Show Less

Der Erzählraum als Reflexionsraum

Eine Untersuchung zur "Minnelehre</I> Johanns von Konstanz und weiteren mittelhochdeutschen Minnereden

Series:

Susanne Uhl

Die mittelhochdeutschen Minnereden können als eine Modeerscheinung innerhalb der spätmittelalterlichen Literaturproduktion bezeichnet werden, an der sie vom Ende des 13. bis ins 16. Jahrhundert hinein mit mehr als 500 höchst unterschiedlichen Texten beteiligt sind. Nachdem sie in der Forschung lange als wenig origineller Nachklang der höfischen Epik und Minnelyrik gesehen wurden, versucht die vorliegende Arbeit anhand eines repräsentativen Querschnitts die spezifischen Eigenarten und Erzählstrategien, das Spannungsfeld von Tradition, Innovation und Reflexion und die kulturelle Leistung der Gattung herauszuarbeiten. Die Minnereden werden dabei als Teil des mittelalterlichen Minne-Diskurses begriffen, an dem sie mit einem spezifischen Reden und Reflektieren über Minne und über ein sich exemplarisch ins Zentrum stellendes Ich teilhaben. Dabei werden zum ersten Mal auch Texte berücksichtigt, die nicht aus der Perspektive eines männlichen, sondern eines weiblichen Ich verfasst sind.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

4 Narratologisches 69

Extract

4 Narratologisches 4.1 Minnereden und Mystik – eine Herleitung der narrativen Struktur Die Verbindung, die zwischen der Mystik und den Minnereden beschrie- ben werden soll, ist eine, die literaturgeschichtlich nicht belegt ist. Es kann keine Entwicklung nachgezeichnet werden, welche die Minnereden als li- terarisches Produkt erklärt, das aus einem genuin geistlichen Kontext, der lateinischen und volkssprachigen Mystik, hervorging. Es kann auch nicht von einem Zusammenhang gesprochen werden, der überwiegend aus über- lieferungsgeschichtlichen Befunden hergeleitet wird oder durch die Tatsa- che gestützt wird, dass das Oeuvre eines Autors Produktionen aus beiden Genres enthält, wie dies für einige Minnesänger zu beobachten ist, die auch Minnereden verfasst haben. Sie geht vielmehr auf die Beobachtung zurück, dass die den Minnereden eigene narrative Struktur in einigen Punkten eine Parallele zu derjenigen der brautmystischen Visions- und unio-Schilderun- gen aufweist, ohne dass damit eine bewusste Übernahme suggeriert werden soll. Was für die mittelalterliche Literatur im Allgemeinen gilt, gilt für die Gattung der Minnereden aufgrund ihrer Offenheit in verstärktem Masse: Inhaltliche, strukturelle und motivliche Anklänge an andere Literatur- traditionen und kulturelle Diskurse sind überall zu ‹hören› und, einmal sensibilisiert dafür, fast nicht mehr zu ‹überhören›.1 Doch in der Regel bleiben sie, was sie sind: Anklänge, nur äusserst selten Zitate im Sinne einer wörtlichen Übernahme oder gar intertextuelle Verweise. Sie geben Hin- weise darauf, in welchen diskursiven Zusammenhängen Literatur produ- ziert und rezipiert wurde. Und sie können Aufschluss darüber geben, welche...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.