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Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

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Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

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9. Das Corpus der Gryphius-Trauerspiele:Grundthema und Motivverknüpfungen -241

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241 9. Das Corpus der Gryphius-Trauerspiele: Grundthema und Motivverknüpfung 9.1 Die Leitfiguren Den stärksten Zusammenhalt erfahren die fünf Trauerspiele des Andreas Gryphius durch die Kohärenz der Titelhelden. Sie werden durchgängig als Vorbilder dargestellt, von denen das Publikum etwas lernen soll. Hans- Jürgen Schings spricht vom exemplarischen Fall irdischen Daseins, der zur Schau gestellt werden muss. Dazu bedarf es seiner Ansicht nach exempla- rischer Helden, die er in den Fürsten, vor allem aber in den Märtyrern sieht, die im Denken und Handeln Vorbild gebend die Intention des Trau- erspiels ans Ziel zu führen vermögen.1 Albrecht Koschorke sieht in der Gegenüberstellung des orientalischen Despoten Chach Abas und der Mär- tyrer-Königin Catharina die Externalisation eines Konfliktes, der in der europäischen Staatsordnung der Frühen Neuzeit selbst schon angelegt ist.2 Gryphius’ ‹exemplarische Helden› sind aber keineswegs idealisiert, abge- hoben von den Problemen und Wechselfällen dieser Welt dargestellt. Born- scheuer spricht von einer geradezu provokativen Darstellungsstruktur, cha- rakterisiert durch einen affektiv tiefreichenden monologischen Konflikt, der in den Anfängen der neuzeitlichen Staatlichkeit die Emanzipation der Politik von Ethik und Religiosität begleitet habe und in der sich die epochemachende Krise der traditionellen politischen Theologie des Got- tesgnadentum niederschlage.3 Und in der Tat machen sich alle Titelfigu- ren schuldig. Das ist aber nicht Ausdruck einer Krise der politischen Theo- logie, sondern zeigt die Widersprüchlichkeit und Sündhaftigkeit des Menschen. Alle Protagonisten begehen handfeste Kapitalverbrechen, wie Mord und Totschlag, vielleicht mit...

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