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Karneval der Götter

Mythologie, Moderne und Nation in Chinas 20. Jahrhundert

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Andrea Riemenschnitter

Warum interessieren sich chinesische Intellektuelle und Kulturschaffende auch heute noch für den Mythos? Karneval der Götter ergründet diese Frage bezugnehmend auf Theorien zu ästhetischen und diskursiven Konstruktionen (post-)moderner nationaler Identität. Die Autorin veranschaulicht die Bedeutung von Mythen und Mythologien in der Moderne: Was zeichnet ihre narrativen Strukturen aus? Welche Rolle spielen Symbole in der Steuerung kollektiver Identitätsbildungsprozesse? – Dynamiken sozialen Wandels spiegeln sich im beweglichen Einsatz mythologischer Vokabularien und Narrative wieder. Karneval der Götter erörtert auch, wie Aktualisierungen von Mythen die Möglichkeit eröffnen, Werte und Orientierungen zu hinterfragen, ohne die Kontinuität der eigenen Kultur aufkündigen zu müssen.
Die Publikation analysiert schwerpunktmässig neuhistorische Romane erfolgreicher Autoren wie Mo Yan und zeigt deren Strategien der literarischen Remythisierung und Konstruktion eines polymythischen kulturellen Imaginaire auf. Sekundäre Mythen wie diejenigen der revolutionären Yan’an-Gemeinschaft oder einer globalkapitalistischen, harmonischen Konsumentengemeinschaft werden als ideologische Konstrukte entlarvt und primäre Mythen als wichtige Wegmarken des kollektiven Denk- und Vorstellungsraums einer ästhetischen (Gegen-)Moderne neu legitimiert.

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IV. Sektion: Subjekt

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361 11 Szenarien der Verstrickung Mit der Figur des tumben, recht- und besitzlosen Gelegenheitsarbeiters Ah Q, dessen rudimentär ausgebildete Subjektivität sich vorrangig in der Neigung äussert, alle persönlichen Niederlagen in spirituelle Siege umzudeuten, hat Lu Xun im Jahr 1921 die bis heute meistzitierte Chiffre subalterner1 chinesischer Identität an der Schwelle zwischen feudaler Vergangenheit und semikolonialer Moderne gezeichnet. Auf Spuren des typisch Ah-Q-esken Lavierens treffen Leser allerorts in der seither ent- standenden Erzählliteratur: die paradigmatische Figur dieses Anti-Hel- den wurde von Autoren nachfolgender Generationen in kontinuierlichen Aktualisierungen auf die veränderten geopolitischen Konstellationen übertragen (Chen 1997, Foster 2006, Huang 1993, Larson 2009: 77– 114). Der Autor hatte mit seiner Erzählung eine Aporie des modernen politischen Subjekts zum Ausdruck gebracht; dieses ist in seiner Eigen- schaft als nationales Subjekt nicht nur in seiner eigenen sozialen Umge- bung zu Empathie und Solidarität aufgerufen, sondern es soll horizontal wie vertikal, durch alle gesellschaftlichen Klassen und Schichten hindurch, an kollektiver Identität partizipieren beziehungsweise diese ak- 1 Der Begriff des Subalternen wurde von Antonio Gramsci für Gruppen verwendet, die von den etablierten Strukturen politischer Repräsentation ausgeschlossen bleiben. Von dort wanderte er in die Debatte postkolonialer Repräsentation, wobei Homi Bhabha, bell hooks, Gayatri Spivak u.a. auf den Aspekt einer gleichzeitigen existentiellen Notwendigkeit und Ausgeschlossenheit subalterner Subjekte in Relation zum hegemonialen Machtdiskurs betonen. Die Kritik von hooks und Spi- vak an Intellektuellen, die sich zu Sprechern subalterner Subjekte machen, deren Geschichten appropriieren und bis zur Unkenntlichkeit “bearbeiten...

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