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Aspekte einer Sprache der Liebe

Formen des Dialogischen im Minnesang

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Edited By Marina Münkler

Dieses Buch widmet sich einer bisher in der Minnesangforschung nur wenig behandelten Gattung: dem dialogischen Lied. Während die Minnekanzone die Stimme des Sängers als Minnendem privilegiert und die besungene Dame darin zum Schweigen verdammt, präsentiert das dialogische Lied den kommunikativen Austausch zwischen dem Minnenden und seiner Dame. Zudem ermöglicht es andere kommunikative Grundsituationen.
Die Beiträge des Bandes zeigen die thematische und kommunikative Vielfalt dieser Situationen auf. Diese kommunikative Vielfalt ist nicht von der Dialogizität der eingesetzten Semantiken und von Intertextualitätsaspekten im Hinblick auf andere Gattungen, wie etwa dem höfischen Roman, sowie von den Aspekten mündlicher und schriftlicher Performanz zu trennen. Der Band leistet deshalb auch einen Beitrag zur Intertextualitäts- und Performativitätsdiskussion, die in der Mediävistik einen gewichtigen Raum einnehmen.

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I. Zur Poetik dialogischer Lieder

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MANUEL BRAUN Die Künstlichkeit des dialogischen Liedes Der Begriff der ,Künstlichkeit‘ eignet sich in besonderer Weise, die ästhe- tische Faktur dialogischer Lieder1 zu beschreiben, und zwar für sämtliche Spielarten, die der deutsche Minnesang des 12. und 13. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Denn mit ihm lassen sich zwei zentrale Züge dieses Genres fassen, die beides zugleich sind: unterscheidbar und untrennbar. Der Erste ließe sich mit dem Terminus der ,Verfremdung‘ umschreiben, der hier ausdrücken soll, dass sich die Dialoge im Minnesang deutlich von den Dialogen unterscheiden, wie sie in der Alltagskommunikation vorkommen. Den Zweiten stellt die ,Kunstfertigkeit‘ dar, womit hier gemeint ist, dass dialogisch gebaute Lieder in spezifischer Weise struktu- rell und formal komplex sind. Beide Aspekte lassen sich zwar je für sich beschreiben, doch sind sie zugleich ineinander verschränkt, indem die Kunstfertigkeit zur Verfremdung im obigen Sinne beiträgt und indem umgekehrt die Verfremdung zur Ausbildung von Kunstfertigkeit anregt. Der Vorzug des Künstlichkeitsbegriffs, unterschiedliche Facetten der Ästhetik des dialogischen Liedes abzudecken und miteinander in Kon- takt zu bringen, kann allerdings nur dann zur Geltung kommen, wenn man ihn von der goethezeitlichen Ästhetik abrückt und also der Ge- wohnheit widersteht, Künstlichkeit als den negativen Pol in einem asym- 1 Ich verwende den Begriff ‚dialogisches Lied‘ als einen Oberbegriff für alle Arten von Liedern, die mehr als nur eine Sprecherposition vorsehen. In einen Dialog müssen die Sprecher dabei nicht unbedingt eintreten, weder im linguistisch-literaturwissenschaft- lichen (Ernest W. B. Hess-Lüttich:...

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