Show Less

Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

Series:

Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

MICHAEL SCHMIDT

Extract

Spur der Aura Esaias Tegnérs Versepos „Frithiof“ Meinem Vater Paul Schmidt (1910–2008) zur Erinnerung Im Jahre 1830 veröffentlichte der Doktor der Theologie wie Philosophie, der preußische Konsistorial- wie Schulrat, Pastor wie Ritter eines dritt- klassigen Ordens, das Mitglied zahlreicher gelehrter Gesellschaften, der eifrige Übersetzer und Publizist Gottlieb Christian Friedrich Mohnike (1771–1841) seine Übersetzung der altisländischen Saga1 von Fridthjof dem Starken (oder eigentlich doch dem Frechen) und der schönen Königs- tochter Ingebjörg. 1826 hatte er bereits das gleichnamige, 1825 erstmals erschienene Versepos des schwedischen romantischen Dichter-Dilettan- ten, Universitätsprofessors und Kirchenfunktionärs Esaias Tegnér (1782– 1842) ins Deutsche übersetzt.2 Es war dies eine der beiden ersten unter zahl- reichen weiteren Übersetzungen ins Deutsche wie auch in andere europäi- sche Sprachen des im 19. Jahrhundert und darüber hinaus sehr oft nachge- druckten Textes, der sich als eine Adaption jener älteren Sage verstand. Der isländische Prätext Tegnérs ist bemerkenswerterweise in einer genau identifizierten norwegischen Landschaft angesiedelt, dem Sogne- fjord: „So beginnt diese Saga, dass König Bele über die Landschaft Sogn in Norwegen herrschte.“3 Dies hat bereits in der Romantik zu einer Spu- rensuche geführt, von der Mohnikes Kommentar berichtet. Die Zeitge- nossen verhielten sich also so, als orientierten sie sich an Walter Benjamin: „Die Spur ist [die] Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ.“4 Die Spur, der die Romantiker in Sogn folgten, war die Nähe 1 Vgl. Die...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.