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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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HARTMUT BOBZIN

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Friedrich Rückert Der ,orientalische‘ Dichter und Philologe I. Autobiographisches Entree Wie kam ich auf (oder: zu) Friedrich Rückert? In Band 130 der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG) stellte im Jahr 1980 der Indologe Georg Buddruss die im Jahr 1977 erschienene zweibändige Aus- gabe der Briefe von Friedrich Rückert1 vor. „Viele Leser der ZDMG“, so Buddruss, „in der bis Bd. 44 (1890) Arbeiten Rückerts erschienen sind, werden sich, anders als manche Germanisten (z. B. W. Leppmann in: FAZ vom 21.4.79), darüber freuen, daß in dieser schönen Gesamtaus- g[abe] der Briefe (1174 Nummern, darunter viel bisher Ungedrucktes) die Teile nicht weggelassen worden sind, in denen R. über seine orienta- list[ischen] Studien schreibt. So spiegelt sich in diesen B[än]den nicht nur das Leben des gelehrten Dichters und dichtenden Gelehrten, sondern auch ein Stück der Geschichte unserer Wissenschaft.“2 Die Lektüre dieser Kurzanzeige veranlasste mich zunächst, mir diese Briefausgabe zu verschaffen. Bei nächster Gelegenheit machte ich mich an die Lektüre und war fasziniert. Ich muss dazu sagen, dass ich zu die- sem Zeitpunkt schon knapp vier Jahre in Erlangen wohnte, der Name ,Rückert‘ mir aber nicht viel mehr bedeutete als der Name eines Dich- ters, von dem sich Verse noch am ehesten in Poesiealben finden. Ob er jemals im Deutschunterricht vorkam, war mir damals nicht mehr erin- nerlich. Die einzige Schöpfung Rückerts, die mir unmittelbar bekannt war, war der Text der von Gustav...

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