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MIMOS 2020

Jossi Wieler

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Edited By Paola Gilardi

Jossi Wieler ist einer der prägendsten Schauspiel- und Opernregisseure im deutschsprachigen Raum. Kreation im Dialog und tiefgründige Erkundungen eines Stoffs auf seine gesellschaftspolitische Relevanz für die Gegenwart zeichnen sein Schaffen aus. Mehrstimmig gibt der vorliegende Band Einblick in seine Arbeitsweisen, die wechselseitige Inspiration im Probenprozess und die Ethik seiner Ästhetik.

Jossi Wieler est l’un des metteurs en scène de théâtre et d’opéra les plus influents de l’espace germanophone. Son art repose sur la création en dialogue et sur une exploration des pièces et partitions à la recherche de leur pertinence pour le monde d’aujourd’hui. A plusieurs voix, cet ouvrage met en lumière sa démarche, l’inspiration mutuelle dans le processus de répétition, et l’éthique de son esthétique.

Jossi Wieler è uno dei registi teatrali e d’opera più apprezzati nel mondo germanofono. La creazione in dialogo e lo scavo nelle pièce e partiture al fine di estrapolarne la rilevanza per il presente caratterizzano il suo lavoro. A più voci, questo volume mette in luce il suo approccio, l’importanza dell’ispirazione reciproca nel processo creativo, e l’etica della sua estetica.

As one of the defining theatre and opera directors in the German-speaking world, Jossi Wieler has developed his signature style by creating ideas through dialogue and dissecting works for their socio-political relevance for present-day audiences. In this volume, a range of voices shed light on his working methods, the significance of reciprocal inspiration in the creative process and the ethics of his aesthetic.

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Kleines Hexeneinmaleins der Oper

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An Goethe und Spinoza, so schreibt Lion Feuchtwanger, sei «der Unterschied jüdischer und nichtjüdischer Geistigkeit auf beispielhafte Art leibhaft geworden […]»:

Goethe zog einen deutlichen, bequemen Trennungsstrich zwischen seiner Erkenntnis und seinem Leben. […] Der Schriftsteller Goethe hat immer Gewissen, der handelnde Mensch Goethe hat es sehr oft nicht. Spinoza lebte anders. Für ihn blieb Erkenntnis nicht blosse Erkenntnis, er lebte seine Erkenntnis. […] Er wusste zu schätzen, was behagliches Leben ist, aber er gab auch nicht ein Quäntchen seiner Erkenntnis dafür preis […].1

Ich glaube zu verstehen, wovon Feuchtwanger spricht, weil ich Jossi Wieler kenne. Ein Mensch, der keine Spaltung zwischen Ethos und Handeln zulässt. Eine Spaltung, die so viele Theatermacher*innen praktizieren. Sie glauben, sich vor den Zumutungen des Betriebs dadurch zu schützen, dass sie selbst zu einer weiteren werden. Den Widerspruch zwischen kritisch-minoritärem Selbstverständnis und autoritärer Praxis nimmt man in Kauf. Auch viele Opern-Inszenierungen affichieren humane Einsicht und Anteilnahme – Qualitäten, die sich dem autoritären Zugriff freilich entziehen. Übrig bleibt ihre mehr oder weniger kunstvolle Simulation. Der aufmerksamen Wahrnehmung bleibt die Unfreiheit hinter der Fassade spürbar.

Die substantielle Entfaltung dieser Qualitäten ist ohne ein anderes Ethos von Theaterarbeit nicht zu haben. Dieses realisiert sich jenseits der kommunikativen Einbahnstrasse, auf der ein*e Regisseur*in die Überholspur nicht mehr verlässt und vermeint, dem Prozess immer schon voraus zu sein. Das Gebaren mancher Opern-Kolleg*innen, die – angetrieben von ungebremster Begeisterung über...

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