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Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

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Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

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4. Die sogenannten Märtyrerdramen Catharina von Georgienund Carolus Stuardus - 69

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4. Die sogenannten Märtyrerdramen Catharina von Georgien und Carolus Stuardus 4.1 Catharina von Georgien Das sogenannte Märtyrerdrama Catharina von Georgien1 wurde erstmals 1657 gedruckt. Strittig ist sein Entstehungsdatum. Während Stosch glaubte, dass das Trauerspiel 1647 beendet wurde, vermutet die neuere Forschung, dass das Drama erst 1649/50 fertiggestellt oder entscheidend überarbeitet wor- den ist.2 Gryphius’ eigene Angaben können ebenfalls herangezogen wer- den. Schon in der Vorrede zu seinem ersten Trauerspiel, Leo Armenius, weist er darauf hin, dass er dem Leser «auffs eheste» seine Catharina vorlegen werde, und in der Vorrede zu Catharina selbst sagt er, dass «dieser Königin entwurff schier länger bey mir verborgen gewesen; Als sie selbst in den Banden deß Persischen Königs geschmachtet».3 Dies würde einem Zeit- raum von mindestens acht Jahren entsprechen. Allerdings spricht Gryphius’ Hinweis in der ersten Anmerkung zur Catharina: «Worbey zu erinnern daß dises Traurspiel längst vor dem jämmerlichen Vntergang Caroli Stuar- di Königs von Groß-Britanien auffgesetzet»,4 für Stoschs Annahme. 1655 erschienen acht Kupfer von Georg Bieber und Johann Using. Sie sind Luise, der Gemahlin des Piastenherzogs Christian von Wohlau ge- widmet. Die Serie war offenbar für eine Aufführung vorgesehen, es bleibt jedoch unklar, ob das Drama auf Schloss Ohlau, dem Sitz des Piastenherzogs, zur Aufführung kam. Die Szenenstrichserien weisen nach Harald Zielske eine besondere Eigenständigkeit und Aussagefähigkeit aus, das als theater- historisches Aufführungsdokument verstanden werden müsse. Sie scheinen für eine Prachtpublikation...

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