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Karneval der Götter

Mythologie, Moderne und Nation in Chinas 20. Jahrhundert

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Andrea Riemenschnitter

Warum interessieren sich chinesische Intellektuelle und Kulturschaffende auch heute noch für den Mythos? Karneval der Götter ergründet diese Frage bezugnehmend auf Theorien zu ästhetischen und diskursiven Konstruktionen (post-)moderner nationaler Identität. Die Autorin veranschaulicht die Bedeutung von Mythen und Mythologien in der Moderne: Was zeichnet ihre narrativen Strukturen aus? Welche Rolle spielen Symbole in der Steuerung kollektiver Identitätsbildungsprozesse? – Dynamiken sozialen Wandels spiegeln sich im beweglichen Einsatz mythologischer Vokabularien und Narrative wieder. Karneval der Götter erörtert auch, wie Aktualisierungen von Mythen die Möglichkeit eröffnen, Werte und Orientierungen zu hinterfragen, ohne die Kontinuität der eigenen Kultur aufkündigen zu müssen.
Die Publikation analysiert schwerpunktmässig neuhistorische Romane erfolgreicher Autoren wie Mo Yan und zeigt deren Strategien der literarischen Remythisierung und Konstruktion eines polymythischen kulturellen Imaginaire auf. Sekundäre Mythen wie diejenigen der revolutionären Yan’an-Gemeinschaft oder einer globalkapitalistischen, harmonischen Konsumentengemeinschaft werden als ideologische Konstrukte entlarvt und primäre Mythen als wichtige Wegmarken des kollektiven Denk- und Vorstellungsraums einer ästhetischen (Gegen-)Moderne neu legitimiert.

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II. Sektion: Raum

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131 4 Krisen der Ordnung – Mythen der Kontinuität Chinas zwanzigstes Jahrhundert war geprägt von Krisen, Katastrophen und radikalen gesellschaftlichen wie politischen Umwälzungen. Statt Fortschritt in sozial verträglichem Tempo erlebte die sich formierende Nation Niederlagen, Umbrüche und plötzliche Kehrtwendungen in ihrem Projekt der Modernisierung. Verheerende Kriege und Naturkatastrophen, aber auch prestigeträchtige Infrastruktur-Grossprojekte wie der intensive Ausbau von Industrie, Verkehrsnetz, Staudämmen und urbanen Sied- lungsräumen belasteten überdies grosse Teile der Landbevölkerung, die bereits über zu wenig eigenen Landbesitz verfügte, bevor sie in den Sog von infrastrukturell motivierten Enteignungsverfahren geriet. Neben der unsicheren Lage hinsichtlich politischer, wirtschaftlicher, demographi- scher und anderer makrostruktureller Entwicklungen litt die Bevölkerung Chinas zunächst unter der Zersplitterung der territorialen Ordnung durch lokal operierende Kolonial- und Warlord-Regimes, später dann an den Folgen der umfassenden gesellschaftlichen Destabilisierung unter Mao. In raschem Wechsel und teilweise auch nebeneinander wirkten eine Machtpolitik im Zeichen christlichen Missionierungseifers durch die Ko- lonialmächte, republikanisch-nationalistische Invokationen der Selbst- stärkung bei gleichzeitiger Wirtschaft in die eigene Tasche durch Warlords, ein japanisch-faschistischer Pan-Asianismus und der revolu- tionäre Kommunismus. Aber auch noch die gemässigte Reformlinie des sozialistischen Kapitalismus mit chinesischen Charakteristika seit Deng Xiaoping hat zu einer Vervielfältigung der Entwürfe nationaler Identität sowie zu weiteren, krisenhaften Erschütterungen der Gesellschafts- und Weltordnung geführt. Mit dem Erscheinungsbild von Städten und Landschaften wandelte sich zudem das in Schulen und Universitäten gelehrte und in den Mas- senmedien propagierte Orientierungswissen. Damit...

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