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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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SEBASTIAN DONAT

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Übersetzung als Brücke zwischen poeta und philologus Das Phänomen Friedrich Bodenstedt I. Der Dichter-Philologe Friedrich Bodenstedt (1819–1892) ist ein sehr an- schauliches Beispiel dafür, wie groß, aber auch wie vergänglich literari- scher Ruhm sein kann. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er der wohl erfolgreichste deutschsprachige Lyriker. Zugleich zählte er zu den bekanntesten Literaten, war Günstling des bayerischen Königs Ma- ximilian II. und Mitglied seines Dichterkreises, Professor an der Mün- chener Universität und schließlich Intendant des Meininger Hoftheaters, das sich gerade zu einer der interessantesten und wichtigsten deutsch- sprachigen Bühnen entwickelte. Nach seinem Tod wurden Bodenstedt Denkmäler gesetzt, im direkten Sinne in seiner Todesstadt Wiesbaden1 und im übertragenen Sinne in einer Vielzahl von publizistischen Nachru- fen, aber auch in der Allgemeinen deutschen Biographie, denn dort erschien 1903 ein nicht weniger als 24-seitiger Artikel über Bodenstedt2 – zum Ver- gleich: Jean Paul wurde in der ADB auf 19 Seiten abgehandelt, Heinrich Heine auf 14 und Friedrich Rückert auf lediglich 9 Seiten. Trotzdem war der Stern Bodenstedts zu diesem Zeitpunkt offensichtlich bereits im Sin- ken begriffen. Denn der Verfasser des besagten umfangreichen Artikels, Ludwig Fränkel, sprach bei allem erkennbaren Wohlwollen Bodenstedt dennoch ab, eine „innerlich bedeutsame, beherrschende Erscheinung“ gewesen zu sein, „die unserer poetischen Literatur irgendwo Regel und Richtschnur dictirt oder sonstwie auf geistigem Felde größere Kreise gezogen“ hätte.3 Weitaus direkter war da Arno Holz als Vertreter der neu- en Dichtergeneration, der Bodenstedts...

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