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Naturwahrnehmung im Mittelalter im Spiegel der lateinischen Historiographie des 12. und 13. Jahrhunderts

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Milène Wegmann

Naturerkenntnis, Menschenbild und Weltbild stehen in enger Beziehung zueinander, denn der Mensch nimmt die Natur als Beobachter wahr und die gewonnenen Eindrücke weisen somit auf sein Selbstverständnis. Diese Studie befasst sich mit der Naturwahrnehmung im Mittelalter, wobei sie Forschungsergebnisse aus den Bereichen Geschichte, Philosophie, Literatur und Wissenschaftsgeschichte einbezieht. Als Basis dienen historiographische Quellen des 8. bis 16. Jahrhunderts aus Klöstern des alten deutschen Reiches, die in den ‘Monumenta Germaniae historica: Scriptores’ herausgegeben wurden. Welche Motivation hatten die Mönche für ihre Hinwendung zur Natur? Weshalb zeichneten sie Naturereignisse und -beobachtungen auf? Wie wurden die antiken Theorien über Natur in der monastischen Historiographie rezipiert? Welcher qualitative Wandel der Naturwahrnehmung fand vor allem im 12. und 13. Jahrhundert statt? Welches Verhältnis besteht zwischen Naturwahrnehmung/Naturerkenntnis und Naturbegriff? Die verschiedenen Möglichkeiten der Perzeption der Natur und ihrer Phänomene werden dabei anhand der mediävistisch-philologischen Methode aufgezeigt und mit einem interdisziplinären Ansatz diskutiert.

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6. Naturverstehen und Interpretationsmuster 81

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81 6. Naturverstehen und Interpretationsmuster 6.1 Die drei „ Grundtypen mittelalterlichen Naturverstehens“ nach Rolf Sprandel In einer wenig beachteten Studie hat Rolf SPRANDEL 1979 einen Bei- trag zur Geschichte des mittelalterlichen Naturverstehens geleistet.280 Aufgrund einiger Chroniken aus der Zeit vor dem Einsetzen der Aristoteles-Rezeption und dreier Werke aus dem Bereich der epischen Dichtung281 hat er eine Typologie mittelalterlichen Naturverstehens er- stellt, welche den Hintergrund für die im 13. und 14. Jahrhundert auf breiterer Front einsetzende Aristoteles-Rezeption erhellen soll. Unter- schieden werden: 1. das „ primitive“ (d. h. anthropomorphisierende / reli- giöse / moralische) Naturverstehen,282 2. die instrumentale Natureinstel- lung283 und 3. „ Freude an der Natur“.284 SPRANDELS Katalog ist unter Einbezug der von uns untersuchten Annalen und Chroniken im we- sentlichen zu bestätigen. Ein Vergleich mit dem von BIESE (1887), STOCK- MEYER (1910) und GANZENMÜLLER (1914) publizierten Material aus ver- schiedenen Quellengattungen lehrt allerdings, dass die von SPRANDEL definierten „ Grundtypen mittelalterlichen Naturverstehens“ nicht als für 280 SPRANDEL, Rolf. Vorwissenschaftliches Naturverstehen und Entstehung von Naturwissenschaften. In: Sudhoffs Archiv 63 (1979). S. 313–325. 281 Thietmar von Merseburg (11. Jh.), Gregor von Tours (6. Jh.), Richer von Reims (10. Jh.), Notker von St. Gallen (9. Jh.), Heinrich von Lettland (13. Jh.), Boccaccio (14. Jh.), Edda (13. Jh.), Rolandslied (11. Jh.). 282 SPRANDEL, Rolf. Vorwissenschaftliches Naturverstehen. . . S. 314–316. 283 Ebenda S. 316–318. 284 Ebenda S. 318 f. 82 die Historiographie spezifisch anzusehen sind. Das Nebeneinander aller drei Möglichkeiten der Perzeption lässt sich zudem in Antike,...

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