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Naturwahrnehmung im Mittelalter im Spiegel der lateinischen Historiographie des 12. und 13. Jahrhunderts

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Milène Wegmann

Naturerkenntnis, Menschenbild und Weltbild stehen in enger Beziehung zueinander, denn der Mensch nimmt die Natur als Beobachter wahr und die gewonnenen Eindrücke weisen somit auf sein Selbstverständnis. Diese Studie befasst sich mit der Naturwahrnehmung im Mittelalter, wobei sie Forschungsergebnisse aus den Bereichen Geschichte, Philosophie, Literatur und Wissenschaftsgeschichte einbezieht. Als Basis dienen historiographische Quellen des 8. bis 16. Jahrhunderts aus Klöstern des alten deutschen Reiches, die in den ‘Monumenta Germaniae historica: Scriptores’ herausgegeben wurden. Welche Motivation hatten die Mönche für ihre Hinwendung zur Natur? Weshalb zeichneten sie Naturereignisse und -beobachtungen auf? Wie wurden die antiken Theorien über Natur in der monastischen Historiographie rezipiert? Welcher qualitative Wandel der Naturwahrnehmung fand vor allem im 12. und 13. Jahrhundert statt? Welches Verhältnis besteht zwischen Naturwahrnehmung/Naturerkenntnis und Naturbegriff? Die verschiedenen Möglichkeiten der Perzeption der Natur und ihrer Phänomene werden dabei anhand der mediävistisch-philologischen Methode aufgezeigt und mit einem interdisziplinären Ansatz diskutiert.

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2. CHENUS These von der „ Entdeckung der Natur“ im 12. Jahrhundert 35

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35 2. CHENUS These von der „ Entdeckung der Natur“ im 12. Jahrhundert Marie-Dominique CHENU hat 1952/1954 für einen grundlegenden Wan- del in der Wahrnehmung der Natur den Ausdruck „ la découverte de la nature“ geprägt: „ Die Menschen des 12. Jahrhunderts kamen da zu dem Bewusstsein, dass sie es mit einer äusseren Welt, einer gegenwärtigen, erfassbaren und wirkenden, zu tun hatten wie mit einer Partnerin (und in der Tat personifizierten sie diese in ihren Allegorien), deren Kräfte und Gesetze Bestätigung oder Ablehnung hervorriefen. Dies geschah zu einer Zeit, da die Menschen schockartig erfassten, dass sie selber Spielzeug die- ser Natur und auch Teil dieses Universums waren, das zu beherrschen sie eben im begriffe waren.“91 Verschiedene Bereiche, Dichtung gleichwie darstellende Kunst, politische Literatur und Historiographie stellten den Zeitgenossen eine neue Perzeption von der Natur als ganzer, von der Flora und Fauna bis zu der Gestalt des menschlichen Körpers, von der Liebe bis zu den Verhaltensweisen der menschlichen Gesellschaft vor. Die Natur wurde in ihrer profanen Wirklichkeit entdeckt;92 Der in der Ge- 91 „ C’est la prise de conscience qui s’effectua alors, dans ces hommes du XIIe siècle, qu’ils avaient affaire à une réalité extérieure, présente, intelligible, efficace, com- me à une partenaire (et de fait ils l’hypostasièrent dans leurs allégories), dont les forces et les lois appelaient composition ou conflit, au moment même où, par un choc parallèle, ils se rendaient compte qu’eux-mêmes étaient pris dans ce jeu...

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