Oralität » mit gelegentlicher Verwendung von Dialekt und dem durchgängigen Gebrauch « einfacher Formen ». Die Darstellung sentimentalischer Gefühlsregungen der Dorfbewohner entspricht den demokratischen Bestrebungen der Aufklärung, sie sind Teil ihrer emanzipatorischen Selbstbestimmung. Während in Frühformen der Dorfgeschichte der Schweiz (Zschokke, Gotthelf) didaktische Aspekte im Vordergrund stehen, sind es im Vormärz, der Kernzeit der Dorfgeschichten, gesellschaftspolitische Anliegen. Nach 1848 degenerierte die Dorfgeschichte durch zunehmend reaktionären Nationalismus zur « Heimatliteratur ». Ein erneutes Interesse an Dorfgeschichten begann in der DDR in den 1960iger Jahren und erfuhr in der BRD um 1980 eine zunächst nostalgisch geprägte Renaissance, die im Kontext ökologischer Debatten und einer Skepsis gegenüber Formen der Akzeleration an Popularität gewann.

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KAPITEL 4 Frühe Formen der Dorfgeschichte aus der Schweiz

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Heinrich Zschokkes Das Goldmacherdorf (1817): Heinrich Zschokke (1771–1848) war einer der interessantesten Autoren, den man gewöhnlich zu den Verfassern von Dorfgeschichten zählt. Sein Vater war Tuchmacherfabrikant in Magdeburg, doch verlor Heinrich seine Eltern in früher Kindheit. Er besuchte das altstädtische Gymnasium in Magdeburg, verließ es aber schon 1788, nahm kurze Zeit in Schwerin eine Hofmeisterstelle an, zog schon bald danach mit einer fahrenden Theatergesellschaft durchs Land, immatrikulierte sich 1790 an der Universität in Frankfurt/Oder in Philosophie und Theologie, wurde 1795 ein Jahr lang Privatdozent für Philosophie, durchreiste dann Deutschland und ließ sich 1796 in der Schweiz nieder, wo er Leiter eines Philanthropins1 wurde. In der Folgezeit wechselte er in verschiedene Kantone über, teils wegen politischer Verfolgung, verbrachte aber von 1798 an den größten Teil seines Lebens im Kanton Aargau, wo er sich 1818 selbst eine Villa entwarf. Er hielt verschiedene Ämter inne, wurde in den Großen Rat in Aargau gewählt und repräsentierte seine Region in der Tagsatzung. Zschokke war einer der begabtesten Männer seiner Zeit, seine besondere Vorliebe galt der Bildung und den Erziehungsmethoden für Kinder. Leider ist Zschokke unter Literaturwissenschaftlern fast ganz in Vergessenheit geraten, auch Pädagogen nehmen keine Notiz mehr von ihm,2 obgleich seine ca. 123 Publika←43 | 44→tionen wichtige Darstellungen zur Pädagogik und zu Sozialreformen enthalten.3

Dieses Kapitel wird sich vor allem mit Zschokkes berühmtester Erzählung, Das Goldmacherdorf, befassen, das zu seiner Zeit ein ‚Bestseller‘ war...

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