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Zensur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert: Begriffe, Diskurse, Praktiken

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Edited By Florian Gassner and Nikola Roßbach

Die Erforschung der frühneuzeitlichen Zensur ist nach wie vor ein Desiderat. Fragen nach ihrer theoretisch-begrifflichen Diskursivierung, ihrer praktischen Umsetzung und Effizienz sind von der Forschung bislang weder umfassend noch systematisch beantwortet worden. Der vorliegende Band behandelt Zensurbegriffe, -diskurse und -praktiken im Kontext feudaler und absolutistischer Gesellschaftssysteme mit Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum des Alten Reichs und schlägt die mediengeschichtliche Brücke vom 16. ins 21. Jahrhundert: vom Index zum Algorithmus. Die Studien analysieren Zensur im Hinblick auf Begriffsgeschichte und Rechtspraxis, in Konstellation mit dem Magiediskurs und als Herrschaftsinstrument und bieten Untersuchungen zu verschiedenen Textgenres – Chronik, Flugschrift, Moraltraktat, Theater(kritik), Index – von der Reformationszeit bis zu Aufklärung.

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Extempore und Ratio Status. Begründungspraktiken der Theaterzensur im frühen 18. Jahrhundert (Christian Meierhofer)

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Christian Meierhofer

Abstract: Der Beitrag widmet sich der wenig untersuchten Theaterzensur im frühen 18. Jahrhundert und ihren diskursiven Praktiken. Ausgehend von den begriffs- und forschungsgeschichtlichen Voraussetzungen werden zunächst die moraltheologischen, staatsphilosophischen und normpolitischen Rahmenbedingungen rekonstruiert, unter denen das Theaterwesen und insbesondere das Extemporieren als Teil einer verbreiteten Bühnenpraxis zunehmend unter Druck geraten. Allerdings ergibt sich daraus auch der Anspruch einer genuin poetologischen Kritik am Theater, das bei Gottsched der moralisch-sittlichen Besserung dienen soll. Die heteronomen Zensurmaßnahmen laufen ab 1700 parallel zu den Forderungen nach literarischer Autonomie. Als sittenwidrige und zugleich beliebte Darbietungsform kann sich das Stegreifspiel dennoch immer wieder entziehen.

Keywords: Theaterzensur, Extemporieren, Ratio Status, Gottsched, Neuber, Harlekin

Dass die Theaterzensur so alt wie das Theater selbst sei, gehört zum lexikalisierten Wissen und zur Selbstverständnisdiskussion der Theaterwissenschaft. Ihr erster Referenzpunkt ist Platons Politeia, nach deren dritten Buch die Tragödie mit ihrem „Klagen und Wimmern der berühmten Helden ausscheiden“ soll und die Komödie ohnehin als moralisch anstößig gilt: „Denn wenn man sich starkem Lachen hingibt, zieht das einen starken Umschwung nach sich! […] Unannehmbar ist es daher, bedeutende Männer vom Lachen überwältigt darzustellen, noch viel weniger aber Götter!“1 Diese Kritik an der Komödie ist geradezu konstitutiv für deren Gattungsgeschichte und hält sich bis ins frühe 18. Jahrhundert. Der mit Gottscheds poetologischem und kulturpolitischem Reformprogramm angestoßene Übergang von der Wanderbühne zum Hof- und ←165 | 166→Nationaltheater vollzieht...

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