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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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BIRGIT KREHL

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Adam Mickiewiczs künstlerisches Schaffen im Kontext seines Vorwortes „Über die romantische Dichtung“ („O poezji romantycznej“) Der Paratext ist ein Behelf, ein Zubehör des Textes. Und wenn der Text ohne seinen Paratext mitunter wie ein Elefant ohne seinen Treiber ist, ein behinderter Riese, so ist der Paratext ohne seinen Text ein Elefantentreiber ohne Elefant, eine alberne Parade. Gérard Genette 1 I. Zur Einführung Adam Mickiewicz (1798–1855) gab 1822 seinen ersten Gedichtband un- ter dem Titel Poezje (Poesie) heraus. Die den Hauptteil der Sammlung bil- denden Ballady i romanse (Balladen und Romanzen) gelten inzwischen in der polnischen Literaturgeschichtsschreibung als Beginn der polnischen Ro- mantik.2 Das Handbuch Romantyzm, das 1997 in Warschau erschien, um- fasst zwar den Zeitraum von 1795 bis 1863, jedoch wird die erste Phase noch mit Klassizismus und Sentimentalismus überschrieben. Einleitend wird hervorgehoben, dass das Hauptinteresse des Bandes der Romantik gelte, die für die polnische Kultur die wichtigere Phase gewesen sei und vom symbolischen Erscheinungsdatum der Poezje Mickiewiczs (1822) bis zum Januaraufstand (1863) dauerte.3 Dieser eindeutigen Zuordnung konnte sich Mickiewicz beim Erschei- nen seines Poesiebandes keineswegs sicher sein, weshalb er der Heraus- gabe seiner Gedichte ein Vorwort mit dem Titel O poezji romantycznej (Über die romantische Dichtung) voranstellte, in dem er seine „Balladen und Volkslieder“ als Gattung romantischer Poesie bezeichnete.4 Dennoch 1 Gérard Genette: Paratexte, Frankfurt a. M. 2001, S. 391. 2 Vgl. u a. Wiesaw Rzo ca: Adam Mickiewicz und die frühe romantische Dichtung. In: R.-D. Kluge (Hrsg.): Von Polen, Poesie...

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