Show Less

Ungarn vererben?

Intergenerationelle Tradierung von Zugehörigkeit am Beispiel ungarischer Immigranten in der Schweiz

Series:

David Zimmer

In der Schweiz aufgewachsene Kinder von Immigranten fühlen sich oft stark der Herkunftskultur bzw. dem Herkunftsland ihrer Eltern verbunden, obwohl sie diese(s) nicht oder nur sehr bedingt aus eigener Anschauung kennen. Wie kommt dieses – oftmals diffuse – Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit zustande?
Im vorliegenden Buch wird dieser Frage am Beispiel ungarischer Immigranten in der Schweiz nachgegangen. Auf der Grundlage von sozialwissenschaftlichen Interviews mit drei Dutzend ungarischen Immigranten der ersten, zweiten und dritten Generation werden verschiedene Felder sozialer Interaktion untersucht, in denen sich das Zugehörigkeitsgefühl zur ungarischen Kultur bzw. zu Ungarn herauskristallisiert: Sprache, Name, Familie und Verwandtschaft, Ungarnaufenthalte, Kontakte zu Ungarn in der Schweiz, Vereine und Institutionen, Ehepartner, Brauchtum und Religion, bildungsbürgerliche Kultur, Staatsangehörigkeit, Alltag.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

7. Familien und Familiengenerationen in der Emigration:Porträts der Gesprächspartner 221

Extract

221 7. Familien und Familiengenerationen in der Emigration: Porträts der Gesprächspartner Familie Q: In der Privatwirtschaft erfolgreich Bei der Familie Q handelt sich um die erste von zwei Familien, die Ende 1956 in die Schweiz kamen, in denen die «zweite Generation» ihre ersten Lebensjahre aber in Ungarn verbracht hatte, also nicht in der Schweiz geboren wurde. Der 86-jährige Vater (Q1M) ist ausgebildeter Ingenieur und mittlerweile pensioniert, sein 61-jähriger Sohn (Q2M) selbständiger Unternehmer in der Versicherungs- branche und der 34-jährige Enkel (Q3M) Wirtschaftsanwalt in der Agroin- dustrie; alle drei wohnen in der Region Basel. Im Herbst 1956 war Q1M Mitte Dreissig, lebte mit seiner Frau, zwei Töchtern und einem Sohn (Q2M) in Györ (dt. Raab) und arbeitete seit 14 Jahren als Ingenieur in einem metallographischen Labor. Den Entschluss, ihre Heimat zu verlassen, fasste die Familie spontan, weil die Situation so hoffnungslos aussah [...]. Die Russen besetzten Ungarn, und das kommunistische Regime trat wieder ein. Deshalb dachten wir, es sei sehr gefährlich, dort zu bleiben; wir wussten nicht, was für Retorsionen kom- men würden. [...] Das ist, weshalb wir Ungarn verliessen. Wenn Q1M, der ein gepflegtes und auf sympathische Weise altertüm- liches Deutsch spricht, «wir» sagt, so ist dies weniger ein Pluralis maiestatis als vielmehr Ausdruck der Tatsache, dass er die Grenze nach Österreich nicht alleine, sondern zusammen mit seiner Familie überschritt. In Österreich zeigte sich dann, dass es noch freie Plätze für die Schweiz gab. So kamen wir in...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.