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Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

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Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

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5. Catharina und Karl: Ein neuer Menschentyp -135

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5. Catharina und Karl: Ein neuer Menschentyp Mir ist als wenn ich Neu gebohren (Cath. I 405) vnd schien recht neu gebohren (Car. V 114) Man hat Gryphius’ Dramen vorgeworfen, sie seien handlungsarm,1 unty- pisch für Dramen, denn schon der Wortbedeutung nach sollte in ihnen gehandelt werden.2 Und in der Tat tritt auch die äußere Handlung zu- rück zugunsten der Prozesse, die im Inneren der Protagonisten ablaufen. Beide Helden der sogenannten Märtyrerdramen setzen sich intensiv mit dem ihnen bevorstehenden Schicksal auseinander, rückblickend, wie es zu der gegenwärtigen bedrohlichen Situation gekommen war und voraus- schauend, was sie künftig erwartet, wenn sie das irdische Dasein transzen- dieren und in das jenseitige Reich der ewigen Seligkeit eingetreten sein werden. Für beide mündet die Zeit in die Ewigkeit ein. Beide sind von der Vergänglichkeit des irdischen Lebens überzeugt. Genauso ist für sie das ewige Leben eine fundamentale, nicht hintergehbare Gewissheit, sei es im Himmel oder in der Hölle, wie es zu Beginn des Catharinatrauerspiels drastisch in Szene gesetzt ist. Die Zeit auf Erden wird als Übergang und Vorbereitung auf die Ewigkeit angesehen. Dadurch erhält sie eine große Bedeutung und wird keineswegs gering geschätzt, wie die Vanitas-Meta- pher fälschlicherweise suggerieren könnte.3 Eitel und fruchtlos ist lediglich die Vorstellung, dass der Mensch auf dieser Welt etwas Bleibendes schaffen könne, das Halt und Orientierung für alle Zeit gewähren würde. Die Zeit auf Erden muss genutzt...

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