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Frühneuzeitliche Stereotype. Zur Produktivität und Restriktivität sozialer Vorstellungsmuster

V. Jahrestagung der Internationalen Andreas Gryphius Gesellschaft Wrocław 8. bis 11. Oktober 2008

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Miroslawa Czarnecka, Thomas Borgstedt and Thomasz Jablecki

Im allgemeinen Sprachgebrauch sind Stereotype vereinfachte, schablonenhafte Vorstellungen von Menschen, die weniger auf der eigenen Erfahrung gründen. Sie transportieren eher ein mit Wertungen durchsetztes, geronnenes Erfahrungswissen innerhalb der Kulturen. Im Sinne der historischen Semantik und Stereotypenforschung sind sie nicht ausschliesslich als Vorurteile zu verstehen, sondern mehrwertig zu bestimmen. Dieser Band vereinigt Beiträge zur V. Jahrestagung der Internationalen Andreas Gryphius Gesellschaft, die vom 8. bis 11. Oktober 2008 in Wrocław stattfand. Er befasst sich mit Formen und Funktionen von nationalen, sozialen, anthropologischen, konfessionellen und Gender-Stereotypen sowie von begrifflichen und metaphorischen Stereotypen. Es gilt zu zeigen, wie sie in den Medien der Frühen Neuzeit vermittelt wurden – sei es in künstlerischen Ausdrucksformen wie Grafik, Malerei und Skulpturenkunst, sei es in der Gebrauchsliteratur, in medialen Mischformen des Flugblatts und der Emblematik. Die interdisziplinäre und internationale Ausrichtung dieses Themas erscheint gerade heute – in einem nach der EU-Erweiterung erneut veränderten Europa – als besonders aktuell und wichtig.

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Typus, Temperament, Tabelle. Zur anthropologischen und medientheoretischen Systematik der Völkerstereotypen: Franz M. Eybl 29

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Typus, Temperament, Tabelle. Zur anthropologischen und medientheoretischen Systematik der Völkerstereotypen Franz M. Eybl In Lappland sind schmutzige Leute, Plattköpfig, breitmäulig und klein; Sie kauern ums Feuer, und backen Sich Fische, und quäken und schrein. Wenn Heinrich Heine im Liederzyklus Heimkehr „von den seltsamen Völ- kern Und seltsamen Sitten dort“ an den „fernen Küsten“ redet, dann verwen- det er, ironisch gebrochen, einen geradezu klassischen Topos der Nationsbe- schreibung – er spricht von den beschränkten, von den unzivilisierten Leuten an Europas Rand.1 Die Geschichte dieses nationalen Stereotyps in die Frühe Neuzeit zurück zu verfolgen, ist nicht schwer. Dort sind die von Zentraleu- ropa entfernt lebenden Völker des 16. Jahrhunderts durch Menschenfresserei gekennzeichnet, insbesondere diejenigen der Neuen Welt. Das Abstoßende des Anderen dient nicht zuletzt der Stärkung der eigenen Identität. Eine Eskimofrau mit Kind, auf einem Flugblatt von 1567 in ihrer Tracht darge- stellt, veranlasst den Kommentator zum pharisäischen Ausruf: Laßt vns Gott de(m) Allmächtigen dancken für seine wolthat/ dz er vns in seinem Wort er- leüchtet hat/ das wir nicht so gar wilde Leüt vnd Menschen fresser seind/ wie in dieser Landschafft sein/ da diß Weyb gefangen/ vnd herauß gebracht wor- den [...].2 Bei Heine werden wenigstens bereits Fische gebacken statt Nach- barn. 1 Heinrich Heine: Buch der Lieder, Die Heimkehr, XI. „Wir saßen am Fischerhau se.“ Düsseldorfer Ausgabe (DHA). Bd. 1/1, S. 216. [Abruf 10.11.2009). 2 Deutsche illustrierte Flugblätter...

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