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Naturwahrnehmung im Mittelalter im Spiegel der lateinischen Historiographie des 12. und 13. Jahrhunderts

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Milène Wegmann

Naturerkenntnis, Menschenbild und Weltbild stehen in enger Beziehung zueinander, denn der Mensch nimmt die Natur als Beobachter wahr und die gewonnenen Eindrücke weisen somit auf sein Selbstverständnis. Diese Studie befasst sich mit der Naturwahrnehmung im Mittelalter, wobei sie Forschungsergebnisse aus den Bereichen Geschichte, Philosophie, Literatur und Wissenschaftsgeschichte einbezieht. Als Basis dienen historiographische Quellen des 8. bis 16. Jahrhunderts aus Klöstern des alten deutschen Reiches, die in den ‘Monumenta Germaniae historica: Scriptores’ herausgegeben wurden. Welche Motivation hatten die Mönche für ihre Hinwendung zur Natur? Weshalb zeichneten sie Naturereignisse und -beobachtungen auf? Wie wurden die antiken Theorien über Natur in der monastischen Historiographie rezipiert? Welcher qualitative Wandel der Naturwahrnehmung fand vor allem im 12. und 13. Jahrhundert statt? Welches Verhältnis besteht zwischen Naturwahrnehmung/Naturerkenntnis und Naturbegriff? Die verschiedenen Möglichkeiten der Perzeption der Natur und ihrer Phänomene werden dabei anhand der mediävistisch-philologischen Methode aufgezeigt und mit einem interdisziplinären Ansatz diskutiert.

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7. Motivationen für die Hinwendung zur Natur 129

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129 7. Motivationen für die Hinwendung zur Natur 7.1 Warnung und Bekanntmachung Von den frühesten bis zu den spätesten Aufzeichnungen von Naturphä- nomenen durch mittelalterliche Annalisten und Chronisten scheint die Motivation vorzuherrschen, Bedrohungen395 und Gefährdungen durch die Natur für die Zeitgenossen und die Nachwelt als Warnung und Bekannt- machung festzuhalten. Unter den mehr als 400 Geschichtsschreibern ge- ben nur wenige eine ausdrückliche Begründung für ihre Intention, Na- turbeobachtungen zu überliefern. Reiner, der über einen Zeitraum von dreissig Jahren (1194–1225) regelmässig reichhaltige und differenzierte Angaben über Wetter, Überschwemmungen, Ernten und Erträge, Tiere (Nutztiere im engeren Sinne, Waldtiere, Vögel) sowie über die Entwick- lungsstadien von Pflanzen in Abhängigkeit von der Jahreszeit in seinen Annalen niederschrieb, legte in seinem Eintrag zum Jahr 1205 dar, wes- halb er auf den von ihm vorher schon kurz charakterisierten Winter – Hyemps aspera et longa. Mortalitas ovium per totum imperium396 – im fol- genden ausführlich eingeht: De qualitate hyemis huius anni pauca volo scri- bere ad cautelam praesentium et noticiam futurorum.397 Die Formel ad cau- telam praesentium et noticiam futurorum lässt sich als Absichtserklärung des Autors auf die Mehrzahl der Aufzeichnungen von Naturbeobachtungen 395 Zum Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Naturgewalten s. DUBY, Georges. Unseren Ängsten auf der Spur. Vom Mittelalter bis zum Jahr 2000. Köln 1996. Original französisch 1995. S. 15 f., S. 18. 396 Reineri Annales. Ed. G. H. PERTZ. MG SS 16. a. 1205. S....

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