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Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

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Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

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8. Cardenio und Celinde -209

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209 8. Cardenio und Celinde Wann das Trauerspiel Cardenio und Celinde, Oder Vnglücklich Verliebete1 ent- standen ist, kann nicht genau bestimmt werden. Gryphius berichtet in der Vorrede, dass er in Amsterdam, von Straßburg kommend, Freunden diese Geschichte auf dem Heimweg von einem Bankett erzählt habe. Statt der versprochenen «Geschicht-Beschreibung» habe er es vorgezogen, das vor- liegende Trauerspiel zu schaffen. Der Aufenthalt in Amsterdam war 1647, doch wird Gryphius erst nach seiner Rückkehr in die Heimat Zeit gefun- den haben, das Werk in Angriff zu nehmen.2 Es wurde in der Gryphius- Ausgabe von 1657 erstmals veröffentlicht und steht hier nach Carolus Stu- ardus und der Felicitas-Übersetzung. Gryphius, der angibt, ihm sei die Geschichte mitgeteilt worden, dürfte sie nicht nur gehört, sondern auch gelesen haben. Sie geht auf Montalvans Successos y prodigios de amar zu- rück, die in Cialdinis Novellensammlung von 1624 erschienen ist. 1644 kam eine französische Übersetzung der Novelle heraus.3 Cardenio und Ce- linde unterscheidet sich deutlich von den anderen Trauerspielen. Erstmals treten zwei gleichberechtigte Protagonisten auf, und beide gehören nicht dem Hochadel an. Auch erleidet keiner der Akteure den Tod. Gryphius weist selbst darauf hin: «Die Personen so eingeführet sind fast zu niedrig vor ein Trauer-Spiel / [. . .] die Art zu reden ist gleichfalls nicht viel über die gemeine.»4 Als Thema seines Werkes gibt Gryphius in der Vorrede an, er wolle zwei gegensätzliche Formen der Liebe vorstellen: «Eine keusche / sittsame vnd doch inbrünstige in...

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