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Das Künstlerinterview

Analyse eines Kunstprodukts

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Christoph Lichtin

Der Kunstbetrieb produziert heute eine grosse Anzahl Interviews und verbreitet sie in verschiedenen Medien. Im Interview erscheint der Künstler als unmittelbarer Interpret seines Werks. Das Authentische der direkten Rede fasziniert, lässt jedoch vergessen, dass das Interview in einem bestimmten Kontext entstand und für die Veröffentlichung stark bearbeitet wurde. Diese Publikation behandelt die zeitgebundenen, genrespezifischen, inhaltlichen und personenabhängigen Aspekte, die das Interview zu einem komplexen Konstrukt machen.
Die einzelnen Kapitel fokussieren die Fragestellungen, die für eine umfassende Analyse von Interviews mit Künstlern wichtig sind. Es werden bedeutende Beispiele aus der Geschichte des Künstlerinterviews vorgestellt wie auch der Stellenwert von Interviews innerhalb der künstlerischen Tätigkeit eines einzelnen Künstlers analysiert. Neben immer wiederkehrenden typischen Themen wird auf klassische Gesprächsverläufe und Strategien verwiesen sowie nach den spezifischen Motiven der Kunsthistoriker gefragt. Als gemeinschaftliche Werkinterpretation wird das Interview zum kunstgeschichtlichen Genre, in welchem modellhaft ein Argumentationsprozess zur Darstellung gebracht wird.

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2 Antwortende Künstler (1905 bis 1915) 17

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17 2 Antwortende Künstler (1905 bis 1915) 2.1 Anfänge Den Künstler in seinem Atelier zu besuchen und von dieser Begeg- nung in der Öffentlichkeit Zeugnis abzulegen, entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer beliebten journalistischen Form. Im Zentrum stand das Atelier als mystischer Ort der Produk- tion von Kunst.17 Natürlich wurden dem Künstler Fragen gestellt und es wurden Interviews geführt, aber in der nachfolgenden schrift- lichen Berichterstattung wurden diese nicht als solche dargestellt. Zwar wurden Künstlerzitate wiedergegeben, der Künstler als Sprechender erscheint aber in bestimmten, zugewiesenen Rollen. Ein Portrait des Malers Loys Jambois publizierte Octave Mirabeau 1886 in einem Artikel in der Zeitschrift Gil Blas. Der Künstler kommt ausführlich zu Wort, wird aber als überspannte Figur beschrieben, die sich vor dem eigenen Gemälde einem lustvollen Sterben hingeben möchte. Dem Künstler wird viel Platz zur Selbstdarstellung eingeräumt, um sich dabei lächerlich zu machen.18 Mirabeau benutzte in seinem Ar- tikel über Loys Jambois das Genre des Atelierbesuchs für eine Satire gegen die Präraffaeliten. Eine andere Möglichkeit, den Künstler mit Zitaten wiederzuge- ben, ist die Hagiographie. Die Fragen werden dabei nicht von einem kritischen Gegenüber gestellt, sondern sie bilden lediglich als Stich- worte eine Plattform, auf der ein bestimmtes Künstlerbild präsen- tiert werden kann. Als Beispiel erwähne ich das erste Interview mit 17 Zum Mythos des Ateliers vgl. Oskar Bätschmann, Ausstellungskünstler. Kult und Karrie- re...

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