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Topographien der Antike in der literarischen Aufklärung

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Edited By Annika Hildebrandt, Charlotte Kurbjuhn and Steffen Martus

«Die Antike» als eine der zentralen Referenzen der deutschen Aufklärung ist keineswegs homogen, sondern zeichnet sich durch ihre Pluralität aus. Namen und eben auch Lokalitäten implizieren auf kompakte Weise ästhetische Konzepte, anthropologische Programme, ethisch-moralische Normen, Gesellschaftsmodelle, politische Orientierungen oder Ideale literarischer Kommunikation. Die antike Tradition verfügt über eine interne Topographie mit verschiedenen anspielungsreichen Orten; und sie wird von bestimmten Orten aus adressiert und vereinnahmt. In Poetiken und Vorreden, in Bildprogrammen von Titelkupfern und Vignetten oder in Entscheidungen für Gattungen, Sujets und Motive trägt der Rekurs auf die Antike dazu bei, wiedererkennbare Profile zu etablieren. Dabei interagieren literarische Projekte mit einer Vielzahl von Faktoren, die sich aus den regionalen Bedingungen herleiten.

Die Beiträge dieses Bandes analysieren die Ordnungen, die dieser Pluralität der Antike im 18. Jahrhundert zugrunde liegen. Sie fragen danach, wie die literarische Aufklärung auf das vielfältige Angebot der Überlieferung zugreift, um Positionen in den Konkurrenzen und Allianzen des literarischen Feldes zu kennzeichnen.

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Topographie der Antike in Lessings Berliner „Schrifften“ (1753–55) (Dirk Niefanger)

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DIRK NIEFANGER

Topographie der Antike in Lessings Berliner „Schrifften“ (1753–55)

I.

„Ich befinde mich seit – – 48 in Berlin, und habe mich, während dieser Zeit, nur ein halb Jahr an einem andern Orte aufgehalten“, schreibt am 16. Oktober 1754 der 25-jährige Lessing nicht ohne Stolz an den Göttinger Professor Johann David Michaelis. „Ich suche hier keine Beförderung“, heißt es weiter; „und ich lebe bloß hier, weil ich an keinem andern großen Ort leben kann. – –“.1 Berlin war Mitte des 18. Jahrhunderts zur Metropole aufgestiegen und mit seinen knapp über 100.000 Einwohnern nach Wien die zweitgrößte Stadt im Alten Reich. „Wie nirgendwo sonst waren in Berlin Urbanität und Aufklärung verknüpft.“2 So heißt es jedenfalls in der einschlägigen Forschungsliteratur.

Lessings deutliches Bekenntnis zur preußischen Hauptstadt verbindet sich unmittelbar mit der Herausgabe seiner ersten Werkausgabe, die ab 1753 beim Berliner Verleger Christian Friedrich Voß erscheint. Es spricht vieles dafür, dass Lessing das Berliner Publikum als primären Wirkungsraum dieser Ausgabe ansah. Denn Unmengen von Rezensionen hatten bislang, anonym erschienen, zwar seine Stimme in Preußens Kapitale hörbar3 gemacht; Lessing spricht im Erscheinungsjahr der Schrifften von den „Waffen […], die mein Verleger, der H. Voß hier in Berlin“ bereithalte.4 Doch konnte man erst mit Erscheinen seiner Schrifften in sechs Teilen endlich auch seinen Na ← 269 | 270 → men kennen. Diesen Umstand hat sogar Herder bei seinem berühmten Nachruf auf Lessing, 1781...

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