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Das Künstlerinterview

Analyse eines Kunstprodukts

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Christoph Lichtin

Der Kunstbetrieb produziert heute eine grosse Anzahl Interviews und verbreitet sie in verschiedenen Medien. Im Interview erscheint der Künstler als unmittelbarer Interpret seines Werks. Das Authentische der direkten Rede fasziniert, lässt jedoch vergessen, dass das Interview in einem bestimmten Kontext entstand und für die Veröffentlichung stark bearbeitet wurde. Diese Publikation behandelt die zeitgebundenen, genrespezifischen, inhaltlichen und personenabhängigen Aspekte, die das Interview zu einem komplexen Konstrukt machen.
Die einzelnen Kapitel fokussieren die Fragestellungen, die für eine umfassende Analyse von Interviews mit Künstlern wichtig sind. Es werden bedeutende Beispiele aus der Geschichte des Künstlerinterviews vorgestellt wie auch der Stellenwert von Interviews innerhalb der künstlerischen Tätigkeit eines einzelnen Künstlers analysiert. Neben immer wiederkehrenden typischen Themen wird auf klassische Gesprächsverläufe und Strategien verwiesen sowie nach den spezifischen Motiven der Kunsthistoriker gefragt. Als gemeinschaftliche Werkinterpretation wird das Interview zum kunstgeschichtlichen Genre, in welchem modellhaft ein Argumentationsprozess zur Darstellung gebracht wird.

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1 Einleitung 9

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91 Einleitung Im gegenwärtigen Kunstbetrieb kommt dem Interview eine wichtige Funktion zu. In vielen Ausstellungskatalogen wird neben kunsthisto- rischen Aufsätzen auch ein Interview mit dem Künstler oder der Künstlerin publiziert.1 Verschiedene Kunstzeitschriften drucken regel- mässig Interviews mit Künstlern, teilweise in speziellen Rubriken.2 Im Interview manifestieren sich die Schnittstellen zwischen Kunstge- schichte, Kunstproduktion, Kunstvermittlung und Kunstmarkt.3 Die direkte Beteiligung des Lesers an einem Gespräch verschafft Verge- genwärtigung und unmittelbare Veranschaulichung eines Diskurses (Abb. 1). Das Interview vermittelt Informationen und verschränkt 1 Ich werde im Text stets die männliche Form verwenden, weil in dieser Arbeit ausschliesslich Interviewbeispiele mit Männern vorgestellt werden. Da es sich durch- wegs um begnadete Selbstdarsteller handelt, liegt die Vermutung nahe, die Selbstdar- stellung als Merkmal von männlichen Kunstschaffenden zu verstehen. Dem wären allerdings Interviews von Louise Bourgeois oder Meret Oppenheim gegenüberzustellen, die sich in dieser Hinsicht ebenfalls anbieten würden. Der Hang zur Selbstdarstellung hängt nicht mit dem Geschlecht, sondern mit dem Genre Interview zusammen. Einfachheitshalber werde ich auch stets die männliche Form „Kunsthistoriker“ ver- wenden. 2 Neben Zeitschriften wie z. B. Texte zur Kunst, die regelmässig Interviews publizieren, gibt es spezielle Interviewserien: z. B. die seit 1978 in Oakland herausgegebene Interview- zeitschrift View oder die seit 1989 erscheinenden Hefte der Reihe Kunst Heute. Ge- spräche mit zeitgenössischen Künstlern. 3 Ein Artikel, der sich mit dem Phänomen Interview im Kunstbereich beschäftigt, ist jener von Iwona Blazwick....

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