Show Less

Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

Series:

Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

1. Einleitung - 11

Extract

1. Einleitung 1.1 Forschungsbericht: Die fünf Trauerspiele und ihre kategoriale Einordnung Andreas Gryphius schrieb seine fünf Trauerspiele in den Jahren 1646 bis 1659, also innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums von dreizehn Jahren. Sie weisen formal und inhaltlich große Ähnlichkeiten auf, und folgt man der Absichtserklärung, die Gryphius im Vorwort seines ersten Werkes, Leo Armenius, gegeben hat, scheinen sie vom Autor als zusammengehörende Einheit konzipiert worden zu sein. In einer Adresse an den «Großgünsti- gen Leser» verspricht der Dichter, «die vergänglichkeit menschlicher sa- chen in gegenwärtigen / vnd etlich folgenden Trauerspielen» vorstellen zu wollen.1 Für ein einheitliches Konzept sprechen auch paratextuelle Quer- verweise des Autors, wie wir sie in Cardenio und Celinde finden, wo er in der Inhaltssangabe auf Catharina hinweist, die den Sieg der heiligen Liebe über den Tod davon getragen habe,2 oder wie im Leo Armenius, in dessen Vorrede Gryphius auf Chach Abas referiert, der reichlich darlegen solle, was auf Leo nicht zuträfe.3 Ein weiterer Querverweis findet sich im Leo Armenius, in dem Gryphius Bezug auf sein zweites, bereits vorbereitetes Trauerspiel, Catharina von Georgien, nimmt, in welchem er seine Catharina «sonder Liebe und Bulerey volkommen seyn»4 lassen wolle. Er bezieht sich hier auf Corneilles Polyeucte.5 1 Andreas Gryphius: Leo Armenius. Trauerspiel. Hg. von Peter Rusterholz, Stuttgart 1971. Zitate im Text nach Abhandlung (römisch) und Vers (arabisch). Wenn im Textzusam- menhang zitiert, ohne Angabe des Einzelwerks. Hier: S. 4. 2 Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde Oder...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.