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Die Frauensteiner Briefe

Aspekte der Auswanderung aus dem Herzogtum Nassau nach Australien im 19. Jahrhundert

Kathrine Reynolds

Dieses Buch beleuchtet die Auswanderung von nahezu 20% der Bevölkerung des Dorfes Wiesbaden-Frauenstein (im heutigen Hessen) nach Australien in den Jahren 1852-54, ausgehend von den Briefen und Tagebüchern der Dorfbewohner ebenso wie von formalen Dokumenten und Aufzeichnungen.
Die Frauensteiner Auswanderer wurden als sogenannte «Indentured Labourers» – von den Kolonialbehörden finanziell geförderte Kontraktarbeiter – für die aufkeimende Weinbauindustrie nach Australien gebracht, und ihre Geschichte verkörpert einen wichtigen Beitrag zu Fragen der Migration und Migrationsgeschichte, aber auch zur frühen Geschichte Australiens.
Die Stimmen einfacher Menschen, die im Schriftverkehr zwischen Europa und Australien – den «Frauensteiner Briefen» – zur Sprache kommen, geben neue Einblicke in den Migrationsprozess: Was bewegte diese Leute zum Auswandern? Wie dachten sie über die Auswanderung, und wie wurden sie davon berührt?
Der Frauensteiner Briefwechsel wurde größtenteils von den weiblichen Mitgliedern der Auswandererfamilien verfasst – von einfachen arbeitenden Frauen, deren Stimmen aus dieser Zeit sonst nur selten hörbar werden. Die Briefe haben anderthalb Jahrhunderte als gehütete Schätze überdauert und eröffnen nun den Blick auf die Lebenswelten ihrer Autorinnen. Der vorliegende Band zeigt, wie gerade von Frauen geschriebene Auswandererbriefe ein besseres Verständnis von historischen Ereignissen im Allgemeinen und ihrer persönlichen Wahrnehmung im Speziellen ermöglichen.

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3. Die Briefe und ihre Funktion 91

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91 3. Die Briefe und ihre Funktion Auswandererbriefe Der wesentliche Zweck von Auswandererbriefen kann darin gesehen wer- den, Solidaritätsbekundung zu sein und ein Mittel darzustellen, die Uner- schütterlichkeit familiärer Bande zu beteuern.1 Diese „troststiftende“ Funk- tion der Briefe wird von vielen Kommentatoren ignoriert, die persönliche Passagen u. dgl. teilweise kurzerhand streichen.2 Ein wichtiger Aspekt der troststiftenden Funktion ist es, die Erinnerungen an den Absender und an den Empfänger im jeweils anderen lebendig zu erhalten und der gegensei- tigen Wertschätzung Ausdruck zu verleihen. Beim Schreiben vergegen- wärtigt sich der Urheber den Ort und die Menschen, an die er seine Zeilen 1 David Fitzpatrick, Oceans of Consolation, Dublin, Cornell University Press, 1994, S. 21. 2 Fitzpatrick, Oceans of Consolation, S. 20–21. Nach Fitzpatricks Auffassung haben manche Autoren und mit ihnen „die meisten früheren Herausgeber Form, Sprache und persönliche Details in Migrantenbriefen als uninteressant und belanglos er- achtet“ (Fitzpatrick, Oceans of Consolation, S. 21). Diese Autoren blenden nach Fitzpatricks Ansicht mit derlei redaktionellen Eingriffen äußerst wichtige Infoma- tionen aus. Blegen (USA-Norwegen) entfernt Anreden (Theodore C. Blegen (Hrsg.), Land of Their Choice: The Immigrants Write Home, Minneapolis, 1955), während Conway (USA-Wales) „jegliche persönliche Erkundigung, Beileidsbekundung, Anrede und Zärtlichkeit“ als „Ballast“ betrachtet (Alan Conway (Hrsg.), The Welsh in America: Letters from the Immigrants, Minneapolis, 1961). Barton (USA-Schwe- den), Wtulich (USA-Brasilien/Polen) und Erickson (USA-GB) schließlich elimi- nieren sämtliche Bezüge auf Persönliches, z. B. solche, die die Gesundheit betreffen...

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