Show Less
Restricted access

Die Dorfgeschichte

Unterhaltungen mit der Zeit

Series:

Hans-Joachim Hahn

Die Dorfgeschichte im Vormärz kennzeichnet eine Ablehnung der neoklassizistischen « Kunstperiode » zugunsten der von Robert Prutz definierten « Unterhaltungsliteratur ». Das bedeutet die Hinwendung des auktorialen Erzählers zur Erzählgegenwart, eine oft autobiographisch ausgerichtete Ortsgebundenheit, « Oralität » mit gelegentlicher Verwendung von Dialekt und dem durchgängigen Gebrauch « einfacher Formen ». Die Darstellung sentimentalischer Gefühlsregungen der Dorfbewohner entspricht den demokratischen Bestrebungen der Aufklärung, sie sind Teil ihrer emanzipatorischen Selbstbestimmung. Während in Frühformen der Dorfgeschichte der Schweiz (Zschokke, Gotthelf) didaktische Aspekte im Vordergrund stehen, sind es im Vormärz, der Kernzeit der Dorfgeschichten, gesellschaftspolitische Anliegen. Nach 1848 degenerierte die Dorfgeschichte durch zunehmend reaktionären Nationalismus zur « Heimatliteratur ». Ein erneutes Interesse an Dorfgeschichten begann in der DDR in den 1960iger Jahren und erfuhr in der BRD um 1980 eine zunächst nostalgisch geprägte Renaissance, die im Kontext ökologischer Debatten und einer Skepsis gegenüber Formen der Akzeleration an Popularität gewann.

Show Summary Details
Restricted access

KAPITEL 5 Dorfgeschichten im Umkreis des Vormärz

Extract

Der etwas vorsichtig formulierte Titel dieses Kapitels verrät bereits ein gewisses Dilemma. Wollte man diesen Zeitabschnitt rein historisch erfassen, träfe er nur für die in jener Epoche entstandenen Erzählungen zu, würde also vornehmlich für Auerbach gelten.1 Einige Zeitgenossen bemerkten dieses Dilemma. Schon 1845 fragte sich Gutzkow, wohin „jenes Erzählungsgenre gerechnet werden [soll], welches, das Volksleben schildernd, neuerdings zu einer höchsten Literaturrichtung herangewachsen ist“, kann dann aber nur Auerbach und Rank zu seinen Repräsentanten zählen.2 Man wird also auf den von Uwe Baur geprägten Begriff eines „transepochalen“ Genres ausweichen müssen,3 um sich statt auf Zeiträume auf gewisse Strukturen festzulegen. Dieses Kapitel fasst daher den Begriff ‚Vormärz‘ etwas weiter und erwähnt auch jene Werke, welche die politischen und gesellschaftlichen Themen jenes Zeitabschnitts rezipiert haben, also auf Forderungen der Dorfbewohner nach Demokratie, auf soziale Spannungen innerhalb einer Dorfgesellschaft und die Haltung zu Kirche und Bildung eingegangen sind, diese aber nicht zum Brennpunkt ihrer Erzählungen gemacht haben. Darüber hinaus fallen wesentliche stilistische Aspekte unter diese Replik, so die Oralisierung, der Gebrauch von Dialekt und Fachsprache und das ‚Aschenputtel-Motiv‘.←71 | 72→

Berthold Auerbach und die Schwarzwälder Dorfgeschichten: Auerbach war zu seinen Lebzeiten (1812–1882) einer der angesehensten und meistgelesenen Autoren im deutschsprachigen Raum. Ein Kritiker in der Zeitschrift Europa bezeichnete die 1843 publizierten Schwarzwälder Dorfgeschichten als „ein Phänomen der neuesten Literatur“, die willkommene Abwendung von der feudalistisch geprägten Salongeschichte zu Stoffen,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.