Show Less

Das Künstlerinterview

Analyse eines Kunstprodukts

Series:

Christoph Lichtin

Der Kunstbetrieb produziert heute eine grosse Anzahl Interviews und verbreitet sie in verschiedenen Medien. Im Interview erscheint der Künstler als unmittelbarer Interpret seines Werks. Das Authentische der direkten Rede fasziniert, lässt jedoch vergessen, dass das Interview in einem bestimmten Kontext entstand und für die Veröffentlichung stark bearbeitet wurde. Diese Publikation behandelt die zeitgebundenen, genrespezifischen, inhaltlichen und personenabhängigen Aspekte, die das Interview zu einem komplexen Konstrukt machen.
Die einzelnen Kapitel fokussieren die Fragestellungen, die für eine umfassende Analyse von Interviews mit Künstlern wichtig sind. Es werden bedeutende Beispiele aus der Geschichte des Künstlerinterviews vorgestellt wie auch der Stellenwert von Interviews innerhalb der künstlerischen Tätigkeit eines einzelnen Künstlers analysiert. Neben immer wiederkehrenden typischen Themen wird auf klassische Gesprächsverläufe und Strategien verwiesen sowie nach den spezifischen Motiven der Kunsthistoriker gefragt. Als gemeinschaftliche Werkinterpretation wird das Interview zum kunstgeschichtlichen Genre, in welchem modellhaft ein Argumentationsprozess zur Darstellung gebracht wird.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

3 Das Interview an der Schnittstelle verschiedener Fachgebiete 37

Extract

37 3 Das Interview an der Schnittstelle verschiedener Fachgebiete 3.1 Definitionsproblematik Ich habe bisher den Begiff „Interview“ nicht präzisiert. Auf eine De- finition, die sich innerhalb des Fachs Kunstgeschichte entwickelt hätte, kann ich mich nicht berufen. In kunstgeschichtlichen Publikationen kann jede verschriftlichte Form von Gesprächssituationen, sei es eine Befragung, ein Gruppengespräch, eine nicht strukturierte Diskus- sion, ein mit Tonband aufgezeichneter oder sogar ein fiktiver Dialog als „Interview“ aufgeführt sein. Grenzen zwischen den verschiedenen Formen und Ausprägungen des Interviews sind schwierig zu ziehen. Die Definition stellt ein besonderes Problem dar, wie ein Blick in andere Fachgebiete zeigt. Im ersten Teil habe ich versucht, das Auftreten dieser Gesprächs- form in einen Zusammenhang mit der Entwicklung der Moderne zu stellen. Umkreist wurde dabei eine spezifisch künstlerische Fragestel- lung, ausgeklammert wurden weitere kulturhistorische Entwicklun- gen, welche die Medien jener Zeit verändert haben. Hier wären Er- findungen im technischen Bereich in Betracht zu ziehen, denn die um 1900 entwickelte Technik der Aufzeichenbarkeit von Sinnesda- ten verschob das gesamte Aufschreibesystem. Phonograph und Film, von den gleichen Ingenieuren erfunden, attackierten ein Monopol: Schreiben hörte auf, mit serieller Datenspeicherung synonym zu sein.74 Daraus ergeben sich weitere Fragen: Könnte das Aufkommen von Texten, die eher in dokumentierender statt literarischer Form von Dialogen berichten, in Zusammenhang mit der Entwicklung des Phonographen gedeutet werden? Hat der Phonograph die Darstel- 74 Friedrich A. Kittler, Aufschreibesysteme. 1800. 1900, München: Fink, 1985, 3. Aufl. 1995, p. 289. 38 lungsform von authentischeren...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.